Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
37
95.109
19
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
05.03.2017 5.580
 
Mit abwesendem Gesichtsausdruck ließ Percival Graves es zu, dass Dr. Murray ihn untersuchte.
Der Australier war sofort mitgekommen, als Tina ihm davon erzählt hatte – er schien schier aus dem Häuschen und vergaß für einen Moment sein professionelles Auftreten.
„Das haut mich echt vom Hocker!“, ereiferte er sich, während sie in den Saal zurückkehrten. Unter den breiten Arm hatte er sich sein Mittagessen, ein Sandwich in einer Papiertüte, geklemmt; seine Hände waren viel zu beschäftigt damit, sich das aufzuschreiben, was Tina ihm erzählte.
„Also er erinnert sich an Sie. Weiß er, wo er ist?“
„Ich habe es ihm gesagt. Aber ich hatte den Eindruck, er vermutete es.“
Sie war voller Glück, und bevor er weitere Fragen stellen konnte, war sie Murray holen gegangen. Geschäftliche Fragen würde sie ihm sowieso nicht beantworten können – wahrscheinlich würde er Picquery darüber ausfragen.
Bevor Dr. Murray noch weitere Fragen stellen konnte, hatten sie erneut Graves‘ Zimmer erreicht, und plötzlich sah Tina die Anspannung auf den Zügen des Australiers. Er blieb kurz stehen, warf ihr einen aufgeregten Blick zu und sagte: „Na dann los!“
Seitdem hatte Murray Graves mit allen möglichen Fragen bombardiert. Der Auror zeigte sich kooperativ, obwohl Tina ihm ansah, wie müde er war. Während Murray den Puls und den Blutdruck maß, streifte sein Blick immer wieder sie. Sah sie etwas Scham darin? Er hatte seinen Ausbruch, als er aufgewacht war, nicht mehr erwähnt – und sie würde es auch nicht. Percival Graves war allem voran – und hoffentlich so bald wie möglich – der Leiter der Sicherheitsabteilung der MACUSA, und sein Auftreten war ihm wichtig. Schwäche konnte er nicht zeigen, nicht einmal nach so einer Tortur.
„Können Sie die Hauptfarben sehen?“, fragte Murray und nahm dem Auror Blut ab, „bemerken Sie irgendwelche visuellen Veränderungen? Vielleicht im peripheren Sichtbereich?“
Müde schüttelte Graves den Kopf.
„Verstehen Sie mich? Hören Sie ein Rauschen?“
„Nein.“
„Irgendwelche anderen störenden Geräusche?“
„Ja.“
„Welche?“
„Ihre Stimme.“
Der Arzt lachte schallend und grinste Tina an, als hätte der Leiter der Sicherheitsabteilung ihn nicht gerade beleidigt.
„Die Gerüchte stimmen also!“
„Welche Gerüchte?“, trotz seiner Müdigkeit war ein scharfer Ton in Graves‘ Stimme zu hören. Selbst Murray bemerkte das und sein Lächeln gefror.
„Äh. Nichts, Sir. Ich habe nur gehört, dass Sie einen sehr trockenen Humor haben. Riechen Sie.“
Er hielt Percival einen Handschuh vor die Nase, und Graves schnaubte.
„Desinfektionsmittel.“
„Test bestanden, ab auf die Felder mit ihm!“, jubelte Murray – und kurbelte dann seine Freude etwas herunter, als er Graves‘ Blick sah.
„Sir. Ich meine: Es scheint Ihnen gut zu gehen. Ich empfehle noch einen oder zwei Tage Bettruhe, dann können wir Sie entlassen, sofern Sie sich nicht überanstrengen. Durch ihre Bewegungslosigkeit sind einige Ihrer Muskeln geschrumpft, und wir mussten sie magisch wieder aufbauen. Es könnte sich unangenehm und anstrengend anfühlen, sie zu benutzen. Ihre Wunde unterhalb der Rippen wird Sie noch einige Tage stören, fürchte ich.“
Graves murrte nur, sichtlich genervt von dem Prozedere.
„Sagen Sie mir, Doktor“, sprach er ihn an, „gibt es in dieser Abteilung Räumlichkeiten, in denen ich mich… frischmachen kann?“
„Natürlich!“, entgegnete Murray, klemmte sich sein Klemmbrett unter den Arm und tauschte es mit seinem Sandwich,
„einfach den Flur runter und am Ende rechts. Da finden Sie Duschen und alles, was Sie brauchen.“
Er betrachtete den Auror einen Moment.
„Rasierzeug und ähnliches finden Sie im Schränkchen. Verzeihen Sie – es ist nicht das Feinste, was man auf dem Markt finden kann…falls Ihnen das nicht reicht, können wir auch einen Barbier kommen lassen.“
„Es wird genügen.“
„Fein!“
Tina bemerkte, wie Graves noch etwas sagen wollte – aber Murray verschwand mit einer absonderlichen Schnelligkeit aus dem Raum, und Schweigen erfüllte den Raum, als die Tür zufiel.
Tina, die unangenehme Stille hasste, kicherte leise.
„Ich schätze, er wollte so schnell wie möglich in die Mittagspause.“
„Sandwiches sind wichtig“, murmelte Graves. In der Zeit, in der Murray ihn untersucht hatte, hatte er sich aufgesetzt, und jetzt sah er Tina an.
„Sagen Sie mir, Tina: Wie geht es den anderen?“
Tina senkte den Blick. Sie hatte diese Fragen befürchtet, und ihr wäre es lieber gewesen, wenn die Präsidentin sich dem angenommen hätte. Doch Picquery war nicht hier.
„Wir haben Sie vermisst, Sir“, sagte sie und lächelte. Doch Percival schien das nicht zu reichen, also fuhr sie fort:
„es gab keine großen Katastrophen, als Sie weg waren, aber ich glaube, alle sind froh, dass Sie wieder da sind.“
„Mein Posten?“, fragte er, „wer ist gerade Leiter der Sicherheitsabteilung?“
„Sebastian Ratherwell“, entgegnete Tina und Graves‘ Blick verriet Abscheu – aber auch Verständnis.
„Sie haben ihn extra von außerhalb zurückgeholt“, erklärte sie kleinlaut. Ratherwell war ein fähiger Auror, doch hatte Graves schon öfter angedeutet, dass Selbstgefälligkeit kein gutes Kriterium war, um eine führende Position innezuhalten. Tina selbst hatte Ratherwell noch nicht wirklich kennengelernt, doch andere Auroren machten Bemerkungen, die in die gleiche Richtung gingen.
Percival Graves schien nachzudenken, und er schwieg lange, bevor er Tina mit einem seltsamen Blick bedachte und fragte:
„Sie haben mich gefunden?“
Tina spürte, wie sie rot wurde.
„Ich hatte eine Sonderermittlung unter Mister Forester zu meiner Unterstützung. Ich habe sie wahrscheinlich eher behindert als weitergebracht, und das meiste war reines Glück und…“
Sie haben mich gefunden?“, fragte Graves noch einmal nach. Tina nickte langsam.
„Ja. Zusammen mit einem Freund und der Präsidentin.“
Sie überlegte kurz, warum er die Frage stellte. War die ganze Sache mit dem Mistelzweig doch keine Spur für sie gewesen? Hatte sie einfach nur pures Glück bei der Suche? Oder hatte Graves diese Erinnerung abgeschlossen, wie so viele andere?
Doch sie hatte keine Gelegenheit, zu fragen.
„Wie lange… wie lange hat Ratherwell schon sein Amt inne?“
Sein Blick war unsicher – Tina ahnte, dass er keinerlei Zeitgefühl in seinem Gefängnis gehabt hatte. Woher auch? Wie viel Zeit dachte er, dass vergangen sei?
„Er wurde vor zwei Monaten eingesetzt“, murmelte sie.
Die Stille, die darauf folgte, war beinahe schmerzlich für Tina.
„Zwei Monate…“, murmelte Graves und starrte seine Bettdecke an. Seine Hand fuhr zu seinem Kinn und strich über den schwarzgrauen Bart.
„Das ist lang.“
Tina spürte, wie Entschuldigungen, Ausflüchte und Ausreden sich ihren Weg aus ihrem Munde bahnen wollten, doch sie schluckte sie herunter. Sie hatten Graves nicht gefunden, eine ganze Weile nicht.
Doch es lag nicht nur daran, dass sie auf der falschen Fährte und ohne Anhaltspunkte unterwegs gewesen waren.
Tina musste sich zugestehen, dass sie alle nicht mit vollem Herzen daran geglaubt hatten, ihn zu finden. Es war nicht die erste Priorität gewesen, Percival Graves zu finden. Sie mussten Grindelwald festnehmen, ihn verhören, andere dunkle Magier zur Strecke bringen oder verhaften. Einzelne Bürger mussten noch einmal obliviiert werden.
Und während dieser ganzen Zeit hatte Percival Graves gelitten, allein, in völliger Dunkelheit.
Plötzlich konnte Tina ihm nicht mehr in die Augen schauen.
„Wo ist er?“, kam es leise von dem Auror, „wo ist Grindelwald?“
„Wir haben ihn festgenommen, nachdem wir ihn entlarvt hatten. Er ist in Verwahrung.“
Graves nickte schwer.
„Die Präsidentin wird Ihnen alles genauer erklären“, versuchte Tina es, „sie kommt, sobald es geht.“
In ihr brannten so viele Fragen, doch sie waren noch nicht so weit, das wusste Tina. Sie musste auf die Präsidentin warten, und Graves war gerade erst aufgewacht. Ihn jetzt wieder mental zurück in seine Welt zu schicken, in die Zeit seiner Gefangenschaft, das würde er vielleicht nicht verkraften.
„Nun“, sagte Graves, und seine Stimme hatte wieder etwas an Kraft zurückgewonnen. Er schien überlegt und eine Lösung gefunden zu haben.
„Es scheint, als sei ich lange genug weggewesen.“ Er machte eine kurze Pause. Dann sah er sie an:
„Sie sind wieder eine Aurorin?“
„Das bin ich“, sagte sie und musste ein Lächeln unterdrücken. Nach den Ereignissen rund um Grindelwald hatte die Präsidentin sie auf ihren alten Posten zurückgesetzt.
„Eine gute Entscheidung“, sagte Graves und betrachtete sie einen Moment lang.
Dann machte er Anstalten, aufzustehen.
Alarmiert trat Tina einen Schritt auf ihn zu.
„Sir, Dr. Murray sagte…“
„Ich weiß, was der Arzt gesagt hat“, erwiderte er, und da war ein Hauch seines alten Tons in seiner Stimme.
„Doch ich werde nicht ungewaschen und unrasiert noch eine weitere Sekunde in diesem Bett verbringen.“ Tina erinnerte sich gut an mancherlei Morgen, die nicht gut gelaufen waren. Morde waren geschehen, Fehler waren gemacht worden. Wenn Percival Graves etwas nicht passte, dann bekam seine sonst sanfte, dunkle Stimme einen scharfen Unterton, wie ein Messer auf schwarzem Samt.
Tina wusste, dass man ihm dann am besten keinen weiteren Grund gab, noch kälter zu werden. Doch sie entschied sich, es trotzdem zu tun:
„Lassen Sie mich eine Schwester holen, die Ihnen hilft! Sie sollten das Bett hüten.“
Mit verkniffenem Gesichtsausdruck schwang der Auror die Beine vom Bett und saß dort einen Moment.  Die Narbe, die sich von seiner Stirn hinab bis zu seiner rechten Augenbraue zog, leuchtete rot.
„Ich will keine Schwester, die dem ganzen Flügel zuplappert, wie es mir geht.“
Er schien einen Moment lang seine Kräfte zu sammeln. Dann, mit einer Hand auf der Matratze und der anderen am Tisch, stemmte er sich nach oben. Angstvoll widerstand Tina dem Drang, auf ihn zuzugehen.
Den Blick konzentriert auf den Boden vor ihn gerichtet, machte Graves den ersten Schritt.
Angespornt umrundete er das Bett mit kleinen, unsicheren Schritten, und Tina folgte ihm langsam. Alle Alarmglocken in ihr schrillten, doch was sollte sie tun? Ihrem Chef sagen, dass sie das nicht gutheiße?
„Für’s Protokoll: Ich heiße das nicht gut, was Sie da tun, Sir.“
„Notiert“, keuchte er sichtlich angestrengt.
„Soll ich nicht doch…?“
„Keine Schwester!“
Doch die Antwort hatte ihn aus der Konzentration gebracht, und Tina sah, wie er das Gleichgewicht verlor. Bevor sie wusste, was sie tat, war sie neben ihm und nahm ihm am Unterarm.
Er wollte protestieren, doch sie sagte so spitz sie konnte: „Entweder ich oder eine Schwester!“
Am Türrahmen ließ sie ihn und holte aus dem Schränkchen sein Rasierzeug.
„Ihnen ist Ihr Aussehen wichtiger als Ihre Gesundheit“, beschwerte sie sich, während sie ihn wieder am Arm nahm. Er erwiderte ihren Blick nicht, sondern schaute stur geradeaus.
Der Gang zum Bad war beschwerlich, doch mit jedem Schritt schienen Percivals Kräfte zurückzukommen, und seine Schritte wurden etwas sicherer. Kurz, bevor sie den Raum, der durch ein silbernes Schildchen gekennzeichnet war, erreichten, lag Tinas Hand nur noch ganz leicht auf seinem Unterarm.
„Da wären wir“, sagte sie, als sie davor standen. Im Vorraum fanden sie sauber gestapelte Handtücher. Die Räume dahinter waren getrennt in Männer und Frauen. Gerade machte eine Krankenschwester sauber, und Tina konnte den Blick auf Wannen erhaschen. Selbst im Vorraum war es so warm, dass sie es bereute, den Mantel angezogen zu haben. Sie stellte das Rasierzeug vor die Spiegelwand auf, doch Percival, der einen kurzen Blick in besagte Wand geworfen hatte, schüttelte leicht den Kopf.
„Da ist alle Hoffnung verloren. Würden Sie einen Barbier kommen lassen?“
„Natürlich“, Tina war froh darum: das ironischste wäre es jetzt, wenn der Auror sich beim Rasieren aus Versehen tödlich verletzen würde.
„Mein Geld…“
„Das wurde konfisziert“, bemerkte Tina, und als sie Graves‘ Blick sah, lächelte sie.
„Keine Sorge, Sie sie können es anschreiben lassen. Sie scheinen kreditwürdig.“
Die Bemerkung entlockte ihm ein kleines Lächeln, und Tina spürte, wie sie rot wurde. Mit blöden Sprüchen konnte sie wann anders um sich werfen!
„Ich werde mal sehen, was sich Kleidungsmäßig machen lässt“, sagte sie stattdessen, „vielleicht hat Murray auch etwas anderes zu bieten als Krankenhemden.“
„Wollen wir es hoffen“, antwortete Graves. Und schaute sie abwartend an.
„Oh, natürlich!“, mit rotem Gesicht senkte Tina den Blick.
„Ich lasse den Barbier hierherkommen. Und suche Kleidung. Also für Sie. Wird erledigt.“
Während sie den Gang hinuntereilte auf der Suche nach Murray, schalt sie sich innerlich. Sie verhielt sich wie ein kleines, pubertierendes Mädchen. Sie sollte Stärke zeigen, Selbstentschlossenheit, jetzt, wo ihr Mentor ihre Hilfe brauchte.
Murray saß im Pausenzimmer und spielte mit einem Kollegen Karten, doch er half bereitwillig, und bald schon sah Tina, wie der Barbier samt Koffer zu dem Bad schritt, während sie, unter dem Arm ein weißes Shirt, eine einfache Baumwollhose, Socken, Unterwäsche und eine Strickjacke, ihren Weg in Richtung Zimmer einschlug.
Sie setzte sich aufs Bett, überlegte es sich kurz, dann schüttelte sie die Decke aus, ebenso das Kissen, setzte sich wieder darauf.
Sie wusste, dass sie gerade den Anschein einer überfürsorglichen Mutti machte, doch sie konnte nicht anders. Sie würde ihre Aufgaben in der MACUSA bald wieder übernehmen. Sie vermisste es, auf Verbrecherjagd zu gehen.
Doch sie wusste, mit wie vielen Fragen sie gelöchert werden würde, wenn sie sich jetzt in das Gebäude wagte.
Ich werde klein beginnen, dachte sie bei sich, ich werde heute Nacht nach Hause gehen und bei Queenie schlafen. Meine erste Nacht in keinem unbequemen Stuhl.
Doch mit diesem Vorsatz kamen sogleich die Zweifel. Was, wenn Graves wieder von Albträumen geplagt werden würde? Wenn niemand ihn beruhigen konnte?
Sie spürte, wie die Entscheidung sie quälte. Lange saß sie auf dem Bett und dachte nach. Um sich abzulenken, verließ sie den Raum und schlenderte in Richtung der Caféteria.
Das Beste für sie wäre es eigentlich, sofort zu Queenie zu gehen. Sie hatte Graves gefunden, und in ein paar Tagen würde er wieder zur Arbeit zurückkehren.
Doch die Freude, ihn gefunden zu haben, überspielte jeden Zweifel, und nicht zum ersten Mal an diesem Morgen spürte Tina, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete.
Zuerst würde sie sich in der großen Caféteria im ersten Stock etwas holen, dann, entschied sie, würde ihr ein kleines nachmittägliches Schläfchen guttun. Sie wollte nicht, doch sie musste, und das wusste sie. Müde und hungrig betrat sie den Aufzug, wies den Elfen das Stockwerk und betrat dann vorfreudig die Caféteria.
Der Raum war recht groß, und während der Mittagszeit gut besucht. Die große Messinguhr an einer geweißten Wand verriet Tina jedoch, dass die offizielle Mittagspause der Angestellten bereits vorüber war. Nur vereinzelte Auroren und müde Schichtarbeiter saßen an den Tischen. Winterliches Tageslicht flutete durch die Fensterfassade herein, vor der ordentlich aufgereiht die Tische standen. Schnurstracks ging Tina zur Theke, wo eine fröhlich dreinblickende Frau sie nach ihren Wünschen fragte. Sie warf einen Blick auf Tinas Ausweis, dann hob sie ihren Zauberstab, und ein glänzendes Tablett glitt von einem mannshohen Stapel herunter. Eine Lammkrone fand ihren Weg aufs Tablett, gefolgt von Kartoffelpüree und Erbsen. Als eingelegte Pfirsiche auf das Tablett flogen, lief Tina das Wasser im Munde zusammen. Zuletzt landete Pudding mit einem roten Marmeladenherz auf dem glänzenden Tablett. Tina nahm Besteck und eine Serviette, dann das Tablett entgegen. Der Duft verwöhnte ihre Sinne, und ihr fiel auf, dass das hier die erste Mahlzeit seit vier Tagen sein würde, die sie genießen konnte.  Sie wandte sich mit dem Tablett in der Hand um und suchte sich einen Platz nahe der Fensterfront. Sie würde hier in Ruhe essen und dann Queenie einen Besuch abstatten – vielleicht war Newt ja auch da, und sie konnte ihm die Neuigkeit persönlich erzählen, bevor sie zurückkehren und nach Graves‘ sehen würde.
In diesem Moment spürte Tina, wie Stille sich im Saal ausbreitete. Zwar waren weniger Gäste gerade da, aber selbst die hatten sich unterhalten. Jetzt jedoch verstummten sie, und Tina sah auf.
Die Präsidentin hatte sich unter das Volk gemischt und ließ sich gerade ebenfalls Essen zubereiten. Tina war verblüfft. Höhere Auroren und Angestellte wie Picquery und Graves aßen meist auswärts in den gehobenen Restaurants New Yorks. Die anderen MACUSA-Angestellten nahmen es hin wie immer, wenn sich die Höhergestellten Privilegien herausnahmen, und sie schienen manchmal froh darum: Tina hatte schon vielerlei Gespräche geführt, die anders gelaufen wären, wäre eine höhergestellte Person anwesend gewesen. Es war eine Art Pufferzone der Arbeit – und Seraphina Picquerys Anwesenheit verletzte sie.
Tina ließ die Gabel sinken, als sie neben Picquery den Leiter der Sonderermittlung, William Forester, erkannte. Er stand schräg hinter ihr und schien mit ihr zu sprechen, doch Picquery zeigte keine Regung. Sie nahm ihr Tablett entgegen und wandte sich dann mit verkniffenem Mund um. Ihr Blick war herrisch und kühl wie immer – doch er blieb auf Tina erliegen. Mit einem dummen Gefühl nickte Tina ihr zu, und die Präsidentin durchquerte den Saal und setzte sich ihr gegenüber. Tina konnte nicht umhin, die Blicke der anderen Auroren, besonders der jungen, zu bemerken. Jetzt würde sie nicht mehr so schnell nach der Arbeit auf einen Drink eingeladen werden.
„Miss Goldstein!“, begrüßte Seraphina sie und stellte ihr Essen hin. Tina bemerkte, dass sie viel mehr Nachspeise bekommen hatte, und schalt sich ob ihres Neides.
„Frau Präsidentin“, erwiderte Tina höflich und lächelte,
„ich bin froh, Sie gesund wiederzusehen.“
Seraphina sah sie fragend an, und Tina fiel erst jetzt auf, dass die Information von Murray vielleicht nicht für sie bestimmt war.
„Ich… ich hörte, Sie seien mit einer zeitraubenden Aufgabe betreut worden.“
„Schrecklich zeitraubend, in der Tat“, bestätigte Picquery und musterte Tina, „wir hatten ein paar Probleme unten an den Docks. Zauberische Aktivitäten dort, wo keine hätten sein sollen.“
Tina nickte, fragte sich aber gleichzeitig, wie schwerwiegend diese Sache war, wenn die Präsidentin persönlich den Fall übernahm. In diesem Moment setzte sich Forester neben sie, ohne Tablett.
„Miss Goldstein. Sie sehen zerknittert aus.“
„Irgendetwas Neues von Mister Graves?“, fragte Seraphina neugierig.
Tina musste lächeln. Sie brannte darauf, die Neuigkeiten zu erzählen.
„Ja, Madam President. Mister Graves ist aufgewacht – noch einmal.“
In Seraphinas dunklen Augen sah Tina genau die Angst und Sorge, die sie selbst gespürt hatte.
„Und?“
Tina lächelte.
„Es scheint, als hätte er seine Erinnerungen noch. Er kennt mich, er weiß, wer er ist, und er fragte mich sofort nach seinen Kollegen.“
„Merlin sei Dank“, sagte die Präsidentin erleichtert, „ich hatte große Bedenken, dass wir einen hilflosen Mann vorfänden.“
„Was weiß er über die vergangenen Monate?“, fragte Forester, und Tina spürte einen Stich der Wut in sich.
„Ich habe ihn nicht danach gefragt, weil er psychisch noch sehr labil scheint“, entgegnete sie und sah befriedigt, wie Forester beschämt den Blick senkte.
„Er ist erst heute vormittag aufgewacht“, fuhr sie sanfter fort, „und noch recht schwach. Doch Dr. Murray sagt, dass er innerhalb der nächsten Woche sicherlich seine Arbeit aufnehmen werden kann.“
„Hm. Das klingt gut“, murmelte die Präsidentin, schien aber mit den Gedanken ganz woanders. Bevor Tina etwas in ihren Augen lesen konnte, war der Moment jedoch vorbei.
„Ich werde ihn so bald wie möglich besuchen. Das Wichtigste ist, dass er wieder da ist. Die Ungewissheit ist vorüber, und die MACUSA kann sich ohne Ablenkung wieder ihren Aufgaben widmen.“
Ihre Stimme hatte sich verändert und einen kühleren Tonfall angenommen, doch bevor Tina etwas sagen konnte, stand Seraphina wieder auf.  Sie sah Tina von oben herab an. Ihr Lächeln war echt, doch schien nicht ganz vollständig: Tina glaubte, dass sie mit den Gedanken schon ganz woanders war.
„Vielen Dank, Miss Goldstein. Sie haben ihre Aufgabe gut gemacht.“
Mit diesen Worten wandte sie sich ab – und ließ ihr Tablett sowie Tina verblüfft und mit unangetasteter Lammkrone sitzen.

Queenie zeigte sich froh, als Tina ihr die Neuigkeiten erzählte – doch sie schien damit gerechnet zu haben.
„Er ist ein fantastischer Weltenbauer, weißt du? Das hätte ich nie von ihm erwartet. Normalerweise schaffen es gewöhnliche Zauberer bei großer Anstrengung, sich ein Haus aus Erinnerungen zu bauen, aber auch nur ein einstöckiges, vielleicht mit einem kleinen Garten.“
Sie schlenderten beide durch die Straßen New Yorks. Queenie hatte Tina überzeugen können, die Konditorei von Jacob Kowalski zu besuchen, und Tina hatte frohen Herzens zugestimmt. Sie sah den No-Maj selten, doch sie erinnerte sich gern an das Abenteuer, das sie gemeinsam erlebt hatten.
„Wie gut bin ich?“, neckte Tina, und Queenie schüttelte grinsend den Kopf,
„das sage ich dir doch nicht.“
Mit einem Mal wirkte ihr Blick verträumt:
„Doch er hat sich eine ganze Welt geschaffen, aus dem Nichts. Der Himmel war immer voller dunkler Wolken, und außerhalb der Stadt gab es nichts als eine weite Ebene, doch die Stadt selbst war mit so vielen Erinnerungen gefüllt, dass sie beinahe zu bersten schien.“
„Was waren diese Räume, von denen zu erzählt hast?“, fragte Tina. Sie sah einem Arbeiter zu, der gerade an einem Automobil herumschraubte.
„Oh, das waren die Erinnerungen, doch sie waren fein säuberlich getrennt hinterlegt und mit Schlössern versehen. Die meisten konnte ich einsehen – doch es gab eine Handvoll, die hätte ich nicht einmal mit größter Konzentration öffnen können.“
Tina wusste um eine solche Erinnerung. Sie hatte den Mistelzweig neben Graves auf den Tisch gelegt. Hatte er ihn schon gesehen? Oder würde er ihn ignorieren?
„Mich wundert es nicht, dass er sich an alles erinnern kann“, fuhr Queenie fort, „doch es muss schwer gewesen sein, vor dem Nichts zu stehen, nachdem ich… den anderen dort hinausgezogen hatte.“
„Das waren also die Albträume“, mutmaßte Tina, und Queenie nickte, während sie einem hübschen Mann mit Hut wütend entgegenblickte, sodass der sie verdutzt ansah.
„Kommt nach Hause und schlägt seine Frau. So ein Scheusal“, zischte Queenie leise, nur um dann Tinas Frage zu beantworten:
„Das denke ich auch. Wie würdest du reagieren, wenn du etwas Großes erschaffen hast und das dann von einem Tag auf den anderen plötzlich weg ist?“
„Mülltonnen umtreten“, kam es von Tina. Es war nicht so, dass ihr ihr Job als Aurorin vergleichbar gewesen war mit einer selbstgebauten Stadt aus Erinnerungen, das nicht. Und doch war sie plötzlich vor dem Nichts gestanden. Das Nichts hieß „Department für Zauberstabanträge“, und der eingebildete Abernathy würde sie wahrscheinlich noch weiter degradieren, würde er wissen, was sie davon hielt. Doch das war Vergangenheit. Sie war nun wieder in ihrer alten Stelle angestellt – und ihre ehrgeizige Seite hoffte, dass ihr Erfolg in den letzten Tagen ihr vielleicht noch mehr Respekt einbringen könnte.
Mittlerweile waren sie an Jakob Kowalskis Konditorei angelangt, und der Duft nach Schmalzgebäck fand den Weg in Tinas Nase, als eine Kundin lächelnd das Geschäft verließ. Tina bemerkte, wie Queenie ihre Handtasche näher an sich heran zog, und grinsend öffnete sie ihrer Schwester die Tür.
Wärme umfing sie. Jacob Kowalski sah auf, und als er Queenie erblickte, erhellte ein Lächeln sein rundes Gesicht.
„Miss Peregrine, was kann ich für Sie tun?“
Tina und Queenie hatten sich auf den neuen Nachnamen geeinigt, aus Sicherheitsgründen. Tina begutachtete seine Backwerke, während Queenie sich auf einen Smalltalk an die Theke stellte. Die Figuren, die Jacob hier, angeheizt von seinem Unterbewusstsein, modellierte, waren mittlerweile in der ganzen Stadt berühmt. Viele kauften sich einen mit zuckergussüberzogenen Niffler, einen Erumpent mit Rosinenaugen oder feinste, verschnörkelte Bowtruckles aus feinen Zuckernetzen und nahmen sie mit nach Hause, eher, um sie zu zeigen, als um sie zu essen. Auch jetzt war der Laden wieder gesteckt voll, und Tina schlenderte umher und lauschte den Komplimenten der No-Majs, die hier ein und ausgingen. Sie betrachtete gerade einen Occamy aus Blätterteig, dessen Beschaffenheit den fedrigen Schuppen des Tierwesens erstaunlich nahekam, als sie das Bimmeln der Türglocke hörte – und etwas blaues in ihr Blickfeld geriet. Als sie aufsah, stand Newt vor ihr. Seine Wangen waren von der Kälte gerötet und seine Haare verwuschelt, doch er grinste sie an, und Tina spürte, wie ihr warm wurde.
„Ich wusste, dass ich dich hier finde!“, sagte er und winkte Queenie zu, die ihn ebenfalls bemerkt hatte.
„Du warst die ganze Nacht weg!“, beschwerte sich Tinas Schwester, und bevor Newt etwas sagen konnte, verschwand ihr Lächeln und sie runzelte die Stirn.
„Was hast du angestellt?“
„Ich?“, sein Blick huschte zu Tina, „ich habe gar nichts angestellt!“
„Aber die Italiener!“
„Ein Missverständnis, das aufgeklärt wurde!“
„Sie sind weggelaufen!“
Newt zuckte mit den Schultern.
„Ich sagte ja: aufgeklärt!“
„Sie sind aber nicht wegen dir weggelaufen! Sie sind…“
Queenie stockte, sie wurde blass.
„Oh.“
„Kannst du aufhören, in meinem Kopf herumzugeistern!“, ereiferte sich Newt, und einige No-Majs wandten sich ihm verwirrt zu. Er lächelte beschämt und senkte schnell den Blick.
„Lass und nach draußen gehen“, schlug Tina vor, und sie winkte Queenie zu, bevor sie den Laden verließen.
Die Wintersonne zog sich langsam zurück – bald würde es wieder düster werden. Tina schlug den Weg in Richtung des Krankenhauses ein, und Newt ging neben ihr her. Im Tageslicht sah Tina die dunklen Ringe unter seinen Augen.
„Du warst wirklich die ganze Nacht unterwegs?“
Er nickte.
„Ich wollte nur etwas spazieren gehen, aber dann…“
„Dann kamen die ominösen Italiener“, beendete Tina den Satz und entlockte Newt ein Lächeln.
„Sie kamen wohl eher zu mir. Ich habe wohl noch nicht jede Regel der Muggelwelt verstanden.“
Tina amüsierte es immer wieder, dass die Engländer die No-Majs Muggel nannten.
„Hast du ihnen einen Zauber vorgeführt?“
„Ich wollte gerade“, sagte Newt, und auf Tinas Blick hin hob er sofort abwehrend die Hände.
„Es wäre mein letzter Ausweg, und es hätte wenige Zeugen gegeben!“
„Das hoffe ich für dich“, tadelte sie mit einem Lächeln, „glaube ja nicht, du besitzt Narrenfreiheit, weil du einmal die gesamte Stadt obliviiert hast.“
„Ich hätte sie einfach ausgeknockt“, bestand Newt, „doch dann sind sie plötzlich weggelaufen. Und als ich mich umgedreht habe um zu sehen, was ihnen eine solche Angst bereitete, da sah ich…“
Im nächsten Moment hörte Tina ein Hupen, und nur Zentimeter vor ihr raste ein Automobil vorbei. Sie schrie auf und stolperte zurück, und durch das Rauschen ihres Adrenalins hörte sie die verklingenden Flüche des Fahrers. Sie rutschte aus, stolperte – und landete in einer Pfütze. Kälte kroch ihr sofort an den Oberschenkeln hinauf, und sie schloss für einen Moment die Augen und verfluchte ihre Unachtsamkeit.
Newt hielt ihr die Hand hin, und sie zog sich hoch. Ihr Trenchcoat hatte sich bereits mit Wasser vollgesogen, und ihre Leinenhose war von Schneematsch bedeckt. Sie seufzte ihren Frust heraus.
„Die Technik wird uns alle irgendwann noch umbringen.“
„Komm“, sagte Newt und hielt ihr den Arm hin, „wir gehen zu euch nach Hause, da kannst du dich umziehen.“
Tina nahm seinen Arm –
Und im nächsten Moment apparierten sie in ihrem Wohnzimmer. Schnell eilte Tina ins Bad, um die Nässe nicht auf den Holzboden zu bringen, und zog zuerst ihren Trenchcoat und dann ihre Schuhe, Hose und Socken aus. Sie warf die Sachen in die Wanne und stand einen Moment zitternd da, auf sich selbst und ihre Tollpatschigkeit wütend. Dann seufzte sie, tapste wieder in die Wohnstube.
Newt stand vor dem Regal und besah sich einzelner Bücherrücken, und sie beeilte sich, schlich in ihre Schlafkammer und suchte sich eilends etwas zum Anziehen heraus. Sie fand eine dunkelbraune Hose – und ihre Gedanken kehrten zum Krankenhaus und Graves zurück. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie ganze drei Stunden unterwegs gewesen war! Was, wenn er wieder ihre Hilfe brauchte?
Schnell zog sie sich die Hose an, dann Socken. Als sie wieder ins Wohnzimmer ging, drehte Newt sich vorsichtig um, immer darauf bedacht, in keine peinliche Situation zu gelangen, doch sie war bereits vollständig angezogen.
„Ich muss wieder los“, sagte sie, ganz in Gedanken versunken. Wie hatte die Zeit so schnell vergehen können? Natürlich, sie hatte mit Queenie viel Zuhause geratscht, und dann waren sie immerhin einige Blocks zu Jacobs Laden geschlendert…
„Wohin?“
„Ins Krankenhaus.“
In diesem Moment begriff sie erst, dass Newt noch gar nichts von der Neuigkeit wusste, und grinsend kam sie auf ihn zu.
„Es gibt super Nachrichten!“
Wie immer ließ Newt sich von ihrem Lächeln anstecken.
„Tatsächlich?“
„Ja! Picquery weiß es schon, doch außer ihr nur Dr. Murray.“
„Ah, ich habe Picquery gestern Nacht getroffen. Hat sie dir schon erzählt vom…“
„Mister Graves ist aufgewacht!“, sagte sie überschwänglich, und Newts Mund öffnete sich, dann schloss er sich wieder.
„Ah.“
„Und er kann sich an alles erinnern! Also ich weiß nicht, ob er sich an diese… Zeit erinnern kann. Aber er weiß, wer ich bin, und wer Picquery ist. Und er fragte schon nach den Kollegen!“
„Das ist toll“, erwiderte Newt und erwiderte ihr Lächeln, „das bedeutet, er kann das Krankenhaus bald verlassen?“
„Vielleicht schon nächste Woche. Dann kann er die Arbeit wieder aufnehmen, und alles ist wieder beim Alten.“
„Ah.“
„Heute war er beim Barbier, und jetzt wollte ich nach ihm sehen.“
Sie warf sich ihren zweiten Mantel um – er war dunkelbraun und mit Lammfell gefüttert – und schaute Newt fragend an.
„Möchtest du mitkommen?“
Newt schien zu überlegen, dann zuckte er mit den Schultern.
„Vielleicht besuche ich ihn, wenn er wieder ganz bei Kräften ist. Er kennt mich ja nicht einmal.“
„Er weiß, dass du sein Retter bist.“
Sein Lächeln war warm, aber irgendwie anders als sonst.
„Du hast ihn gerettet, Tina. Ich hatte nur passende Helfer.“
Tina nahm ihre Handtasche und blieb im Türrahmen stehen. Plötzlich kam es ihr so vor, als würde Newt ganz allein dastehen, und sie spürte einen Anflug von Reue.
„Möchtest du, dass ich dableibe?“
Doch Newt schüttelte lächelnd den Kopf.
„Nein, es ist alles gut. Ich denke, ich werde mich heute noch etwas umsehen. Vielleicht besuche ich ja Jacob noch einmal – ich habe gar kein Wort mit ihm gewechselt.“
Seine Worte und sein Lächeln beruhigten sie etwas, und sie lächelte.
„Ich bin bald zurück. Ich habe mir vorgenommen, heute wieder in einem weichen Kissen zu schlafen und nicht in diesem unbequemen Stuhl.“
Sie winkte Newt zum Abschied, und ein paar Minuten später hatte sie eine unbeobachtete Seitenstraße entdeckt und disapparierte.
Sie apparierte direkt im Krankenflügel und wäre beinahe in Dr, Murray gelaufen.
„Ach herrje, Sie haben mich erschreckt!“, rief der Arzt aus, „da denkt man, es kann einen gar nichts mehr vom Himmel holen, und dann taucht jemand einfach so auf!“
„Entschuldigen Sie, ich bin manchmal etwas stürmisch“, erwiderte Tina und lächelte, bevor sie an Murray vorbei zum Krankensaal spähte.
„Wie geht es ihm?“
„Er kam gerade erst aus dem Bad zurück“, berichtete der Arzt, und Tina runzelte die Stirn.
„Er war die ganze Zeit dort?“
„Der Barbier ging bald wieder, aber die Stationssschwester sagte, er blieb in der Wanne, bis das Wasser beinahe kalt war.“
Murray zuckte mit den Schultern.
„Ich kann mir vorstellen, dass er sich reinwaschen wollte. Also so richtig.“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Er wirkt noch immer recht apathisch, und die Schwestern sagte, er schien verstört. Vielleicht reden Sie mal mit ihm.“
„Natürlich“, antwortete Tina besorgt. Hatte Percival nicht nur bei Nacht, sondern auch bei Tage Albträume? Konnte er seine Stadt womöglich nie wieder aufbauen?
Sie verabschiedete sich von Murray, dann betrat sie den Krankenraum.
Graves saß dort auf dem Stuhl mit dem Rücken zu ihr. Sie sah, dass er ihre Sachen angezogen hatte. Das Shirt war etwas zu groß, doch es gab ihm etwas von der Aura des Aurors zurück.
„Hallo, Mister Graves“, begrüßte sie ihn, doch sie erhielt keine Reaktion. Sie stellte ihre Tasche ab, und voller Sorge umrundete sie ihn. Sie sah, dass er seine Haare verändert hatte. Sie waren noch immer nach hinten gekämmt, doch auch an den Seiten hatte er sie länger gelassen. Als sie neben ihm stand, erleuchtete die Wintersonne sein Profil. Auch den Bart hatte er sich stutzen lassen, doch er war nicht ganz verschwunden und malte einen dunklen Schatten auf seine Oberlippe, unter das Kinn und auf den scharfen Unterkiefer. Er hatte den Ellenbogen auf der Stuhllehne abgestützt, und Tina sah, wie sein Mittelfinger nachdenklich über seine Narbe strich. Strähnen dunklen, nassen Haars fielen ihm in die Stirn.
„Mister Graves, ist alles in Ordnung?“
Sie stand nun beinahe vor ihm, doch er schien sie immer noch nicht bemerkt zu haben. Seine Augen verschwanden immer wieder hinter seinem Handrücken, wenn er über die Narbe strich, doch mit jedem Mal, das Tina sie wieder sehen konnte, zeigten sie einen größeren Grad der Verstörung.
Er schien sie gar nicht wahrzunehmen – sein Blick war nach draußen gerichtet.
„Mister Graves, kann ich etwas tun?“, fragte sie leise, und sein Blick schoss zu ihr, alarmiert, erschrocken, doch als er sie erkannte, entspannten sich seine Züge.
„Nein“, sagte er leise. Mit einem Seufzer richtete er sich auf.
„Sie sehen gut aus“, versuchte es Tina und lehnte sich gegen die Wand. Der Ausdruck in seinen Augen hatte sie beunruhigt, doch sie wollte es ihm nicht mit unangenehmen Fragen noch schlimmer machen. Auch er wollte es wohl vergessen, denn er strich sich fahrig über seine Haare, um einige Strähnen wieder an ihren Platz zu bringen.
„Ich habe die Frau Präsidentin getroffen“, erzählte Tina, und versuchte, es leicht klingen zu lassen.
„Sie bittet um Entschuldigung, dass sie Sie noch nicht besuchen konnte, doch es gab dringende Angelegenheiten unten an den Docks.“
Früher hätte Percival Graves sich auf diese Information gestürzt, hätte wahrscheinlich sofort jede Frage gestellt und den Fall schon halb gelöst. Jetzt hörte er ihr zu und nickte dann schwerfällig.
Er schien weit weg, in Gedanken, und Tina wusste nicht mehr weiter, also sagte sie:
„Ist alles in Ordnung?“
Er antwortete nicht sofort. Als sie bereits dachte, er würde nicht mehr antworten, sah er sie kurz an. Tina sah, wie nicht mehr nur seine Schläfen grau waren. Auch in sein Haupthaar hatten sich silberne Fäden eingesponnen. Sie sah sein Gesicht nun zum ersten Mal so, wie sie es zuletzt gesehen hatte, und sie bemerkte, wie sehr seine Wangen hervorstachen, wie tief seine Augen eingesunken waren.
„Ja. Ich habe nur einen Geist gesehen.“

_____________________________________________________________________

Einen schönen Sonntag wünsche ich euch, meine lieben Leser!
Dieses Mal gibt es von mir ein ganz besonders langes Kapitel! Es gibt viel zu besprechen für Graves, und ich hoffe, ich habe ihm nicht zu viel aufgeladen! Was haltet ihr vom Kapitel? Und wie denkt ihr, wird Percival mit seinen 'Geistern' wohl umgehen?
Ich freue mich, von euch was zu hören!

Manche von euch haben vielleicht am gestrigen Samstag die goldene Kamera geschaut und dabei auch Colins Verleihung mit dem Preis "Bester Schauspieler international" mitangesehen. Sein "Look" bei dieser Verleihung entspricht übrigens recht genau dem, den ich für den 'neuen' Graves vorgesehen hatte. Wer die Presiverleihung - und Colins wahnsinnig lieben deutschen Sätzen - verpasst hat, kann sie hier noch einmal anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=9FGinUfdbBg

BIs dahin beste Grüße!
Eure Whocarloto
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast