Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
37
95.109
19
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
08.07.2017 1.962
 
„Miss Goldstein!
Tina war gerade, in Gedanken tief versunken, auf dem Weg nach Hause, als sie sich umdrehte und Ratherwell auf sich zueilen sah. Kurz überlegte sie, einfach weiterzugehen, doch da hatte sie Ratherwell schon erreicht.
„Sie müssen sich um etwas kümmern.“
„Ich habe Feierabend, Sir.“
Ein schelmisches Grinsen verzog Ratherwells dünne Lippen.
„Ich denke, dass dieser Fall für Sie von Wichtigkeit ist.“
Das ließ Tina stutzen. Was war geschehen?
Ratherwell labte sich einen Moment lang sichtlich an ihrer Unwissenheit, bevor er seine Fingernägel unter Augenschein nahm.
„In der Richmond-Straße ist es, ebenso an anderen Orten, zu zauberischen Aktivitäten gekommen.“
„Die Richmond-Straße?“, fragte Tina nach. Der Klang des Wortes verursachte ein unbestimmtes Gefühl des Unbehagens in ihr.
„Selbstverständlich“, sagte Ratherwell, als er bemerkte, dass sie noch immer nicht Bescheid wusste.
„Nummer 132. Zauberische Aktivitäten in einem gewissen Waisenhaus.“
Jetzt endlich verstand Tina.
„Inwiefern zauberisch?“
„Stark. Sie sind dazu da, herauszufinden, wer oder was sie verursacht hat.“
Ratherwell war bereits dabei, sich abzuwenden, besann sich aber dann doch anders und sagte in arrogantem Tonfall:
„Ich hätte ja jemand anderes auf diese Sache angesetzt, doch alle fähigen Auroren sind ja in der Ergreifung Gellert Grindelwalds involviert.“
Doch Tina hörte ihm nur mit einem Ohr zu. Sie war bereits auf dem Weg nach draußen, und eine dunkle Vorahnung beschlich sie, während sie der eisige Wind der Straße empfing.
Keine Sekunde später apparierte sie in einer Seitengasse der Richmond-Straße und eilte mit wehendem Mantel zum Haus.
Schon immer war das Waisenhaus für sie ein Symbol der Misshandlung von Kindern gewesen. Hier wurden Waisen ausgebeutet, auf schlechteste Weise erzogen, unter körperliche Strafe gestellt. Sie hatte die letzten Jahre gesehen, was eine solche Schirmherrschaft einer Person wie Mary Lou Barebone mit einem Kind macht – an Credence.
Jetzt spürte sie, wie ihr Hals enger wurde, als sie vor dem Haus stand. Credence selbst hatte es, wie sich herausgestellt hatte, in blinder, obscurialer Zerstörungswut an den Rand der völligen Zerstörung gebracht. Viele No-Majs hatten diesen Moment vergessen müssen, doch für Tina war die Erinnerung, als sie den Tatort betreten hatte, noch frisch und klar.
Jetzt duckte sie sich, als niemand hinsah, unter herabgefallenen Deckenbalken hindurch und betrat den Hauptraum. Er war, wie sie ihn zuletzt vorgefunden hatte – zerstört, verstaubt und von einer Aura der dunklen, rohen Magie durchwirkt.
Zuerst spürte sie nichts Auffälliges. Doch ein Gefühl schlich sich in ihr Herz, und suchend unterzog sie dem Boden einen genaueren Blick, geleitet von ihrem Sinn nach Magie. Und nach einigen Minuten hatte sie den Quell ausgemacht. Es war eine andere Art von Magie, ebenso roh, doch gefasster und in Grenzen gehalten. Sie versuchte, eine Quelle zu finden, forschte -
Und plötzlich wusste sie, von wem diese Spur kam. Und wohin sie höchstwahrscheinlich führte.
„Das darf nicht wahr sein“, sagte sie. Dann disapparierte sie -
Und tauchte vor Percival Graves' Haus auf. Angstvoll spähte sie daran hinauf, erwartete Anzeichen einer Verwüstung. Doch das Haus sah aus wie immer, die Vorhänge im ersten Stock waren zugezogen.
Doch die Tür stand offen.
Tina zog ihren Zauberstab.
Die Angeln quietschten nicht, und zum dritten Mal nun betrat Tina den Flur. Sie lauschte.
'Oben.'
Sie kümmerte sich nicht um das Erdgeschoss, sondern erklomm die Treppe und schlich den Flur entlang, bis sie zum Arbeitszimmer gelangt war. Wieder lauschte sie mit klopfendem Herzen. Sie hörte Papierrascheln, das dumpfe Aufschlagen von etwas Schwerem auf den Boden, immer und immer wieder, als würde jemand...
Sie wollte den Gedanken nicht zu Ende denken. Wieder hörte sie das dumpfe Geräusch, und sie zuckte zusammen. Hatte jemand Graves aufgespürt?
Sie nahm all ihren Mut zusammen, hob den Zauberstab und sprang in den offenen Türrahmen.
Ein Zauberstab hob sich in Sekundenschnelle und zielte auf ihren Kopf. Hinter dem Zauberstab leuchteten ihr die dunklen Augen von Graves entgegen.
„Percival!“, entfuhr es ihr, und eine Last fiel ihr von den Schultern.
„Ich dachte schon... ich fürchtete, Sie würden in Schwierigkeiten stecken! Was machen Sie hier?“
Sie senkte ihren Zauberstab.
Er seinen nicht.
„Warum habt ihr mir das verschwiegen?“
Etwas in seiner Stimme ließ Tina furchtsam zurückweichen. Forschend betrachtete sie ihren Mentor. Er sah schlimm aus. Dunkle Ringe hatten sich unter seine Augen geschlichen, er hatte seine Krawatte gelöst, seine Haare waren in Unordnung. Mit Entsetzen sah Tina rote Sprenkel an seinem weißen Hemd, wo seine Wunde war.
„Sir, Sie bluten! Sie müssen sich...“
„Warum“, wiederholte er, wütender, dunkler mit gesenktem Blick, bevor er sie wieder anstarrte, „habt ihr mir das verschwiegen?!“
Tina zögerte. Sie spürte, wie wütend Graves war, und sie wusste, dass sie ihn noch nie so erlebt hatte. Sie schaute den Zauberstab an, der nach wie vor auf sie gerichtet war.
'Er würde mich niemals verletzen.'
„Weil wir Sie nicht sofort mit allem belasten wollten.“
Er stierte sie weiter an, und plötzlich war sie sich ihrer vorherigen Annahme nicht mehr sicher. In seine Augen hatte sich etwas Dunkles, Wütendes geschlichen, das sie noch nie zuvor gesehen hatte. Wann hatte es den ersten Fuß in seine Augen gesetzt?
„Was ist mit Credence geschehen?“, fragte Graves über seinen Zauberstab hinweg.
„Was habe ich ihm angetan?“
„Sir, Sie haben gar nichts...“
„Was habe ich getan?!“, schrie er sie an. Sie sah, wie sein Zauberstab zitterte. Und plötzlich, da spürte sie, wie die Angst sie abermals befiel.
„Gellert Grindelwald“, begann sie, „hat Ihre Form angenommen, um Nachforschungen anzustellen über einen Obskurus. Er wusste, dass Credence dem Obskurus nahestand; er vermutete einen Waisen aus dem Haus von Mary Lou Barebone. Deswegen brauchte er Ihre Gestalt. Er wollte Credence dazu bringen, herauszufinden, wer der Obskurus ist.“
Graves' Zauberstab war wieder ruhig, und Tina wagte es, einen Schritt auf ihn zuzugehen. Er schaute sie an, eine stille Frage in seinen dunklen Augen.
„Credence glaubte, Sie würden ihm diesen Auftrag erteilen, doch das stimmte nicht, und das wissen Sie und ich.“
„Was hat er ihm angetan?“, fragte Graves tonlos. Tina holte tief Luft.
„Grindewald hatte sich verschätzt. Niemand von den anderen Waisen war der Obskurus. Sondern Credence.“
Graves blinzelte. Auch ihn traf die Neuigkeit so schwer wie vor einigen Tagen es sie alle getroffen hatte.
Wieder ging sie einen Schritt auf ihn zu.
„Niemand konnte es wissen. Credence muss einen unglaublich starken Obskurus an sich gebunden haben, sonst wäre er schon längst tot gewesen.“
„Er hat so oft davon gesprochen, ein Zauberer werden zu wollen“, sagte Graves leise, und Tina nickte.
„Er war mächtig.“
„Also hat kein Obskurus ihn umgebracht“, folgerte ihr Mentor, und als er den Blick hob, sah Tina einen Funken Hoffnung in ihm aufkeimen.“
„Also ist er nicht umgekommen!“
Doch Tina schwieg, und das war die Antwort. Sie sah, wie er die Zähne zusammenbiss.
„Was ist dann geschehen?“
„Grindelwald wollte Credence davon überzeugen, auf seine Seite zu wechseln. Er wollte seine Macht adaptieren, sie nutzen, wir wissen nicht, für was. Credence glaubte ihm zuerst, aber er war verstört und allein, und er flüchtete. Wir folgten ihm bis in die U-Bahn.... es kam zu einem Kampf. Die MACUSA hielt ihn für eine Bedrohung....“
„Sie haben ihn getötet“, flüsterte Graves, „Picquery hat ihn getötet.“
Tina senkte den Blick.
„Sie wollten nicht hören.“
Graves' aufgerissene Augen starrten durch Tina hindurch.
„Er dachte bis zuletzt, Grindelwald sei ich. Er glaubte bis zuletzt, ich hätte ihm das angetan.“
Tina schaute ihn an.
„Es tut mir leid.“
Er starrte sie nur an, über seinen zitternden Zauberstab hinweg, in seinen Augen die Hoffnung, sie würde den Spaß jetzt gleich auflösen, sie würde ihn zu Credence bringen.
Doch das konnte sie nicht, und so blieb sie stehen, direkt vor seinem Zauberstab, und versuchte, ihn mit nichtgesagten Worten zu trösten.
Endlich senkte Graves den Zauberstab und blickte leer vor sich hin.
Doch seine Taubheit, sein Schock, sie wichen bald aus seinem Blick.
Und plötzlich spürte Tina, wie ihre Nackenhaare sich aufstellten. Ein unfassbar dunkles, grausig dröhnendes Vibrieren erfüllte den Raum, als würden tausende Flugzeuge über sie hinwegfliegen. Die Akten, die Graves auf der Suche nach Antworten auf den Boden geworfen hatte, rutschten voneinander, und sie sah mit Entsetzen, wie eine Feder auf dem dunklen Holz des Schreibtisches hüpfte, bis sie mit leisem Scheppern hinunterfiel.
„Mister Graves“, sagte sie über den Lärm hinweg, aber er hörte sie nicht. Er schaute zu Boden, seine Brauen zusammengezogen, die Hände öffnete er jetzt nach vorne – sein Zauberstab fiel zu Boden.
Das Vibrieren wurde stärker. Putz rieselte von den Wänden und die Schranktür schepperte.
„Percival!“
Sein Blick zuckte zu ihr, doch dort war wieder Kälte und Dunkelheit. Etwas Gehetztes ging davon aus, doch als er ihrem Blick begegnete, wurde das Vibrieren nicht schwächer.
„Es war nicht deine Schuld!“
„Ich habe mich von ihm einnehmen lassen wie eine Marionette!“, gab er mit rauher, wütender Stimme zurück, die über dem Vibrieren dröhnte.
„Wäre ich gestorben wie jeder andere meiner Kollegen auch, wäre das nie passiert!“
„Doch du wärst tot und nicht hier!“, schrie Tina über den Lärm hinweg.
„Das wäre besser so!“
„Nein!“, sagte Tina und ging einen Schritt auf ihn zu.
„Ich habe dir nicht das Leben gerettet, damit du es jetzt als wertlos bezeichnest! Die anderen haben Unrecht, wenn sie sagen, dass du nicht geeignet bist! Du bist wichtig, Percival!“
Du bist mir wichtig.
„Ich bin ein Mörder!“
Ein Stück Decke brach heraus und krachte neben Tina auf den Boden. Sie sprang zurück, doch sie sah, wie sich die Decke aufzulösen begann. Dachgiebel brachen und splitterten. Panisch schaute sie sich um. Sie musste etwas unternehmen.
„Picquery hat Credence getötet, doch ich habe ihr die Waffe in die Hand gedrückt!“
„Hör auf, Percival!“, schrie Tina, doch er breitete die Hände aus und schaute sie beinahe ruhig an.
„Geh, Tina! Verschwinde.“
Mit einem Mal wurde ihr klar, dass er gar nicht vorhatte, hier zu verschwinden.
„Nein!“, schrie sie stur zurück, „ich bleibe bei dir!“
„Das wirst du nicht! Verschwinde sofort, Tina, oder ich bringe dich dazu, hinauszugehen!“
Tina ging einen Schritt auf ihn zu. Weiterer Putz bröckelte von den Wänden, ein Stück der Wand brach heraus und fiel vor Tinas Füße.
„Ich lasse dich hier nicht sterben!“, sagte Tina.
„Das lasse ich schlichtweg nicht zu!“
„Tina, verschwinde!“, schrie er sie an, und sie traf eine Entscheidung.
Mit der Schritten war sie bei ihm und fiel ihm um den Hals. Im Moment, als sie ihn berührte, spürte sie einen schrecklichen elektrischen Schlag, als würde sie an einen unter Strom stehenden Zaun fassen.  Sie zuckte zusammen, als der Schmerz sie durchfuhr, doch sie ließ ihn nicht los, und so schnell der Schmerz kam, so schnell war er wieder vorbei. Sie drückte sich an ihn, umfasste seine breiten Schultern und schloss die Augen.
Der Moment schien stillzustehen, und sie öffnete nicht die Augen, aus Angst, sie wäre schon längst tot. Das Vibrieren verebbte innerhalb von Sekunden, und die Stille, die hiernach folgte, fühlte sie klamm und kalt an. Doch Tina drückte Percival an sich und versuchte, an nichts zu denken, als daran, dass sie nicht gehen würde.
Irgendwann, es dauerte in ihrem Kopf eine halbe Ewigkeit, spürte sie, wie er seine Arme um sie legte und seinen Kopf auf ihre Schulter sinken ließ. Sie spürte, wie er sich entspannte und nahm das zum Anlass, ihn noch inniger zu umschließen.
Irgendwann sagte er leise:
„In dem Moment, als er starb, dachte er noch immer, ich hätte ihm das angetan.“
„Wir beide wissen, dass du es nicht warst“, antwortete Tina, obwohl ihre Worte selbst in ihren Ohren hohl und nichtssagend klangen.

__________________________________________________________

Liebe Leser!
Da hat sich wohl ein Fehlerteufel eingeschlichen! Ich entschuldige mich vielmals, falls ich irgendwelche Hoffnungen geschürt und dann zunichte gemacht habe!  http://68.media.tumblr.com/fbd045a1d272560197ddbb2f8705c35e/tumblr_okdb7uI0xt1ss5ofgo1_r1_250.gif

Als Belohnung gibt es /das/ Kapitel, auf das ich mich zeit des Schreibens sehr gefreut habe!
Wie hat Euch die Szene gefallen?

Beste Grüße und ein schönes Wochenende wünscht Euch
Whocarloto
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast