Rabennacht

GeschichteFantasy / P12
OC (Own Character) Robin "Puck" Goodfellow
10.12.2016
10.12.2016
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Lana Daily war eine von vielen Menschen in den vollen Straßen von New Orleans. Sie verließ das vertraute Musikstudio und sprang lebendig die drei Stufen zur Bürgersteig hinab. Wie so oft hatte der Klavierunterricht bei ihrem Lehrer sie für eine Stunde von ihrem faden Leben erlöst und sie beflügelt.
„Bis nächste Woche“, rief ihr Lehrer ihr mit warmen Worten hinterher. In seinem faltigen Gesicht lag ein sanftes Lächeln. Lana wandte sich ihm im Gehen zu und winkte zum Abschied.
Es gab einige Leute, die behaupten würden, New Orleans wäre eine Stadt, in der es niemals langweilig wurde. Leider trübte der Schein. Seit ihrer Geburt lebte Lana in dem Ort. Abgesehen von den jährlichen Festivals und üblichen Verrückten hatte New Orleans keine nennenswerten Besonderheiten zu bieten. Die üblichen Verrückten? Das waren die Leute, die scheinbar 365 Tage im Jahr lang Karneval feierten. Es war nicht unüblich, dass Lana Menschen in den seltsamsten Kostümen begegnete. Vor allem auf Trottel - ähm, Verzeihung - Trolle und Wichtel  hatte New Orleans sich spezialisiert.
Als Lana noch klein war, wirkten die Kostüme auf sie so täuschend echt, dass sie sich gelegentlich sehr erschreckte, wenn sie den Verkleideten über den Weg lief. Einmal wäre sie um ein Haar in einen „bösen Wichtel“ zusammengestoßen. Damals war sie zehn Jahre alt gewesen und mit ihrem Vater in der Gegend spazieren gegangen.
Lana war hastig zurück gewichen. Ihr Herz hatte einen Schlag ausgesetzt, nur um dann schneller als zuvor wild in ihrer Brust zu pochen. Trotz ihres Schockes schaffte sie es, wage Entschuldigungen zu stammeln, während der Wichtel sie mit weit aufgerissenen, grell grünen Augen anstarrte.
„Es tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen“, brachte sie mühsam hervor.
Der Griff ihres Vaters um ihre kleine Hand verstärkte sich. Ihr Dad runzelte die Stirn und blinzelte ein paar mal. „Lana? Mit wem redest du?“, fragte er verwirrt.
Seine Tochter hörte es nicht. Ihre gesamte Konzentration lag bei dem großen, dürren Menschen in dem Wichtelkostüm vor ihr. Sein rauer Mund war zu einem O-geformt, eine stille Mine, die sein eigenes Überraschen widerspiegelte. Eine lange, leicht krumme Nase prägte sein dunkles Gesicht. Vermutlich war sie angeklebt, denn sie wirkte ebenso unnatürlich wie die leuchtenden Augen. Kontaktlinsen? Es mussten Kontaktlinsen sein.
Wenn nicht, beneidete Lana den Mann. Ihre eigenen Augen hatten einen undefinierbaren Ton, der irgendwo zwischen blau und grau lag. Sie hätte gerne eine intensivere Augenfarbe geerbt, ganz gleich ob das Braun ihres Vaters oder das Blau ihrer Mutter.
Der verkleidete Mann hatte seine anfängliche Überraschung schneller überwunden als Lana. Er presste die spröden Lippen fest aufeinander und stieß ein makaberes Fauchen aus. Augenblicklich zuckte Lana vor Schreck zusammen und drückte sich dicht an die Seite ihres Vaters.
Herr Gott, manche Leute übertrieben wirklich mit der Authentizität ihrer Verkleidungen, dachte Lana sechs Jahre später und schüttelte bei der Erinnerung an die Begegnung den Kopf. Inzwischen konnte sie darüber lachen, doch damals schien der Wichtel so real, dass es beinahe unheimlich war. Er hatte sogar anders gerochen...
Verloren in den Erinnerungen ging Lana durch die Straßen ihren bekannten Weg nach Hause. Ihr Leben war nicht einzigartig. Die Strecke, die sie ging, war jeden Tag die gleiche. Selbst die Menschen wirkten irgendwie vertraut und gewöhnlich. Sie hätte die Straße mit verbundenen Augen zeichnen können. Werbereklamen an Gebäuden, Ampeln, graue Straßen, dunkler Abendhimmel und schwarze Rauchschwaden in den Gassen.
Genau so eintönig war der Rest ihres bescheidenen Lebens. Nicht weit von hier lebte sie mit ihrem alleinerziehendem Vater in einer kleinen Wohnung im siebten Stockwerk eines roten Backsteinhauses. Ihre Mutter kannte sie nur von Fotos. Sie war gestorben, als Lana noch wenige Monate alt war. Über viele Freunde oder eine Beziehung verfügte Lana ebenfalls nicht. Oft wirkte ihr Leben leer. Jeden Tag die selbe Routine, die gleichen Straßen, die selben Leute, Aufgaben und Erwartungen. Nur der wöchentliche Klavierunterricht riss sie fort in eine andere Welt. In eine schöne, magische Welt, in die sie nur über die Musik Zugang bekommen konnte.
Plötzliche Dunkelheit schleuderte Lana zurück in die Gegenwart. Binnen einer Sekunde waren, so weit das Auge reichte, alle Straßenlaternen ausgefallen. Weder die Sterne noch der Mond scheinen hell genug, um mehr als schwammige Silhouetten ausmachen zu können.
Karma, dachte Lana. Wie gerne hätte sie sich selbst geschallt? Du musstest ja unbedingt denken, dass du die Stadt mit geschlossenen Augen zeichnen könntest.
Murrend versuchte Lana, sich an den Bewegungen der anderen Menschen zu orientieren. Sie hätte lautes Fluchen über die dürftige Stromversorgung oder erschrockene Schreie in den Mengen auf den Straßen erwartet, doch zu ihrem Erstaunen, blieb alles stumm.
Das Herz sackte ihr in die Magengrube wie ein schwerer Tonklotz. So still war es in New Orleans noch nie gewesen. Noch nie, niemals.
Hastig wirbelte Lana herum. Verspätete Panik ergriff sie, während sie sich umsah. Es war mühsam zu erkennen, doch eines war auf einmal sehr deutlich: Alle Menschen waren zu schwarzen Schatten erstarrt. Jegliche Regungen blieben aus. Kein Stimmen, Schritte, Schreie.
Das Blut gefror Lana in den Adern. All die Bilder von Horrorfilme, die sie jemals gesehen hatten, sprangen ihr mit einem mal wieder scharf ins Bewusstsein. Nackte Angst packte sie. Ihre kalten Finger krallten sich in den Stoff ihrer Tasche. Was zur Hölle passierte hier?
Tausend Ideen schossen Lana durch den Kopf. Würde es etwas bringen, zu schreien? Sie würde gerne schreien. Weinen? Hyperventilieren?
Halt. Das war nicht das erste Mal, das New Orleans eine unheimliche Überraschung für sie übrig hatte. Sie war nicht mehr das kleine Mädchen von damals, als der Wichtel sie erschrocken hatte. Sie musste bloß klar denken. Womöglich waren tatsächlich bloß alle Straßenlaternen ausgefallen und die Leute vor Schreck oder aus Vorsicht erstarrt wie sie selbst?
Ein Stimmchen in ihrem Kopf begann augenblicklich, zu protestieren. Alle Menschen bleiben auf einmal stehen, hören auf zu reden und zu atmen? Geeenaaaau. Zufall. Wer's glaubt, wird selig.
Die Entscheidung, wie sie reagieren sollte, wurde ihr abgenommen, als zeitgleich die Schritte der Menschen wieder einsetzten und ein helles Licht auf der anderen Straßenseite entflammte. Kurz darauf ging eine ähnliche Lichtkugel in blauer Farbe an. Die Größe und Form der Quellen schloss Taschenlampen aus, aber womöglich hatte die Stadt Scheinwerfer für solche Notfälle. Konnte das sein?
Erleichterung machte sich in ihr breit – Und wich im nächsten Moment wieder vollkommener Furcht. Die Schritte der Menschen erklangen synchron und schwer, nahezu geordnet und...mechanisch. Alle steuerten sie in ihrem Roboterschritt auf die Lichtquelle auf der anderen Straßenseite zu. Lana bemerkte erschrocken, dass viele der Frauen und Männer leicht taumelten. Doch eines hatten sie allesamt gemeinsam: Sie waren gewaffnet. Metallrohre, Baseballschläger aus Aluminium und Messer fanden sich in den Händen der Menschen.
Lanas Sicherungen brannten alle auf einmal durch. Ein ersticktes Wimmern entfuhr ihr, während sie zurück wich, bis sie eine kalte Hauswand an ihrem Rücken spürte. Kantiger Stein drückten sich gegen ihre Wirbelsäule und Lana schnappte erschrocken nach Atem. Die Menschen schlürften wie ein metallischer, steter Strom auf die Lichtquelle zu.
Über die hallenden Schritte hinweg drangen zwei Stimmen nacheinander an ihr Ohr. Die erste war kaum mehr als ein Murmeln.
„Menschen“, hörte sie jemanden sagen. „Was machen die denn? Sie sollten uns gar nicht sehen können.“
Aus den Reihen stieg ein finsteres Kichern auf. Der Mob erstarrte erneut an Ort und Stelle. Aus den Augenwinkeln sah Lana, wie die Menschen zur Seite wichen, als eine schlanke Frau zwischen ihnen hervor schwebte.
Schwebte. Wäre Lana nicht längst ängstlich, hätte die Frucht sich spätestens in diesem Moment mit purem Unglauben vermischt. Die fliegende (Oh mein Gott, fliegende!) Frau trug ein giftgrünes Businesskostüm, Zehnzentimeterabsätze und grünen Lippenstift, der strahlte wie radioaktiver Müll. Ihr Haar schien aus Kabeln zu bestehen, aus dünnen Netzwerkkabeln in Grün, Schwarz und Rot.
In ihrer Stimme lag ein Summen wie bei einem elektrischen Zaun. „Da seid ihr ja endlich“, sprach sie mit in die schlanke Hüfte gestemmten Händen. „Ich bin schockiert, dass Eisenpferd solch Probleme mit euch hatte, aber andererseits ist er ja auch dermaßen alt. Jenseits von jedem Nutzen, würde ich sagen. Mit mir werdet ihr kein so leichtes Spiel haben.“
„Wer bist du?“, knurrte die erste Stimme wieder. Es war die eines Mannes. Der Angst in Lanas Gliedern zum Trotze erkannte sie, dass sie wissen musste, ob der Mann ein normaler Mensch war. Am liebsten wäre ihr jemand, der sich weder wie ein Zombie benahm, noch einen auf fliegende Medusa machte.
Sie musste näher an das Licht, näher an die Stimme.
Ein Teil von ihr zögerte. Der sprechende Mann unter der Leuchtkugel klang nicht äußerlich freundlich. Aber Lana hatte nichts anderes übrig. Irgendetwas Seltsames ging hier vor sich und sie weigerte sich mit jeder Zelle ihres Körpers, an den hypnotisierten Menschen vorbei nach Hause zu rennen, denn ein schrecklicher Gedanke erfüllte sie. Was, wenn die gesamte Stadt in Trance war? Was, wenn es ihrem Dad, der in ihrer Wohnung auf sie wartete, ebenso erging wie den Menschen hier?
Sie holte tief Atem und stieß sich von der eisigen Hauswand im ihrem Rücken ab. Leise, um in der bedrohlichen Stille nicht gehört zu werden, schob sie sich zwischen den versteinerten Menschen hindurch auf das Licht zu. Die Gesichter der Menschen erschreckten sich so sehr wie die Waffen in ihren Händen. Sie waren völlig ausdruckslos, ihre Augen schwarze Löcher und ihre Münder gerade Linien. Gänsehaut strich Lana über den kalten Nacken. Sie biss sich fest auf die Unterlippe, um keinen Laut von sich zu geben. Einen Schrei zum Beispiel. Oder ein Wimmern.
Mit angehaltenem Atem schaffte sie es so weit, dass sie einen guten Blick auf den Mann erhaschen konnte, der mit der fliegenden Frau gesprochen hatte. Über seinem Kopf schwebte eine Leuchtkugel mit eisblauem Licht, das sich in seinem Ohrstecker reflektierte. Er hatte ein grimmiges Gesicht mit entschlossenen, grauen Augen, dessen Ausdruck Lana beinahe hätte vorsichtig zurückweichen lassen. Seine rechte Hand umfasste einen...Schwertgriff. Lana blinzelte. Tatsächlich. Der Typ hatte allen Ernstes ein verdammtes Schwert bei sich.
Gut, dachte sie in bitterer Verzweiflung. Sieht so aus, als würde ich eine vernünftige Antwort auf das gruselige Geschehen wo anders finden.
An seinem anderen Arm klammerte ein Mädchen, welches etwa in Lanas Alter war und ihr irgendwie vertraut erschien. Ihr Haar war dermaßen hell, dass es fast weiß aussah, und somit in starkem Kontrast zu dem schwarzen Haar ihres Gefährten stand. Sie war hübsch. Und sie sah genau so verzweifelt und ängstlich aus, wie Lana mich fühlte. Womöglich konnte sie ja mit ihr reden, sobald sie nah genug an sie heran kam und die unheimliche Medusa verschwunden war. Selbst wenn das Mädchen sich - genau so wie ihr Freund - aus vermeidlichem Spaß spitze Ohren angeklebt hatte, wirkte sie um einiges vernünftiger.
Menschlicher.
Lana machte Anstalten, näher zu schleichen, da trat auf einmal ein weiterer Typ an die Seite des ersten Mannes. Auch über ihm schwebte ein Leuchtfeuer, doch seines war wärmer, frischer. Sein oranges Haar sah aus wie Kupfer und verdeckte halb seine spitzen Ohren. Seine Finger waren um einen kleinen Dolch geschlungen. Die Waffe sowie das mörderische Funkeln in seinen Augen verliehen ihm ein raubtierartiges Aussehen. Und dennoch überwältigten Lana seine kräftigen Schultern, das makelloses Gesicht und der markante Kiefer. Seine Ausstrahlung war kaum in Worte zu fassen. Weich zeichneten sich die Konturen seiner Muskeln durch den Stoff seines T-Shirts durch, während er sich in breitbeiniger Kampfstellung neben seinem Freund positionierte. Er sah unglaublich aus.
Das Kichern der fliegenden Frau lenkte Lanas Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen. Sie streckte eine Hand mit grün lackierten Fingernägeln nach dem Mädchen mit dem mondlichtblonden Haar aus und schenkte ihr einen Luftkuss.
„Ich bin Virus“, verkündete Medusa. „Die Nummer zwei unter König Machinas Leutnants. Freut mich, dich kennenzulernen, Meghan Chase.“
Meghan Chase, schallte es durch Lanas Kopf. Ihre Augen weiteten sich, als ich ihr Gesicht von den Vermisstenanzeigen wiedererkannte. Sie kam aus einer anderen Stadt und verschwand eines Tages spurlos. Lana hatte in der Zeitung darüber gelesen. Meghans Eltern hatten sie monatelang gesucht, auch in New Orleans, weil sie angeblich schon lange davon geträumt hatte, wegen der Festivals hierher zu kommen. Anscheinend hatten ihre Eltern mit der Vermutung richtig gelegen.
Bestimmt ist sie mit dem Typen an ihrer Seite durchgebrannt, dachte Lana. Sie konnte es verstehen. Beide Jungs sagen unbeschreiblich gut aus.
„Was hast du mit den Menschen gemacht?“, fragte das Mädchen namens Meghan wütend. Ihr Mut überraschte Lana. Ihr eigener Hals war inzwischen so trocken, dass sie kaum schlucken konnte.
„Oh, mach dir um die keine Sorgen.“ Medusa wirbelte lächelnd einmal im Kreis herum. „Die haben nur ein kleines Wanzenproblem. Diese Wanzen, um genau zu sein.“
Sie hob die Hand, worauf ein Schwarm winziger Insekten aus ihrem Ärmel flog und über ihrer Handfläche schwebte. Sie sahen aus wie funkelnder Silberstaub.
„Niedlich, nicht wahr?“, fragte sie. „Sie sind ziemlich harmlos, allerdings ermöglichen sie mir, in Gehirne einzudringen und ihre Programme umzuschreiben. Erlaubt mir, es kurz zu demonstrieren.“
Sie zeigte auf den Mann, der ihr am nächsten stand, und er ließ sich sofort auf alle viere fallen und begann zu bellen. Die schwebende Frau kicherte und klatschte in die Hände. „Seht ihr? Jetzt denkt er, er sein ein Hund.“
Vor Schreck schlug Lana sich die Hand vor den  Mund. Ängstlich starrte sie den bellenden Mann an. Sie wäre sicherer, wenn Medusa nicht entdeckte, dass sie nicht auch von ihren Wanzen befallen war. Ein Zittern fuhr durch Lanas Körper. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es wäre, ihren Verstand an diese Wahnsinnige abgeben zu müssen.
„Brillant“, lobte eine attraktive Stimme. Lana wandte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die drei Menschen unter den Leuchtfeuern. Der Junge mit dem Kupferhaar sprach mit einer kehligen, nahezu amüsierten Stimme, die Medusa zu provozieren schien. „Kannst du ihn auch krähen lassen wie einen Hahn?“, fragte Kupferhaar.
Obwohl Lana vor Angst gelähmt war, drohte ein hysterisches Kichern in ihr aufzusteigen. Ein seltsames Wimmern entrann ihren Lippen und sie presste ihre Hand dichter gegen ihren Mund. Ihr Herzschlag setzte aus, während sie auf Medusas Reaktion wartete. War Kupferhaar leichtsinnig oder arrogant, dass er sich mit einer fliegenden Frau anlegte? Dachte er, sie wäre keine Gefahr? Lana zumindest befürchtete das Gegenteil und sie war nicht allein. Meghan und ihr finsterer Freund starrten Kupferhaar böse an. Dieser blinzelte.
„Was denn?“, fragte er.
Er klang so unbekümmert. Sie hätte gerne die Augen geschlossen und seinen selbstsicheren Worten geglaubt, dass alles wieder gut werden würde.
Plötzlich wandte sich Meghan ruckartig wieder Medusa zu. „Du warst das!“, rief sie. „Du hast beim Elysium die Chimäre losgelassen!“
„Oh ja, das war mein Werk.“ Medusa wirkte geschmeichelt, doch einen Moment später verdüsterte sich ihre Miene. „Obwohl das Experiment nicht ganz so verlaufen ist, wie ich es mir erhofft hatte. Die normalen Feenwesen reagieren nicht sonderlich gut auf meine Wanzen...“
Die fliegende Frau sprach noch weiter, doch an dieser stelle schaltete sich Lanas Denkvermögen aus. Hatte sie Feenwesen gesagt? War sie hier in die Kulisse eines Filmes oder ein krankes Rollenspiel geraten?
„Lass sie frei“, forderte Meghan.
Medusa musterte sie mit funkelnden grünen Augen. „Ich denke nicht, Süße.“ Sie schnippte mit den Fingern, woraufhin der Mob wieder los schlurfte und die Arme nach den drein ausstreckte.
„Bringt mir das Mädchen“, befahl die fliegende Frau. „Und tötet die anderen.“
Ein Schrei entfuhr Lana, doch da ihre Lippen so trocken war, wurde bloß ein Keuchen hörbar. Ihre Brust schnürten sich zu, als die Menschen begannen, mit ihren Waffen zu spielen, ohne darauf zu achten, ob sie sich (oder Lana) verletzten.
Meghans Freund zog sein Schwert und ein mysteriöser blauer Schimmer umgab die scharfe Klinge. Das Licht ähnelte stark dem der Leuchtkugel über seinem Kopf.
„Nein!“, schrie Meghan und packte seinen Arm. „Du darfst sie nicht verletzen. Das sind nur ganz normale Menschen. Sie wissen nicht, was sie tun.“
Der Typ warf ihr über seine Schulter einen hektischen Blick zu. „Und was soll ich deiner Meinung nach machen?“
„Ich schlage vor, wir nehmen die Beine in die Hand“, meinte Kupferhaar. Er zog etwas aus seiner Tasche, doch Lana achtete nicht länger darauf. Stattdessen gab sie ihre Deckung auf und wich zwischen den Waffen und den Menschen hindurch, um ihr ihren Weg frei zuschlagen.
Hinter Lana gab es einen lauten Knall und sie quiekte Erschrocken auf, aber die Explosion spornte sie an, schneller zu fliehen.
„Los jetzt!“, schrie Kupferhaar hinter ihr. Seine Worte waren nicht für Lana bestimmt und doch kämpfte sie sich an den freien Straßenrand und rannte los.
Hämmernde Schritte verrieten ihr, dass Kupferhaar, Meghan und der Finstere immer noch verfolgt wurden. Es wäre ratsam gewesen, in die entgegengesetzte Richtung davon zu laufen, doch ein Instinkt warnte sie davor, alleine zu bleiben. Also heftete Lana sich dicht an die Fersen der anderen und erlebte mit, wie ein Rohrstück schlingernd über Meghans Schulter hinweg flog und das Schaufensters eines Geschäfts einschlug. Meghan jaulte erschrocken auf und strauchelte, doch ihr Freund packte ihre Hand und riss sie weiter. Lana schien, als würden sie es schaffen, sich im Rennen zu unterhalten, aber sie konnte sie über ihren keuchenden Atem hinweg nicht verstehen. Es sah aus als...als würden Kupferhaar und der andere sich zanken.
Ein weiteres Rohr flog an und traf Kupferhaar an der Schulter. Er keuchte und geriet aus dem Schritt. Im letzten Moment konnte er sich fangen, während Meghan und Lana angsterfüllt aufschrien.
Medusa lachte. „Ihr könnt vielleicht weglaufen, ihr kleinen Feenjungs, aber ihr könnt euch nicht verstecken. Die Menschen sind überall, und ich kann sie alle zu meinen Marionetten machen. Wenn ihr jetzt stehen bleibt und mir das Mädchen ausliefert, werde ich euch sogar die Wahl lassen, wie ihr sterben wollt.“
Tränen traten Lana in die Augen. Sie war verwirrt und hatte Angst, wusste weder, wovon die Rede war, noch wie zum Teufel all das wahr sein konnte. Feenjungs? Was sollte das bedeuten? Konnte es sein, dass sie träumte?
Was im nächsten Augenblick geschah, bestätigte das Gegenteil. Ihre Fantasie war ausgeprägt, jedoch nicht so weit. Der schwarzhaarige Freund von Meghan wirbelte herum und schleuderte Medusa eine Wolke aus Eissplittern entgegen. Sie keuchte auf, doch einer der hypnotisierten Menschen sprang hoch, um den Angriff abzufangen, sodass die Splitter seine Brust zerfetzten. Während er zuckend zusammenbrach, zischte Medusa wie eine aufgebrachte Wespe.
„Oh, netter Versuch, Prinz“, rief Kupferhaar, als die Zombies nun mit empörten Schreien vorwärts taumelten. „Gute Art, sie wütend zu machen.“
Wäre die Situation nicht annähernd so fürchterlich, hätte Lana sicher über seinen Sarkasmus gelacht.
Stattdessen blieb sie erschrocken stehen und betrachtete mit bleichem Gesicht den zuckenden Menschen mit den Eissplittern auf dem Boden. Ein paar Sekunden lang konnte sie nichts anderes tun, als ungläubig das Blut und die Splitter zu betrachten. Sie kniff sich in den Arm, schüttelte wild den Kopf und stammelte hilflos „Nein, nein, nein“, doch kein Gebet der Welt würde ihr helfen. Lana riss ihren Blick los und nahm die Verfolgung hinter den einzigen Menschen wieder auf, die nur ansatzweise in der Lage dazu waren, ihr zu erklären, was hier vor sich ging.
Helles Licht kam näher, als sie hinter Kupferhaar, Meghan und ihrem Freund den erleuchteten Platz in der Innenstadt erreichten. Lana seufzte, als sie erkannte, wie nah sie ihrer Wohnung gekommen waren und dass die meisten Menschen sich hier geistesgegenwärtig benahmen. Die drei hörten auf zu rennen, doch in Lanas Adern brannte das Adrenalin noch viel zu lodernd. Sie hetzte am Straßenrand weiter.
Lana spielte mit der Entscheidungen, nach Hause zu laufen. Doch als sie Meghans panischen Schrei hörte und sah, wie sie von einem Polizisten angegriffen wurde, glaubte sie Medusas Worten. Sie hatte buchstäblich jeden Menschen auf dem Platz unter Kontrolle. Es würde niemanden geben, der vernünftig mit Lana sprechen würde. Und wer würde ihr Glauben schenken, wenn sie erzählen würde, was sie soeben erlebt hatte?
Sie schnappte sich ein herrenloses Fahrrad an der Straßenecke und schwang sich fluchend in den Sattel, während sich versuchte, Meghan zu entdecken. Ihre Gruppe steuerte geradewegs auf eine Kutsche zu.
Lana kniff zweifelnd die Augen zusammen. Eine Kutsche? Mitten in New Orleans? Konnte der Tag noch absonderlicher werden?
Auf dem Fahrrad arbeitete sie daran, den Abstand zwischen sich und Meghans Truppe zu schließen, als urplötzlich ein Schuss fiel. Er schallte Lana lange durch die Ohren. Dann geschahen zwei Dinge auf einmal.
Sie sah, wie Kupferhaar krampfartig zuckte und nach vorne geschleudert wurde. Sein fürchterlicher Schrei drang an ihr Ohr.
Gleichzeitig flog ein Rohr vor Lana auf die Straße, riss das Vorderrad ihres Fahrrades herum und brachte sie zum Stürzen. Schmerz schoss ihr in Armen sowie Beinen auf und ihre Haut ratschte über den Boden. Ihr gesamter Körper schien in Flammen aufzugehen.
Dann wurde alles schwarz.
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