Schattenblut

von Ilarie
DrabbleMystery, Fantasy / P12 Slash
06.12.2016
06.12.2016
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Dies ist mein Beitrag zu den Nebel-Drabbles von der lieben Nairalin. Vielen Dank für die Organisation an dieser Stelle!Der Text ist ein Geschenk für Lady of Fantasy. Entschuldige bitte die Verspätung! Ich hoffe dennoch, dass ich deinen Geschmack getroffen habe :)

Ich habe festgestellt, dass es ziemlich schwierig ist, deutliche Fantasy in einen so kurzen Text einzubringen, ohne dass es platt und zu gewollt wirkt. Ich hoffe, man erkennt es ein bisschen, es ist sehr versteckt und subtil, aber es ist als Fantasy gemeint (frei nach persönlicher Interpretation, versteht sich).



Schattenblut

Die Nacht senkt sich über den Wald, wenn es dunkel wird. Oder ist es nicht vielmehr andersherum? Wahrscheinlich. Doch es tut nichts zur Sache. Wenn es dunkel wird, steigen die Nebelschleier aus dem Boden empor und wabern um die kahlen Stämme unserer verblassten Erinnerungen. Sie sind kalt, klamm, blass wie unsere frostigen Finger unter dunklem Firmament, wenn sie Schneeflockenwunder in die Lüfte malen, Traumgebilde aus Dornenranken und bittersüßem Harz. Es war auch kalt, damals, als unsere Flügel gebrochen wurden und wir gefallen sind, so unendlich tief.

Manchmal stellen wir uns vor, dass die Nebelschwaden Wattewölkchen gleichen, oder dass die Wolkengebilde am Himmel nicht so düster und grau wären, so trist, dass sie die Umgebung noch dunkler wirken lassen; wir versuchen, weiße Reinheit in den träge tänzelnden Flocken zu sehen, die ihren Weg an dunklen Nadeln vorbeifinden oder an ihnen hängen bleiben. Dann sehen wir rote Perlen, die das Weiß verschleiern und wir wenden uns wieder dem Nebel zu, weil der Nebel immer gleich ist, in der Nacht; wabernd, klamm und schlierig weiß. Manchmal schimmert er im Licht der seltenen Sterne silbrig, und manchmal, wenn wir alle Lichter gelöscht haben, ist er so schwarz wie die verwitterten Stümpfe unserer Vergangenheit.

Wir verbarrikadieren die Türen, wenn der Nebel kommt. Dann versuchen wir, dem flackernden Kerzenschein und den zögerlich züngelnden Flammen ein wenig Wärme zu entlocken, ein wenig Licht, obwohl die Schatten in den Ecken lauern und nur darauf warten, dich zu sich zu ziehen sobald ich nicht mehr versuche, deiner kühlen Haut mit der Berührung von fedrigen Fingerspitzen einen Hauch von Glut zu entlocken.

Die Schatten gehen Hand in Hand mit dem Nebel. Sie dringen in unsere leicht geöffneten Münder, wenn sich unsere Lippen voneinander lösen und wir einatmen; sie erfüllen uns mit ihrer erbebenden Kälte, einem Hauch von fernem, düsterem Wispern, das unseren Erinnerungen gleicht und uns schaudern lässt.

Wir können ihnen nicht entkommen.

Sie sind wie scharfe Eissplitter, die sich in unsere nicht verheilten Wunden bohren und funkelnde Kristalle an ihren Rändern entstehen lassen. Manchmal bilden sie sich zu Eisblüten, gefederten Schleiern kalten Funkelns, das die Haut überzieht wie eine eisblaue Schicht, die Flammen erstarren lässt und ein starres Abbild gefrorener Ebenheit erschafft, sodass selbst die dunklen Perlen, die beinahe schwarz erscheinen, zu glänzendem Frost werden, zerbrechlich mit zarten Splittern, Rissen in der ansonsten makellosen Oberfläche, in der sich trostlos das Licht der fahlen Flammen spiegelt und gebrochen an die blauen Wände geworfen wird.

Deine Haut fühlt sich immer kalt an. Sie wird nicht mehr warm.

Manchmal lasse ich meine Hand auf deinem Arm ruhen.

Manchmal versuche ich es noch.

Manchmal sehe ich in deine schlierig weißen Augen, die erstarrt sind wie das Eis.
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