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Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
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18.05.2017 1.713
 
Die Flucht von Gellert Grindelwald erwies sich nicht nur als interne, sondern als nationale Katastrophe.
Obwohl auf Diskretion gepocht wurde, entging sowohl der Presse als auch dem gemeinen Magiervolk nicht das Aufgebot der Auroren, die in Gruppen durch die Stadt streiften und jedes Haus durchsuchten in der Hoffnung, Hinweise zu finden. Die normalerweise reich besuchten Straßen New Yorks waren plötzlich leer, als das Gerücht, dass der kaltblütigste und mächtigste Magier der Welt sich auf freiem Fuß befände, seine Runden machte. Die Anspannung der Magier war zu spüren, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass sogar der eine oder andere No-Maj sich in sein Haus zurückzog, getrieben von einem unguten Gefühl, verfolgt von den wachsam-ängstlichen Blicken der Menschen auf der Straße.
Tina beteiligte sich wie jeder andere Auror bei der Suche nach Grindelwald und seinen Schergen, doch sie wurde nicht in der Position eingesetzt, die sie für passend hielt.
„Sie sollten sich nicht allzu nahe an der ermittlerischen Front bewegen“, hatte Sebastian Ratherwell zu ihr gesagt, nachdem er sie nach einer Sitzung beiseite genommen hatte. Obwohl Tina wusste, dass er genauso alt war wie Graves, sah er um ein vielfaches jünger aus, doch auf keine gute Weise: seine hellen Augen wirkten eisig, und sein Gesicht plastisch, wie bei einer Wachspuppe. Er war kaum größer als Tina – trotzdem schaffte er es, auf sie hinabzublicken.
„Die führenden Auroren meiner Einheit machen einen exakten und souveränen Job.“
„Ich bin auch in Ihrer Einheit, Sir“, hatte Tina erwidert, und die tief eingesunkenen Augen des Direktors hatten sich verengt.
„Deswegen haben Sie meinen Befehlen zu gehorchen, Goldstein. Sie hatten zu viel mit Grindelwald zu tun, als dass ich der festen Überzeugung wäre, dass Sie nicht…beeinflusst worden wären.“
Als die Bedeutung seiner Worte bei Tina ankamen, riss sie die Augen auf.
„Sie glauben doch nicht wirklich, ich hätte etwas damit zu tun?!“
Ratherwell antwortete nicht, sondern betrachtete sie nur herablassend, bevor er sagte:
„Sie können unten bei Abernathy das bürokratische Zeug erledigen. Ohne eine formelle Grundstütze kann unsere Ermittlung nicht vorangehen.“ Seine absurd weiblichen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
„Sie sind mit der Arbeit ja bereits bestens vertraut, nicht wahr, Goldstein?“
Voll unterdrücktem Zorn hatte Tina das Gebäude verlassen – und hatte sich kurz danach bei Queenie wiedergefunden.
„Ich glaube das alles nicht!“, rief sie aus, „ich bin eine voll einsetzbare Aurorin, und dieser Hundskopf degradiert mich zu einer Sekretärin!“
Mit mitleidigem Gesichtsausdruck hielt Queenie ihr eine Tasse hin, und kurz war Tina versucht, sie abzulehnen. Doch ihre Schwester konnte nichts für die Ungerechtigkeit der MACUSA, also nahm sie sie entgegen. Es war Kräutertee, und der erste Schluck brachte wunderbare Wärme in Tinas Inneres. Sie merkte, wie sie sich etwas beruhigte.
„Das funktioniert bestimmt nur, weil die Präsidentin zu viel zu tun hat“, versuchte es Queenie und legte Tina mitfühlend die Hand auf den Unterarm,
„sobald das vorüber ist, wirst du dich bei den zuständigen Behörden beschweren können…“
„Aber wann wird das vorbei sein?“, fragte Tina hilflos, „Grindelwald ist weg, und bis man ihn gefunden hat, herrscht Ausnahmezustand.“
„Grindelwald kann nicht ewig davonlaufen“, sagte Queenie hoffnungsvoll, „man wird ihn erwischen!“
„Er konnte mehrere Tage lang die Gestalt von Graves annehmen, eines Direktors einer Abteilung für Sicherheit! Wenn er Lust hat, wird er die Gestalt eines armen No-Majs annehmen, und niemand wird ihn entdecken.“
„Apropos Sicherheit“, sagte Queenie und zögerte. Tina sah auf.
„Was ist?“
„Ich sollte es dir eigentlich nicht sagen, aber du bist meine Schwester! Das verstehen die Leute nicht.“
„Was ist, Queenie?“
Queenie senkte den Blick.
„Morgen früh wird es eine Sicherheitskonferenz geben. Die Präsidentin und alle mitwirkenden Auroren sind eingeladen, dazu einige Vertreter des Auslands…“
Tina begriff.
„Und ich wirke ja nicht mit. Sie wollen mich nicht dabeihaben.“
„Das hat niemand so gesagt…“
Tina spürte, wie verletzt ihr Stolz war.
„Und das, obwohl ich bei der Festnahme Grindelwalds mitgewirkt habe! Wie viele dieser Auroren können von sich behaupten, mit ihm gesprochen zu haben! Ihn hereingelegt zu haben!“
Sie stellte den Tee hin, weil ihre Hand so vor Wut zitterte. Ein Gedanke kam ihr:
„Ist Newt eingeladen?“
Queenie biss sich auf die vollen Lippen.
„Es hieß, seine Qualifikation sei unentbehrlich. Seine Tierwesen…“
„Also ist er dabei, und ich werde außen vor gelassen.“
Tina wusste nicht, was sie mehr verletzte: Dass sie nicht dabei war, oder dass Newt es schon war. Sie beide waren ein Team gewesen – doch obwohl Newt bereits Bescheid wissen musste, hatte er es nicht für nötig gehalten, es ihr zu sagen.
„Und Graves?“, sprach sie ihre letzte Hoffnung aus, „wurde er eingeladen? Immerhin ist er die Schlüsselfigur.“
„Das weiß ich nicht“, gestand Queenie, „wenn, dann wird die Präsidentin es ihm direkt gesagt haben. So etwas läuft noch nicht über interne Kreise…“
Tina streifte sich ihren Wintermantel um.
„Dann finde ich es einmal heraus.“

**

Graves schien froh zu sein, sie zu sehen.
Er saß auf dem Stuhl beim Fenster und blickte von einer Akte auf, als Tina hereinkam. Die frühe Nacht war hereingebrochen, und das kühle Licht des Krankenhauses ließ ihn blass wirken, doch er lächelte, als sie eintrat.
„Ich hörte, es gab eine kleine Tierwesenjagd im Untergeschoss.“
„Richtig gehört“, antwortete Tina, „ein Pogrebin, der zurückgelassen wurde. Newt hat ihn in seinen Koffer verstaut.“
Sie setzte sich ihm gegenüber auf die Bettkante.
„Ich habe die Schatten gezählt. Danke.“
Er lächelte ganz leicht und senkte den Kopf.
„Wenn ich schon nicht in der Lage war, die Sache vorauszusehen, so konnte ich wohl immerhin verhindern, dass du an Depressionen vergehst. Das spart Geld.“
Sie lächelte ob dieses kleinen Witzes, und ihr Blick fiel auf die Akte, die auf seinem Schoß lag.
„Was lesen Sie?“
Er schien die Akte ganz vergessen zu haben, aber winkte ab.
„Etwas, um mich abzulenken. Ungelöste Fälle, Gerüchte, Vermutungen.“
„Wie sind Sie darangekommen?“
„Jemand schuldete mir einen Gefallen.“
„Kaum können Sie laufen, schon arbeiten Sie.“
„Zu irgendetwas muss ich ja gut sein.“
Es war als Witz gemeint, das wusste Tina, doch in Graves‘ Augen las sie, dass es dennoch Wahres enthielt.
„Wissen Sie, wann Sie wieder ins Büro können?“, erkundigte sie sich, und der Direktor verzog die Mundwinkel.
„Ich wurde noch über nichts unterrichtet.“
Sprach er auch von der Sicherheitskonferenz? Tina musste es wissen, und begann vorsichtig:
„Die Suche nach Grindelwald ist in vollem Gange. Alle Auroren sind auf der Straße, die ganze Stadt ist in Aufruhr. Die Präsidentin ist sehr besorgt, und aus diesem Grund hat sie für morgen eine... eine Sicherheitskonferenz einberufen.“
Unsicher schaute sie Graves an. Der nickte, ohne sie anzusehen.
„Wer wird anwesend sein?“
Ich nicht, dachte Tina, doch sie blieb professionell.
„Ich bin mir nicht sicher. Wahrscheinlich der Generalstab, die Präsidentin und vielleicht noch einige auswärtige Zauberer...“
„Und du?“, fragte er und sah sie an. Tina konnte nicht verhindern, wie ein Stich des Schmerzes sie durchzuckte, und sie schüttelte leicht den Kopf und senkte den Blick.
„Nein. Ich... Direktor Ratherwell denkt, ich könnte etwas mit dieser Sache zu tun haben.“
Sie zwang sich, aufzusehen. Sie war kein Schwächling.
„Das ist nicht wahr.“
Graves' Lippen zuckten.
„Das stimmt. Und doch bist du diejenige, die Grindelwald erkannt hat, obwohl er... mein Gesicht trug.“
„Das war Newt, Sir“, entgegnete sie. Sie konnte nicht umhin, gekränkt zu klingen, als sie fortfuhr:
„Er wird morgen auf der Konferenz erwartet.“
„Mag sein, dass dieser Newt hinter den Zauber gekommen ist, den Grindelwald nutzte“, sagte Graves ruhig, „doch er – und niemand anderes – hat sich nach seiner Entdeckung einen zweiten Gedanken darüber gemacht, wo ich hingekommen sein könnte. Du schon, Tina.“
Tina spürte, wie sie rot wurde.
„Ich... ich habe Ihnen das gar nicht erzählt.“
Graves lächelte ganz leicht.
„Wie gesagt: man schuldet mir noch Gefallen.“
Er legte die Akte beiseite, beugte sich nach vorne und verschränkte die Finger auf seinen Knien. Tina kannte diese Geste. Sie hatte sie in Konferenzen gesehen, in Meetings, und besonders in persönlichen Gesprächen. Jetzt sprach nicht Graves zu ihr, sondern Percival.
„Newton Scamander ist wie sein großer Bruder Theseus, obwohl beide das nie hören wollen würden. Ich war mit Theseus im Krieg. Er war stets darauf bedacht, die Front zu erweitern, dem Feind zu begegnen, hineinzurennen in die Schlacht. Er blickte nie zurück, außer, um Kameraden um Munition zu bitten. Er war der beste Sturmsoldat, den ich kannte – doch auch der rücksichtsloseste. Menschen, Tina, sind für ihn nicht das, was sie für uns sind. Er sah die Verletzten um sich herum, doch anstatt ihnen zu helfen schürte er seine Wut gegenüber denjenigen, die sie verletzt hatten. Newt ist vielleicht ebenso. Doch du...“
Er zögerte, dann machte er eine kleine hilflose Geste.
„Du bist diejenige, die in zweiter Reihe kämpft, doch nicht gegen Deutsche oder böse Zauberer, sondern gegen den Tod. Du suchst Gerechtigkeit, doch nicht durch Vergeltung sondern durch Rettung. Du rettest Leben, anstatt sie zu nehmen. Und deswegen will Ratherwell nicht, dass du morgen kommst. Sie denken, du bist zu gut.“
Tina saß da, und wusste nicht, was sie sagen sollte. Eine solche Einschätzung traf sie völlig überraschend, und einen Moment lang konnte sie Percival nicht in die Augen schauen. Er hatte noch nie vom Krieg gesprochen, obwohl Tina wusste, dass er eingezogen worden war – jeder fähige Zauberer hatte an der Front gekämpft. Doch Percival hatte nie ein Wort darüber verloren, und kein Auror – besonders junge, die vielleicht noch nicht alt genug für den Einzug gewesen waren – hatte gewagt, ihn danach zu fragen.
„Ich kenne Theseus' kleinen Bruder zu schlecht, um mit Sicherheit sagen zu können, dass er genauso ist“, fuhr Graves fort, und Tina merkte, dass nun wieder der Direktor der Sicherheitsabteilung zu ihr sprach,
„Und ich weiß, dass Mister Scamander an meiner Rettung beteiligt war, in nicht unerheblichem Maßstab. Doch ich weiß auch, dass du die Stütze warst, die die Moral am Leben erhalten hat.“
Er stand auf und stellte sich ans Fenster, um aufs nächtliche New York zu schauen. Er trug noch immer eine einfache Hose und ein T-Shirt, doch Tina erkannte, dass etwas vom alten Graves zurückgekommen war. Sie wusste nicht genau, was es war.
„Ich glaube, du solltest morgen zu dieser Sicherheitskonferenz gehen“, sagte er, und Tina spürte, wie ihre Hoffnung stieg. Er hielt sie also auch für geeignet, und er glaubte, dass sie dabei sein sollte.
Graves drehte sich zu ihr um, die Hände in den Hosentaschen.
„Ich werde dich begleiten. Sollen sie versuchen, dich abzuweisen.“
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