Crimson Skies: Next Order Atomic

GeschichteAbenteuer / P16
08.12.2016
29.12.2016
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Finsternis. Stille. Ein Gefühl der Taubheit. Was war passiert? Was zum Henker war nur passiert?
Finsternis wich. Machte einem zaghaften Lichtschimmer Platz. Taubheit wich einem stechenden, brennenden Gefühl. Ach ja, Schmerz. Das war definitiv Schmerz.
Licht wurde greller, aber blieb merkwürdig verschoben. Geräusche bahnten sich ihren Weg. Leise Geräusche, die dennoch wie kleine Hämmer wirkten.
Das Brennen wurde stärker, verriet die Positionen der verschiedenen Gliedmaßen. Alles noch dran? Schwer zu sagen. Schwer zu bestimmen, halb im Dunkel des Vergessens gefangen, halb allein gelassen.
Dann der Moment, die Erkenntnis, die Angst, dieser laute Knall, der Sturz! "JEROME!"
"Whowhowhow! Langsam, Cowboy, langsam!", rief eine aufgeregte Stimme und stoppte die Aufwärtsbewegung, die heißen, willkommenen Schmerz sandte. Durch ihn hindurch, durch die Gliedmaßen. Alles noch da. Er lebte. Irgendwie.
Langsam wurde er nach hinten gedrückt, bekam ein Gefühl für ein Kissen, für eine weiche Matratze. Jemand zog eine Decke über ihn.
"Können Sie mich verstehen, Dave?"
Dave. War das sein Name? Konturen schälten sich aus dem Licht, wurden schärfer. Er kannte das Gesicht über sich nicht, wenngleich es die scharfe Grenze der Attraktivität überschritten hatte. Er merkte sich so etwas. Eine Frau. Gut. Welche? Die Stimme hatte etwas bekanntes.
Dave? Er war Dave? Langsam nickte er.
"Versuchen Sie so was nicht noch mal. Sie haben ein paar schwere Operationen hinter sich. Und danach haben Sie eine Woche wie tot geschlafen." Die Frau feixte ihm zu. "Ich dachte schon, ich bekomme keine Gelegenheit mehr, mich bei Ihnen zu bedanken, Armstrong. Sie und Ihre Leute haben uns echt den Arsch gerettet."
Er blinzelte, bis Verständnis einsetzte. "Captain... Milton."
"Oh, ich fühle mich geehrt. Sie haben Recht. Ich bin die Anführerin dieses Desasters, das beinahe meine Truppen und die ganze Stadt verschlungen hätte. Wäre es meinen Leuten wirklich gelungen, Sie wegzuschicken, Dave, dann wären wir jetzt alle tot und gefickt. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge."
Dave versuchte zu lächeln, aber es bereitete ihm Schmerzen. Mehr als sein Arm. "Was... passiert?"
Milton lächelte freundlich. "Sie haben überlebt. Jerome nicht."
Interesse flackerte in Dave auf. Michael Jerome. Der Vandale. Das Monster. Der Verbrecher, Mörder, Triebtäter und Dämon. Tot. Endlich tot. Er seufzte tief und innig. Für einen winzigen Augenblick fand er inneren Frieden. "Meine... Leute?"
"Hat es recht übel erwischt, aber Ihr Steel hat alles zusammengehalten. Er hat sich nach der Schlacht verabschiedet und ist in die Industrials geflogen." Milton runzelte die Stirn. "Er weiß nicht, dass Sie noch leben, Armstrong. Eigentlich wissen das nur eine kleine Handvoll. Einmal die kleine Japanerin, die Jerome mit dem MG ihres Hoplits zerfetzt hat, um Sie zu retten, dann Ihr Zigarrenkapitän, und darüber hinaus nur noch ich. Vielleicht noch einige wirklich vertrauenswürdige Leute an Bord." Sie machte eine abschweifende Geste. "Sie wurden schwer verletzt. Haben sich beim Absturz was gebrochen. Dann hat Jerome, möge er in der Hölle langsam braten, Ihnen zwei Kugeln verpasst. Eine in die Schulter, und eine in den Kopf. Fragen Sie mich nicht, wie Sie das überleben konnten. Jedenfalls hat Blue mich unter Ausnutzung aller Gefallen darum gebeten, mich um Sie zu kümmern, ohne jemandem zu verraten, wen ich hier verarzte."
Langsam und nachdrücklich machte es Klick in seinem Kopf. "Ah... Vater."
"Wenn Sie den neuen Ersten Vorsitzenden von Colt Aviation meinen, Richard Campbell, dann haben Sie Recht. Er hat persönlich eine telegraphische Anweisung für einen Juri Andropow gesendet. Zwanzigtausend Greenbucks. Für uns gab es die gleiche Summe zusammen mit der nachdrücklichen Bitte, Ihr Überleben zu verschweigen. Es scheint mir als wüssten Sie, warum das Sinn macht."
Dave lächelte matt. Es jagte eine Schmerzwelle durch seinen Körper, aber es fühlte sich dennoch gut an. Sehr gut sogar. "Habe... Feinde... Als Stone... Und als... Marquardt... Schätze, Dad... Schusslinie."
"Feinde? Sie meinen mehr als Jerome?" Amüsiert zog die Pilotin eine Augenbraue hoch. "Haben Sie Gengis Khan angepisst, oder was?"
Dave schüttelte den Kopf. "Nein... Staaten... Deutschland... Japan... Russland... England... Mexiko..."
Indigniert wanderte auch ihre zweite Augenbraue nach oben und legte ihre Stirn in Falten. "Okayyyy, ich glaube ich kann verstehen, dass es dann Sinn macht, der Welt vorzugaukeln, dass Sie tot sind. Vor allem weil man nicht weiß, wer aus Ihrer Mannschaft dicht hält und wer zum plaudern neigt."
Dave nickte knapp. Es gab eine Handvoll Leute, für die er die Hand ins Feuer gelegt hätte. Sam natürlich, Steel zum Beispiel, Max und Pete, Blue... Gallagher und Happy nicht zu vergessen. Aber wahrscheinlich war es eine gute Idee gewesen, so wenigen Leuten wie möglich zu stecken, dass es durchaus noch etwas gab, was Armstrong genannt wurde.
"Freuen Sie sich. Durch Ihren Heldentod wurden Sie eine Ikone der Fliegerkunst in Nordamerika. Eine richtige Legende. Angeblich will man sogar einen Film über Sie und die NORTH drehen. Aber was den Rest von Armstrong angeht, der hier vor mir im Bett liegt, der heißt ab sofort Juri Andropow, ist russischer Deserteur, der in einer von Armstrongs zusammengeschusterten Geschwadern geflogen ist und nun nur noch eine Aufgabe hat: Nämlich gesund zu werden. Bis Sie aufstehen und herumlaufen, geschweige denn wieder fliegen dürfen - wenn überhaupt - können noch Wochen vergehen. Sie waren ziemlich übel dran, mit dem Blutverlust und all dem Fieber und so. Man hat mir gesagt, dass Ende des Monats jemand aus Houston kommen wird, um mit Andropow zu sprechen." Sie musterte ihn interessiert. "Lassen Sie den Bart stehen. Ist ne schöne Tarnung, Juri. Versuchen Sie jetzt zu schlafen. Es ist noch ein langer Weg für Sie, und es lohnt nicht, sich jetzt schon zu verausgaben." Sie hob die Hand, um ihm auf die Schulter zu klopfen, zog sie aber wieder zurück. Teufel, wie schlimm sah er eigentlich aus?
"Ich schaue morgen wieder rein, Armstrong. Gute Nacht."
Sie verließ sein Bett und trat aus dem Zimmer. Dave musste nicht versuchen einzuschlafen. Die Müdigkeit holte ihn mit der gleichen Effizienz wie ein gieriger Ameisenlöwe sein Opfer.
***
Es wurden anderthalb Wochen, bis er sein Bett verlassen konnte, weitere zwei bis er wieder auf eigenen Beinen stand und eine Woche mehr, bis sein behandelnder Arzt ihm erlaubte, zumindest lange spazieren zu gehen. Mit dem Fortschritt seiner Genesung war er durchaus zufrieden, bedauerte aber für das rechte Auge nichts tun zu können. Seither trug Dave eine Augenklappe.
Wie Milton ihm empfohlen hatte, trug er jetzt Vollbart. Allerdings sorgsam gestutzt und in Form gebracht. Wasserstoffperoxid hatte sein Haar beinahe weißblond gemacht und kontrastierte nun wunderbar mit dem rotgoldenen Bart, einem Erbe seines normannischen Großvaters. Die meiste Zeit der langweiligen Genesung verbrachte er mit lesen, essen und trinken, schlafen, Karten spielen und all jene spärlichen Berichte studierend, die es über die Schlacht über Hayson Mills zu ergattern gab. Sie waren nicht sehr ausführlich, aber immerhin boten sie Verlustlisten an. Es gab auch eine Aufstellung der von der LEVIATHAN geretteten Sklaven, unter ihnen ein höherer Sohn einer Chicagoer Geschäftsdynastie. So gelang es ihm nach und nach den Schlachtverlauf zu rekonstruieren. Teufel, die Einheit schuldete Steel wohl ihr Leben und ihre Existenz, auch wenn der alte Haudegen wieder alles auf eine Karte gesetzt hatte.
Die Welt an sich schien seinen Tod zu akzeptieren. Das war wahrscheinlich gut so. Sogar ziemlich gut, wenn er bedachte, wie angepisst zum Beispiel Deutschland noch immer auf ihn war. Hoffentlich neigte keines der Länder dazu, diese Antipathie auf Max und Pete auszudehnen. So wie er jetzt war, konnte er ihnen schlecht helfen.
Exakt am Ende der Woche war tatsächlich der avisierte Mann aus Houston eingetroffen, im Diplomatentäschchen einen versiegelten Umschlag in Ölpapier, auszuhändigen nur an Juri Andropow direkt. Es hatte weitere dreißigtausend Dollar enthalten, einen der teuren Anzüge, die Annie ihm damals in den besseren Tagen gekauft hatte sowie ein weiteres Kuvert mit einem aufschlussreichen Brief. Richard Campbell hatte ihm darin den Auftrag erteilt, erstens weiterhin tot zu bleiben und zweitens bis zum achtzehnten des Folgemonats nach Sky Haven zurück zu kehren.
Dave war klar, dass der alte Mann mit ihm noch nicht fertig war. Noch lange nicht. Die Frage war nur, versuchte Dick eine wie auch immer geartete Schuld an ihm abzutragen, oder wollte er Armstrong haben, den Piloten?
Nach einer weiteren Woche fühlte sich Dave in der Lage, selbstständig zu reisen. Er spuckte kein Blut mehr, und zu seiner großen Überraschung hatte sein Arzt ihm tatsächlich etwas Wodka zugestanden - wohl ein Fehler dieser neuen Identität. Auf jeden Fall hatte er sich in der kleinen Stadt nahe des Milizstützpunkts neu eingekleidet, sich die Haare einem Geschäftsmann gemäß schneiden lassen und sich reisefertig gemacht, mit fast fünfzigtausend Greenbucks im Gepäck. Zum Glück hatte seine gute alte Luger den Absturz mit ihm überlebt, und das würde schon reichen, um dieses mittlere Großvermögen und sein eigenes Leben zu schützen. Dennoch plante Armstrong, so schnell wie möglich einen einigermaßen vertraulichen Leibwächter anzustellen.
Was ihm darüber hinaus noch blieb war damit fertig zu werden, dass er noch lebte. Merkwürdig, er war sich so sicher, Annie gesehen zu haben, in jenem Moment als er glaubte sterben zu müssen. Wie sie sein Gesicht in seine Hände nahm und... Er schüttelte kurz den Kopf, um diesen Dämonen auszutreiben. Viele gute Piloten waren in diesem Kampf gestorben, vielleicht zu viele. Aber er hatte seine Rache bekommen, hatte Annie endlich Ehre gemacht. Hatte den Bastard zur Hölle geschickt, wenngleich nicht mit eigenen Händen. Dennoch war jeder Tote einer, dessen Blut fortan an seinen Händen kleben würde. Seinen! Er seufzte schwer und innig und erhob sich.
"Sind wir dann soweit?", fragte Milton freundlich. Sie hatte sich bereit erklärt, Dave persönlich nach Atlanta zu fliegen, wo er - mit etwas Glück - tiefer ins Land kommen konnte. Irgendwo in der Nähe würde er dann seinen Flug nach Sky Haven bekommen. Fünf Tage hatte er dafür noch.
"Wir sind soweit." Er sah dabei zu, wie sein beachtliches Gepäck im Hoplit verstaut wurde, auch die Tasche, in der ganz unten sein kleines Vermögen ruhte, dann stieg er zu Captain Milton in die Kabine. "Danke fürs Mitnehmen, Captain."
"Ich bin von Natur aus großzügig, Mr. Andropow", erwiderte sie mit einem Zwinkern und zog die Mühle hoch. Für Dave bedeutete das den Aufbruch in eine neue Zeit. Doch eine Frage beherrschte ihn: Wann konnte er seine Freunde und seine Familie wiedersehen? So wie er Dick kannte, würde dieser Wunsch ihn Stücke seiner Seele kosten. Aber einer wie er, unter dessen Tragflächen bereits die Aufwinde der Hölle getobt hatten, konnte viel mehr riskieren als ein normaler Mensch. Und sicher auch mehr leisten. Er lächelte angespannt. Ruhiges Leben war einfach nichts für ihn.