Du hast dich verändert

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P12
Delenn
08.12.2016
08.12.2016
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Du hast dich verändert



Shaal Mayan hatte absolut nicht erwartet, wie sehr es sie schockieren würden, Delenn so völlig verändert zu sehen, sie, die weltoffene, stehts nach neuen Erfahrungen strebende Dichterin. Sie hatte sich schon seit Wochen auf diesen Tag gefreut, seit Delenn ihr mitgeteilt hatte, dass sie bei ihrem Besuch auf Minbar auch Zeit finden würde, sie zu treffen.  Und doch…

Im ersten Moment hatte sie gedacht, eine in Minbari-Roben verkleidete Menschenfrau würde vor ihrem Haus herumschleichen, und dem unauffällig misstrauischen Blick des Typen, der die Straße entlang schlenderte nach zu schließen war sie nicht die einzige. Erst als Delenn ihre Kapuze abnahm und ,,Mayan?“ zu der Holokammera sagte, erkannte sie sie.

Jetzt stand Delenn im Flur, die eine Hand auf dem Wand-Interface, die andere unschlüssig am Verschluss ihres Mantels, und braunschwarzes Haar strömte an ihrem Gesicht und an ihrem Hals entlang und über ihre Schultern – es sah aus wie Schmuck, wie die schwarzen Girbra-Federn oder feinen Flechtwerke, die die südwestlichen Clans an ihre Knochenkränze knüpften, oder vielleicht auch wie der Tierpelz, den sich die Schamaninnen und Stammespriesterinnen längst vergangener Zeiten um den Kopf gebunden hatten, um durch den Geist des Tieres besser mit dem Universum in Verbindung treten zu können. Aber es war wirklich Teil ihres Kopfes. Genauso sehr wie das letzte bisschen Knochenkranz, das unter dem Haar hervorragte. Ein bisschen war das wie jemanden wiederzusehen, nachdem sie sich den Knochen neu geschnitzt hatte. Das vor ihr war Delenn, eindeutig, und das Bild von ihr in ihrem Kopf wurde auch schon mit dem veränderten neuen überschrieben, sodass die Erinnerung, wie Delenn ihr ganzes verdammtes Leben bis vor wenigen Monaten ausgesehen hatte, schon verblasste. Aber das war viel mehr als nur ein neuer Schnitt. Delenn war jetzt keine Minbari mehr. Nicht mehr ganz. Irgendetwas anderes.

,,Wie sind die Verhandlungen gelaufen? So ermüdend wie immer? Möchtest du etwas essen, da drüben müssten noch Flarn und Tee übrig sein.“

Und sie setzten sich hinaus in den Garten, zwischen die Skulpturen, und redeten nicht, nicht richtig, wie sie es nicht mehr getan hatten seitdem Delenn zu etwas anderem, Fremden geworden war. Gewiss, Delenn sprach präzise von der politischen Situation, scharf und rational wie immer, und sie erzählte Unwichtigkeiten aus ihrem Alltag. Aber sie gingen nicht tiefer und erwähnten nicht einmal ihre Gefühle. Delenn kam ihr in diesen Momenten vor wie die verschwiegene, unberechenbare, unfassbar mächtige Politikerin und Satai, nicht wie ihre engste Freundin. Ein lebendes Symbol ihrer Ideale statt einer wirklichen Person. Sie hasste es. Ihre Freundschaft existierte schon so lange und ging so tief, da konnte doch selbst Delenns Transformation sie nicht zerstören. Aber sie hatten schon seit Monaten nicht mehr richtig miteinander geredet.

,,Was ist das?“, fragte Delenn lächelnd und deutete auf etwas in der Ansammlung an Gegenständen, die Mayan inspirierend fand. ,,Das ist neu, oder?“

,,Der Xenoliteraturwissenschaftler, von dem ich dir erzählt habe, bestand darauf, dass ich mir aus seiner Sammlung ein Andenken aussuche, und ich habe das gewählt. Es stammt aus dem 20. Jahrhundert der Menschen und nennt sich Lavalampe. Ich finde es auf gewisse Weise meditativ, diesen Blasen beim auf- und absteigen und verschmelzen zuzusehen.“

Delenns Blick war mehr nach innen gerichtet als auf die Lampe und sie schien beinah mit dem sich um sie erstreckenden Universum verschmolzen, noch mehr Teil von ihm als ohnehin schon, als sie antwortete. Einer dieser ätherischen Momente, die sie schon immer gehabt hatte: ,, Es erscheint mir beinah, als verdeutliche es den Fluss der Materie, wie sie sich ständig im Wandel befindet. Ständig trennt sie sich und findet neu zusammen, Atome verbinden sich und bilden Molküle und trennen sich wieder, Lebewesen werden zu toter Materie und tote Materie zum Teil von Lebewesen, und aus Materie entsteht Bewusstsein.“ Ihr Kopf ruckte nach rechts, und plötzlich sah sie wieder normal aus, ,,Aber wahrscheinlich haben die Menschen gar nicht so viel in es hineininterpretiert, als sie es erfanden.“

Mayan lachte, aber es klang leicht hysterisch.

,,Nun, ich weis das du andere seltsame menschliche Teile bevorzugen würdest…“, frotzelte Mayan, und verstummte. Sich freundschaftlich über Delenns nett ausgedrückt sehr exotischen Männergeschmack lustig zu machen war eine alte Praxis zwischen ihnen, aber jetzt…

Delenn erstarrte, und dass Schweigen zwischen ihnen blieb einen Moment länger, als es hätte seien müssen, und fühle sich erdrückend an.

,,Verdammt, sie ist jetzt ja selbst halb Mensch…“

,,Ich bin ehrlich gesagt zu erschöpft für lange Gespräche; würde dir ein Film gefallen?“

Und so saßen sie vor dem Holgramm und vernichteten Mayans Knabberzeugvorrat und es war beinah wie früher, wie immer. Doch Delenns Blick schien leer.

Mayan griff nach ihrer Schulter: ,,Alles in Ordnung?“

,,Alles in Ordnung?“, kam es ihr sofort in den Sinn, ,,Bescheuerte Frage. Sie ist jetzt eine Hybridin, jede verdammte Zelle in ihrem Körper wurde überschrieben und die Außenpolitik geht grade verdammt nochmal den Bach runter. Und der Mann dem sie sich tief verbunden fühlt und den sie vielleicht sogar geliebt hat, hat eine andere geheiratet und ist nicht mehr länger Kommandant von Babylon 5, weil ihn die Erdalianz aus wasweisich für Gründen als Botschafter abkommandiert hat, natürlich ist nichts in Ordnung.“

Mayan erinnerte sich, wie sie ihr ganz früher, als sie beide noch kaum Erwachsene waren, weinend gestanden hatte, dass sie sich den Minbari nicht richtig zugehörig fühlte, als wäre sie in Wahrheit keine von ihnen. An die unzähligen Gespräche über dieses Gefühl, die es danach gegeben hatte. Delenn hatte sie immer beneidet, weil sie ihr Anderssein als Quelle der Kreativität nutzte, und weil sie trotzdem immer noch eine richtige Minbari war. Aber Mayan hatte sie darum beneidet, ihre Ziele weiter zu verfolgen, egal, wie schwer es war und egal der Konsequenzen. Und aus der schüchternen Delenn war die weise, bedrohliche Satai geworden, die versuchte, die Minbari mit den anderen Völkern der Galaxis zu verbinden. Die stolz darauf war, über ihr eigenes Volk hinaus zu denken, und deren Ideologie sich darauf gründete. Und jetzt war sie tatsächlich nicht mehr nur Minbari, sondern auch Alien, wie sie es in ihrem Herzen immer gewesen war. Und trotzdem schien es sie nicht zu erleichtern.

,,Es ist alles in Ordnung.“, sagte Delenn und lächelte, doch ihre Augen sahen traurig aus, ,,Es ist eine Erleichterung, mit jemandem reden zu können, der mich als mehr als eine genetische Monstrosität oder eine Anmaßung ansieht. Inzwischen bin ich zwar verzweifelt genug, auch meinen Attaché als engen Freund zu bezeichnen, doch wahrscheinlich verhält sich der arme Kleine nur so freundlich mir gegenüber, weil ich ihn bei unserer ersten Begegnung so sehr eingeschüchtert habe, dass er sich vor Angst beinah in die Hosen gepinkelt hätte, wie es die Menschen formulieren würden.“

,,Delenn.“, meinte Mayan, weil ihr, der Dichterin, nichts besseres einfiel. Und sie konnte nichts anderes denken als ,,Du hast dich verändert.“, und realisierte plötzlich, dass sie es ausgesprochen hatte. Warum sagte sie so etwas?

,,Ja.“, murmelte Delenn, und ihre Lippen zitterten auf diese spezifische Weise, die so speziell für sie war, wenn sie litt.

,,Es… Bei Valen, verdammt…. es tut mir leid, dass ich mich so reserviert verhalten habe und so etwas sage, ich… ich will mich nur einfach nicht falsch verhalten, und dadurch verhalte ich mich nur umso falscher.“

,,Danke, Mayan.“, sie fasste ihr nur kurz an die Schulter, aber es fühlte sich an, als würde sie sich Trost suchend an sie kuscheln, ,,Lass uns den Film weitersehen.“

Hinterher diskutierten sie angeregt über den Inhalt, und für einen Moment vergaß Mayan, dass Delenn auf einmal halb menschlich war, oder nahm es schlicht und einfach nicht mehr wirklich wahr. Und vielleicht ging es ja so einfach.



















A/N: Diese Geschichte habe ich tatsächlich wie im Klischeebild des Autors mitten in der Nacht geschrieben, als mir im Bett liegend der Einfall kam. Schlicht und einfach, weil ich dachte, dass es  viel zu wenige Geschichten über ihre Freundschaft mit Mayan gibt.
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