Zwischen den Zeilen

von Naschi
KurzgeschichteRomanze, Freundschaft / P12
09.12.2016
09.12.2016
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Dieses Kapitel
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Dies ist mein Beitrag für das neunte Türchen beim Adventskalender 2016 von -Aurora-

Wichtelkind: Rosalie18

gewünschtes Format: Oneshot
Fandom: The Mentalist
Genre: Romanze (gerne kitischig)
Schlagworte, die vorkommen sollen: Mistelzweig, Glühwein, Lebkuchen, Kaminfeuer





Nur ein paar Worte vorab: Es sollte ein Oneshot werden, doch dann flossen die Worte, und ich war bei 5000. Als ich dann fertig (und zufrieden) war, hatte ich 12.000 Wörter auf dem Tacho. Aus diesem Grund, musste ich die Geschichte in drei Kapitel aufteilen, weil es sonst zu unübersichtlich geworden wäre. Es tut mir sehr leid, ich konnte mich wirklich nicht bremsen und hatte zu viel Spaß beim Schreiben :)

Liebe Rosalie, ich hoffe, dass dir die Geschichte trotz der Länge zusagt und gefällt. Wie schon gesagt, ich hatte zu viel Spaß beim Schreiben und deine Vorgaben waren so toll! Vielen Dank dafür :D


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Missmutig stapfte Lisbon durch den dichten Schnee, der in dem Örtchen Lone Pine am Fuße des Mount Whitney, über Nacht gefallen war. Es war Mitte Dezember, zwei Tage vor Weihnachten und die Temperaturen stark gesunken. Trotz der Höhe und die Nähe zur Sierra Nevada,  war sie nicht auf die weiße Pracht eingestellt, ihre Jacke war dementsprechend dünn und an einen Schal oder eine Mütze hatte sie keinen Gedanken verschwendet.
Die Hauptstraße war in den frühen Morgenstunden wie ausgestorben. Den Mantel enger um sich ziehend hielt Lisbon Ausschau nach einem öffentlichen Telefon.
Das in ihrem Motel war beschädigt und Lisbons Handy war im Zuge ihrer Ermittlungen, die ihr Team nach Lone Pine geführt hatte, kaputt gegangen. Natürlich wäre es einfach, die Schuld bei ihrem Berater zu suchen – er hatte es auch auf dem Gewissen – doch sie verbrauchte ihre Energie lieber dafür, durch die Kälte zu stapfen, und nach dem Fernsprecher zu suchen, damit sie in der Zentrale des CBIs anrufen konnte.
Im Westen schälten sich langsam die Gebirgskette und der Berg aus dem Morgennebel, ein Anblick, der eines Fotos würdig war. Lisbon blieb für einen Moment stehen und prägte sich das Bild ein, das sich ihr bot. Jane hatte Recht, es war wirklich eine schöne Landschaft.
Sie schmunzelte leicht, weil es ihm immer mühelos gelang ihr Augenmerk vom Wesentlichen auf die kleinen, besonderen Dinge zu lenken.
Nach ein paar Minuten straffte sie jedoch ihre Schultern und ging weiter. Ihr Fall war abgeschlossen, der Täter überführt, was unter anderem auch daran lag, dass Jane seine Finger im Spiel gehabt hatte.
Er war nur wegen der malerischen Kulisse mitgekommen, so seine Aussage, hatte sich dann aber schnell in die Ermittlungen eingeklinkt. Zum Glück für sie, denn sie wollte zurück nach Sacramento und die 350 Meilen waren eine Strecke, die sie nicht in einem Zug zurücklegen würde.
Sobald sie das OK hatte, würde Lisbon ihr Team in die Autos verfrachten und zurückfahren. Vor den 6 Stunden grauste es ihr bereits. Der Highway 395 führte sie geradewegs durch die Sierra Nevada, war also kurvenreich und nicht besonders schnell zu befahren. Lisbon freute sich auf ihr Zuhause, auch wenn sie die Feiertage wie immer alleine verbringen würde.
Es war ihre beschützte Umgebung, ein Ort, an dem sie sich mit traumwandlerischer Sicherheit bewegte. Und vor allem ein Ort, an dem sie Jane nicht begegnen musste. Eine kleine Stimme in ihr stichelte, dass dies nur ein vorgeschobener Vorwand war, denn schon lange genoss sie seine Anwesenheit und vermisste ihn, wenn er länger weg war. Und so sehr Lisbon diese Gedanken auch von sich schob, sie wurden lauter und drängender. Lange würde sie sie nicht mehr leugnen können.
An der einzigen Tankstelle im Ort entdeckte sie schließlich das Gesuchte und machte sich mit zitternden Fingern daran, Kleingeld aus ihrer Tasche zu fischen und in den Schlitz zu werfen. Das Telefon hatte schon bessere Zeiten gesehen, die Zahlen auf den Tasten waren nicht mehr zu erkennen und die Kabine war über und über mit Graffiti beschmiert. Lisbon stellte einen Fuß in die Tür, um sie aufzuhalten, weil es darin stank, und begann die Nummer einzutippen.  Das Freizeichen kam prompt und sie hoffte, dass Wainwright bereits in seinem Büro war.
Ihr Atem wurde zu kleinen Wölkchen, als sie ihn genervt ausstieß. Nach einer Minute gab sie auf. Dann eben später.

Als sie wieder am Motel ankam, spannte sich bereits ein strahlend blauer Himmel über die Stadt, den keine Wolke zierte. Vermutlich würde der Schnee wieder schmelzen, was Lisbon in eine leicht bedrückte Stimmung versetzte.
Die Durchschnittstemperaturen um diese Jahreszeit lagen bei 10° Grad, zu viel, als dass Schnee fallen würde. Das hier war etwas Seltenes. Wenn man jedoch den Trail ein paar Kilometer weiter den Berg hoch wanderte, würde man sich vor Schnee kaum retten können.
Ihr Team wartete bereits im Frühstücksraum auf sie. Bis auf ihr sie waren keine anderen Gäste im Motel eingekehrt. Die Touristen, die um diese Jahreszeit in der Stadt waren, hatten sich eher in den größeren Hotels eingemietet.
So hatten sie den kleinen Saal für sich allein.
Lisbon sagte die Weihnachtsdekoration zu, die die Besitzerin wirklich geschmackvoll verteilt hatte. Nicht zu aufdringlich und vor allem nicht zu bunt. Ein Kaminfeuer verbreitete eine angenehme Wärme und das Prasseln sorgte für ein gemütliches Gefühl.  
Jane, mit seiner üblichen Tasse Tee in der Hand, sah munter in die Runde, Van Pelt und Rigsby hingegen starrten müde in ihre Kaffeebecher. Cho wiederrum sah ausgeschlafen aus und las mit neutraler Miene in seinem Buch. Ihr Einsatz in der letzten Nacht war spät zu Ende gegangen, nicht einmal ihre traditionelle Pizza hatten sie gegessen. Lisbon war todmüde ins Bett gefallen, und als nach vier Stunden ihr Wecker geklingelt hatte, war sie wie gerädert aufgewacht.
„Boss, konnten Sie was erreichen?“, begrüßte Van Pelt sie und schob ihr eine Tasse mit der schwarzen Flüssigkeit hin.
Dankbar griff Lisbon danach, ließ die Wärme ihren Arm hochkriechen und sog den verführerischen Duft ein. Der Stuhl neben Jane war frei, er zog ihn mit einem Grinsen zurück und deutete ihr an, sich zu setzen. Lisbon erwiderte seine Geste mit einem leichten Lächeln und nahm Platz.
„Nein, Wainwright ist noch nicht im Dienst.“ Vorsichtig nippte sie an dem Becher und verzog das Gesicht. Ein bisschen zu stark für ihren Geschmack, weswegen sie sich Milch nachschenkte und noch Zucker dazu tat.
Jane beobachtete sie mit seinem belustigten Lächeln.
„Was ist?“, fragte sie nach, mitten in der Bewegung innehaltend. Er verunsicherte sie, und zwar mehr, als sie zugeben wollte. Es war schwer, sie aus dem Konzept zu bringen, doch Jane beherrschte diese Fähigkeit geradezu meisterhaft. Lisbon ärgerte sich, weil er es wieder mal geschafft hatte.
„Nichts, nur der Kaffee in Kombination mit der Menge Zucker, die Sie da hineinschaufeln, wird Sie wie ein hyperaktives Eichhörnchen werden lassen.“
Lisbon schoss das Blut in die Wangen. Sie stellte die Tasse etwas zu schwungvoll ab, sodass der Kaffee überschwappte.
„Ich habe mich noch nie wie ein hyperaktives Eichhörnchen benommen!“, verteidigte sie sich und wusste im gleichen Moment, dass sie nicht hätte darauf eingehen sollen. Leise fluchend wischte Lisbon den Kaffee auf und knüllte die Serviette wütend zusammen.  
Van Pelt grinste, versuchte es aber, hinter ihrem Becher zu verstecken, und Rigsbys Schultern bebten vor unterdrückten Lachen. Sie warf beiden einen strengen Blick zu. Cho verzog nicht mal seinen Mundwinkel. Guter Mann.
„Verzeihung, Sie werden dann zu einem Kontrollmonster, das nur an die Arbeit denkt“, berichtige sich Jane trocken und klang dabei unglaublich gelangweilt, so, als würde er lediglich eine allgemein bekannte Tatsache feststellen.
Rigsby prustete los und brach in schallendes Gelächter aus, während Van Pelt giggelte wie ein kleines Mädchen. Lisbon spürte die Hitze in ihrem Gesicht und ihre Miene verfinsterte sich.
Was zur Hölle war heute nur mit ihrem Berater los? Sie wusste ja, dass er sie gerne ärgerte, doch ihn so früh in Topform zu erleben verwirrte sie. Und sie hatte definitiv nicht die Nerven dafür. Konnte er sie nicht einmal an Weihnachten verschonen?
„Jane, ich würde Sie gerne sprechen. Unter vier Augen“, zischte sie, erhob sich und nahm dabei ihren Kaffee mit. Sollte er sich daneben benehmen, würde sie ihn einfach kurzerhand ins Gesicht schüttend. Mit diesen äußerst befriedigenden Gedanken kam sie schon etwas runter, als sie sich an einen Tisch weit weg von den anderen lehnte.
Mit gespielt bedauernder Miene trat er an sie heran.
„Würden Sie mir erklären, was mit Ihnen los ist?“, verlangte sie zu wissen und ließ Jane dabei nicht aus den Augen. Dabei lächelte sie ihn zuckersüß an, was ihn einen Moment aus der Fassung zu bringen schien.
Er blinzelte verwirrt und sein Blick haftete eine Sekunde zu lang auf ihr, was Lisbon mit einem komischen Gefühl zur Kenntnis nahm. Doch er wäre nicht Patrick Jane, wenn er sich nicht schnell wieder unter Kontrolle gehabt hätte.
Mit seinem Dauergrinsen zuckte er die Schultern.
„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Lisbon“, hauchte er unschuldig und nippte dabei an seinem Tee. Sie verengte die Augen zu Schlitzen.
„Ich meine, dass Sie das alles hier wohl als Amüsement sehen, als nette Abwechslung. Dabei haben wir noch Arbeit vor uns. Und ich möchte dringend zurück nach Sacramento. Ihre Sprüche helfen dabei nicht weiter.“
Jane hustete und es klang verdächtig nach „Kontrollmonster“. Ehe sie jedoch etwas sagen konnte, hielt er einen Finger hoch und erstickte ihre Versuche im Keim.
„Keine Sorge, ich habe mich nur verschluckt“.
„Ich mache mir keine Sorgen um Sie“, erwiderte Lisbon etwas zu schnell und wieder traf sie der amüsierte Ausdruck in seinen Augen wie ein Schlag. Wann hatte das eigentlich angefangen? Er sollte sie nicht durcheinander bringen, er war ihr Berater, Himmel noch mal!
„Ach Lisbon“, säuselte Jane, dann seufzte er theatralisch, „Sie haben Arbeit. Ich nicht. Mein Job als Ratgeber ist getan und nun kann ich diese wundervolle Stadt hier genießen.“
Lisbon schloss für einen Moment die Augen, atmete tief ein und zählte in Gedanken bis zehn. Andernfalls hätte sie ihm ihren Kaffee wohl wirklich ins Gesicht geschüttet.
„Gut“, presste sie hervor, „das Team und ich haben Arbeit und ich möchte verdammt noch mal, dass Sie sich benehmen, damit wir schnell von hier wegkommen.“
Sein Grinsen wurde größer, doch dieses Mal konnte Lisbon sich davon abhalten, darauf einzugehen.
„Lisbon, mal ehrlich, es ist Weihnachten, Wainwright wird kaum erwarten, dass Sie ihm ihren Abschlussbericht heute Abend auf den Tisch legen. Und ich benehme mich immer.“ Das Immer hatte er besonders betont, dennoch konnte sie nicht verhindern, dass sie ihre Augen verdrehte.
„In zwei Tagen ist Weihnachten“, korrigierte sie ihn, was ihm ein genuscheltes „Kontrollmonster“ entlockte.
„Wir können nicht einfach fahren und die örtliche Polizei mit dem Papierkram alleine lassen“, erklärte Lisbon, ohne näher auf seine Äußerung einzugehen.
Ein Handy vibrierte, was sie aus dem Konzept brachte. Ihr Blick huschte zu ihrem Team.
„Wer hat hier ein Handy?“, rief sie und erntete verständnislose Blicke.
„Das ist meins“, sagte Cho nüchtern.
„Wenn Sie hier ein Handy haben, warum musste ich dann heute in dieser gottverdammten Kälte nach draußen, um Wainwright anzurufen?“ Sie war davon ausgegangen, dass Chos Handy wie das von Rigsby und Van Pelt, durch den elektromagnetischen Impuls, den Jane im hiesigen Elektrizitätswerk der Gegend ausgelöst hatte, entladen war.
„Sie haben nicht danach gefragt“, murrte er knapp. Jane kicherte und Lisbon fuhr zu ihm herum.
„Sie wussten das!“, zischte sie und er hob abwehrend die Hände.
„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber geben Sie es zu, die Stadt sieht in der Morgendämmerung malerisch aus und die Silhouette der Sierra Nevada runden das Bild noch ab, oder nicht?“
„Ich habe keine Zeit für sowas“, giftete sie schon fast hysterisch und stapfte davon, um ihren Laptop zu holen.
Mit eben diesen ließ sie sich an dem Tisch neben den Kamin nieder.
Zuvor jedoch hatte sie Cho grummelnd angewiesen zur örtlichen Polizeidirektion zu fahren, um dort die Protokolle der Verhöre abzuholen. Van Pelt und Rigsby indes hatten die Aufgabe bekommen, ihren Einsatz niederzuschreiben, damit die Akte noch vor den Feiertagen in Reinform auf Wainwrights Schreibtisch liegen würde.
Lisbon selbst verfasste gerade die grobe Fassung der Anklageschrift, listete die Beweismittel auf und glich alles mit den vorhandenen Informationen der örtlichen Behörde ab. So aufregend ihr Job auch war, diese Nacharbeit konnte mitunter sterbenslangweilig sein.
Sie war so vertieft in ihr Tun, dass ihr Kaffee kalt wurde. Jane indes war aus dem Motel gegangen – um was auch immer zu tun – aber nach einer Weile tauchte er wieder auf, grinsend und mit geröteten Wangen.
Lisbon warf ihm einen kurzen Blick zu, registrierte, dass er eine Tüte in der Hand hielt, und sah dann wieder auf ihren Bildschirm. Leise summte er vor sich hin und legte wie beiläufig die Tüte vor ihrer Nase ab.
„Was –“, wollte sie fragen, doch er unterbrach sie.
„Sie haben noch nichts gegessen.“ Mit einem unschuldigen Augenaufschlag wies er sie an, nachzusehen, was er mitgebracht hatte.
Lisbon kam der stummen Bitte mit einem Seufzen nach, welches das Knurren ihres Magens überdecken sollte. Ihr wehte der würzige Geruch von Lebkuchen entgegen. Wie lange hatte sie schon keinen mehr gegessen!
„Dankeschön“, hauchte sie und nahm das kleine Männchen in die Hand. Herzhaft biss sie hinein und ließ sich den Geschmack auf der Zunge zergehen.
Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Dokument vor sich. Jedenfalls versuchte sie es. Jane war an die Rezeption verschwunden, was sie auch nur bemerkte, weil plötzlich leise weihnachtliche Bluesmusik aus den Lautsprecherboxen drang.
Himmel, dieser Mann brachte sie noch um den Verstand! Jane wusste, wie gern sie diese Art von Musik hörte, vor allem, wenn der Saxophonist so gut war. Sie schloss für einen Moment die Augen, um zu lauschen und sich treiben zu lassen.
Musik konnte sie niemals widerstehen, ihre Sinne wurden jedes Mal auf eine Reise mitgenommen und Lisbon fühlte tiefe Entspannung. Das Feuer und die Klänge lullten sie ein und mit ihrer Konzentration war es dahin.
Erst die irritierende Anwesenheit Janes riss sie aus ihren Gedanken.
Er hatte sich dicht neben sie gesetzt und starrte auf ihren Bildschirm.
Zu nah!, schoss es ihr durch den Kopf, doch sie brachte kein Wort heraus. Ihre Brust war wie zugeschnürt, ob seiner Dreistigkeit. Bemerkte er denn nicht, dass seine Nähe sie so aus der Fassung brachte? Oder – was viel schlimmer wäre – wusste er davon, und er tat dies mit Absicht?
„Sind Sie bald fertig?“ Er quengelte. Und wenn er das tat, dann hatte er etwas vor. Etwas, das ihr nicht gefallen würde.
„Nein“, schnappte sie. Ihr Blick richtete sie wieder auf ihre Arbeit. Stur versuchte sie, ihn auszublenden, was ihr auch für genau eine Minute gelang. Dann hört sie ihn seufzen, laut und theatralisch. Als sie auch darauf nicht reagierte, begann er zu summen und auf seinem Stuhl zu wippen.
Ihre Augen fixierten immer wieder die gleiche Stelle, sie kam einfach nicht voran, wenn er so herumkasperte. Seine Hand schwebte in ihr Sichtfeld.
Lisbon zuckte zurück, als er mit einem Ruck ihren Laptop schloss und sie geradeso noch ihre Finger von der Tastatur ziehen konnte.
„Jane!“, schrillte sie und sprang auf. Gemächlich erhob er sich.
Himmel, sie hatte ihre Arbeit nicht abgespeichert! Panisch kramte sie in ihrem Kopf nach der Information, ob sie das Autospeichern aktiviert hatte. Und den Standby Modus hatte sie natürlich auch abgeschaltet, was hieß, dass ihr Laptop automatisch herunterfuhr, wenn man ihn zumachte.
„Was fällt Ihnen ein?“ Lisbons Stimme überschlug sich, die Arbeit von – sie warf einen Blick auf die Uhr – zwei Stunden war weg! Zähneknirschend wandte sie sich ihm zu und prallte unbewusst zurück, weil sie vergessen hatte, wie nah er neben ihr stand.
Sie hatte Probleme in diesem Moment ihren Gefühlen Gestalt zu geben. War es Wut über seine Dreistigkeit, oder Verlegenheit, weil sie sich wie ein Schulmädchen benahm?
„Ich habe mit Wainwright gesprochen“, trumpfte Jane auf und holte Lisbon aus ihrem Dilemma heraus. Sie stöhnte genervt auf. Konnte es schlimmer kommen?
„Wann und warum zur Hölle sprechen Sie mit meinem Vorgesetzten?“
„Zunächst, als ich Ihnen den Lebkuchen besorgt habe und weil ich Ihnen Arbeit abnehmen wollte“, säuselte Jane.
Ja klar, er und ihr Arbeit abnehmen. Wenn es nicht eher anders herum war …
Lisbon zwang sich, langsam durchzuatmen, und presste ihren Daumen und Mittelfinger gegen den Nasenrücken, damit die pochenden Kopfschmerzen, die sich jetzt schon einstellten, nicht schlimmer wurden.
„Okay, und was genau hat er gesagt?“, zwang sie sich ruhig nachzufragen.
Nun setzte Jane sein typisches Grinsen auf, das von einem Ohr bis zum Nächsten zu reichen schien. In Lisbons Magen rumorte es, der Anblick dieses Lächelns nahm sie irgendwie mit.
„Ich sagte Ihnen doch, dass Wainwright locker ist. Er erwartet nicht von Ihnen, dass er die Akte vor Weihnachten auf dem Tisch hat. Es arbeitet in der Staatskanzlei ohnehin keiner über die Feiertage und so lange bleibt Summers in Untersuchungshaft, bis der Richter wieder im Dienst ist.“
Lisbon war sprachlos und starrte ihren Berater mit offenem Mund an.
„Lisbon, das bedeutet, dass Sie frei haben“, half er ihr auf die Sprünge, weil sie sich noch immer nicht regte.
Lisbon wusste nicht, ob sie dankbar sein, oder ihn einfach schlagen sollte, weil er sich einfach eingemischt hatte und damit bewies, dass sie ihr Team scheinbar nicht unter Kontrolle hatte.
„Schön“, murrte sie, und dann noch einmal: „Schön, dann fahren wir jetzt zurück nach Sacramento.“ Das, was sie ohnehin die ganze Zeit gewollt hatte. Lisbon nahm ihren Laptop und schob sich an ihm vorbei, um ihre Sachen zu packen.
„Meh, tun wir nicht.“ Langsam, ganz langsam, um nicht die Fassung zu verlieren, drehte sie sich um.
„Wie bitte?“ Sie blinzelte ihn an, in der Hoffnung, sich verhört zu haben.
„Wir könnten zurückfahren, das stimmt, aber da Sie noch Urlaub haben, habe ich beschlossen, mit Ihnen noch hierzubleiben. Wainwright begrüßt das, er denkt, Sie sollten mal abschalten, außerdem will er nicht, dass Sie Ihren Urlaub mit ins neue Jahr nehmen.“
Mit zwei schnellen Schritten war sie bei ihm und packte Jane am Kragen, um ihn kräftig durchzuschütteln.
„Sind Sie irre? Sie können doch nicht meinen Urlaub verplanen!“ War das überhaupt erlaubt? Sie musste wohl mal dringend ein Wörtchen mit Wainwright über die Kompetenzen ihres Beraters reden, das ging einfach zu weit.
„Sie hatten ohnehin nicht vor den zu nehmen. Sie sind ein Arbeitstier, Lisbon.“
Sie warf ergeben ihre Hände in die Luft. Ja, war das denn so schlimm? Sie lebte für ihren Job und sie war gut darin. Es machte sie glücklich und sie war beschäftigt. Und das war besser als untätig herumzusitzen und an Jane zu denken.
Seine Bewegungen zu analysieren, das schelmische Zwinkern in seinen Augen vor sich zu sehen und seine Worte unablässig zu wiederholen. Ja, zu arbeiten war definitiv besser. Es quälte sie, weil sie es nicht abstellen konnte. Auch jetzt, wo sie ihm so nah war, begann ihr Vorhaben ihm das Übel zu nehmen zu bröckeln.
„Jane“, bettelte Lisbon nun stöhnend,
„Ich will zurück nach Hause.“ Ihr letzter Versuch stark zu schein scheiterte an ihrer Tonlage.  
„Ach was“, winkte er ab und löste sanft ihren Griff von seinem Jackett. Die kurze Berührung ihrer Hände versetzte ihr einen elektrischen Schlag und Lisbon bedauerte es, dass dieser Moment nur eine kurze Sekunde dauerte. Jane hatte eine weiche, warme Haut, und der Duft nach seinem Aftershave vernebelten ihr die Sinne.
Himmel, bemerkte er denn gar nicht, wie er auf sie wirkte? Er sollte das abstellen, verdammt nochmal. Das durfte gar nicht sein. Er war ihr Berater, ein guter Freund, mehr nicht.
„In Sacramento würden Sie doch nur alleine zu Hause sitzen und sich alte Filme angucken –Und streiten Sie das nicht ab, Sie sind an Weihnachten fast immer allein“, sprach er mahnend zu ihr.
Musste er ihr das so unter die Nase reiben? Ihre Familie – ihre Brüder – waren weit weg, oder mit anderen Dingen beschäftigt. Oder sie musste arbeiten. Es war ein Teufelskreis.
„Sie sind doch an Weihnachten auch allein“, presste Lisbon beleidigt hervor. Kurz huschte ein Schatten über sein Gesicht, ein trauriger Ausdruck, den sie so noch nie an ihn gesehen hatte. Doch dann zauberte er wieder sein schalkhaftes Lächeln zurück.
„Das muss aber nicht so sein, Lisbon.“ Irrte sie sich, oder klang seine Stimme rau und unsicher? Was meinte er mit dieser Aussage?
Ihr Gesicht wurde starr und sie überlegte fieberhaft, wie sie darauf reagieren sollte. Herunterspielen und einen Scherz darüber machen? Oder es ernst nehmen und sich selbst eingestehen, dass dieser Gedanke durchaus verlockend war?
Jane beugte sich vor und sah sie forschend an. Sie kannte diesen Ausdruck in seinen Augen und wurde panisch. Er versuchte sie zu analysieren! So oft hatte er ihr schon gesagt, dass sie einfach zu lesen wäre und jedes Mal hatte sie es dementiert.
„Lisbon?“
Sie drehte sich abrupt weg, weil sie nicht wollte, dass er wusste wie sehr sie seine Bemerkung beschäftigte, wie sehr sie sich an diese kleine Hoffnung klammerte, dass da mehr war. Und Lisbon hasste sich dafür.
Denn wenn sie ehrlich war – und dieser Gedanke geisterte schon lange in ihrem Kopf herum –dann würde das mit ihnen ohnehin nichts werden.
Zwischen ihnen wäre immer Red John. Jane würd es nur mit seinen Dämonen geben, die wie ein Damoklesschwert über ihnen schweben würden, bis die Sache ausgestanden war. Und dann gab es immer noch die Option, dass er es nicht überlebte, oder danach ins Gefängnis müsste. Schon einmal war er knapp der Haft entgangen, als er den Falschen erschossen hatte. Würde Lisbon das aushalten? Allen Widrigkeiten zum Trotz an seiner Seite stehen und all seine Facetten annehmen und lieben?
Sie erschauderte unbewusst. Ihre Worte damals, als Hardy erschossen wurde und Red John entkam, als sie meinte, dass es Menschen gäbe, denen er wichtig war, da hatte sie eigentlich nur sich gemeint. Er war ihr wichtig und es war ihr nicht egal, was mit ihm passierte.
Nervös nestelte sie an ihrem Laptop herum, nicht fähig ihn anzusehen. Lisbon wurde sich erst jetzt des schleichenden Prozesses bewusst, dass sie ihn vermissen würde, sollte er jemals gehen. Mehr, als sie sollte.
Auslöser war wohl auch der Fall vor ein paar Monaten, als jemand versucht hatte ihn zu ertränken. Diese bangen Sekunden, in denen er auf der Erde gelegen hatte, den Oberkörper entblößt und die Sanitäter um ihn herum, um sein Leben kämpfend.
Es kam selten vor, dass Lisbon weinte, doch die Angst um ihn hatte ihr die Luft abgeschnürt, ein Leben ohne ihren nervenden Berater konnte sie sich zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr vorstellen.
Am Anfang hatte sie noch gedacht, dass es eine kleine Schwärmerei war, dass ihre Gefühle in dieser Situation einfach mit ihr durchgegangen waren. Doch als sie sich auch nach Wochen dabei erwischte, wie sie immer wieder an seine Augen oder sein Lächeln denken musste, wenn er sie ärgerte oder zu einem simplen Eis einlud, wusste sie, dass sie verloren war.
Und diese Einladung riss ihr quasi den Boden unter den Füßen weg. Oder war es gar keine gewesen?
Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie Jane die Hand nach ihr ausstreckte –zögerte – und ihr Kinn sanft umfasste, um ihr Gesicht in seine Richtung zu drehen. Ein Schauer durchfuhr sie bei der Berührung. Das war der Moment, in dem sich ihr Verstand komplett ausklinkte und sie nur in seine blauen Augen starren konnte, unfähig irgendwas zu tun.
Konnte er nicht einfach wieder der nervige Jane sein, der Herumflachste und deren dumme Ideen sie ausbaden musste? Der ihr einen Haufen Ärger bescherte, mit dem sie dann beschäftigt war und der sie verdammt noch mal von seinem Lächeln ablenkte?
Doch nun war sein Gesicht ernst und besorgt. Ihr Herzschlag beschleunigte sich unverhältnismäßig, als sein Finger sacht über ihre Haut strich. Vermutlich wollte er sie beruhigen, doch mit dem Ausdruck in seiner Miene war ihr das unmöglich.
„Äh“, brachte Lisbon wenig geistreich hervor. Unfähig ihn länger anzusehen schlug sie die Augen nieder, sie kam nicht einmal auf die Idee, seine Hand abzuschütteln, die noch immer an der gleichen Stelle verharrte.
Ihre Gedanken rasten und sie suchte nach einer Antwort, die seinen Worten ein wenig das Gewicht nahmen, die sie ihnen beimass.
„Ich arbeite oft an Weihnachten, ich bin also nicht einsam.“
Was war das denn?, fragte eine leise Stimme in ihr. Auf der anderen Seite war Lisbon froh, das gefährliche Terrain damit umschifft zu haben. Zwar nicht besonders elegant, aber so kam wenigstens ihr Gedankenkarussell zur Ruhe und sie interpretierte nicht zu viel in seine Aussage.    
Jane blinzelte irritiert. Seine Hand rutschte nach unten und sie bereute ihre Worte sofort. Verbittert stellte sie fest, dass sie sich wirklich nicht unter Kontrolle hatte.
Nur, was hätte sie antworten sollen? Dass sie darauf brannte Weihnachten mit ihm zu verbringen? Dass seine Nähe ein heimlicher Wunsch von ihr war? Dass er sie verdammt noch mal fragen sollte, wenn er das Fest mit ihr verbringen wollte? Wollte er das überhaupt, oder war das nur eine sehr freie Interpretation seiner Worte?
Jane riss sie Gott sei Dank aus ihren Überlegungen.
„Uhm, nein, eigentlich meinte ich … ach egal. Lassen Sie uns gehen.“ Ganz ungewohnt nahm er ihre Hand und zog sie hinter sich her.
Lisbon hatte sich soweit wieder unter Kontrolle, dass sie nicht nachhakte, was er damit gemeint hatte und dem Händchenhalten keine weitere Bedeutung beimass.
„Was, wohin sollen wir gehen?“ Jane warf ihr einen Blick über die Schulter zu.
„Na, wir sehen uns Lone Pike an. Wissen Sie denn nicht, was das hier ist?“
„Ein kleines Kaff?“ Trotz ihres inneren Widerstands ließ sie sich mitziehen, weil sie auch neugierig darauf war, was er geplant hatte.
Er schmunzelte.
„Viel besser, lassen Sie sich überraschen.“

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AN: Den Ort Lone Pine gibt es wirklich. Er liegt am Fuße des Mount Whitney und viele Wanderwege führen dort hinauf. Ebenso gibt es die Alabama Hills und das Lone Pine Film History Museum. Dort haben viele Dreharbeiten für berühmte Western stattgefunden und den kleinen Reiseführer, den Jane dort kauft, gibt es wirklich. Jedoch sind die Charaktere um Jane und Lisbon frei erfunden. Auch das Winterfestival gibt es nicht, aber bestimmt gibt es irgendein Fest in dieser Art. Die Durchschnittstemperaturen dort betragen trotz der Sierra Nevada im Dezember 10 °Grad, weswegen Schneefall wirklich selten ist.

Edit: 14.12.2016 Rechtschreib- und Grammatikfehler ausgebessert. Neue Absätze hinzugefügt.
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