Wehrlos am Boden

OneshotHumor, Tragödie / P12
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Iron Man / Anthony Edward "Tony" Stark OC (Own Character) Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
06.12.2016
06.12.2016
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Wehrlos am Boden


„Was darf Satire? Alles.“
- Wildecker Herzbuben

Nein, liebe LeserInnen, genau darum soll es hier heute nicht gehen. Nicht zuletzt wegen der zahlreichen sogenannten Crack-Videos, die ich mir bis zum Erbrechen zum Thema „Civil War“ auf YouTube reingezogen habe, sondern auch, weil ich mich ein wenig über den dritten Teil der Captain America-Reihe aufregen möchte.

Der Titel dieses kurzen Schriftstückes sagt schon alles. Wehrlos am Boden war Bucky des Öfteren während des beinahe zweieinhalbstündigen Ausfluges in den Konflikt zwischen Steve und Tony, der letztlich zu einem Konflikt zwischen den Avengers unter sich und auch einem Konflikt zwischen den Avengers und der Welt wurde.

Verwirrend, möchte man da sagen.

Aber nicht genug. Einerseits konnte ich den Ausgangspunkt, quasi den Stein, der alles ins Rollen brachte, nachvollziehen. Die Welt will, dass den Avengers in ihrem Wirken ein Riegel vorgeschoben wird und dass sie sich in Mäßigung üben – verständlich, wenn man sich die Orte ansieht, die der Außenminister netterweise in einer dramatischen Video-Collage gleich passend zusammengeschnitten mit ins Hauptquartier gebracht hat.

Einige wollen dann das Sokovia-Abkommen unterzeichnen (aus verständlichen Gründen), andere wiederum nicht (ebenfalls aus verständlichen Gründen). Der Konflikt ist also wenigstens erkennbar, viel mehr wird man von einem Multi-Millionen-Dollar-Projekt aus Hollywood auch nicht erwarten dürfen.

Dass sich die Gruppe aus Protagonisten dann gegenseitig die Gesichter eintreten will, obwohl sie eigentlich befreundet sind (und das während ihrer Schlägerei auch noch erwähnen... Komm schon, Marvel. Dumme Sprüche während eines Kampfes klopfen ist schon seit den 80ern nicht mehr cool.) ist dagegen eher etwas... Sagen wir Effekthascherei. Ein Film muss eben auch Action bieten und warum sollte man nicht die Superhelden aufeinander losgehen lassen?

Bei der Gelegenheit kann man sie sich auch noch wunderbar selbst widersprechen lassen. Tony Stark ist mit der führende Befürworter des Sokovia-Abkommens, das ihm und seinen Mitstreitern Regeln auferlegen soll, um die Zivilbevölkerung und die zivile Umgebung zu schützen.

Schade nur, dass das ausgerechnet jetzt schon greift, da Tony sich plötzlich der Notwendigkeit gegenüber sieht einen gesuchten Attentäter und seine restlichen Avenger-Freunde mitzunehmen. Er wehrt sich plötzlich gegen das Abkommen und handelt mit dem Außenminister einen Deal aus, der es ihm erlaubt selbständig für eine Verhaftung des Winter Soldiers zu sorgen.

Ok, besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen, aber genau das will er eigentlich mit dem Abkommen eindämmen, also ist Tonys Handeln gut vergleichbar mit einem Mann, der all sein Wasser über Bord kippt, weil es sein Floß wegen des Gewichtes zu versenken droht, aber dann verdursten muss, weil er kein Salzwasser trinken darf.

That didn't work out well, Tony.

Erst denken, dann handeln, möchte man da nur als Zuschauer schreien, doch bleibt man ungehört. Während also der gesamte Leipziger Flughafen dem Erdboden gleichgemacht wird fragt man sich, wo der eigentliche Konflikt des Filmes hin verschwunden ist.

Nun, er rennt in Form eines dunkelhaarigen Mannes über den Flughafen und versucht die Wurzel allen Übels dingfest zu machen, nämlich Helmut Zemo, doch wird er dabei ständig aufgehalten.

Gute Idee, Bucky. Da hat Team Iron Man sicher nicht dran gedacht, wenigstens du weißt noch, was getan werden sollte, obwohl dir nicht viel Menschlichkeit unterstellt wird.

Ein weiterer Punkt, an dem ich zu knabbern habe. Wieso bekommt dieser Mann kein Recht auf Verteidigung oder einen Prozess? Heißt es nicht so heroisch 'Im Zweifel für den Angeklagten'?

Die Task Force, die sicherlich auch erfahrene Techniker im Dechiffrieren und Decodieren vorzuweisen hat, hatte sicher auch die Möglichkeit die Hydra-Akten zu lesen, genau wie Zemo es getan hat.

Will mir hier ernsthaft jemand verklickern, dass die Regierung das nicht getan hat, obwohl es genau sie war, die von dieser geheimen Organisation hinters Licht geführt und ausgetrickst wurde? Also kann ich mir quasi vorstellen, dass die geheimen Akten veröffentlicht wurden, aber nicht gelesen, weil sowieso kein Interesse daran bestand, obwohl es bestimmt einiges zu klären gegeben hätte?

(By the way, hat mal jemand darüber nachgedacht wie sinnlos es ist Bucky von Rumänien nach Berlin zu karren? Es dauert mindestens achtzehn (!!!) – laut Google-Maps, dem Arzt, dem die Frauen vertrauen – Stunden, um mit dem Autor von Bukarest nach Berlin zu fahren. Ein Flug dauert auch seine Zeit. Warum also nicht ein Gebäude in Bukarest umräumen, statt den Kerl in das für den amerikanischen Zuschauer 'exotische' Berlin zu chauffieren? Ich hab' drüber nachgedacht und musste wirklich lachen, was meinst du dazu, lieber Leser?)

Schwach umgesetzt.

Mal ganz von der Tatsache abgesehen, dass ein erfahrener und abgebrühter Attentäter wie der Winter Soldier niemals in die Kamera geguckt hätte, welche ein Bild von ihm aufnehmen konnte, das sich zufälligerweise hervorragend für ein Fahndungsfoto eignete... Administrador viejo, im Ernst??!! Das habt ihr geglaubt, liebe Regierungs-Haiopeis?

Na ja, Bucky wird also fast in jeder Szene seines Auftauchens beinahe erschossen, erstochen, verprügelt, weil er er ist und nicht, weil irgendwer einen Beweis dafür hat, dass er aus freien Stücken getan hat, was die Hydra verlangte oder auch nur einen einzigen Beweis dafür zeigen kann, dass er das Gebäude in Wien in die Luft gejagt hat.

Good job, world. Nicht.

T'Challa fragt sogar noch, warum Bucky weggelaufen ist, doch erhält er keine Antwort, weil sie – meiner Meinung nach – offensichtlich ist: Auf Bucky wurde ohne Vorwarnung und ohne triftigen Grund (außer der Gewissheit, dass er irgendwann mal der Winter Soldier gewesen ist) geschossen.

Mit scharfen Waffen. Die können töten. Da läuft man für gewöhnlich weg.

Genial...

Wenigstens T'Challa rettet seine Ehre in meinen Augen, indem er Steve und Bucky zur Flucht verhilft und bietet Bucky praktischerweise auch noch eine Tiefkühltruhe an, in die er sich zurückziehen kann.

Weiter im Text, denn jetzt wird’s richtig spannend.

Team Cap wird also fast vollständig abgeführt (wirklich nett von dir Natasha, dass du unseren beiden eigentlichen Protagonisten vor der Überpräsenz Tony Starks zu fliehen hilfst. Das Gequatsche hätte ich auch nicht mehr ausgehalten. Schade nur, dass das fast dein letzter Auftritt in diesem Film war, hätte mir mehr von dir gewünscht), nachdem Tony so freundlich war, den erschütterten Sam einfach über den Haufen zu schießen – Tony... Du müsstest doch wissen, dass Sam mal einen Freund auf genau die Art verloren hat, wie du Rhodey beinahe verloren hättest. Ihr seid nicht erst seit gestern Kollegen und Freunde, deshalb kann ich es nicht verstehen, warum du ihn wütend einfach beschießt, obwohl er deinem Freund helfen wollte, nachdem du Vision dazu aufgefordert hast, auf Sam zu schießen. Ich hasse dich.

Steve und Bucky kommen also nach dieser vollkommen unnötigen Schlacht irgendwann in Sibirien an und werden wieder einmal von Tony (der plötzlich seine Meinung ändert und Heile, heile Welt spielen will) unterbrochen.

Zemo dümpelt auch schon da rum und wartet nur auf die Ausführung seines überaus komplizierten Plans. Er spielt die Aufnahme vom 16. Dezember 1991 ab, in der das Geheimnis zu sehen ist, was Steve seit zwei Jahren mit sich herumschleppt.

Lieber Steve. Warum bei Neptuns Nasenhaaren hast du nicht einfach den Fernseher zerschlagen, bevor Tony die Aufnahme ansehen konnte? Du hättest Tony auch in einer ruhigen Minute – nachdem du deinen besten Freund in Sicherheit gebracht hast, irgendwohin, mir egal wohin, nur weit weg – erklären können, wer seine Eltern getötet hat.

Abgesehen davon rennst du, der gute Captain, den halben Film lang durch die Weltgeschichte, um Bucky zu beschützen, bekommst es aber nicht gebacken, die Aufnahme zu stoppen – that didn't work out well, Steve.

Danach kommt es zum epischen Showdown, der beweist, dass Zemo wirklich einen super Plan geschmiedet hat. Statt aber diesen Bunker vor der epischen Rede und dem letzten Schlag gegen seine Gegner aufzubrechen und dem Spuk ein Ende zu bereiten, geht Tony auf Bucky los.

Nicht besonders erwachsen, auch nicht besonders fair, denn Tony trägt eine Ausrüstung, Bucky und Steve nicht einmal geladene Waffen. Zumindest nicht, als sie vor Tony davonlaufen wollen, weil er wie eine wütende Bestie alles Menschliche vergisst.

Ja, seine Eltern sind tot, aber das ist kein Grund, vollkommen zu eskalieren. Zumal er am Anfang des Films noch der Überzeugung war, dass man den Avengers – und damit auch ihm – Grenzen setzen und generell viel erwachsener handeln sollte. Hat nicht geklappt.

Der ungleiche Kampf (der nur dadurch gleichberechtigt zu sein scheint, weil Steve und Bucky zu zweit gegen diesen übermächtigen Anzug ankämpfen) zieht sich also durch den gesamten Komplex in Sibirien und strotzt nur so vor bunten Bildern und Kampftechniken, die von unseren kostümierten Helden ausgeführt werden.

Also alles Fähigkeiten, die alle von ihnen im Rahmen eines kampfsportlichen Unterrichts (wie auch immer der ausgesehen haben mag) gelernt haben.

Nun frage ich mich, ob der edle Ritter Tony Stark, zu dem er sich selbst zu Beginn des Filmes hat machen wollen, jemals in irgendeiner Weise von Fair Play und Sportlichkeit im Kampf gehört hat. Mir scheint das Gegenteil der Fall zu sein.

Denn wer in der Lage ist, einem wehrlosen Mann, der mit einem Körperteil weniger vor einem am Boden liegt ins Gesicht zu treten, der kann auch gleich 'Psychopath' auf seine Uniform schreiben.

Sorry, Tony, aber hiermit bist du für mich gestorben. Ich hasse dich nicht nur – ich verachte dich.

Steve ist gerade noch so in der Lage seinen verletzten und halb bewusstlosen Freund Bucky zu retten, denn sonst wäre es richtig hässlich geworden. Wie sich Steve generell zum Schluss gegen Tony wehrt, hat mich sehr mitgenommen, denn so wütend hat man Steve Rogers sicher noch nicht gesehen.

Aber Tony hat einen Mann, der am Boden lag getreten (und nicht zuletzt mich als Zuschauer, denn auch ich lag wehrlos am Boden, als ich mir seinen Fauxpas im Kino ansehen durfte) und das geht in Steves (und auch in meinen) Augen gar nicht.

Noch schlimmer wird es dadurch, dass es sich um Bucky handelte, der da am Boden lag – einem Mann, der immer für Steve eingestanden ist, während auf den eingedroschen und eingetreten wurde, ebenfalls am Boden liegend und schwächer.

(Abgesehen davon war es überaus diskriminierend bzw. geschmacklos nach der Mid-Credit-Scene, in der wir Bucky ohne seinen linken Arm gezeigt bekommen haben, einen Song zu spielen, der den Titel „Left hand free“ trägt.)

Nun meine Frage ans Fandom: Wie kann es möglich sein, dass nach dieser Sache immer noch Stony-Geschichten veröffentlicht werden? Oder wie kann ein Team Iron Man überhaupt noch existent sein?

Mit dieser Handlung ist jegliche Daseins-Berechtigung eines Iron Man in den Reihen der Avengers meiner Meinung nach zerstört worden. Tony Stark hat sich selbst aus der Riege der Ehrbaren katapultiert. Mit einer einzigen Entscheidung.

Die Krone der Geschmacklosigkeit geht allerdings trotzdem an Steve höchstpersönlich und das mit Recht – Wieso um Odins Willen schreibt er Tony am Ende einen Brief, in dem er quasi vor ihm auf Knien rutschend um Verzeihung bittet für das, was geschehen ist?

So viel Persönlichkeit habe ich unserem guten Captain eigentlich zugetraut, dass er es nicht nötig hat, sich für etwas zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, was nicht auf seinen Mist gewachsen ist. Er wurde zu solchen Maßnahmen gezwungen (also zu der Entscheidung sich auf Buckys Seite zu schlagen sich damit gegen das Gesetz zu stellen) und sollte eigentlich stolz genug sein, auch dazu zu stehen.

Mit diesem Brief entschuldigt er sich nämlich (wieder meiner Meinung nach) dafür, seinem Freund beigestanden zu haben, also für die moralisch richtige Entscheidung für einen Unschuldigen zu bürgen, der keines seiner Rechte wahrnehmen durfte und zu monströsen Gräueltaten gezwungen wurde. Steve, du hättest weiter dazu stehen sollen.

Dramaturgisch gesehen wird es lediglich für die weiteren Marvel-Filme diesen Brief gegeben haben, denn es ist den Filmemachern sicherlich aufgefallen, dass Chris Evans noch für einen weiteren Film (also Infinity War) unter Vertrag steht.

Aber was weiß ich schon?

So viel zu diesem Film.

Es musste mir von der Seele.

Selbstverständlich ist jede Meinungsäußerung subjektiv. Beim Schreiben dieses Textes wurde kein wehrloser Bucky verletzt oder auf irgendeine Weise beleidigt, gedemütigt oder gequält. Allerdings wurde ein Schoko-Weihnachtsmann dabei gegessen. Ich verspreche aber, dass sein Tod kurz und schmerzlos war.

An dieser Stelle auch der Appell an euch vielleicht eure Teamzugehörigkeit zu überdenken. Ich persönlich bin ja weder Team Iron Man noch Team Cap, sondern vielmehr Team Widerstandsgruppe in der Widerstandsgruppe (danke Marc-Uwe Kling für diese bezaubernde Formulierung, du bist ein literarisches Genie und solltest viel mehr zitiert werden. Deshalb auch das falsch zugeordnete Zitat aus dem 'Falschen Kalender' zu Beginn dieses Pamphlets), oder eher Team Bucky.

Das war's auch schon wieder von mir. Eure Überzeugung könnt ihr mir auch gerne mitteilen, denn ich habe schon feststellen dürfen, dass ich nicht die einzige bin, die diese Meinung hier in ihrem Inneren herumträgt, aber interessiert es mich trotzdem, wie ihr das seht.

LG, Erzaehlerstimme


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