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Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
37
95.109
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21.06.2017 1.231
 
Percival Graves wusste nicht genau, wohin ihn seine Beine trugen, und es war ihm auch recht gleichgültig. Er nahm die Umgebung kaum wahr, die an ihm vorbeizog. Schemenhaft passierte er andere Gestalten, eingemummelt und schwarz im düsteren Hintergrund des Schnees. Er betrat den City Hall Park. Karge Äste warfen scharfe Schatten auf den verschneiten Boden. Eine Bettlerin ging an Percival heran, doch es war sein Blick oder sein Auftreten, das sie mit einem gemurmelten Wort wieder abziehen ließ. Er blieb vor dem alten Brunnen stehen. Er war vollkommen quadratisch aufgebaut und in seiner Mitte entsprang eine dreistöckige Kunstsäule, gekrönt von einem goldenen, verzierten Kreuz. Er stand dort eine Weile und dachte nach.
Was war schiefgelaufen?
Ratherwell.
Graves verabscheute den Emporkömmling mehr, als er aussprechen konnte. Seit Beginn seiner Karriere hatte der Mann ihm hinterherspioniert, hatte vor ihm gekuscht, nur, um sich selbst den besten Weg für seinen Aufstieg zu erarbeiten. Jetzt, im Chaos der vergangenen Monate, hatte er dieses Ziel erreicht.
'Und dafür musste er über Leichen gehen. Auch über meine.'
Ratherwell war keineswegs blöd. Er hatte die bestehende Unordnung und die Einschränkung Graves‘ perfide ausgenutzt.
Und er hatte genug recherchiert, um mit einseitigen Fakten den gesamten Saal davon zu überzeugen, dass…
Graves Kehle entkam ein unwilliger Laut. Er war immer jemand gewesen, der Wut zurückhalten konnte, doch er spürte er sie in sich brodeln.
Er ließ ein Fünkchen des Feuers freien Lauf.
Und spürte, wie eine Hitzewelle von ihm aufstob. Eine Frau, die zusammen mit ihrem kleinen Kind auf einer Parkbank in der Nähe saß, schrie auf, packte ihr Kind bei der Hand und stolperte davon, unschlüssig, woher diese heiße Welle gekommen war.
Doch die Wut war nicht verschwunden, und Graves sah nach oben, zum Woolworth Building –
Im nächsten Moment blickte er hinab auf den Park.
Er stöhnte auf, als seine Seite sich bemerkbar machte, und hielt sich am Sicherheitsgeländer fest. Diese Sache würde ihn noch einige Zeit lang nerven. Wind heulte um ihn herum, nahm ihm seinen Hörsinn, doch die kühle Luft tat dem Feuer in ihm keinen Gefallen.
Im Krankenhaus hatte er ebenfalls seiner Wut freien Lauf gelassen. Er hatte seinen Instinkt das Ruder in die Hand gedrückt und die Augen geschlossen – und das, was sich aus ihm herausgebrochen hatte, hatte getobt wie der wildeste Sturm. Wo hatte er diese Kraft nur her? Von 'Ihm'?
Wie viel hatte Grindelwald ihm genommen?
Wie viel hatte er ihm gegeben?
Er blickte über die Dächer New Yorks hinweg. Wo versteckte sich Grindelwald? Die anderen vermuteten, er könne es wissen, doch das tat er nicht. Grindelwald war wie ein Parasit in ihm gewesen, hatte seinen Körper genommen und seinen Geist eingesperrt. Manchmal, wenn er die Augen schloss, sah er Bilder vorbeiziehen, doch er wusste nie, ob das Grindelwalds Erinnerungen waren oder Konstrukte seiner von Reue überschütteten Fantasie. Er wollte niemanden nach diesen Szenen fragen, denn er fürchtete die Antwort. Die Frage nach diesen Bildern ängstigte ihn beinahe so sehr wie die Frage nach einer Existenz…
Die Luft flirrte, und im nächsten Moment stand er vor einem zwischen anderen Gebäuden eingequetschten Häuschen.
Er hatte immer die Finsternis und die Missgunst mit diesem Haus in Verbindung gebracht, doch jetzt, als er davor stand, sah er, was es nun repräsentierte:
Die Zerstörungswut.
Das Haus sah aus, als wäre ein Hurrikan hindurchgewütet. Die wenigen Fenster, deren Rahmen nicht wie durch eine Explosion nach außen gedrückt waren, waren zersprungen. Die Fassade war verzogen, das Dach komplett eingestürzt. Das einst so herrische, sich widersetzende Häuschen war zu einem Ort des Elends geworden.
Er berührte einen vorbeigehenden Passanten am Arm und wies hinauf zum zerstörten Dachgiebel.
„Wissen Sie, was dort passiert ist?“
„Wo komm’se her, von den Inseln?“, fragte der Mann mit breitem New Yorker Akzent. Er bemerkte Graves‘ Blick, und sein dümmliches Grinsen verschwand.
„Jeder hat’s gehört. Die vertrocknete Alte, die da drin mit ihrer Kinderschar wohnte, ist verrückt geworden und hat sich selbst in die Luft gesprengt. Das war’n Wumms, sag‘ ich Ihnen. Hab’s bis drüben nach Jersey gehört.“
Graves spürte, wie etwas in sein Herz stach.
„Was ist mit den Kindern?“
„Alle verbrannt, hab‘ ich gehört. Die Feuerwehrmänner ham’se alle rausgeholt, aber alle waren hinüber.“
Graves verstand erst nicht.
„Sie sind alle tot?“
„Ich sagte doch: n riesen Wumms.“ Wieder grinste der No-Maj.
„Hat sie verdient, die alte Schachtel.“
„Seien Sie nicht respektlos!“, fuhr Graves ihn unwillkürlich an und wischte ihm so ein zweites Mal das Lächeln aus dem Gesicht. Einige andere Fußgänger drehten sich zu ihm um, doch er beachtete es nicht.
„Diese Kinder waren unschuldig.“
„Und doch waren’se mit drinnen.“
Der Passant suchte das Weite, bevor er in Schwierigkeiten geriet, doch Percival war viel zu durcheinander, um ihn zu beachten. Er starrte hinauf zu den gebrochenen Hölzern, den verbogenen Dielen. Er spürte, wie sich Taubheit in ihm ausbreitete.
Nicht der Junge.
Mit einem Mal wusste er, was er tun würde, ob er wollte oder nicht, und einen gefühlten Augenblick später trat er über die Schwelle.
„He, Sie da! Das ist nicht sicher!“, hörte er eine Frau rufen, doch er ging weiter, duckte sich unter einem umgefallenen Türsturz hindurch und befand sich schließlich in der Mitte des Raumes. Er wusste, dass es einen Balkon gegeben hatte, ein Obergeschoss, doch als er nun nach oben sah, schaute er auf zerstörte, schwarzgefärbte Bretter. Unter seinen Stiefeln knirschten Holzsplitter, und ein Geruch stieg ihm in die Nase, nicht nach Verbranntem, sondern ein Hauch von Ozon – nach Magie.
So stand er inmitten des Chaos, und die Worte des Passanten echoten in der gespenstischen Stille.
„Alle verbrannt, hab‘ ich gehört.“
Eine Stimme meldete sich in ihm, die seine, und doch nicht seine.
„Es tut mir leid, Credence.“
Und er sah ihn, vor sich stehen, in diesem Haus. Er stand vor ihm, nicht so gebeugt, sondern hoch aufragend, und er spürte, wie Hass von dem Jungen ausging
Und die Augen des Jungen werden weiß, und dann kam der Sturm über ihn, doch er hatte keine Angst. Dieser Junge gehörte ihm, und er würde ihn sich nehmen…
Percival Graves schrie. Er spürte, wie eine Welle von ihm ausging, wütend, finster, grausam, voller Schmerz. Holzsplitter flogen durch die Luft, das Haus ächzte, schrie ebenfalls –
Dann war die Luft hell und friedlich, und ein leichter Wind wehte.
Percival fiel auf die Knie. Sein Atem brannte in seiner Kehle wie Feuer, und als er seine Hände vor sich hielt, zitterten sie. Der Wind zupfte an seinem Schal, und über dem Wind hörte er etwas anderes. Er atmete, und atmete, doch der Atem brannte, und am liebsten hätte er aufgehört.
Erst, als eine Träne auf seine geballten Fäuste tropfte, bemerkte er, dass das Geräusch sein Schluchzen war. Er ließ sich zurückfallen, saß dort auf den Knien und starrte hinauf zu seiner Wohnung.
„Credence“, sagte er, und er wusste nicht, ob es eine Bitte, ein Flehen oder eine Entschuldigung war.


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so liebe Leser, in diesem Kapitel widme ich mich einem Thema, das ich selbst recht schwierig fand (ein paar von euch mochten sich gefragt haben, wann die Sprache auf den Jungen kommen würde).

Ich hoffe sehr, es gefällt euch!
Bis zum nächsten Kapitel wünsche ich Euch eine schöne Woche - mich verschlägt es morgen im Zuge einer Exkursion in die Stadt mit der schönsten phantastischen Bibliothek Europas! Ich bin gespannt! DOrt wird es sicherlich viel Literatur über unsere phantastischen Tierwesen geben!
Bis dahin eine schöne Zeit!
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