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Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
37
95.109
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16.04.2017 3.317
 
Wenn jemand glaubte, dass am Ostersonntag bei MACUSA in New York nichts los war, der hatte sich geschnitten.
Auch Tina musste das schmerzlich erfahren. Sie saß gerade an ihrem Tisch und beugte sich über eine Akte, als Fitz, der Praktikant, den Raum betrat.
„Anklopfen, Fitz“, mahnte sie ihn, und er schloss seinen Mund. Doch sie lächelte nachsichtig und legte ihre Feder nieder, mit der sie sich Notizen gemacht hatte.
„Ma’am, da ist ein Mann am Empfang, der will Mister Graces sprechen.“ Fitz war noch jung, und er konnte Tina nicht in die Augen sehen. Er würde es nie zu etwas bringen, das wusste sie, wenn er nicht hart an sich arbeitete. Doch er stammte aus einer reichen Familie, und hatte einen Job hier nicht dringend nötig.
„Hast du gefragt, wie der Mann heißt?“, fragte sie, während sie vom Tisch aufstand. Fitz machte „Äh.“, dann lief er so rot an, dass Tina grinsen musste.
„Schon gut. Bring‘ mich zu ihm.“
Sie durchquerten den ersten Stock und fuhren im Aufzug herunter. Schon jetzt konnte Tina durch die Gitterstäbe auf eine eindrucksvolle Figur einen Blick werfen.
„Du kannst nach oben gehen, Fitz. Ich habe den Mann gesehen.“
Fitz blieb also im Aufzug, während Tina auf den möglichen Klienten zuging. Schon von weitem fiel ihr der schwarze, lange Wollmantel auf, darüber einen weißen Kaschmirschal, der seinen hohen Preis förmlich hinausschrie. Darunter trug der Mann eine graue Weste und ein weißes, grobes Hemd. Ein breitkrempiger, gerader Hut warf einen langen Schatten auf sein Gesicht. Die Frau am Empfang blinzelte Tina ängstlich zu, und der Fremde bemerkte das und wandte sich ihr zu. An seiner Uhrenkette sah sie Münzen aufblitzen, und eine altmodische Lesebrille hing um seinen Hals. Er hatte einen schwarzen Gehstock mit silbernem Knauf.
„Hier kommt die Kavallerie“, sagte der Mann mit tiefer, schleppender Stimme. Tina spürte sofort die Präsenz, die von ihm ausging. Er war breitschultrig, beinahe bullig, und seine untere Gesichtshälfte war von einem drahtigen, rotbraunen Bart bedeckt. Unter der Hutkrempe leuchteten Tina Augen entgegen, und in ihnen stand eine Mischung aus Wut und Belustigung.
„Entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten, Sir“, begrüßte Tina ihn mit einem höflichen Lächeln. Sie konnte die Empfangsdame verstehen – selbst ihr fiel es schwer, dem Mann zu nahe zu kommen. Sie reichte ihm die Hand.
„Ich bin Porpentina Goldstein, Aurorin.“
Der Fremde begutachtete sie kurz, dann schwang aus dem Mantel eine breite Hand hervor und schüttelte die ihre mit geradezu archaischer Grobheit.
„Alfie Solomons. Kein Auror. Ich will mit Mister Graves sprechen.“
„Haben Sie denn einen Termin?“
Alfie Solomons legte den Kopf schief.
„Ich brauche keinen verschissenen Termin.“
Er sprach mit einem dreckigen, englischen, doch beinahe singendem Akzent, den Tina kaum verstand.
„Ich will sofort mit Ihrem Boss sprechen.“
Tina wechselte einen kurzen Blick mit der Frau hinter den Tresen, dann setzte sie ihr professionelles Lächeln auf. Sie wusste, dass dieser Mann sich nicht mit einem Abwimmeln zufrieden gab, auch nicht mit einem späteren Termin. Sie konnte natürlich die Sicherheitsauroren rufen, doch vielleicht kannte Graves den eindrucksvollen Klienten.
„Dann folgen Sie mir, Mister Solomons.“
Der Mann grunzte zustimmend, und Tina ging los, ohne sich umzudrehen. Das brauchte sie auch nicht, denn sie hörte die schweren Schritte Solomons knapp hinter sich. Queenie, die gerade aus der unteren Abteilung kam, warf dem Fremden einen neugierigen Blick zu – dann huschte ihr Blick warnend zu Tina. Das machte es nicht unbedingt besser.
Was hat sie in seinem Kopf wohl gesehen? Ganz sicher nichts Gutes.
Es dauerte ewig, bis sie Graves‘ Büro erreichten. Tina hoffte, ihr Mentor wäre da.
„Bitte warten Sie hier, Mister Solomons. Ich melde Sie an. Dürfte ich den Grund ihres Besuchs erfahren?“
„Es geht ums Geschäftliche“, brummte Solomons, „es gibt Probleme.“
Mit dieser spärlichen Information klopfte Tina an und betrat den Raum.
Graves saß hinter seinem Tisch und schrieb in ein schwarzes Notizbuch, doch als er die Tür hörte, schaute er auf.
„Tina. Was gibt es?“
„Hier ist jemand, der Sie sehen möchte, Sir.“
Graves zog die Augenbrauen zusammen.
„Ich erinnere mich nicht, heute einen Termin zu haben.“
„Haben Sie auch nicht, Sir. Doch dieser Mann…“, Tina holte tief Luft, „Mister Solomons möchte Sie unbedingt sprechen. Es gehe ums Geschäftliche, sagte er mir.“
Percival las in Tinas Gesicht und schien etwas darin zu finden, denn er runzelte die Stirn.
„Nun gut. Lassen Sie ihn herein.“
Tina nickte, dann ging sie nach draußen und wandte sich an Alfie Solomons.
„Sie können jetzt hineingehen, Sir.“
„Vielen Dank“, sagte Solomons und bewegte sich an ihr vorbei. Er schien den ganzen Türrahmen auszufüllen, und Percival stand auf. Er sah im Gegensatz zum Klienten schlank und wendig aus, als er ihm die Hand gab. Solomons nahm seinen Hut ab – darunter kamen kurze, braune Haare zum Vorschein.
„Mister Graves“, sagte er in einer Art Singsang, „wie freundlich von Ihnen, Zeit für mich zu haben.“
„Mister Solomons. Bitte, setzen Sie sich.“ Graves wies auf einen Stuhl gegenüber dem Bürotisch, und Solomons setzte sich mit einem Grunzen. Tina langte nach vorne, um die Türe zu schließen und erhaschte einen Blick von Graves, den sie nicht deuten konnte. Sie schloss die Tür, doch die Scheibe darin erlaubte ihr, noch immer durchzuspähen. Sie konnte Solomons Gesicht nicht sehen, doch Graves hatte denselben, professionellen Gesichtsausdruck aufgesetzt, den sie so gut kannte, und die Handflächen aneinandergelegt. Sie atmete aus. Dieser Mann schien schwierig, doch sie zweifelte nicht daran, dass Graves ihn im Griff hatte.
Erleichterte wandte sie sich um – und stieß einen unterdrückten Schrei aus, als sie Fitz vor sich stehen sah. Der junge Mann schien genauso erschrocken wie sie und stolperte einen Schritt zurück.
„Was machst du hier, Fitz?!“
„Ich wollte sehen, ob Mister Graves mit dem gruseligen Mann fertig wird“, antwortete der Praktikant. Angstvoll schaute er zur Tür, als glaubte er, Solomons würde jeden Moment hinausspringen.
„Keine Sorge, Mister Graves wird mit jedem fertig“, antwortete Tina und glaubte das, was sie sagte, „immerhin will Mister Solomons was von ihm und nicht andersherum. Er wird sich benehmen müssen.“
Fitz schien nicht so recht überzeugt, doch als Tina zum Aufzug zurückkehrte, ging er neben ihr her.
„Frohe Ostern, übrigens, Miss Goldstein!“, sagte er und grinste. Tina erwiderte sein Grinsen, sagte aber.
„Ich feiere es zwar nicht, doch dir ebenso frohe Ostern, Fitz.“
Der Praktikant schien seinen Fehler bemerkt zu haben, denn er zog eine Grimasse, die anhielt, bis sie wieder in der Lobby waren.
„Wir sollten das hier dekorieren“, sagte er nachdenklich und schaute sich um.
„Was meinst du?“
„Na, dem Fest entsprechend! Etwas bunter! Es ist schließlich Ostern!“
Tina fragte sich insgeheim, ob Fitz das Gespräch von eben schon wieder vergessen hatte, aber sie wollte ihm ihre Religion nicht reindrücken, also zuckte sie nur mit den Schultern.
„Es würde es sicherlich freundlicher gestalten.“
Angeregt von ihrer Zustimmung machte sich Fitz davon – Tina hoffte, er würde nicht zu viele Sachen aufhängen – irgendjemand würde ihn schon zurechtweisen. Doch ihre Sorgen wurden von Queenie unterbrochen, als Tinas Schwester zu ihr trat, mit besorgtem Ausdruck in ihren leuchtenden Augen.
„Alfie Solomons ist kein netter Mensch“, murmelte sie und schaute sich besorgt um,
„wo ist er?“
„Bei Mister Graves“, antwortete Tina und Queenie schien erleichtert.
„Was hast du in seinem Kopf gesehen?“
„Sehr viel Gewalt“, antwortete Queenie, während beide zu Tinas Büro gingen,
„er kommt nicht von hier, sondern aus Birmingham, und dort verdient er sein Geld mit zwielichtigen Geschäften. Er nennt sich selbst Bäcker, doch er handelt mit der Mafia und anderen Gangstern Alkohol und Schusswaffen. Sein Kopf war voller unterdrückter Wut und Kalkulationen. Er ist wie ein brodelnder Vulkan. Und er ist Jude, wie wir.“
„Das habe ich an seinem Namen gesehen“, bestätigte Tina, und sie ahnte, dass er es auch an ihrem erkannt hatte.
„Er nimmt es sehr ernst“, sagte Queenie, „in Birmingham darf keiner seiner Arbeiter eine jüdische Frau auch nur ansehen.“
Queenie kam näher an Tina heran.
„Er hat Menschen töten lassen, Tina. Zauberer und No-Majs, er macht da keinen Unterschied.“
Sie hatten Tinas Büro erreicht, und sie schloss auf und ging hinein. Sie hatte es noch nicht lange, aber sie fand, bereits jetzt hatte es ihre persönliche Note. Doch sofort, als sie es betrat, fiel ihr etwas auf.
Sie hatte sich vor einiger Zeit am Hafen einen Bonsai gekauft, ein hübsches kleines Ding, das sie voller Liebe wässerte und pflegte.
Doch jetzt sah sie, dass er nicht aussah wie sonst.
„Wie kommen die Eier dort hin?“, fragte sie und schaute Queenie an.
„Warst du das?“
„Nein, warum sollte ich“, sagte Queenie und schien ebenso verwirrt.
„Wer hat den noch einen Schlüssel?“
„Nur ich“; sagte Tina nachdenklich und beugte sich hinab. Die Eier waren klein, etwa so groß wie ein Vierteldollarstück, doch sie leuchteten bunt und farbenfroh und drehten sich leicht um sich selbst. Erst jetzt sah Tina, dass sie frei unter den Ästchen zu schweben schienen, und sie beschlich ein böser Verdacht.
„Fitz.“
Sie schaute Queenie an.
„Er muss einen Zauber gewirkt haben. Er sagte, er wolle die Eingangshalle etwas dekorieren…“
„Dein Büro ist nicht die Eingangshalle“, gab Queenie zu bedenken. Tina schüttelte den Kopf. Dann, langsam, wurde ihr das Ausmaß dieser Sache bewusst.
„Der Zauber muss überall gewirkt haben! In jedem Büro. Also auch in seinem.“
Queenie und sie schauten sich an – dann liefen sie los.

***

„Hören Sie. Ich komme zu Ihnen, und lege Ihnen mit offenem Herzen meine Situation dar. Und Sie weisen mich einfach ab?“
Alfie Solomons Augen waren weit aufgerissen, als hätte er etwas gegessen, was ihm nicht bekommen hatte, doch Percival schaute ihn trotzdem direkt an.
„Ich weise Sie keinesfalls ab, Mister Solomons. Ich weise lediglich auf den Umstand hin, dass wir ohne ausdrückliche Freigabe der britischen Behörden keine englische Ware prüfen können, bevor sie amerikanischen Boden berührt hat. So sind die Handelsbestimmungen.“
„Scheißen Sie auf die Handelsbestimmungen!“, brummte Solomons mit seiner singenden Stimme. In diesem Tonfall konnte man nie wissen, ob er wütend oder belustigt war, und das, so glaubte Percival, hatte den Kaufmann in diese hohe Position gebracht.
'Das, und ein paar Köpfe, die gerollt sind, da bin ich sicher.'
„Das kann ich leider nicht tun, Mister Solomon. Sie behaupten, dass ein Teil Ihrer Ladung – Whiskey – noch vor dem Einlaufen in New York durch minderwertige Ware ausgetauscht wird, sehe ich das richtig?“
„So ist es.“
Graves legte die Handflächen aneinander.
„Und Sie glauben, dass dies mithilfe von Magie geschieht?“
„Hören Sie“, sagte Solomon und legte eine schwielige Hand mit drei Ringen auf den Tisch.
„ich weiß, dass irgendwelche Hurensöhne in der Nacht vor dem Einlaufen mein Schiff betreten, das gute Zeug mitnehmen und durch billigen Fusel ersetzen. Ich weiß, dass besagtes gutes Zeug drei, vier Tage später in Boston zu einem verdammt großzügigen Preis verschachert wird.“
Er hob die Hand und schlug einmal kräftig auf den Tisch. Pericval sah, dass seine Feder aus ihrer Position rollte, und legte sie seelenruhig zurück.
„Was zum Teufel ist das?“
„Diebstahl, nehme ich an“, sagte Percival, „doch nicht zwingend ist dabei magische Zuwiderhandlung involviert.“
„Halten Sie den Rand.“
Pericval blinzelte. Doch Solomons‘ Hand hob sich, langsam, schwerfällig, und zeigte hinter ihn.
„Ich meine das.“
Percival geduldete sich einen Moment – er würde nicht folgen wie ein Hund. Dann wandte er sich um, bedachte seinen bunt behangenen Drachenbaum mit einem Blick – und wandte sich wieder Solomons zu.
Er atmete einmal ein und wieder aus, und zügelte seine Wut. Er musste professionell aussehen.
„Eine kleine festliche Planänderung. Ich hoffe, Sie verzeihen.“
„Einen Scheiß werde ich“, sagte Solomons nüchtern, doch er hatte die Lippen zusammengepresst.
„Wollen Sie mich verscheißern?!“
„Keineswegs, Mister Solomons. Das ist ein Routinezauber, der jedes Jahr bei uns auftritt.“
Er erspähte eine Bewegung hinter Solomons Kopf. Dann sah er Tina, die mit schreckgeweiteten Augen hinter der Glasscheibe stand und Graves anstarrte. Ihr Mund formte einen derben Fluch.
Graves schaute wieder Solomons an.

***

„Meine Kollegen werden sich sofort darum kümmern“, hörten Tina und Queenie Graves sagen, einen Augenblick, nachdem er ihnen einen ernsten Blick zugeworfen hatte. Tina glaubte, sie musste vor Scham im Boden versinken.
„Okay, kennst du diesen Zauber?“, wandte sie sich an Queenie, „weißt du, wie man ihn aufhebt?“
Doch ihre Schwester zuckte nur mit den Schultern, und Tina stieß einen Fluch aus, den zweiten an diesem Morgen.
„Wir müssen Fitz finden. Nur er kann das wieder auflösen.“
Mit diesen Worten verließen sie den Gang und liefen los, Tina in Richtung der Lobby, während Queenie den Weg zur Cafeteria einschlug.
Tina hätte am liebsten vor Resignation geschrien. Dieser Praktikant brachte alles durcheinander, und bei dem gefährlich ruhigen Ton, den Alfie Solomons angeschlagen hatte, ahnte Tina, dass dieser Mann nicht den Humor für so etwas hatte. Sie hatte Alfie wohlwollend erlebt – wie würde es sein, wenn er wahrlich wütend war?
„Er hat Menschen töten lassen“, hatte Queenie gesagt. Tina hoffte, dieser Mann würde es nicht wagen, Graves anzugreifen.
Mittlerweile hatte sie die Lobby erreicht, doch hier war keine Spur von Fitz. Stattdessen sah sie hunderte Ostereier in allen erdenklichen Farben, die wie stehengebliebene Hagelkörner zehn Meter über dem Boden schwebten.
„Was ist hier los, Goldstein?“
Abernathy kam auf sie zu, der Zauberer aus der unteren Abteilung für Zauberstabzulassungen, doch Tina wimmelte ihn ab.
„Ich habe keine Ahnung Sir, doch ich versuche, das in Ordnung zu bringen.“
„Beeilen Sie sich, Goldstein. Wir sind kein Dekoladen.“
Als nächstes versuchte Tina es in der unteren Zauberstababteilung. Außer Ostereier, die immer wieder mit den flatternden Memos kollidierten, sah sie niemanden, und verzweifelt stieg sie wieder nach oben, dieses Mal zu den Büros. Sie schlug gerade den Weg zu Graves‘ Büro ein – vielleicht ließ sich doch etwas machen, ein Unsichtbarkeitszauber oder so etwas – da sah sie Fitz auf dem Gang stehen, den Zauberstab in der Hand.
„Merlin sei Dank“, sagte sie und rannte zu ihm.
„Fitz, was machst du denn?“, fuhr sie ihn an – jetzt war es mit ihrer Geduld vorbei.
„Du hast nicht nur die Eingangshalle dekoriert! Alles ist voller Eier!“
„Ja, nicht wahr?“, gab der Praktikant zurück und grinste sie an. Dann ließ er den Zauberstab sinken, wobei er eine quietschgelbe Linie nach sich zog, und steckte ihn ein.
„Jetzt ist es noch schöner.“
Tina starrte ihn an.
„Hast du es aufgelöst?“
„Nein, ich habe noch etwas mehr Leben hineingebracht.“
„Was?!“ Tina rannte zum Fenster zu Graves‘ Büro und spähte hinein –

***

Mitten im Satz machte es Plopp –
Und ein Kaninchen, etwa so groß wie ein Handball und braun wie eine Kastanie, plumpste mitten auf Percivals Schreibtisch. Beide, sowohl er als auch Solomons, starrten das Tier an –
Dann fand Percival seine Stimme wieder.
„Wie auch immer“, sagte er, packte das Kaninchen kurzerhand am Nacken und setzte es neben den Schreibtisch, „glaube ich, dass wir Ihnen dort nicht weiterhelfen können, wenn Sie keinen Beweis für eine zauberische Aktivität haben. Haben Sie sich schon einmal an die No-Maj Polizei New Yorks gewandt? Die Zollbehörde kümmert sich im gemeinen Fall darum.“
Doch Solomons schaute Percival Graves gar nicht mehr an, sondern stierte nur das Tier an, das mit gemächlichem Hoppeln den Raum durchmaß und schließlich vor dem Drachenbaum verharrte, seine zuckende Schnauze hob und fraß. Solomons beobachtete das Tier so lange, dass Graves schon etwas sagen wollte, dann hob er abrupt den Kopf.
„Sie verhöhnen mich!“
„Keineswegs, Mister Solomons.“
„Sie verhöhnen mich, weil ich Jude bin!“
„Das ist nicht wahr, Mister Solomons.“
„Sie mieser Scheißer!“
Mit einem Mal war Alfie Solomons aufgesprungen und stand vor Graves. Percival fasste an seinen Zauberstab, doch er blieb sitzen.
„Mister Solomons, dies ist ein Fehler meiner Kollegen. Das betrifft weder Sie noch irgendeinen anderen Klienten. Die Kollegen tun bereits alles, um den Zauber wieder rückgängig zu machen. Setzen Sie sich, und wir sehen, was wir wegen ihres Warenproblems tun können.“
Doch Solomons war nicht in der Stimmung, sich zu setzen. Stattdessen wälzte er sich mit schweren Schritten um Percivals Schreibtisch herum, und im nächsten Moment hatte er das Kaninchen an den Ohren gepackt und hob es unsanft hoch. Mit unterdrückter Wut beobachtete Percival, wie das arme Tier sich im unsanften Griff wand und mit den Hinterläufen ausschlug.
„Mister Solomons, dürfte ich Sie bitten, das Kaninchen wieder hinzusetzen.“
„Ein scheiß Kanickel!“, dröhnte der Kaufmann und hielt Percival das Tier hin, als hätte er es nicht schon gesehen.
„Ich komme hier her, um eine seriöse Bitte vorzubringen, und Sie lassen ein scheiß Kanickel vor meinen Augen auftauchen!“
„Wie ich sagte, Sir…“
Solomons schüttelte das Kaninchen, und es quiekte. Graves biss die Zähne zusammen.
„Ihr Amerikaner seid ein Haufen Hurensöhne, das seid ihr!“, donnerte Solomons, mit dem Kaninchen in der Hand.
„Ich mache keine Geschäfte mit Hurensöhnen, die meine Religionen und mich demütigen!“
Graves atmete tief ein. Er sah Tina an der Tür stehen, bleich wie der Tod, die Augen auf das Kaninchen gerichtet.
„Nun, dann ist unser Meeting beendet“, sagte er leise und stand auf.
„Lassen Sie nun bitte das Kaninchen los, Mister Solomons. Es kann nichts für seine Existenz, und ebenso wenig für Sie.“

***

Tina sah, wie Solomons Augen weit wurden, so weit wie noch nie. Er hörte auf, das Kaninchen zu schütteln und starrte Percival an, der mittlerweile stand. Ihr entging nicht, dass er seinen Zauberstab in der Hand hatte.
Der Mann rührte sich nicht. Dann, plötzlich, ließ er das Kaninchen los. Es landete unsanft auf dem Teppich und suchte blitzschnell Zuflucht in der anderen Ecke des Büros. Tina sah, wie Solomons schwer atmete, und einen Moment lang fürchtete sie, er könne seinen Zauberstab benutzen. Sie streckte die Hand aus und drückte Fitz, der ebenso gespannt lauschte, zurück. Doch dann setzte er seinen Hut und rauschte zur Tür. Tina trat zurück, als er hinausging. Er starrte sie an, als er an ihr vorbeiging – Fitz würdigte er keines Blickes. Und schon war er verschwunden.
Ängstlich betrat Tina Graves Büro. Er stand da, so wie zuvor, als Solomons ihn verlassen hatte, nun aber die Hände in den Taschen, und schaute sie an. Sie hörte in sanftes Klimpern und sah, wie die Eier am Baum verschwanden.
„Sir, ich…. Es ist meine Schuld. Ich übernehme die volle Verantwortung.“
Graves betrachtete sie, dann wandte er sich ab, ohne noch etwas zu sagen, doch ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, als er sein Notizbuch schloss und an die richtige Stelle schob.
Etwas kitzelte Tina am Knöchel, und als sie hinabschaute, saß das Kaninchen vor ihr und schaute hoch. Sie bückte sich und nahm das Tier auf den Arm. Irgendetwas musste sie ja tun. Sie erwartete ihre Strafe aufrecht. Wenn auch mit einem Kaninchen auf dem Arm.
„Dieser Solomons war ein finsterer Mann“, sagte Graves nachdenklich, „er wollte nicht Gerechtigkeit, er wollte Rache.“
„Queenie sagte mir, er hätte Leute umbringen lassen“, gab Tina zu. Queenies Fähigkeit kannten nur wenige Leute, doch ihr Mentor gehörte dazu.
„Das glaube ich“, sagte Graves. Dann, mi einem Mal, sah er auf.
„Bringen Sie die Sache in Ordnung, Miss Goldstein“, sagte er, schaute auf seine Taschenuhr und steckte seinen Zauberstab ein, bevor er das Jackett vom Garderobenständer nahm. Tina machte ihm Platz, als er vorbeiging.
„Das passiert gerade, Sir. Sofort.“ Sie bedachte Fitz mit einem auffordernden Blick.
„Ist das Kaninchen nur bei mir aufgetaucht?“, fragte Graves und zog sich sein Jackett an. Tina schaute Fitz an. Der schaute zu Boden.
„Fitz?“
„Nein.“
„Wo noch?“, fragte Graves.
Nach kurzem Zögern sagte Fitz.
„Überall.“
„In jedem Büro einer?“
„In jedem Büro. Außer in dem der Präsidentin.“
„Gut“, sagte Graves, „sie hat gerade ein Meeting mit Runow Ashkilov, dem polnischen Zaubereiminister.“
„Dort habe ich zehn auftauchen lassen.“
Graves blieb stehen. Und schaute erst Fitz, dann Tina an. Die Panik in seinen Augen war fassbar.
Fitz quiekte:
„Frohe Ostern, Sir.“

_____________________________________________________________

Liebe Leute!
Ich wünsche Euch allen Frohe Ostern, und zur Feier des Tages ein kleines Osterspecial aus dem chaotischen Hause der MACUSA! Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen! Außer, wenn Alfie das Kaninchen packt, dieser Schuft!

Übrigens: die überaus eindrucksvolle Person des Alfie Solomons habe ich aus einer Serie geborgt, die in derselben Zeit, jedoch in England spielt: Alfie Solomons ist ein "Kaufmann" in Peaky Blinders - ihm würde ich sogar zutrauen, ein Zauberer zu sein!: https://www.youtube.com/watch?v=HmBOH1eRvSY
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