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Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
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95.109
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11.04.2017 6.136
 
„Was für einen Geist?“, fragte Tina und spürte, wie ihr Angst in die Kehle kroch. Doch es war die falsche Frage. Der Auror schüttelte nur stumm den Kopf und fuhr damit fort, die Narbe an seiner Stirn zu berühren. Tina hatte eine ausreichende medizinische Erfahrung, um zu wissen, dass er einen Schock erlitten hatte. Doch woher?
Das war jetzt gerade die am wenigsten wichtige Frage, entschied sie, ging vor ihm in die Hocke und streckte beruhigend eine Hand nach ihm aus. Er schien es beinahe nicht zu bemerken, als sie sanft sein Knie berührte – lediglich sein Finger hielt für einen Augenblick inne.
„Sagen Sie mir, was ich tun soll, Sir“, sagte Tina leise, „sagen Sie mir, was zu tun ist.“
Percival antwortete lange Zeit nicht. Er schien mit sich selbst im Gespräch zu liegen; Seine Augen huschten hin und wieder nach unten, und er schien höchst angespannt. Doch die Panik verschwand langsam aus seinem Blick, wie Rauch, der sich verzog. Tina hörte, wie er langsam ein und ausatmete, dann schloss er die Augen.
Als er sie wieder öffnete, war die Angst beinahe verschwunden, und von der Verstörtheit fand Tina keine Spur mehr. Der Auror räusperte sich und schaute beinahe schüchtern zu Tina hinab, die vor ihm hockte.
„Ich denke, ich sollte mich ausruhen“, meinte er unbestimmt und wich ihrem Blick aus,
„ich verhalte mich unprofessionell.“
„Sieht ja niemand“, scherzte Tina mit einem aufmunternden Lächeln und stand auf. Sie wusste nicht, wie viel sie zu seiner Beruhigung beigetragen hatte, doch sie war froh, dass es ihm wieder besser ging.
„Wie war das Bad?“
Der Themawechsel schien ihm entgegenzukommen.
„Es tat gut. Ich wollte keine Sekunde länger in diesen Sachen bleiben.“
„Kann ich gut verstehen.“ Abgesehen von seiner offensichtlichen Erschöpfung sah Percival Graves beinahe wieder aus wie früher. Tina würde sich noch an den Bartschatten und die Frisur gewöhnen müssen, doch vor ihr saß ihr Mentor, ohne Zweifel.
Andererseits dachte ich das die letzten Monate auch schon, schoss es ihr durch den Kopf, und sie schämte sich dafür.
„Wann…“, begann sie und schloss den Mund. Es war noch zu früh, um ihn auszufragen, und die Präsidentin wäre nicht erfreut, wenn Tina Graves ohne ihre Präsenz ausfragte. Sie hielt also den Mund – der Auror schien es sowieso nicht bemerkt zu haben, sondern blickte mit gerunzelter Stirn nach draußen.
„Über was denken Sie nach?... Wenn Sie mir die Frage gestatten, Sir.“
Ob er wusste, dass sie ihn gesiezt hatte? Wie auch immer, er hatte er nicht angesprochen – und tat es jetzt auch nicht.
„Das sieht mir nach zauberischer Aktivität aus“, sagte er leise, und sofort war Tina alarmiert. Sie sah nach draußen, suchte nach der Gefahr, die die scharfen Augen ihres Mentors bereits erspäht hatten.
Die Stadt sah aus wie immer, geschäftig, am Brummen. Manche Läden schlossen bereits am späten Nachmittag, und man sah so manchen Bürger noch schnell die Tageseinkäufe erledigen. Hier hatte Tina einen guten Ausblick auf die Stadt – und erhaschte im nächsten Moment ein Licht dort, wo keines hingehörte.
Es war hell und blass, beinahe bläulich, und wirbelte inmitten einer Kreuzung wie ein Kugelblitz hin und her, abgesetzt von der roten, untergehenden Wintersonne. Es war vielleicht so groß wie ein Mensch und schien beinahe spielerisch, doch schon im nächsten Moment verschwand es – und tauchte einige Meter entfernt wieder auf. Tina sah mit wachsender Sorge, wie sich bereits mancherlei Passant nach dem Spektakel umwandte, andere näherten sich dem Ball mit der Neugierde eines No-Majs. Doch sie sah keinen Auror, niemanden der MACUSA, der die Gefahr eindämmte.
„Mist“, fluchte sie, ging zu ihrem Stuhl und warf sich den Mantel um, „wo sind denn alle? Sie können doch nicht…“
Sie hatte sich gerade den Hut aufgesetzt, als der Kugelblitz explodierte. Die Explosion drückte gegen die Scheiben und ließ sie klirren, und Tinas Ohren klingelten, als sie zurückstolperte. Sie sah im blauweißen Explosionsradius, wie Menschen von den Füßen gerissen wurden und wie Puppen umherflogen. Autos wurden umgeworfen und fielen auf die Seite, und Fenster, die näher dran waren, zersplitterten und die Scherben gingen auf die Straßen nieder. Mit blankem Entsetzen starrte Tina die Szenerie an – dann übernahm ihre antrainierte Mechanik. Sie steckte sich ihren Zauberstab in die Tasche, und gerade, als sie sich umwandte, flog die Tür auf. Forester stand dort und schien genauso geschockt wie sie, doch auch er hatte sich unter Kontrolle.
„Wir sollten gehen.“
Tina nickte und zog ihren Mantel zu.
„Dieser Blitz war keine Spielerei“, hörte sie Graves knurren. Sie sah, wie er unsicher, aber selbstständig aufstand und auf das Chaos hinausblickte.
„Kalkül?“, fragte sie, und ohne es herbeiführen zu wollen, war sie plötzlich wieder Schülerin, und ihr Mentor erklärte ihr die Beschaffenheit einer Bedrohung. Der Kugelblitz hatte an Volumen zugenommen – er reichte schon bis ans zweite Stockwerk der umliegenden Gebäude heran.
„Eiskaltes Kalkül“, bestätigte er mit wütendem Blick auf die hilflosen Menschen, „es hat sie angelockt und ist dann detoniert. Der Zauberer muss noch in der Nähe sein – er muss Blickkontakt gehabt haben.“
„Miss Goldstein, kommen Sie“, drängte Forester von der Tür aus. Als Tina sich ihre Tasche umhängte, fiel ihr etwas ein, und sie zögerte, bevor sie in ihre Tasche langte und Graves‘ Zauberstab hervorholte. Sie sah, wie seine Augen groß wurden, als er ihn erkannte.
„Ich wollte ihn Ihnen eigentlich geben, wenn Sie entlassen werden“, sagte sie, „und eigentlich wollte das auch die Präsidentin persönlich machen. Doch ich will Ihnen das nicht länger vorenthalten.“
Sie reichte ihm den Zauberstab aus Ebenholz – seine silbernen Verzierungen leuchteten in der untergehenden Sonne und fingen das rote Licht ein. Er nahm ihn ihr beinahe vorsichtig aus der Hand und hielt ihn vor sich, andächtig.
„Legen Sie ein gutes Wort für mich ein, wenn die Präsidentin das herausfindet“, sagte Tina, um die angespannte Stimmung zu entschärfen. Sie wusste selbst nicht so genau, warum sie ihm jetzt seinen Zauberstab gab. Doch etwas in ihr, eine pessimistische, traurige Seite in ihr, sprach davon, es ihm zu geben, denn falls sie nicht zurückkommen würde…
„Ich danke Ihnen, Tina“, sagte Percival und sah sie an. Er schien beinahe gerührt, und schnell wandte Tina den Blick ab.
„Ich werde denjenigen finden und der Justiz zuführen.“
Der Auror sah sie an und konnte seine Resignation nicht verbergen. Doch Tina wusste, dass er den Job vor sich selbst stellte. Und er war professionell genug, zu wissen, dass er bei dem Einsatz nur ein Klotz am Bein wäre.
Er nickte ihr zu und senkte den Blick, und mit wehendem Mantel und aufgeregtem Herzen verließ Tina zusammen mit Forester den Krankensaal.


***

„Wir sind am nächsten dran!“, sagte Forester, während sie die Treppe hinabeilten. Es war zu riskant, nun zu disapparieren: die Menschen in der Abteilung für No-Majs hatte die Explosion ebenso miterlebt, und Tina und William bahnten sich ihren Weg durch eine aufgeregte Menschenmenge hindurch. Nicht wenige wollten wie sie nach draußen, und kurzentschlossen nutzte Tina ihre Ellenbogen.
„Was machen Sie eigentlich hier?“, rief sie ihm zu, während sie durch eine Doppeltür schlüpften und durch die Lobby eilten. Sie sah, dass der Auror Ausgehkleidung trug – ein Wintermantel schlenkerte gegen seine langen Beine, und er trug einen Hut, „sollten Sie nicht bei Grindelwald sein?“
„Ich habe ihn in guten Händen gelassen, als ich wegging“, versicherte er ihr, „doch sobald andere eintreffen, kehre ich zurück. Ich lasse Sie nur ungern allein da raus.“
Tina lächelte dankbar. Was auch immer da draußen war, wer auch immer da draußen war, sie fühlte sich wohler, wenn sie sich dem nicht allein stellen musste.
„Ich habe meine Frau besucht“, fuhr der Auror fort und warf Tina einen kurzen Blick zu, „sie hatte vorgestern einen Unfall beim Zubereiten eines neuen Tranks.“
„Das tut mir leid“, entgegnete Tina, doch Forester winkte ab.
„Nichts dramatisches. Ein paar Verbrennungen an den Händen. Ich wollte sie abholen. Haben Sie schon gehört? Grindelwalds Augen haben sich verändert!“
„Inwiefern?“, fragte Tina.
„Das eine, dunklere hat sich aufgehellt, ohne, dass wir davon etwas mitbekommen haben. Nahm dem Mann auch etwas die Aura, wie ich finde. Er äußert sich natürlich nicht dazu.“
In diesem Moment verließen sie das Krankenhaus auf der Nordseite. Auch hier war die Aufregung zu bemerken: No-Majs eilten die Straße entlang in Richtung Osten und brachten das Krankenhaus zwischen sich und die magische Gefahr. Ein Auto flitzte an Tina und Forester vorbei und verscheuchte aufgeregte Menschen von der Straße. Ein Gemüsehändler joggte mit dem Karren vor sich über den Bürgersteig. Für die Aufregung war es erstaunlich still.
Ausgenommen das Geräusch, das Tina mit einer unangenehmen Stärke in die Ohren drang. Es fühlte sich an, als würde ihr Trommelfell vibrieren, als würde ihr jemand Luft in einem schnellen Rhythmus ins Ohr wedeln. Sie wandte sich zusammen mit Forester nach Westen – und wurde sofort von der untergehenden Sonne geblendet. Das Dröhnen wurde stärker, schwoll an zu einem Fauchen wie Metall auf Metall – und Tina lief los.
Sie wich den Menschen aus, die ihr entgegenkamen. Die Gesichter der meisten zeigten den Ausdruck der Panik, den sie schon öfter bei Katastrophen gesehen hatte: Die Gesichtszüge versteinert, doch die Augen wachsam und aufgerissen.
Menschen, dachte Tina mit einer gewissen Faszination, sie werden immer überleben. Sie verfallen zwar in Panik, doch in kontrollierte Panik.
Die Menschenmassen wurden spärlicher. Tina sah, wie eine Frau einem Mann half, der im Gesicht blutete. Ein anderer humpelte und schob einen Jungen vor sich her, dessen Hand im grotesken Winkel von seinem Gelenk abstand. Tina wandte den Blick ab und zog ihren Zauberstab.
Als sie die Häuserecke erreicht hatten, atmete sie tief ein und aus. Wie immer vor einer Mission war sie aufgeregt, doch sobald es so weit war, würde es sich legen und ihre antrainierten Fähigkeiten würden die Kontrolle übernehmen. Ein kurzer Blick um sie herum verriet ihr, dass noch kein Auror aufgetaucht war. Die große Messinguhr musste doch schon längst ausgeschlagen haben, und Scharen von Auroren hätten schon längst hier sein müssen!
Eine weitere Explosion drückte in ihre Ohren, doch die Häuserecke schützte sie. Sie blickte Forester an, der neben ihr stand und seinen soliden, hellbraunen Zauberstab ebenfalls in der Hand hielt. Er nickte ihr unter der Hutkrempe heraus zu, und sie sah ihn fest an – dann stieß sie sich von der Wand ab und trat dem Zauber entgegen.

***

Percival Graves stand am Fenster seines Zimmers, die Hände auf das Fensterbrett gestützt, wobei eine Hand seinen Zauberstab hielt, und schaute der Gefahr zu, die sich mitten in den Straßen New Yorks ausbreitete und Menschenleben forderte.
Er fühlte sich nutzlos, und dieses Gefühl wandelte sich in jeder verstreichenden Sekunde mehr in Wut. Er wusste, dass er zu schwach war, um Tina zu helfen – er konnte ja kaum allein gehen. Zwar hatte Tina ihm seinen Zauberstab gegeben – als er seine Macht wieder gespürt hatte, wäre er fast vor Freude zusammengesunken – doch er wusste nicht, ob er schon wieder zaubern konnte, ohne sich zu überanstrengen.
Und doch konnte es nicht alles sein, hier zu stehen und zuzusehen. Doch einen Brief zu versenden würde zu lange dauern, und er wusste nicht, ob er dazu imstande war, zu disapparieren.
In diesem Moment sah er Tinas braunen Mantel am Rande seines Sichtfeldes. Er beobachtete, wie sie sich dem Kugelblitz näherte, der noch immer in der Mitte der Kreuzung schwebte wie eine verfälschte Kerzenflamme. Er sah, wie Tina sich zuerst die Lage genauer besah, während sie noch in Deckung war.
Gut.
Er wusste, dass sie viel von ihm gelernt hatte, doch sie nun beinahe allein – bei ihr war ein Graves unbekannter Zauberer – gegen eine offensichtlich starke magische Entität kämpfen sehen zu müssen, trieb seine Sorge an. Mit zusammengepressten Lippen beobachtete er Tina.
Er wusste nicht mehr viel von seiner Rettung. Er erinnerte sich an Stimmen, an ihre Stimme, doch er konnte nicht mehr genau sagen, was sie zu ihm gesagt hatte. Er erinnerte sich auch an Schwärze, bodenlose, grausame Schwärze, und dann an den unsagbaren Schmerz, als er von der Schwärze hinweggerissen wurde. Er war der Schlucht entkommen, das ahnte er.
Wenn er an die Zeit danach dachte, so bekam er augenblicklich Kopfschmerzen. Er erinnerte sich daran, aufgewacht zu sein und doch nicht aufgewacht zu sein. Vage erinnerte er sich an das Bild eines stämmigen Mannes, der ihn niederdrückte, doch er wusste nicht, wieso oder wann das geschehen war, ob vor oder nachdem er in die Schlucht gefallen war. Er erinnerte sich an Schmerzen, unsägliche, rot leuchtende Schmerzen, und an das Gefühl, etwas Wichtiges zu verlieren.
Doch was sich am prägnantesten, klarsten in seinem Kopf gehalten hatte, war eine kühle Hand, die nicht losgelassen hatte. An sanfte Berührungen, die ihn beruhigt hatten, die ihm gezeigt hatten, dass er nicht mehr dort war, wo er fürchtete zu sein. An ruhige Worte, und an das Gefühl, sicher zu sein.
Er wusste nicht, ob Tina diejenige gewesen war, die ihm geholfen hatte, doch er vermutete es. Er war vielleicht noch nicht ganz bei Kräften, doch keinesfalls war er blind. Er sah ihre Blicke, in ihnen eine stumme Frage, als würde sie wissen wollen, an was er sich erinnerte. Er hörte ihr Zögern, bevor sie ihn siezte, er bemerkte ihre Unsicherheit, wenn sie ihn berührte, als sei sie sich nicht sicher, was ginge und was nicht. Als wäre sie schon weiter gewesen, wüsste jedoch nicht, ob das noch gelte.
Sein Blick ließ von der grauenhaften Szenerie draußen ab und fand den Mistelzweig, der wie ein farbiger Fleck im sterilen Zimmer auf dem Tischchen lag. Er hatte ihn schon früh gesehen, und er hatte gesehen, wie Tina ihn immer wieder mit einem Blick bedacht hatte. Ohne es zu wollen, schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Sie hatte ihn gerettet, sie hatte die Zeichen richtig gedeutet, die er ihr hinterlassen hatte, und sie war zu ihm gekommen.
Und er hatte ihr noch nicht einmal dafür gedankt.
Die Fenster klirrten, und Percivals Blick huschte wieder zu dem Geschehen auf der Straße. Er spürte, wie sich sein Puls beschleunigte, als er sah, wie Tina dem Zauber stellte und selbstbewusst auf die Straße trat.
Er sorgte sich um Tina Goldstein.
Doch er konnte nichts anderes tun, als hier zu stehen und gegen die untergehende Sonne anzublinzeln und zu hoffen, dass sie das Können hatte, das er schon immer in ihr gesehen hatte.

***

Tina hob ihren Zauberstab und trat auf die Straße. Sie bedachte den Kugelblitz für einen Augenblick – dann beobachtete sie die Passanten, die herumeilten, die letzten Verbliebenen. Graves hatte gesagt, der ausführende Zauberer musste Blickkontakt haben, sonst hätte er die Explosion nicht koordinieren können. Im ersten Moment sah sie niemand Verdächtigen – doch auch in den umliegenden Häusern, hinter jedem Fenster, könnte jemand stehen.
Doch zuerst, das wusste sie, musste sie diesen großen zauberischen Kugelblitz hinwegschaffen, bevor noch mehr No-Majs Zeugen dieses Geschehens wurden.
Sie hob den Zauberstab und bildete eine schützende Hülle um den Kugelblitz. Erst dann wandte sie sich an William.
„Wir müssen ihn ersticken!“, schrie sie über das Dröhnen und Fauchen hinweg, und im nächsten Moment spürte sie, wie der Kugelblitz sich wehrte. Er drückte gegen ihr Schutzschild, und Tina wurde einen Schritt zurückgedrängt. Sie bemerkte, wie Forester sie unterstützte, doch der Zauber, der sich vor ihnen ausbreitete wie ein pulsierendes Herz war stark. Er musste von einem mächtigen Zauberer ausgeführt werden.
„Wir erden ihn!“, schlug sie vor, und ohne auf eine Erwiderung zu warten, begann sie, den Kugelblitz nach unten zu drücken, in Richtung der Straße. Es war schwierig, und Tina ächzte unter der Macht, die sich ihr entgegenstellte. Der Ball senkte sich blitzend und funkend, und mit einem Mal sandte er einen Stoß aus Energie aus, der Tina zurückstolpern ließ. Einen Moment war sie aus dem Gleichgewicht gebracht, und das reichte dem Zauber. Er erhob sich wieder, und wie ein wütendes Tier sandte es Krallen aus blauweißer Elektrizität aus, genau auf Tina zu. Sie sah, dass sie das nicht blocken konnte, und duckte sich weg. Während sie sich abrollte, sah sie aus dem Augenwinkel, wie der Blitz in den Boden fuhr und einige Pflastersteine heraussprengte.
„So geht es nicht!“, rief sie Forester zu, der mit zunehmender Furcht seinen Zauber aufrechterhielt.
In Kauerstellung überlegte Tina – dann erhob sie sich.
„Versuchen Sie, ihn einzudämmen!“, schrie sie, „ich suche die Quelle!“
Forester schien alles andere als zufrieden, doch er hielt den Zauber aufrecht, und Tina suchte Schutz auf dem Bürgersteig.
Die Kreuzung wurde gesäumt von großen, mehrstöckigen Gebäuden, und der Zauberer konnte sich in jedem einzelnen verstecken. Der Kugelblitz dehnte sich aus, und sie sah Foresters Anstrengung, als er versuchte, ihn wieder einzudämmen. Verzweiflung drohte, Tina zu übermannen, doch sie zwang sich, einzuatmen und ruhig zu bleiben. Graves hatte ihr die Grundzüge eines jeden Verstoßes gegen die Ordnung erklärt, und er hatte ihr auch erklärt, zu welchem Zweck sie da waren.
Um Unruhe zu stiften. Um Aufmerksamkeit der No-Majs auf sich zu ziehen.
Doch zu wissen, warum derjenige es tat, half Tina nicht weiter. Sie besah sich des Kugelblitzes genauer – in diesem Moment streckte der einen feurig-weißen Arm aus, und Tina konnte gerade noch einen Schutzzauber vor sich reißen, sodass der Arm abprallte. Forester brüllte auf und schrumpfte den Kugelblitz ein – doch schon im nächsten Moment nahm er wieder an Masse zu.
Von wo wird es gespeist?, fragte sich Tina, und kurzerhand lief sie los, indirekt auf den Kugelblitz zu. Sie hielt sich stets in Deckung – ausgefahrene Markisen und Balkone über ihr boten Sichtschutz, falls der Zauberer – davon ging sie aus – sich in einem der Häuser befand. Und es schien zu funktionieren – der Kugelblitz sandte zwar noch immer Arme in ihre Richtung, doch sie zielten nicht direkt auf sie. Der Zauberer versuchte, blind zu treffen. Mehr noch, er schien sich nun beinahe ganz auf Forester zu konzentrieren. Tina hoffte, dass der Auror der Aufgabe gewachsen war, doch sie wusste, dass er den Angriffen nicht sehr lange standhalten würde.
Sie erreichte die Kreuzung – und war plötzlich nicht einmal mehr zehn Schritt von dem riesigen Gebilde aus Magie entfernt. Der Boden unter ihm war gesprungen und zerplatzt, und Tina spürte, wie ihre Haare sich aufstellten. Der Kugelblitz schrumpfte zusammen, dann, als würde er sich wehren, pulsierte er mit einem ohrenbetäubenden Krachen –
Und Tina sah, wie ein hellblauer Schleier aus einem Fenster im dritten Stock im Gebäude gegenüber ihn speiste.
Dort.
Zwischen ihr und dem anderen Gebäude – ein großes Hochhaus aus dunkelrotem Backstein – lag die Straße breit und leer.
Und ohne jegliche Deckung.
Sie sah zurück zu Forester. Der Auror war zurückgetreten und hielt den Zauberstab nun mit beiden Händen. Sie durfte keine Zeit verlieren.
Sie wandte sich der Straße zu –
Und blockte er instinktiv einen Fluch ab.
Alles ging schnell.
Sie sah einen Zauberer, der aus dem Gebäude auf der anderen Straßenseite trat. Er hob den Zauberstab, zielte –
Und wurde zur Seite geschleudert.
Im nächsten Moment tauchte Newt Scamander auf, in der Hand einen Zauberstab, in der anderen einen kleinen, runden, grünen Ball. Tina wusste, um was es sich handelte. Das Tierwesen hatte ihr schon öfter als ein Mal das Leben gerettet
„Ich war noch nie so froh, dich zu sehen, Newt“, keuchte Tina, und der Magizoologe gesellte sich gebückt zu ihr.
„Ich bin nicht allein!“, schrie er, und als Tina sich umwandte, sah sie es –
Aus dem Nichts apparierten die Auroren, mindestens ein Dutzend, und richteten ihre Zauberstäbe auf den Kugelblitz. Sie sah, wie Präsidentin Picquery genau neben Forester erschien und ebenfalls ihren Zauberstab hob.
Sie waren doch gekommen.
„Ich weiß, wo die Quelle ist!“, schrie Tina Newt zu und deutete auf das Haus gegenüber.
Er besah sich des Gebäudes, dann des Kugelblitzes.
„Bist du sicher?“
Tina nickte ungeduldig. Sie hatten keine Zeit zu verlieren – mit jeder Sekunde wurde der Blitz größer und gefährlicher.
Newt schien skeptisch, doch er hob seinen Zauberstab.
„Ich gebe dir Deckung, so gut ich kann!“
Das musste genügen.
Tina holte tief Luft, fixierte die andere Straßenseite – und lief los.


***

Mit Entsetzen beobachtete Percival, wie Tina direkt auf den Zauber zuschritt und schließlich an der Straßenecke vor ihm Halt machte. Er wusste, was sie tat – sie musste den ausführenden Zauberer entdeckt haben und wollte ihn nun dingfest machen. Und allem Anschein nach befand sich dieser in dem großen Gebäude gegenüber von ihrem jetzigen Standort.
Doch Graves wusste auch, dass sie es niemals allein dort hin schaffen würde.
Er sah, wie sie es versuchte – und wie ihr Schildzauber zerbrach. Er hielt die Luft an.
Er sah den Schatten eines Zauberers mit erhobenem Zauberstab – dann wurde der zur Seite getrieben, und eine andere Gestalt gesellte sich zu Tina. Percival kannte diese Silhouette nicht, doch irgendetwas in seinem Hinterkopf rührte sich. Vielleicht ein unbekannterer Auror, den er nur kurz kennenlernen konnte bevor…
Er verscheuchte die Gedanken und konzentrierte sich aufs Geschehen. Wer auch immer der Zauberer war, er wirkte fähig – doch in der derzeitigen Situation wünschte sich Graves nichts sehnlicher, als an seiner Statt dort kämpfen zu können.
Er war so in die Situation vertieft, dass er die Geräusche zuerst gar nicht bemerkte. Doch sein Instinkt funktionierte noch und machte ihn darauf aufmerksam, und er stutzte. Seitdem ein riesiger Ball aus Energie vor dem Krankenhaus aufgetaucht war, hatte es zuerst eine Welle der Panik gegeben – jetzt schien es leer.
Doch inmitten dieser Stille klangen die Schritte laut wie ein Glockenschlag einer Kirche an Percivals Ohren.
Irgendetwas war an diesen Schritten seltsam. Sie waren nicht schnell wie die eines aufgeregten Krankenpflegers oder eilig-elegant wie die eines Arztes.
Nein, sie waren entspannt, sie schienen zu schlendern. Doch Percival hörte, wie sie vor jeder Tür stehenblieben. Und er hörte, wie jede einzelne Tür aufging und dann leise wieder geschlossen wurde.
Etwas stimmte nicht.
Die Schritte kamen näher.
Dann, mit einem Mal, hörte er eine dunkle, warme Stimme, die aus der anderen Richtung kam.
„Hey, Mister, Sie können hier nicht….“
Ein Blitz, ein Schrei. Dann das Geräusch eines zu Boden stürzenden Körpers.
Percival beobachtete die Tür.
Und hob seinen Zauberstab.

***

Trotz der zunehmenden Bedrängnis entging dem Kugelblitz Tina nicht.
Sie spürte die aufkommende Elektrizität, und im nächsten Moment schlug ein Blitz mit einem ohrenbetäubenden Krachen nur Zentimeter von ihrem Fuß entfernt ein. Sie sprang zur Seite, doch sie durfte nicht stehenbleiben, das wusste sie.
Erst, als Funken auf sie herabregneten, wusste sie, dass Newt sie gedeckt und beschützt hatte.
Ein weiterer Blitz schlug knapp vor ihr ein.
Noch zwei Schritte.
Ein Schritt.
Funkenregen.
Sie lief mit voller Geschwindigkeit gegen die Eingangstür und stolperte durch die gesprungene Glastür ins Gebäude. Beinahe wäre sie auf den Splittern ausgerutscht, doch sie fing sich und schaute zurück. Newt hatte die Blitze irgendwie unter Kontrolle, doch er zog sich mit Blick auf Tina zurück – er würde ihr nicht folgen können, zumindest nicht sofort.
Sie konnte sich keine Gedanken um das Warum machen, sondern rannte auf die Treppe zu.
Es war ein Werktag, doch die Menschen im Gebäude hatten sich entweder versteckt oder waren geflohen. Tina durchquerte die Lobby – es handelte sich wohl um ein Bürogebäude – und erklomm die Treppe. Der Strom schien weg, denn das Licht ging nicht an, doch Tina wollte sich auch nicht durch zauberisches Licht verraten, also nutzte sie Lumos nur im stockfinsteren Treppenhaus. Die kleine Chance bestand noch, dass der Zauberer sie nicht gesehen hatte.
Sie erreichte den ersten Stock, doch sie wusste, dass sie in den dritten musste. Jedes Mal, wenn sie das Treppenhaus erklomm, wurden die Geräusche ausgeblendet, und für einige Sekunden, bevor sie die Tür aufstieß, hörte sie nur ihren schnellen Atem und ihr eigenes Herz.
Zweiter Stock. Wind wehte durch die gesprungenen Fenster herein, und das letzte Licht der Sonne verschwand aus den Reflektionen der Splitter, die auf dem braunen Teppichboden lagen.
Wen würde sie dort oben vorfinden? Wer würde sie erwarten? Oder war es nur ein Trick gewesen, die Quelle zu zeigen, und Tina lief direkt in eine Falle.
Percival Graves würde es vielleicht wissen. Er hätte entschieden, und er hätte richtig entschieden.
Und doch war er letztlich unterlegen.
Tina nahm zwei Stufen auf einmal, erreichte den oberen Treppenabsatz, ließ ihr Licht verglühen, atmete ein und aus.
Und stieß die Tür auf.
Im ersten Moment war dieses Stockwerk nicht anders als die anderen Stockwerke. Eine breite Fensterfront zeigte gesprungenes Glas, Scherben lagen auf dem braunen Teppichboden, Bürostühle waren von der Druckwelle durch die Gänge geschoben worden, Akten lagen verstreut herum.
Das letzte Licht spiegelte sich in den Glasscheiben des Gebäudes im Osten, doch als Tina nach Süden schaute, erkannte sie eine Gestalt, die sie erwartete.
Der Mann war höchstens dreißig, hatte verwuschelte, schwarze Haare, die sich um ein ansehnliches Gesicht lockten.
Tina hob ihren Zauberstab.
„Sir, ich verhafte Sie wegen ungenehmigter Nutzung eines gefährlichen Zaubers, Verletzung des Rechts zur Nutzung in der Nicht-magischen Welt sowie Körperverletzung von No-Majs.“
Der Zauberer – er war kleiner als Tina, bemerkte sie – zuckte die schmalen Schultern.
„Kann ich ja nichts ´für, wenn Menschen einen Blitz anfassen, oder?“
Sie sah, dass er einen Zauberstab in der Hand hatte.
„Lassen Sie sofort den Zauberstab fallen, Sir!“, rief sie ihm zu und versuchte, ihrer Stimme einen herrischen, ruhigen Klang zu verleihen.
„Sonst wende ich Gewalt an!“
Der Mann grinste und kam näher.
„Ich glaube nicht, dass Sie das können, Ma’am. Mit allem Respekt.“
Tina hatte genug der Spielereien.
„Expelliarmus!“, rief sie, doch der Unbekannte blockte.
Beinahe lässig.
Sie hatte es nicht mit einem einfachen Unruhestifter zu tun, ahnte Tina, und der Mann bestätigte es:
„Sie glauben doch nicht, mich mit einem einfachen – sogar ausgesprochenen – Zauber zu kriegen, oder?“
Er ließ seine Frage unbeantwortet, stattdessen hob er mit einer geradezu unmenschlichen Schnelligkeit den Zauberstab und sandte einen Fluch auf sie ab. Tina riss ihren Schild hoch, doch die Wucht, die der Fluch noch immer hatte, drängte sie einen Schritt zurück. Mittlerweile war es zu dunkel, um mehr als Schemen zu sehen, doch sie hörte ein Grinsen in der Stimme des anderen.
„Da kommt die ganze MACUSA, alle kommen sie herbeigestürmt, und dann schicken sie eine Anfängerin? Peinliche Sache, das.“
Es leuchtete blau vor Tinas Augen auf, und wieder prallte ein Fluch von ihrem Schild ab. Wo zum Teufel blieb Newt?
„Sie sind nichts als ein gewöhnlicher Unruhestifter“, sagte sie, um Zeit zu sparen, „um sie schert sich die MACUSA einen Dreck. Sie sind wie jeder andere.“
„Und doch sind alle da!“, frohlockte der Mann, „immerhin hat mein kleines Bällchen dort draußen für ´ne Heiden Verwirrung gesorgt, hm?“
„Es hat Menschen verletzt“, antwortete Tina ernst, „und Sie werden dafür zur Rechenschaft gezogen!“
„Ach, was interessieren Euch schon die No-Majs!“, entgegnete der Zauberer, und seine Stimme nahm einen ärgerlichen Tonfall an, „sollen sie doch alle zum Teufel gehen! Sie sind unnütz und dämlich – und trotzdem verstecken wir uns vor ihnen. Warum überhaupt?“
Tina kamen diese Worte bekannt vor. Sie hatte sie schon einmal gehört, vor einigen Monaten, in einer U-Bahnstation. Aus dem vermeintlichen Mund von Percival Graves, doch gesagt hatte es Gellert Grindelwald.
Eine böse Ahnung beschlich Tina.
„Sie sind einer dieser Fanatiker“, sagte sie über ihren erhobenen Zauberstab hinweg.
„Fanatiker!“, wiederholte der andere spöttisch, „so nennt ihr uns! Wir nennen uns Realisten! Wir schauen der Welt ins Auge und fragen uns: die oder wir?“
„Beide!“, antwortete Tina, „es ist ein Zusammenleben möglich!“
„Das sagen sie immer. Und dann gibt es wieder Krieg.“
Der Mann schwieg, dann änderte sich sein Tonfall. Er wurde bedrohlich, und Tina spürte, wie ihr Zauberstab anfing zu zittern. Das Zischen und Klatschen der Elektrizität draußen wurde lauter.
„Bald kommt der Krieg wieder in dieses Land. Und wir werden als Gewinner daraus hervortreten. Als Mächtige. Als Götter!“
Er lachte laut und schrill, und bevor Tina reagieren konnte, leuchtete sein Zauberstab auf. Dunkelheit umfing Tina, als sich schwarzer Rauch vor die Fensterfronten legte, als hätte jemand eine Decke darüber geworfen. In der völligen Dunkelheit war Tina einen Augenblick lang orientierungslos und drehte sich um. Sie sah ein Aufblitzen neben sich, doch sie war zu langsam.
Ein Fluch erwischte sie und schleuderte sie durch die Dunkelheit. Sie sah nichts, hörte nichts, wusste nicht, wann sie aufkommen würde –
Da prallte sie gegen etwas Schepperndes, und die Luft wurde ihr aus den Lungen getrieben. Sie verlor ihren Zauberstab und purzelte über etwas, was ein Bürostuhl hätte sein können. Sie hörte Glassplitter unter sich brechen.
Dann waren ihre Beine plötzlich in der Luft, und sie schrie auf, als sie über die Kante rollte. Der schwarze Schleier war gelüftet, und sie fiel im grauen Licht des vergehenden Tages. Sie streckte die Hand aus, bereits im Fall – und krallte sich am Teppich fest. Ein Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung entwich ihr, und sie zwang sich, nicht nach unten zu sehen. Wind riss an ihrer Kleidung.
Sie öffnete die Augen, blickte nach oben, zu der Kante. Sie zwang sich, nur daran zu denken, und mit der Kraft der Verzweiflung zog sie sich hoch. Ihre Fingernägel brachen, als sie sich in den Boden krallte.
Noch ein Stück.
Sie hatte beinahe den Ellenbogen auf der Kante.
Da rutschten ihre Finger ab.

***
Die Schritte kamen näher.
Percival spürte, wie sein Zauberstab auf seine Aufregung reagierte und ganz leicht vibrierte. Er starrte die geschlossene Tür an. Das Zischen und Peitschen des Kugelblitzes wurde in seinen Ohren leiser, und er wusste, dass sein Adrenalin einsetzte. Er wusste, dass er ein guter Zauberer war. Schon in Ilvermorny hatten seine Fähigkeiten die der anderen Schüler übertroffen, selbst die des Hauses Wampus.
Doch jetzt zitterte seine Hand, und zum zweiten Mal in seinem Leben wusste Percival Graves nicht, ob seine Kräfte ausreichend waren.
Er hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken.
Die Tür öffnete sich schnell und blieb offen, und zuerst sah Percival einen leeren Gang. Doch schon im nächsten Moment füllte ein Körper den Eingang aus. Es war eine Frau, jung und düster, mit langen, rotbraunen Haaren und dunklen Augen.
„Da ist er ja“, sagte eine Stimme mit einem Akzent, den Percival nicht einordnen konnte.
„Der große Auror. Hab‘ ich dich.“
„Was willst du?“, fragte Percival. In diesem Moment schnalzte es hinter ihm ohrenbetäubend laut, doch er wandte sich nicht um. Die Frau allerdings schien fasziniert.
„Ein Wahnsinnsding, was Hugh da aufgestellt hat, oder?“, sagte sie lächelnd. Als Percival nicht antwortete, zog sie einen Schmollmund.
„Du bist kein sehr netter Mann.“
„Nicht bei unangemeldeten Besuchern“, entgegnete er. Obwohl all seine Sinne sich auf den unvermeidlichen Kampf vorbereiteten, waren seine Gedanken doch bei Tina. Ob es ihr gut ging?
„Witzig!“, lachte die Frau. Sie war aus Europa, das stand fest. Vielleicht aus Russland?
„Warum haben Sie den Mann auf dem Flur umgebracht?“, fragte Percival. Die Frau zuckte mit den Schultern.
„Er hatte eine komische Stimme. Und war so breit. Ich traue keinen - “
Percival wusste, was sie tat, bevor sie ihren Zauberstab hochriss. Er reagierte, und ihr Fluch prallte an seinem Schutzschild ab.
Schmerz durchzuckte seine Hand. Normalerweise hätte er den Angriff weggefegt und sie mit einem einzigen Zauber außer Gefecht gesetzt, doch er war schwach.
Und das sah sie.
„Schade. Ich hätte gern richtig gekämpft.“
Ein weiterer Zauber traf seinen Schutzschild, und Percival biss die Zähne zusammen und stolperte zurück, gegen das Fensterbrett. Seine Hand brannte wie Feuer und kribbelte, und er wusste, dass er schon jetzt nicht mehr lange durchhalten würde.
Er musste den Spieß umdrehen. Auch, wenn er es nicht lange halten würde.
Er hob den Zauberstab und griff an. Die Frau erwiderte den Zauber, und sie trafen inmitten des Zimmers aufeinander. Die Bettdecke begann zu schwelen, und Percival spürte, wie ihm die Kraft ausging. Der Schmerz wurde schlimmer, brannte seinen ganzen Arm hinauf und über seine Brust, doch er konnte nicht aufgeben, durfte nicht aufgeben.
Die Frau lachte und lachte.
Und an irgendetwas erinnerte sie Percival.
Bevor er wusste, was geschah, tauchte das Bild des weißen Schattens auf, von Gellert Grindelwald, und Percival verlor seine Deckung. Der Zauber knirschte an ihm vorbei und durchschlug das Fenster, und Glassplitter regneten auf ihn nieder. Das Bild von Gellert jedoch schwand nicht.
Und plötzlich blieb die Zeit stehen.
Percival spürte, wie sich etwas in ihm aufstaute. Er versuchte gar nicht erst, das aufzuhalten, was auch immer da kam.
Er ließ es durch seinen Zauberstab hindurch hinausfahren, und als blauer Blitz suchte es sein Ziel. Gellert Grindelwalds Bild.
Erst, als die Frau dumpf und mit offenen Augen auf dem Boden landete, bemerkte Percival, dass er geschrien hatte. Er sah, wie der Frau ihr Zauberstab aus der schlaffen Hand rollte. Er begann, wieder zu atmen.
Er schaute hinab auf seinen Zauberstab. Die silbernen Verzierungen waren dunkelblau angelaufen, und es sah ein bisschen aus wie Öl auf Wasser.
Seine Finger zitterten so sehr, dass er den Zauberstab fallen ließ.
Schwer atmend wandte er sich von der Frau ab, die mitten in seinem Zimmer lag, und schaute hinaus. Der Kugelblitz war noch immer dort, aber das Gebäude dahinter war von schwarzem Rauch umgeben, als würde es darin brennen.
Tina ist dort drin.
Im nächsten Moment verschwand der Kugelblitz ins Nichts. Die Auroren ringsherum standen ratlos da.
Dann sah Graves, wie eine kleine Gestalt aus einem Fenster fiel.
Sie hielt sich fest, schien sich hochzuziehen.
Doch dann sah er, wie sie zurückruckte, und ohnmächtig musste er zusehen, wie sie fiel.
Er schrie auf, hinaus in den Wind, der durch das zersplitterte Fenster hineinwehte.
Da packte jemand ihn an der Schulter und drehte ihn herum.
Er wollte aufschreien, aber eine Hand drückte sich auf seinen Mund.
Zwei blasse Augen in einem weißen Gesicht betrachteten ihn.
Grindelwald lächelte.

***

Sie konnte nicht einmal mehr schreien, sondern hörte sich selbst aufkeuchen. Ihre Hand verlor jeglichen Halt.
Sie fiel.
Und wurde ruckartig gebremst.
Sie schwebte in der Luft.
Als sie nach oben schaute, stand da Newt und richtete seinen Zauberstab auf sie.
„Hab dich“, sagte er mit angestrengtem Gesichtsausdruck, dann ließ er sie nach oben gleiten.
„Das war wirklich knapp.“
„Wo warst du?“, fragte Tina harscher als sie wollte und suchte mit zittrigen Knien ihren Zauberstab,
„Ich dachte, du seist hinter mir.“
„War ich auch“, entgegnete der Magizoologe etwas beleidigt, „aber der große Elektroball hatte seinen eigenen Geist. Die anderen brauchten Unterstützung.“
Tina gab sich zufrieden damit, und gemeinsam verließen sie das Gebäude.
„Geht’s dir gut?“, fragte Newt auf dem Weg über die Straße, und Tina sah an sich hinab. Ihr Rücken tat weh, dort, wo sie den Bürotisch erwischt hatte, und ihre Unterarme waren an einigen Stellen durch die Glasscherben in Mitleidenschaft gezogen worden, aber sie spürte den Schmerz kaum.
„Es geht schon. Wo ist Picquery?“
„Dort.“
Sie ging direkt zu der Präsidentin, die mit besorgtem Gesichtsausdruck mitten auf der Straße stand und Anweisungen gab. Neben ihr stand Sebastian Ratherwell, mit Hut und langem braunen Mantel.
„Der Angreifer konnte fliehen“, sagte Tina, doch Picquery schaute sie nicht einmal an.
„Konnten Sie ihn identifizieren?“
„Nein, Frau Präsidentin. Es war zu dunkel.“
Picquery schien nicht froh darüber.
„Haben Sie herausfinden können, was der Mann wollte?“
„Vielleicht hat er ein Familienmitglied erwähnt?“, half Ratherwell, „einen Verwandten oder Freund, den wir in Gewahrsam haben? Es gibt öfter solche Idioten, die glauben, sie könnten uns einschüchtern.“
„Er nannte keinen Namen“, entgegnete Tina und erntete einen skeptischen Blick von Ratherwell.
„Doch ich glaube, der Mann… nun, er teilte die Ansichten von Gellert Grindelwald.“
Picquery hielt in ihren Anweisungen inne und sah Tina besorgt an.
„Inwiefern?“
„Er sprach von einem Krieg, der bald kommen würde“, erzählte Tina und rief sich die Worte des Zauberers so gut in den Kopf, wie sie in all der Aufregung konnte, „er sprach davon, dass wir mächtiger als die No-Majs seien und über sie herrschen würden. Wie Götter.“
Ratherwell warf der Präsidentin einen alarmierten Blick zu.
„Ich hatte nicht gedacht, dass Grindelwalds Anhänger sich so schnell melden würden. Niemand weiß, dass wir ihn haben. Wir gaben den Zeitungen lediglich die Information, dass er gefasst und in Amerika sicher verwahrt ist.“
„Vielleicht wollen sie uns zeigen, wozu sie imstande sind“, überlegte Picquery, „doch davon lassen wir uns nicht einschüchtern. Miss Goldstein.“
Sie wandte sich nun komplett ihr zu.
„Ich möchte, dass Sie mit Mister Graves reden. Ich weiß, dass es früh ist, ihn über Grindelwald auszufragen, doch die Angriffe könnten sich häufen. Vielleicht weiß er etwas über seine Gefolgsmänner.“
Tina war nicht wohl dabei, Graves jetzt schon mit den schlimmen Monaten zu behelligen, doch sie wusste, dass Picquery einen guten Grund hatte.
„Verstanden, Frau Präsidentin“, sagte sie. Sie warf Newt einen unsicheren Blick zu und machte sich auf den Weg in Richtung des Krankenhauses. Ihr Blick glitt über die beleuchtete Fassade – und blieb bei einem Fenster im Stockwerk der magischen Abteilung hängen. Das Licht flackerte – und als Tina näher hinsah, sah sie, dass das Fenster zersplittert war. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
„Percival.“

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Guten Abend, liebe Leser!
Leider konnte ich in der letzten Zeit eben diese nicht finden, um ein Kapitel hochzuladen. Dafür bekommt Ihr heute ein besonders langes und - hoffentlich! - besonders spannendes von mir! Lasst mich wissen, wie es Euch gefallen hat!

Übrigens: bei der Szene des Kugelblitzes habe ich mich in der Geräuschkulisse von diesem grandiosen Soundtrackstückchen inspirieren lassen: https://www.youtube.com/watch?v=BRQVhEk8N5s
Da vibriert gleich das Trommelfell, hm?

Ich wünsche euch noch eine schöne Woche und, falls die Zeit mir wieder durch die Finger rinnt, frohe Ostern! Wer weiß, vielleicht gibt es ein kleines Special? ;)
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