Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
37
95.109
19
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
29.05.2017 4.543
 
Tina brachte Graves seinen Anzug.
Als sie seine Wohnung betrat, überkam sie einen Moment lang das selbe Gefühl wie vor so kurzer Zeit. Wie unwissend war sie gewesen, wie fahrlässig hatten alle gehandelt? Wie viel Schuld trugen sie alle?
Doch als sie nun, im klaren Winterlicht, an der Hausfassade hinaufsah, rief sie sich in Erinnerung, was in der Zwischenzeit geschehen war. Und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Das letzte Gespräch, das, ungewohnt persönlich und ungewohnt offen, im Krankenhaus stattgefunden hatte, hatte Tina die ganze Nacht beschäftigt. Percival Graves kannte Newt kaum – und doch hatte er ihn beschreiben können, so, wie er war – und er hatte Seiten aufgedeckt, die Tina niemals in den Sinn gekommen wären, die jedoch logisch waren. Wäre Newt ein ausgesprochener Menschenfreund gewesen, würde er nicht mit so viel Eifer hinter seinen Kreaturen stehen. Wäre er kein Egoist, hätte er es dann so weit gebracht? Hätte er jemals zum Außenseiter von Hogwarts werden können?
Tina betrat die Wohnung, und mit einem Wisch ihres Zauberstabes ließ sie das Licht angehen. Sie stieg die Treppe hinauf und blieb einen Moment lang dort oben stehen, den Blick auf Graves‘ Arbeitszimmer gerichtet. Wie viel sie dort erfahren hatte, wie weit es sie gebracht hatte. Kurz wollte sie hineingehen, doch es war schon spät, und sie tröstete sich mit den Worten, dass Percival bald wieder hier sein würde. Genauso selten wie früher, vielleicht sogar seltener, doch Tina war sich sicher, dass eine Aura wieder dieses Haus ausfüllen würde. Es wäre wieder bewohnt.
Und jetzt wusste sie, wo sie Percival Graves finden konnte.
Sie ging ins Schlafzimmer und zum Schrank. Es war ein hoher, alter Holzschrank, doch mit schwarzer Farbe aufpoliert, und die Scharniere quietschten kein bisschen, als Tina die Tür aufmachte. Wie Percival gesagt hatte, warteten dort mehrere Ausführungen seiner Berufskleidung. Sie zog ein Hemd hervor, dann eine weiße und schwarze Weste. Kurz fragte sie sich, wer Percival auf diesen Geschmack gebracht hatte, und schloss, dass nur er selbst sich so etwas ausdenken konnte. Auroren bevorzugten gewöhnliche, unauffällige Berufskleidung: Meist ein dunkler Anzug und darüber eine Wetterbeständige Lederjacke oder ein Mantel. Auch der Hut durfte selten fehlen. Als Tina nun die perfekt gebügelte Hose und die schwarz glänzenden Schuhe in ihre Tasche legte, musste sie schmunzeln. Percival Graves war in dieser Hinsicht ein wahrer Exot.
Auch der Mantel wartete wie versprochen im Schrank. Wie eine große, schwarze Fledermaus hing er dort, und als Tina ihn mitsamt Kleiderbügel heraushob, flüsterte er ihr zu. Der Stoff war weich und glatt, und er glänzte ganz leicht im Licht des Zimmers. Mit leichtem Neid ließ Tina ihn über ihren Unterarm fallen. Sie strich über das Revers, das mit königsblauen Nähten verziert war – und hielt inne. War der Mantel, den Grindelwald als Graves trug, nicht rot verziert gewesen? Sie spürte dem Gedanken einen Moment lang nach, dann schüttelte sie den Kopf und raffte den Mantel etwas zusammen. Entweder, ihre Fantasie hatte ihr einen Streich gespielt – oder Grindelwald war so extraordinär, dass er sogar die Kleidung seiner Opfer umverzauberte.
Schließlich hatte Tina alles, was sie brauchte, und zufrieden verließ sie das Haus, um in einer Seitenstraße zu disapparieren.
Graves wartete schon auf sie.
Sie kam sich vor wie ein wandelnder Kleiderständer, und sie war froh, als sie die geballte Ladung Kleidung vor sich aufs Bett manövrieren konnte. Mit einem geschafften Seufzer setzte sie die Hände in die Hüften.
„Das war jetzt ganz schön viel.“
Und begegnete seinem Blick.
Sofort wurde sie rot.
„Was ich meinte, Sir…“
Doch er hob nur mit einem kleinen Lächeln die Hand.
„Danke, Tina.“
Sie kam sich unglaublich dumm vor, doch sie hielt es für das beste, nichts mehr dazu zu sagen.
„Ich warte dann draußen, Sir.“
Sie trat wahrlich von einem Fettnäpfchen ins nächste! Sie schloss die Tür hinter ihrem Rücken leise und schaute seufzend den Gang hinunter. Das Krankenhaus war still. Sie hatten bereits einen neuen Arzt aus Buffalo kommen lassen, ein Russe namens Lewski, doch der hatte Unmengen zu tun, und so sah man den kleinen, aber kräftigen Mann nur hin und wieder durch die Gänge huschen. Tina versuchte, sich auf die Versammlung vorzubereiten. Sie würde verlangen, mitintegriert zu werden, zumindest in beratender Funktion, ebenso Graves, bis er wieder vollkommen bei Kräften war. Sie würde sagen, dass sie eine Aurorin war wie jeder andere und somit auch das Recht hatte, an der Ermittlung beteiligt zu werden. Und wenn alles nicht helfe, würde sie aussprechen, dass ohne sie weder der falsche Graves besiegt hätte werden können, noch der richtige hätte gefunden werden können. Das mit dem falschen Graves wäre nicht ganz korrekt, zumindest nicht unmittelbar. Aber hätte sie Newt nicht verhaftet, wäre er gar nicht erst zu ihrem Parnter geworden, und ohne ihn hätte sie niemals…
Sie würde sich in solchen Erklärungen verlieren, dass wusste sie jetzt schon. Vielleicht sollte sie Graves das Reden überlassen.
Sie seufzte abermals. Wenigstens hatte sie ihn dabei. Ohne ihn würde sie sich fühlen wie eine dumme Henne, die in den falschen Stall gelaufen war.
Ihr Blick fiel auf die Uhr. Sie wusste nicht, wann das Meeting begonnen hatte, doch Newt war erst vor einer Stunde aus dem Haus gegangen und hatte gesagt, er würde noch Besorgungen machen müssen. Sie würden also sicherlich noch nicht zu spät sein. Trotzdem könnte Graves sich beeilen.
Sollte sie mal nachsehen, was er so treibt? Tina schloss die Augen. Nein. Sie konnte doch nicht einfach…
Aber was ist, wenn er schon fertig ist?
Wie auf Kommando räusperte es sich hinter ihr, und froh um ein Zeichen drehte sie sich um und guckte durchs Fenster –
Doch das war kein Zeichen gewesen.
Graves stand vor dem Bett, die Hose und Socken waren bereits angezogen, doch sein Oberkörper war nackt. Er knöpfte gerade das Hemd auf, und Tina sah, wie er vollkommen verloren in dieser einfachen Bewegung war. Die Haare hingen ihm in die Stirn, und Tina konnte nicht umhin, den von hinten beleuchteten Körper anzusehen. Sie sah das größte Mahnmal von Grindewald an seiner rechten Seite – die Narbe war noch nicht ganz verheilt und mit einem großen Pflaster abgedeckt. Tinas Blick schweifte hoch zur Brust und dem Schlüsselbein. Sie hatte es berührt, sie hatte ihn mit dieser Berührung beruhigt. Heiß pochte das Blut in ihren Ohren, und sie wusste, dass sie sich abwenden sollte, doch sie schaute weiter zu. Graves drehte ihr den Rücken zu und streifte sich das Hemd über – es saß wie angegossen, und bald darauf folgten die Westen. Er nahm seine Krawatte und den Zauberstab, und während er nach seinen Krawattenklammern griff, ließ er die Krawatte sich selbst binden. Durch seine Verfassung machte er jede Bewegung langsamer, doch Tina konnte sich gut vorstellen, wie er dieses Prozedere jeden Morgen machte, wie es zu einer Art Mantra wurde. Sie stellte sich wieder mit dem Rücken zur Tür und versuchte, sich die Schamesröte aus dem Gesicht zu denken, doch es wollte ihr nicht so recht gelingen – und so stand sie noch immer dort, als hinter ihr die Türe aufging, und Graves hervortrat. Er zupfte noch seine weit ausladenden Ärmel zurecht, dann nickte er Tina zu.
„Ist alles in Ordnung?“, hörte sie ihn sagen, doch sie schaute noch immer zu Boden.
„Ich bin nur etwas aufgeregt.“ Er musste ja nicht wissen, weswegen.

***

Bereits in der Eingangshalle blieben die ersten Blicke auf Percival Graves hängen. Jonathan, der niedere Auror an der Empfangshalle, verschluckte seine Begrüßung, als sie ihn passierten, und starrte Graves nur an. Tina sah im Vorbeigehen, wie ein Beamter dem anderen etwas zuflüsterte, worauf der sich zu ihnen umdrehte. Tina schaute Graves nervös an, doch der hatte den Blick stur geradeaus gerichtet. Immerhin verkniff sich der Elf im Aufzug einen Kommentar, als er die zwei nach oben beförderte.
Man gelangte durch eine kleine, unscheinbare Tür in den Versammlungssaal, und zwei Auroren standen mit gezogenen Zauberstäben davor. Seit Grindelwalds Attacke und der Erkenntnis, dass er sich hier frei hatte bewegen können – unter anderem, um Graves zu erstecken – war die Sicherheitsstufe auch intern in die Höhe geschnellt. Die Auroren betrachteten Tina mit Argwohn – doch als Graves hinter ihr wie ein großer, wütender Schatten erschien, rissen sie ihre Augen auf.
Einer, eher aus Instinkt als dass er es besser wüsste, hob den Zauberstab, und Tina blieb stehen.
„Sie….“, stotterte der Beamte, „sie…“
„Arthur, senken Sie sofort Ihren Zauberstab.“
Graves‘ Stimme war ruhig, doch bestimmt. Einen Moment lang glaubte Tina, dass der Mann nicht gehorche. Doch dann senkte er den Zauberstab langsam.
„Ich bin hier, um als Direktor der Sicherheitsabteilung der Versammlung beizuwohnen“, fuhr Graves unbekümmert fort.
„Die… Versammlung hat bereits begonnen, Mister Graves, Sir.“
Graves warf Tina einen kurzen Blick zu. Sie waren also doch zu spät.
„Ich denke, ich bin autorisiert, die Versammlung außerplanmäßig beizuwohnen“, sagte Graves weiter. Er fixierte Arthur, und der Auror knickte sofort ein.
„Natürlich, Mister Graves, Sir.“
Er öffnete die Tür, und als Tina mit klopfendem Herzen an ihm vorbeiging, sah sie, wie seine tränenfeuchten Augen nur Graves anstarrten.
So weit, so gut.
Sie war bis jetzt selten im großen Saal gewesen. Nur Auroren, die etwas zu sagen hatten, wurden eingeladen, und das beschränkte sich meist auf die höhere Gesellschaft oder Botschafter aus dem Ausland. Sie erinnerte sich noch an das eine Mal, als sie Newt entblößt und den ersten Toten des Obscurus – Credences Obscurus – gesehen hatte. Damals war auch Graves vermeintlich auf seinem Platz rechts der Präsidentin gesessen. Doch das war eine Täuschung gewesen.
Als Tina jetzt, dicht gefolgt von Graves den Saal betrat, fühlte sie sich unendlich klein. Der Raum ging eine gefühlte Unendlichkeit in die Höhe, und das Licht, verstärkt durch viele Spiegel, brachte eine helle, doch nicht gerade freundliche Atmosphäre hinein. Auf Podesten standen und saßen die Zauberer – und als nun die Tür hinter Tina zu fiel, richteten sich alle Blicke im Raum auf sie.
Nein, nicht auf sie. Auf ihn.
Tina hörte leises Aufseufzen, und sie sah, wie der eine oder andere Auror die Hand vor den Mund schlug oder eiligst mit seinem Nachbarn flüsterte. Die Geräuschkulisse schwoll an, bis es nur noch ein Meer aus Flüstern zu sein schien, und Tina nutzte diesen Augenblick, um in den Gesichtern der Anwesenden zu lesen. Sah sie dort Freude über Graves‘ Rückkehr? Einige Münder hatten sich zu einem Lächeln verzogen, andere standen offen, wieder andere waren fest zusammengepresst. In wie vielen sah Tina tatsächlich Anerkennung? Sie wusste es nicht genau, und dieses Verhalten aller im Raum ließ sie nervös werden. Sie hatte gedacht, dass die Leute sich freuen würden, dass Graves willkommen geheißen würde. Doch die Augenpaare spähten auf sie herunter wie Besucher in einem Zoo.
Endlich hatte Picquery den Lärm unter Kontrolle. Sie sah auf Graves hinab. Sie lächelte nicht, doch sie wirkte auch nicht feindlich.
„Mister Graves. Es ist eine Ehre, Sie hier begrüßen zu dürfen“, sagte sie floskelhaft.
„Es ist mir eine Ehre, wieder hier zu sein, Madam President“, antwortete er in ruhigem, feierlichem Ton, doch seine Augen suchten die Ränge ab.
„Auch, wenn ich nicht direkt eingeladen wurde.“
Er begann sofort, seine Sache klarzustellen. Tina wagte einen Seitenblick. Er wirkte ruhig, doch sie sah seinen angespannten Kiefer.
„Mister Graves, Sie haben Recht“, meldete sich Ratherwell zu Wort. Mit bitterem Entsetzen musste Tina feststellen, dass er auf Graves Platz saß – und es genoss.
„Sie wurden nicht eingeladen. Doch wir haben Gründe, so zu verfahren.“
„Ich bin hier, um meine Erfahrungen mit den versammelten Ladies und Gentlemen zu teilen, was die Person des Gellert Grindelwald angeht“, fuhr Graves fort, ohne auf den Direktor einzugehen.
„Ich habe Informationen, die von großer Wichtigkeit sein könnten.“
Wieder wagte Tina einen Seitenblick. Von welchen Erfahrungen sprach er? Wusste er von der Zeit, als Grindelwald sich in ihn verwandelt hatte? Hatte er vor der Verwandlung Ermittlungsfortschritte gemacht? Tina brannte darauf, das zu erfahren. Doch Ratherwell teilte ihre Meinung nicht.
„Welche Informationen von Wichtigkeit sind, liegt in unserem Ermessen, Mister Graves“, sagte Ratherwell und zuckte mit den schmalen Schultern, „nicht in Ihrem.“
„Und wann würden Sie diese Informationen eruieren, Mister Ratherwell?“, fragte Graves zurück, „wenn Grindelwald außerhalb ihres Verantwortungsbereichs ist?“
Einzelne Lacher flogen durch die Reihen, und Tina sah, wie der Direktor hochrot anlief.
„Ich lasse mir keine Vorgaben machen, Mister Graves.“
„Deswegen sind Sie jetzt wohl Direktor.“
„Es reicht“, fuhr Picquery wie Eis dazwischen. Sie bedachte erst Ratherwell mit einem wütenden Blick, dann Graves.
„Mister Graves, Sie hätten sich jederzeit an die Ermittlungsgruppe wenden können, um Ihre Aussage aufnehmen zu lassen. Sie wissen am besten, wie dabei zu verfahren ist. Weshalb also sind Sie hier?“
Tina spürte, wie Graves neben ihr sich anspannte und zu ihr hochschaute.
„Ich melde mich zum Dienst zurück, Madam President. Ich bin vollständig genesen und bereit, mein Amt wieder zu übernehmen. Das gleiche gilt für Miss Goldstein neben mir.“
Mancherlei Blicke richteten sich auf Tina, und sie spürte, wie sie rot wurde.
„Sie wollen tatsächlich Ihren Dienst wieder aufnehmen, Mister Graves?“, fragte indessen Picquery, doch ehe Percival antworten konnte, intervenierte Ratherwell.
„Mit allem Respekt, Madam President, ich denke nicht, dass Mister Graves für dieses Amt geeignet ist.“
„Ich hatte dieses Amt für zehn Jahre inne, bevor Sie es bekamen, Mister Ratherwell.“
Ratherwell stand auf und holte sich so die Aufmerksamkeit des Saales.
„Nun, aber bevor ich es bekam, gab es einen Zwischenfall, von dem alle im Raum wissen, Mister Graves. Wie ich hörte, hat Ihnen die Zeit unter Grindelwald nicht sehr bekommen. Ich hörte von Gedächtnisverlust, Realitätsschwankungen und Wahnvostellungen.“
„Das ist nicht korrekt“, sagte Graves hölzern, doch Tina ahnte, in welche Richtung es sich bewegte.
„Madam President“, fuhr Ratherwell kriecherisch fort, „Sie können unmöglich der Meinung sein, ein Mann, der monatelang unter Grindelwalds Einflüssen stand, würde sich für das Amt des ausführenden Direktors eignen, oder täusche ich mich?“
Picquery war in die Enge getrieben, und das sah Tina ihr an. Sie sagte nichts, doch Ratherwell nahm ihre Antwort trotzdem an.
„Grindelwald nutzte die Gestalt dieses Mannes, um Terror zu verbreiten. Glauben Sie nicht, dass das ein schlechtes Licht auf unsere öffentliche Darstellung wirft? Er sollte eine Weile von der Bildfläche verschwinden, damit die geschädigten Zauberer sein Gesicht vergessen können.“
„Ich bin nicht Grindelwald!“, herrschte Graves ihn an. Seine Kühle war merklich zerbröckelt, und das nutzte Ratherwell.
„Und dennoch haben Sie im Glauben, ihn festnehmen zu können, zwei dutzend unserer besten Auroren in den Tod getrieben! Sie hat er verschont, und mit Ihrem Gesicht hat er weitere Morde begangen, wollte das ganze Land unterwerfen!“
So irrational Ratherwells Rede war, so gut kam sie an. Tina sah es in den zweifelnden Gesichtern der Menschen. Sie zweifelten jedoch nicht Ratherwell an, sondern Graves.
„Ich traf meine Entscheidungen nach bestem Gewissen“, sagte Graves gerade, und Ratherwell warf die Hände in die Luft.
„Sie ließen Zauberer grausam sterben.“
„Das selbe Schicksal war ich bereit, zu erleiden!“
„Und doch haben Sie überlebt. Und jetzt stehen Sie hier und fordern etwas zurück, das man Ihnen unmöglich geben kann.“
Graves knirschte mit den Zähnen.
„Ich weiß, wie Grindelwald denkt. Ich bin derjenige, der ihn am schnellsten finden könnte.“
„Oder Sie sind derjenige, der uns am weitesten von ihm weglocken könnte.“
„Sebastian!“, fuhr Picquery dazwischen, doch Graves zuckte zurück, als hätte man ihn geschlagen. Stille breitete sich im Saal aus.
„Sie glauben, ich stünde auf der Seite Gellert Grindelwalds?“, fragte Percival Graves dann leise, so leise, dass selbst Tina ihn schwer verstand.
„Sie glauben, ich würde ihm zur Flucht verhelfen?“
Sebastian Ratherwell zögerte. Dann nickte er.
„Sie wurden gefunden, kurz bevor Grindelwalds Fluchtversuch gelang. Sie lenkten Auroren ab, und so bestand eine kleinere Chance, Grindelwalds Fluchtversuch zu verhindern.“
„Ich widerspreche!“, meldete sich William Forester zu Wort. Tina war überglücklich, ihn zu sehen.
„Selbst mit einer höheren Besetzung im Kerkerabteil wäre es unmöglich gewesen, ihn aufzuhalten!“
„Woher wollen Sie das wissen?!“, hinterfragte Ratherwell, und wartete gar nicht auf eine Antwort, stattdessen fixierte er weiter Graves.
„Sie haben sich den perfekten Zeitpunkt ausgesucht, um gefunden zu werden.“
„Wie können Sie es wagen!“, brauste Graves auf, doch er bewegte sich nicht vom Fleck. Als Tina ihm einen Seitenblick zuwarf, sah sie, wie seine Hand zitterte.
„Verbringen Sie auch nur einen Tag in diesem Kerker Grindelwalds, und Sie verlieren den Verstand!“
„Also warum sollten Sie ihn nicht verloren haben?“, fragte Ratherwell aalglatt. Percival blieb der Mund offen stehen. Er war in eine Falle getappt.
„Sie sagen, dieser Kerker mache verrückt, und doch stehen Sie hier und verlangen Ihren alten Posten zurück. Ich kann das nicht verantworten. Sie hoffentlich auch nicht, Madam President.“
Picquery schaute von Graves zu Ratherwell. Dann zu Tina.
„Miss Goldstein, Sie haben in den letzten Tagen am meisten Kontakt zu Mister Graves gehabt. Sagen Sie mir: sind Sie der Meinung, dass er für das Amt geeignet sei?“
Tina atmete tief ein und sammelte ihren Mut.
„Ja, Madam President. Ich bin der festen Überzeugung, dass Mister Graves ausreichend genesen ist, um seinen Posten als Direktor wieder einzunehmen.“
„Humbug!“, verlautete Ratherwell, wurde dann jedoch ruhiger. Er bedachte Graves mit einem durchdringenden Blick, dann wandte er sich an alle Zauberer im Raum.
„Um dieses Streitthema nun ein für alle Mal beizulegen, möchte ich auf ein Ereignis hinweisen, das sich während Grindelwalds Flucht ereignet hat. Wie alle Anwesenden wissen, hat während und aufgrund von Grindelwalds Befreiung ein Ablenkungsmanöver seitens der dunklen Zauberer stattgefunden. Viele Zauberer und No-Majs sind hierbei verletzt worden. Wurden auch bei Ihnen, Mister Graves, Zauberer angegriffen?“
Tina ahnte mit Entsetzen, worauf Ratherwell hinauswollte, ebenso Graves. Er wurde blass.
„Ja, Sir.“
„Wie ich hörte, sei in diesem Zusammenhang ein gewisser Doktor Murray ums Leben gekommen.“
„Das stimmt.“
„Und dieser Attentäter hatte es auf Sie abgesehen, nicht wahr?“
„Das ist nicht sicher.“
„Wir wissen, dass der Attentäter – eine Frau – zu Ihnen eindrang. Was geschah dann?“
Graves zögerte kurz. Dann sagte er gepresst:
„Ich habe mich selbst verteidigt.“
„Das haben Sie“, murmelte Ratherwell und lächelte einen Moment, bevor er sich an die anderen Anwesenden wandte:
„Doch die Tatsache, wie Sie sich wehrten, spricht Bände. Unser Kodex erlaubt uns Selbstverteidigung in Notfällen, und Sie haben davon Gebrauch gemacht.“
Er machte eine dramatische Pause.
„Doch ich habe mir die Leiche angesehen. Das war kein einfacher Schutzzauber oder ein Fluch, der die Person außer Gefecht gesetzt hätte. Die Person hatte große Schmerzen. Sie haben sie zu Tode gequält.“
„Ich habe reagiert.“
„Und wie.“
Ratherwell lächelte noch einmal verschmitzt, doch alle Blicke lagen nun nicht mehr auf ihm.
„Madam President, wenn ich etwas sagen darf.“
„Selbstverständlich, Mister Scamander.“
Tina ging das Herz auf, und hoffnungsvoll sah sie hinauf zu Newt, der dort verloren inmitten der mächtigen Politiker stand. Er wirkte scheu, doch er ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen.
„Ich kann von mir selbst sagen, dass ich Mister Graves‘ Genesungsprozess ebenfalls miterleben durfte“, begann er, „und er zeigt keinerlei Abnormitäten, die Wahnsinn oder etwas anderes andeuten könnten.“
Tina grinste Graves zu. Dann aber änderte sich etwas in Newts Stimme.
„Dennoch muss ich nun, da Mister Ratherwell das Ereignis im Krankenflügel beschrieben hat, auch sagen, dass ich das Ergebnis von Mister Graves Reaktion miterleben durfte.“
Tina stutzte. Auf was wollte er hinaus?
„Mich fasziniert dieses Gebiet der Wissenschaft sehr“, fuhr Newt scheu lächelnd fort, „deswegen untersuchte ich als erster die Leiche. Ich muss, um ehrlich zu sein, sagen, dass bei dieser Hexe nicht nur ein Verteidigungsmechanismus wirkte.“
Gebannt lauschte der ganze Saal. Mit leerem Blick verfolgte Graves das Geschehen, und Tina spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Was tat er?
Newt sah sie kurz an, doch er konnte ihren Blick nicht halten.
„Die Art der Magie schien roher zu sein, unüberlegt… wütend. Mister Graves musste sich allein von Zorn bemächtigt eines Zaubers bedient haben, für den es kein Wort gibt.“
„Sie meinen einen unverzeihlichen Fluch?“, fragte einer aus der Menge.
„Nein. Eher so etwas wie ein Ausbruch von Hass, ohne Worte, schlichtweg katalysiert durch den Zauberstab selbst. Er war unkontrolliert, roh, und schwerstverletzend. So sehr Mister Graves den Anschein erweckt, sich unter Kontrolle zu haben…“
Er zögerte, schaute Tina kurz an, und sie sah die Angst in seinen Augen aufblitzen, doch dann raffte er sich auf und schloss:
„ich glaube, er ist unvorhersehbar, wenn er auf dunkle Hexen oder Zauberer trifft, und nicht nur eine Gefahr für uns, sondern für sich selbst.“
Stille erfüllte den Raum. Fassungslos starrte Tina Newt an, doch der setzte sich und drehte sein Gesicht weg. Wie konnte er nur? Wieso hatte er das getan?
Graves neben ihr hatte alle Körperspannung fahren lassen. Gebückt stand er da, den Kopf gesenkt, die Augen leer auf den Boden vor ihm gerichtet. Tina glaubte, ihr Herz müsse zerspringen.
„Dann wäre das ja geklärt“, sagte Ratherwell gut gelaunt in die Runde, und am liebsten wäre Tina ihm an die Gurgel gesprungen. Sie schaute die Präsidentin an, die mit einer Mischung aus Verwirrung und Mitleid dort oben stand. Sie kann nichts tun, dachte Tina beinahe nüchtern, sie ist das Gesetz, und das Gesetz geht nach der Logik. Sie wurde schachmatt gesetzt.
„Was ist mit Miss Goldstein?“
Graves hatte seine Stimme wiedergefunden, doch sie klang kraftlos und rau.
„Sie hat während des Ablenkungsmanövers gute Dienste geleistet und einen Verbrecher daran gehindert, schlimmeres zu tun.“
„Die Tatsache, dass sie neben Ihnen steht, Mister Graves, zeigt, wo sie hingehört“, erwiderte Ratherwell süffisant. „Sie leistet die perfekte Arbeit dort, wo sie jetzt gerade stationiert ist.“
Tina hörte gar nicht zu. Sie konnte nur Newt anstarren. Sie hatte geglaubt, er sei ihr Freund gewesen, ihr Partner. In seinem Blick las sie Trauer, doch es machte sie nur noch wütender. Er hatte nicht damit gerechnet, ihr die Karriere ebenfalls zunichte zu machen, doch er hatte es getan. Warum?
„Sie scheint keine Einwände zu haben. Gut.“ Ratherwell winkte mit der laschen Hand.
„Sie sollten gehen. Wir haben über wichtige Dinge zu sprechen.“

Die Türen schlossen sich , und Tina spürte, wie ein Schluchzer ihre Kehle hinaufstieg.
„Ich glaube das nicht“, flüsterte sie, „ich kann das einfach nicht glauben.“
Graves neben ihr sagte nichts. Als sie ihm einen Blick zuwarf, war er seltsam abwesend. Doch sie sah, wie seine Hände leicht zitterten. Ihre Wut verpuffte und wurde zu Mitleid.
„Gehen wir nach draußen“, schlug sie vor, „ich habe dieses Gebäude satt.“
Doch Percival blieb stehen und wandte sich ihr zu. Sie bemerkte die Trauer und die Resignation in seinem Gesicht, und er sah plötzlich unendlich alt aus.
„Tina, ich… ich brauche etwas Zeit. Ich muss…“, er zögerte, dann seufzte er und schaute sie an.
„Ich gehe nach Hause.“
Tina stutzte.
„Oh. Äh, okay.“
Dankbar senkte er den Kopf. Dann wandte er sich um und ging. Verschwunden war die Ausstrahlung des Aurors. Sein Mantel schien ihm plötzlich zu groß, und die Schultern waren nach vorne gesunken.
Er ließ Tina stehen, und sie sah ihm nach. Er drehte sich nicht mehr um.
Er hatte sie verletzt, und sie wusste selbst nicht genau, wieso. Sie stand dort noch, bis seine Schritte verhallten, und irgendetwas in ihr tat ihr weh.

Sie hörte kaum, wie die Tür hinter ihr erneut zu fiel, und es war ihr auch in gewissem Maße egal. Doch dann meldete sich eine sanfte Stimme hinter ihr.
„Er ist gegangen, nicht wahr?“
Sie kannte sie nicht, doch sie hatte jetzt nicht die Energie, sich umzudrehen. Percival hatte sie zurückgelassen, nach einer gescheiterten Mission, die ihre Idee gewesen war, und es war ihr egal, ob irgendjemand jetzt mit ihr sprach.
„Nehmen Sie’s nicht persönlich, Miss. Das hat er schon immer gemacht, auch bei mir.“
Er sprach mit einem kultivierten britischen Akzent, und etwas an seiner Stimme ließ Tina sich doch umdrehen.
Der Mann war schlank, aber muskulös, und nicht viel größer als sie. Er trug einen langen, braunen Trenchcoat, doch Tina sah auf den ersten Blick, dass er nicht von hier war. Er blickte sie aus grünen Augen mit einer Art überheblichem Charme an, doch er war ihr symphatisch, und das schien er zu merken.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie einfach so in ihren Gedanken störe. Ich konnte nicht umhin, mitzuhören“, er zeigte auf den Saal hinter sich und lächelte, „ich stand auf den billigen Plätzen, nicht in der höheren Kategorie. Sie beide haben mich nicht gesehen.“
„Hätte ich sollen?“, fragte Tina harscher als beabsichtigt. So einen charmanten Eindruck dieser Mann machte, so wenig Geduld hatte sie gerade.
„Wohl nicht. Doch Sie sind ein enger Freund von Mister Graves. Ich ebenso. Und wir beide fanden die Szenerie von gerade nicht wirklich amüsant, nicht wahr?“
Beinahe schon wollte Tina sagen, dass Graves keine Freunde hatte, außer vielleicht sie und Picquery. Doch etwas ließ sie zögern. Das Gesicht kam ihr entfernt bekannt vor. Wo hatte sie es schon einmal gesehen?
„Wie dem auch sei, ich habe mich noch nicht einmal vorgestellt“, fuhr der Fremde fort und schüttelte den rotblonden Kopf, „wie unhöflich.“
Er streckte die Hand aus.
„Ich bin Theseus Scamander. Sehr erfreut.“



Jetzt wusste Tina, woher dieser Mann ihr so bekannt vorkam. Er sah aus wie Newt, doch Newt hatte nie dieses offene, gewinnbringende Lächeln ohne jede Scheu gezeigt.
„Sie sind Newts Bruder“, sagte sie, und Theseus grinste.
„Ich sehe, mein Brüderchen hat sich hier schon mit den Damen bekannt gemacht.  Ich hoffe, er wird mir nicht allzu böse sein, dass ich nun hier auftauche.“
„Was führt Sie hier her?“, fragte Tina, noch immer verblüfft von dem Mann ihr gegenüber. Newt hatte nie auch nur von Theseus erzählt. In ihrem letzten Abenteuer wurde er erwähnt, doch Tina erinnerte sich nur dunkel an den Zusammenhang.
„Ursprünglich kam ich hier her, um mir Mister Grindelwald anzusehen“, erzählte der Auror, und auf eine Handbewegung hin folgte Tina ihm und sie schlenderten in Richtung des Aufzugs.
„Immerhin war ich führender Ermittler in England, und ich wollte mich selbst überzeugen, dass Sie und die MACUSA dazu imstande sind.“
„Vorsicht“, warnte Tina halb im Scherz, und Theseus hob abwehrend die Hände.
„Keine Sorge, ich würde niemals eure Leistung infrage stellen. Ich kenne Percy, und deswegen wusste ich, dass Sie alle äußerst fähig sind.“
„Sie waren mit ihm im Krieg, oder?“, fragte Tina und erinnerte sich an das, was Graves zu ihr über Theseus gesagt hatte. War er wirklich rücksichtlos? Jetzt hielt er ihr zumindest die Tür auf.
„Ich fürchte, ja. Niemand wollte, doch alle mussten. Aber ich war froh, genau mit diesem Amerikaner zusammen zu sein. So hart der Krieg war, so froh waren wir, dass wir fähige Männer um uns herum hatten.“
Der Aufzug ratterte nach unten. Nach kurzem Schweigen sagte Tina:
„Sie haben gesagt, sie wüssten, was Mister Graves jetzt tut.“
Theseus lachte.
„Oh ja. Er wird irgendwo hingehen, sich abreagieren und beruhigen. Kein Grund zur Sorge.“
„Das war ein harter Schlag für ihn.“
„Das stimmt. Doch ich kenne Percy. Er lässt sich nicht von so etwas einfach unterkriegen.“

___________________________________________

Hallo liebe Leute, habt ihr auch diese quälende Hitze? Da ist es schön entspannend, wenn in unserem New York ein schöner kalter Winter herrscht!
Die Tatsache, dass Albus Dumbledore von niemand geringerem als Jude Law, der ja mein Theseus ist, gecastet wurde, lässt mir mein Herz aufgehen! Habt ihr die Bilder schon gesehen? Wow!

Zur Story: Ich hoffe, ich habe Theseus jetzt nicht als Deus Ex Machina hier eingeführt, doch ich war der Meinung, wenn ich ihn auftauchen lassen müsste, dann jetzt!
Was haltet ihr von Newt? Denkt ihr, er ist einfach nur feige oder eingeschüchtert? Oder spielen da noch andere Gefühle mit?

Ich freue mich auf Eure Meinungen! Ich bin bis einschließlich Montag übrigens auf dem Festival Rock im Park, deswegen müsst ihr leider mit diesem Kapitel ausharren! Immerhin ist es schön lang, oder? :)
Bis dann, Euch eine schöne Woche!
Eure Whocarloto
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast