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Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
37
95.109
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05.05.2017 3.088
 
Sie apparierten diskret in einer Seitenstraße beim MACUSA-Gebäude, und mit steifen Schritten und Angst im Herzen überquerte Tina an der Seite von Newt den Platz. Außerhalb des Gebäudes verriet nichts, dass die Geschehnisse des Krankenhauses durchgedrungen waren – wahrscheinlich hatte Picquery einige Auroren abgestellt, um Zeugen zu obliviieren.
Sie erreichten den geheimen Seiteneingang, und Tina war froh, dort einen Türwächter zu sehen. Das bedeutete hoffentlich, dass die Situation bereits wieder unter Kontrolle war.
'Oder, dass es noch gar nicht geschehen ist.'
Sie zog ihren Ausweis aus ihrer Tasche, und der Mann winkte sie beide durch.
Als sie die Drehtür verließen und in die Lobby gingen, wusste Tina, dass etwas nicht stimmte.
Kein Zauberer saß am Empfang, keine Zauberstabputzer hatten ihre Plätze nahe der Treppe eingenommen. Das Mahnmal von Salem überthronte die leere Halle mit gespenstischer Stille. Tinas Blick huschte zur Messinguhr. Der Zeiger stand auf einem besorgniserregenden, roten Feld.
Mit einem flauen Gefühl durchquerte Tina die Lobby, dicht gefolgt von Newt. Der Aufzug war gerade nicht an seinem Platz – doch in diesem Moment hörte Tina ein wohlbekanntes Rattern, und aus der Tiefe erhob sich der Käfig. Die Tür schepperte auf – und Picquery kam Tina und Newt entgegen, im Schlepptau ein halbes Dutzend Auroren.
Tina konnte ihre Erleichterung nicht verbergen, doch erst, als sie sah, wie blass die Präsidentin war, setzte ihr logisches Denken ein.
Wenn das Ereignis, das Töten, noch vorfallen würde, würde Tina nicht gerade ein Trupp Auroren entgegenkommen.
„Es ist schon geschehen“, sagte Tina mit erstickter Stimme, und Picquery nickte steif.
„Wie viele, Ma‘am?“, fragte Newt mit kraftloser Stimme.
„Mindestens drei. Forester ist unten und sucht nach weiteren.“
Tina fürchtete sich vor der Frage, dennoch sprach sie sie aus:
„Und Grindelwald?“
Picquery senkte den Blick.
„Entkommen.“
„Wir riegeln das Viertel ab“, meldete sich Sebastian Ratherwell, der direkt hinter Picquery stand. Er wirkte ungehalten und bedachte Tina mit einem herablassenden Blick.
„Mister Scamander, ich hörte, Sie hätten nützliche Biester im Gepäck“, sagte er und suchte mit seinen strahlend blauen, aber kalten Augen Newts Erscheinung ab.
„Sind sie gerade verfügbar?“
Tina spürte, wie sich Newt neben ihr anspannte. Er hasste es, wenn man seine Tierwesen als Dinge behandelte oder sie überhaupt herablassend behandelte.
„Mein Koffer befindet sich in meinem Apartment.“
„Holen Sie ihn bitte, Sir, und treffen Sie uns so bald wie möglich vor der New York City Hall.“
„Wir sehen uns unten kurz um“, erklärte Tina, „dann stoßen wir zu Ihnen, Mister Ratherwell.“
Doch der derzeitige Direktor der Sicherheit bedachte Tina nicht einmal mit einem flüchtigen Blick.
„Ich glaube nicht, dass Sie von Nutzen sein können, Miss Goldstein.“
Bevor Tina etwas unüberlegtes sagen konnte, rauschte die Gruppe an Ihnen vorbei. Sie sahen ihnen nach, und Newt stieß einen Seufzer aus.
„Dieser Ratherwell scheint mir ein eher … schwieriger Auror zu sein.“
Tina nickte steif. Graves würde niemals eine Kollegin so behandeln, doch Ratherwell war ein Emporkömmling aus guter Familie, und das nutzte er gnadenlos aus.
„Ich hole rasch meinen Koffer“, sagte Newt, und Tina sah ihm nach, wie er das Gebäude wieder verließ. Sie seufzte und drehte sich herum, um die Lobby zu begutachten. In der ganzen Zeit, in der sie hier gearbeitet hatte, war der Empfangsraum nie leer gewesen. Doch die Stille, die nur vom Ticken der Messinguhr unterbrochen wurde, drückte nun auf Tina ein wie ein Bleigewicht. Und sie wusste nun auch, wieso.
Grindelwald war fort.
Wenn sie daran dachte, wie sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, und wie sie das erste Mal im Verhörsaal mit ihm gesprochen hatte, so bemächtigte sich ihrer tiefe, unergründliche Angst. Dieser Mann war ein fanatisches Monster, ein mächtiger Zauberer und ein rücksichtloser Idealist vereint. Und nun ist er wieder auf freiem Fuß.
Was würde er nun tun?
Kurz flackerte in Tina Sorge auf. Würde er zu Graves zurückkehren und Rache üben? Er hatte eine dunkle Magierin vorausgeschickt, um das Werk zu vollenden, doch es war ihr nicht gelungen. Würde Grindelwald es zu Ende bringen?
Picquery hatte zwei Auroren zur Bewachung abgestellt. Es waren fähige Zauberer, doch Tina wusste, dass zehn nicht ausreichen würden, um Grindelwald zu stoppen.
Sie musste an die Leiche der Magierin denken. Wie viel ungefilterte, böswillige Magie hatte es gebraucht, um sie so zuzurichten? Zu was war ihr Mentor tatsächlich in der Lage?
Die Drehtür fuhr herum, und Newt kam mit de m altbekannten Koffer in der Hand auf sie zu.
„Gehen wir hinunter“, sagte sie zu Newt, „vielleicht braucht Forester Hilfe.“
Der Hauself erwartete sie mit ernstem Gesichtsausdruck.
„Hinunter in die Vollzugsetage“, sagte Tina mit, so hoffte sie, fester Stimme. Der Elf bedachte beide mit einem Blick, dann ließ er das Gitter zuschnappen und sie fuhren hinab. Die Vollzugsetage befand sich ein Stockwerk tiefer als das Verhörzimmer, und Tina war selten hier unten gewesen. Einzig die Todeskammer befand sich noch tiefer. Zumindest hatte man das Tina gesagt.
„Gibt es einen Situationsbericht?“, fragte sie, während sie durch die Dunkelheit fuhren.
„Situationsbericht? So viele Auroren, wie ich in den letzten Minuten hier rumbefördert hab‘, sieht die Situation nicht so heiter aus.“
Tina spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als graues, kaltes Licht die Kabine flutete. Der Aufzug hielt krachend an, und die Türen schepperten auf – das unglaublich laute Geräusch ließ Tina zusammenzucken.
„Wir sin‘ da“, sagte der Elf überflüssigerweise.
Tina suchte Newts Blick, und er nickte ihr aufmunternd zu.
Um den Gefangenen keinen Anhaltspunkt über ihren Aufenthaltsort zu geben, hatte man die Gänge rund um den Verhörraum ebenso trist und grau gestaltet wie ihn selbst.
Als Tina nun den Aufzug verließ, hallten ihre Schritte von dem dunklen Boden und den naturbelassenen Betonwänden wider. Einzelne Lichtquellen saßen wie Fledermäuse in den oberen Ecken. Sonst war niemand hier.
Stimmen drangen zu Tina, und als sie die von Forester erkannte, gestattete sie sich, sich etwas zu entspannen. Sie beschleunigte ihren Schritt und ging um die Ecke. Die Gänge teilten sich in ein tristes Labyrinth auf. Nur ausgewählte Auroren wussten um den Grundriss dieses Stockwerkes Bescheid, doch Tina vertraute ihren Sinnen und folgte ihrem Gehör, immer den Stimmen nach.
Sie spürte, wie die Architektur des Stockwerkes sich auf ihr Gemüt schlug. Sie fühlte sich klein und unbedeutend, nichtssagend inmitten all dieser grauen Leere. Sie glaubte, die Schwere der vielen hundert Fuß Erde über ihr könne sie jeden Moment ersticken. Für einen Moment wollte sie am liebsten umkehren. In ihr wuchs der Gedanke, dass, was auch immer hier passiert war, bereits geschehen war, ob sie es nun sah oder nicht. Und sie würde es nicht ändern können.
Doch sie konzentrierte sich auf die Stimmen, und sie mussten nicht mehr lang suchen. Als sie um eine Ecke bogen, sah Tina drei Auroren, darunter einen hochgewachsenen Mann mit hellen Haaren.
Dankbar näherte sie sich ihm, und William Forester hörte ihre Schritte und wandte sich ihr zu.
Sein Gesichtsausdruck erschreckte Tina. Es wirkte starr und so von Leid belastet, dass es sich auf seine ganze Erscheinung niederschlug. Auch die anderen Auroren drehten sich nun ihr zu, dem Mittelpunkt der Konversation beraubt.
Tina fürchtete sich vor der Antwort, als sie fragte:
„Was ist geschehen?“
Forester senkte den Blick.
„Was auch immer es war, das Schlimme ist: es ist bereits geschehen.“
„Das tut mir leid“, sagte Tina. Sie hatte Forester noch nie so kraftlos gesehen. Sie wandte sich an die Aurorin neben ihr – Ella hieß sie, so glaubte Tina, eine wunderhübsche junge Frau mit dunkler Haut und hellen Augen.
„Die Präsidentin hat gesagt, es gäbe… Verluste.“
„Bis jetzt haben wir drei gefunden“, antwortete Ella. “Timmy, Felicia und Anne.“
Sie wirkte gefasst, auch wenn ihre Stimme bei den Namen einen zittrigen Klang angenommen hatte. Mitgefühl ergriff von Tina Besitz. Sie legte der Frau die Hand auf die Schulter, fragte aber an Forester gewandt:
„Wie viele waren hier unten, als es geschah?“
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht. Normalerweise sollten immer mindestens fünf Auroren hier stationiert sein. Timothy hatte die Aufsicht…“
Er trat einen Schritt zurück, und erst jetzt erspähte Tina etwas, das nicht weit entfernt von Forester mit dem Rücken zur Wand auf dem Boden saß. Sie ging näher heran, konnte den Blick nicht abwenden.
Der Mann war noch jung gewesen, hatte braunrote Haare und eine Brille auf der großen Nase. Sein Kopf war auf seine Brust gefallen, und Tina sah, dass sein Hals voller Blut war. Doch das war nicht das, was sie am meisten schockierte.
Der Gesichtsausdruck des Auroren zeigte die größte, tiefste Mutlosigkeit, die Tina jemals gesehen hatte. Er sah aus, als hätte er alles aufgegeben, was es aufzugeben gab.
Inklusive seines Lebens.
Sie zögerte. Dann übernahm der Auror in ihr die Kontrolle, und sie sah sich die Halswunde genauer an. Waren das…
„Newt?“
Sofort war Newt neben Tina und besah sich des Halses genauer.
„Das sind Bissspuren, von Giftzähnen“, sagte er leise, „doch ohne jedwede Präzision. Fahrig. Als hätte der Angreifer keinen Willen gehabt, das Opfer nur zu vergiften.“
Er drehte den Kopf des Mannes auf die andere Seite.
„Auch hier eine Bissspur, doch die wurde präziser ausgeführt, mit mehr Konzentration.“
Er schwieg eine Zeit lang, die Lippen zusammengepresst, die Hände auf die Oberschenkel gestützt.
Dann sagte er:
„Es muss ein Runespoor gewesen sein.“
„Sie meinen dieses Schlangenwesen mit drei Köpfen?“, fragte Forester nach.
„Mit zwei, so wie es aussieht. Bei dieser Art kommt es häufiger vor, dass zwei Köpfe sich darauf einigen, den dritten zu fressen, der den Vermittler darstellt. Runespoors werden aus diesem Grund eigentlich sofort eingeschläfert, wenn sie einen Kopf verlieren. Sie werden unberechenbar und oftmals aggressiv.“
Die Leiche vor ihm war der Beweis für Letzteres. Tina wollte sich nicht vorstellen, wie es war, von einem Runespoor getötet zu werden. Entweder, man verblutet durch die Rücksichtslosigkeit des einen, oder durch das lähmende Gift des anderen Mauls.
„Weisen alle drei Opfer dieselben Spuren auf?“, fragte Newt mit Blick auf Forester. Der nickte.
„Soweit ungeschulte Augen das sehen konnten – ja. Doch wir haben keine Spur von der Schlange gefunden.“
Er zögerte kurz. Dann sagte er leise:
„Wir müssen die Leichen bestatten.“
„Tot und bereits unter der Erde“, rezitierte Tina Graves‘ Worte. Sie sah Newt an.
Er schien zu grübeln, und sie erriet seine Gedanken.
„Mister Graves sprach von einem Schatten, einem… scharfgeschnittenen Schatten.“
Newt nickte.
„Normalerweise sind Runespoors nicht allzu gefährlich. Sie sind tödlich, doch nur, wenn das Opfer sich nicht wehrt. Durch die widersprüchlichen Gedanken der beiden Köpfe sind sie nicht gerade schnell. Runespoor-Todesfälle gibt es immer wieder, doch meistens waren die Leute nicht mobil, zu alt, oder zu unachtsam. Diese Auroren hier waren alles andere als eines davon. Es muss also noch ein zweites Wesen hier gewesen sein. Es muss die Leute dazu gebracht haben, die Angriffe nicht zu bemerken. Vielleicht hat es sie verwirrt oder…“
„ … und die anderen Schatten haben angehalten und sind gestorben, als wäre es das einfachste auf der Welt“, zitierte Tina weiter und sah Newt mit großen Augen an.
„Was auch immer dieser Schatten ist, er hat die Menschen dazu gebracht, aufzugeben.“
Newt überlegte fieberhaft.
„Dafür kommen ein paar infrage…“ abrupt schaute er auf.
„Erinnerst du dich an vorhin, als wir das Stockwerk betraten?“
„Natürlich, was meinst du?“
„Hat dich da auch ein Gefühl der Erdrückung erreicht? Als wäre die Welt zu groß und du viel zu klein, und als wärst du sowieso keine Hilfe, denn…“
„Was geschehen ist ist geschehen“, beendete Tina den Satz. Auf was wollte er hinaus?
„Ja. Diese Gänge hier sind erdrückend.“
„Ich glaube, es sind nicht nur die Gänge“, sagte Newt mit bedeutungsschwerer Stimme.
„Was auch immer den Auroren die schweren, tödlichen Gedanken eingeflüstert hat, ist noch hier.“
Tina sah alarmiert von Newt zu Forester und wieder zurück.
„Du meinst, es hat versucht, uns ebenso unfähig zu machen?“
Newt schien zu überlegen.
„Die Schlange ist weg, doch wer auch immer sie und das andere Wesen hier ausgesetzt hat, muss keine Zeit mehr gehabt haben, beide rauszuholen. Es wurde zurückgelassen. Und jetzt versteckt es sich hier.“
Mit einem Mal wirkte der Gang um Tina noch bedrückender, und nervös sah sie sich um.
„Wie sollen wir ihn finden?“
Trotz der Situation lächelte Newt verschmitzt.
„Ich denke, wir sollten unserem Gefühl vertrauen.“

Sie teilten sich nicht auf – das war zu gefährlich, und Forester war als einziger in der Lage, sie wieder hier aus diesem Labyrinth zu führen.
„Achtet auf das Gefühl von Schwere, von Niedergeschlagenheit“, riet Newt, während sie langsam durch die Gänge schritten,
„wenn es stärker wird, sagt sofort Bescheid.“
„Ein Schatten an der Wand“, sagte Forester und betrachtete seinen eigenen scharfen Schatten, der durch ein Licht an die Wand geworfen wurde.
„Das ist keine sehr leichte Aufgabe.“
Tina wusste nicht, wo sie hinsehen sollte. Percival Graves hatte gesagt, dieser Schatten hätte sich angeschlichen, und dann wären die Opfer in Niedergeschlagenheit zusammengesunken und hätten auf den Tod gewartet. Wie würde sie ein solches Gefühl aufhalten können? Wie konnte man einen Schatten jagen?
„Zähle die Schatten“, hallten Graves‘ Worte in ihrem Kopf, doch sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte. Die Gänge bestanden fast nur aus grauem Schatten, lediglich die Lampen brachten etwas Licht auf die Betonwände.
Eine ganze Zeit lang gingen sie durch die Gänge, immer mit Foresters Führung. Auch nach seinen Anweisungen konnte Tina den Grundriss nicht verstehen – doch das war ja die Absicht der Architektur.
„Haben wir schon alles hinter uns gelassen?“, fragte sie in die Runde.
„Noch nicht ganz“, antwortete Forester, „es fehlen noch zwei Seitengänge im nördlichen Bereich. Wir gehen gerade dort hin.“
„Warum sollte dieser Schatten sich überhaupt zu erkennen geben?“, fragte sich Tina laut, „es wäre viel schlauer, wenn er sich jetzt versteckt hielte und sich dann alle paar Jahre mal ein Opfer schnappen würde.“
„Merlin sei Dank scheint dieser Schatten nicht so intelligent wie du zu sein“, antwortete Newt mit einem verschmitzten Lächeln, doch Tina war nicht nach Lachen zu Mute. Sie passierten eine Leiche, die zweite. Eine junge Frau mit modisch kurzgeschnittenen Haaren, die in einer Fötus-Haltung in der Ecke lag.
„Ich meine: Wenn die Schlange tatsächlich weg ist, kann er schlecht töten, zumindest nicht uns drei auf einmal. Er wird sich uns wohl kaum zeigen.“
„Du meinst, wir sollten uns trennen?“
„Wohl kaum. Wenn einer von uns von diesem Ding angegriffen wird, kann niemand helfen.“
„Ich weiß ja nicht“, sagte Forester, „entweder, wir finden ihn zu dritt nie oder allein schon. Ich denke, man wird ja noch um Hilfe schreien können.“
„Das sagen Sie. Was ist, wenn er Sie umbringt? Dann sind wir hier unten und finden nicht wieder heraus aus diesem Loch.“
„Sich aufzuteilen ist unnötig“, pflichtete Newt Tina bei, „wir versuchen, ihn hier zu finden. Vielleicht ist er auch schon nach oben.“
„Na, das wäre ja super!“, ereiferte sich Forester, „das heißt, er treibt sein Unwesen in New York. Haufenweise Menschen begehen Suizid oder werden depressiv. Das wird dann als Große Depression in die Geschichte eingehen.“
„Lasst uns nicht so negativ denken“, versuchte es Newt, doch Forester blieb stehen und hob den Zauberstab in eine hilflosen Geste.
„Wie soll ich positiv sein? Meine Schüler wurden allesamt umgebracht, während ich am anderen Ende der Stadt war! Ich habe weder Percival Graves gefunden, noch bin ich in der Lage, Grindelwald sicher zu verwahren!“
Mit Entsetzen hörte Tina, wie seine Stimme brach.
„Ich bin unfähig! Und in diesem Stockwerk sind sechs Menschen, die Beweis genug dafür sind. Ein Zauberer ist auf freiem Fuß, und jeder Mensch, den er tötet, geht auf meine Rechnung!“
Er stand vor ihnen, das Licht beschien ihn von hinten. Mit Schrecken sah Tina, dass auch er aussah, als hätte er aufgegeben. Die menschliche Seite in ihr wollte ihm Mut zusprechen.
Doch der Auror in ihr suchte nach dem Wesen.
„Mister Forester, es hat Sie“, sagte Newt neben Tina leise, „es speist Sie mit schlimmen Gedanken. Bleiben Sie stark.“
„Stark, hm?“, sagte Forester und schaute von Tina zu Newt, „wie soll ich stark sein, wenn mein Leben in Trümmern liegt.“
„Ihr Leben liegt nicht in Trümmern“, versuchte Tina es, „Sie haben Ihre Frau besucht. Ihr wird es bald bessergehen.“
Fieberhaft suchte sie nach dem Wesen, suchte die Ritzen der Wand ab, die Ecken des Ganges, doch nichts deutete darauf hin, dass etwas hier war.
„Meine Frau liebt mich nicht“, jammerte Forester derweil, „sie sagte, ich arbeite ihr zu viel. Und seht, was meine Arbeit mir bringt. Tote und Chaos.“
Zähle die Schatten, schoss es Tina durch den Kopf, und ihr Blick glitt zum Boden. Dort war der scharfgeschnittene Schatten von Forester, durch den Winkel der Lampe in die Länge gezogen.
Seine Gestalt hatte zwei Köpfe.
„Ich kann nicht mehr“, sagte Forester leise.
Im nächsten Moment passierten viele Dinge gleichzeitig.
Forester hob den Zauberstab und setzte ihn sich an die Schläfe. Tina hob den ihren und wirkte einen Zauber auf den Schatten, instinktiv, sie würde danach nicht einmal mehr sagen können, welcher. Newt hingegen machte einen Schlenker mit seinem Zauberstab, und Foresters wurde von ihm weggeschleudert.
Etwas kreischte auf und plötzlich wölbte sich der Schatten. Der zweite Kopf manifestierte sich, und ein glatzköpfiger, riesiger Kopf tauchte auf, gefolgt von einem gedrungenen, behaarten Körper. Das Wesen meckerte und fluchte, und kleine, graue Augen schauten Tina wütend an.
Dann stürzte er sich auf sie.
Sie reagierte wieder, doch nicht magisch. Sie holte mit dem Fuß aus und traf den kleinen Dämon mit der Stiefelspitze am großen Kopf. Er schrie auf, jammerte – und fiel um. Dort lag er nun, und vom Winkel her sah sein Kopf aus wie ein großer, grauer Stein.
Die Situation war vorüber. Forester stand da und starrte fassungslos auf das Wesen.
„Ich… ich.“
„Ein Pogrebin“, sagte Newt und näherte sich dem Wesen.
„Ich hatte es mir gedacht, aber einen so getarnten habe ich noch nie gesehen.“
Tina, voller Erleichterung, trat an Forester heran und berührte ihn sanft am Unterarm.
„Alles in Ordnung?“
Der New Yorker schien noch immer fassungslos, aber er brachte ein Nicken zustande.
„Ich… ich dachte, alles wäre hoffnungslos. Ich…“
„Ist es nicht“, antwortete Tina mit Blick auf das Wesen, über das Newt gerade einen Schlafzauber legte.
„Wirst du ihn in deine Sammlung aufnehmen?“
Newts Lächeln blitzte auf, und inmitten des kalten Betons war es das Schönste, was Tina sah.
„Natürlich. Ein Pogrebin von dieser Sorte sollte ich genauer untersuchen. Vielleicht kann er mir sagen, woher er kommt.“
„Bringen wir ihn so schnell wie möglich hier raus“, sagte Tina, „weniger wegen ihm, sondern wegen mir. Dieses Stockwerk ist wirklich nicht meins.“

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Hallöchen liebe Leser und willkommen zu einem Kapitel, wo NICHT Percival einen Auftritt hat!
Sagt mir doch, wie es euch gefallen hat? War es zu aufgesetzt? Leider habe ich noch nicht so wirklich Erfahrung mit psychothrillerartigen Szenen, also nur her mit den Tipps!
Bis dahin wünsche ich Euch ein schönes Maiwochenende! :)
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