Maskerade

OneshotSuspense / P16
02.12.2016
02.12.2016
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Maskerade


„Verstellung, sagt man, sei ein großes Laster. Doch von Verstellung leben wir.“
- Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Das leise Klicken des Verschlusses seiner Armbanduhr, die er sich gerade wieder anlegte, war ein so vertrautes Detail, so unbedeutend, dass es ihm in diesem Moment einfach mehr als besonders vorkam.
Etwas so Alltägliches, etwas so Banales, dass es schon schmerzte daran zu denken, es nie wieder hören zu können. Aber dieser Kelch war an ihm vorübergegangen. Er hatte sein Schauspiel durchgehalten, denn vom Schauspiel lebte er.
Er war der Puppenspieler, wovon niemand wusste. Er war der Bühnenbildner, der Visagist und die Hauptrolle und das ohne sie überhaupt zu spielen. Die Hauptrolle war dennoch in ihm, ohne ihn brach die Ordnung zusammen.
Ohne ihn und ohne den Protagonisten. Die Geschichten, die über ihn gingen, den gesichtslosen Held, die faszinierten ihn. Die Hauptrolle hatte sich verselbständigt, das war gut. Je mehr Illusionen und Trugbilder geschaffen wurden, desto besser.
Je mehr alle im Dunkeln tappten, desto einfacher für ihn und seine Vorhaben. Er war verborgen, er war immerhin der Unscheinbare, der Unwichtige und der Dummkopf. Der, den niemand ernst nahm, weil er er war.
Er war Verbal Kint, der Krüppel. Der Trickbetrüger, dem man nur mäßigen Erfolg zutraute, obwohl er schon öfter bewiesen hatte, dass man ihn nicht umsonst den Mann mit dem Plan nannte. Er war der Mann, der seine Hände und Füße kaum richtig benutzen konnte und das wegen der Lähmung, die ihn in frühem Kindesalter ereilt hatte.
Das glaubten alle.
Sie alle glaubten nur das, was sie sahen. Sie glaubten sein Theater, seine Bühnenbilder, seine Masken und seine Rollen, die er gewissenhaft besetzte. Sogar Dave Kujan war bis gerade darauf reingefallen.
Dieser verwirrte, kleine Verstand in einem Büro voller Hinweise darauf, wer Verbal Kint eigentlich wirklich war. Kujan war blind und würde es weiterhin bleiben. Vielleicht käme er ihm auf die Schliche, aber das glaubte Verbal erst, wenn er es mit eigenen Augen sah.
Das glaubte er erst, wenn Kujan ihm eigenhändig die Maske vom Gesicht riss. Da das aber nicht geschehen würde, weil er nicht mehr ins Licht treten würde – weder als Verbal Kint noch als Keyser Söze – wäre er überaus entspannt in Zukunft.
Damit begann er auch schon heute, gleich nachdem er sich seine goldene Armbanduhr angelegt und das Feuerzeug in die Hosentasche gesteckt hatte. Der Beamte, der ihm sein Eigentum nach dem zweistündigen Verhör entgegen gereicht hatte, war auch keine Leuchte, aber Verbal würde sich noch nicht gehen lassen.
Er musste erst die Tür des Präsidiums durchschreiten, die Tür hinter sich ins Schloss fallen lassen und sich eine Zigarette anstecken, um so normal wie möglich zu wirken. Noch war er Verbal Kint, der Krüppel. Der Trickbetrüger, dem man nur mäßigen Erfolg zutraute...
Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. So klein, dass man es kaum sehen konnte. Er selbst wusste, dass er lächelte, deshalb fiel es ihm auf. Es war ein triumphierendes Lächeln, auch wenn er noch über den Bürgersteig humpelte und das Bein nachzog.
Wäre er gleich bei Kobayashi im Wagen, dann würde er als erstes neue Schuhe kaufen, denn die abgenutzte Innenseite des linken Fußes störte ihn jetzt schon, wo er nur daran dachte, darauf normal gehen zu müssen.
Die Sonne schien, doch war es nicht besonders warm. Es war herbstlich kühl, auch wenn der Sommer noch nicht ganz verschwunden war. Ein seltsames Wetter und seltsame Temperaturen, die nicht wirklich wussten, wohin sie gehörten.
Verbal wusste es auch nicht, aber Keyser Söze wusste es. Er wusste, wohin er gehörte, denn er hatte alles im Griff. Er hatte auch erst die Kategorien geschaffen, in denen man sich als Krimineller wiederfinden konnte.
Dabei fand Verbal, dass der Begriff kriminell sehr dehnbar war. War es wirklich verwerflich gewesen, den sogenannten 'Taxiservice' hochzunehmen und sich das Geld anzueignen, das eigentlich in die Taschen korrupter Bullen geflossen wäre?
Seiner Meinung nach nicht, aber ihn fragte niemand nach seiner Meinung, denn er war Verbal Kint, der Krüppel. Der Trickbetrüger, dem man...
Der Gedanke an seinen Triumph über Dave Kujan ließ ihn noch breiter lächeln, nein, fast schon grinsen. Er hatte ihn hingehalten, die ganze Zeit. Er hatte ihm ein paar Geschichten erzählt, die ihn fast in den Wahnsinn getrieben hätten.
Es hatte sogar schon Spaß gemacht, ihn so hinters Licht zu führen. Ihn in die Illusion des Theaters mit einzubeziehen, als unwichtige Nebenrolle, aber immerhin eine Nebenrolle mit Text. Kujan war sich seiner eigenen Irrelevanz nicht bewusst und das war ja gerade das Komische.
Verbal strengte sich ein wenig an und drehte seinen linken Fuß gerade nach vorne, bis er in einen normalen Gehrhythmus gelangte. Seine Lähmung war überwunden, ein Wunder. Auch diese Vorstellung war einfach zu komisch.
Ein normaler Mensch, der ihn unter Umständen gerade beobachtete, würde wahrscheinlich gläubig werden und 'Halleluja' schreien, da Verbal Kint, der Krüppel, plötzlich normal gehen konnte.
Es war aber eigentlich nichts Besonderes, denn Keyser Söze konnte die ganze Zeit schon normal gehen. Da wunderte sich niemand, aber Keyser Söze hatte auch kein Gesicht. Er hatte nur eine Maske und die hieß Unsichtbarkeit.
Der größte Trick war es, kein Gesicht zu haben und gleichzeitig mindestens einhundert präsentieren zu können. Jeder seiner Schergen arbeitete für ihn und wusste es nicht einmal. Keyser Söze war überall und doch nirgends.
Faszinierend.
Gleich darauf streckte Verbal seine verkrümmte Hand und streckte die Finger, um die selbst auferlegte Starre loszuwerden. Mit der Zigarette im Mundwinkel ging er auf den Straßenrand zu und öffnete die Beifahrertür des Wagens, der dort nur auf ihn gewartet hatte.
Er stieg ein, schnallte sich an und sah rüber zu seinem Fahrer, Kobayashi. Sein Vertrauter, seine rechte Hand, seine Lebensversicherung. Ein Mann, dem er alles anvertrauen würde. Er würde ihn sogar als Keyser Söze auftreten lassen.
„Kujan war wirklich hartnäckig, nicht wahr?“ fragte Kobayashi ohne ihn anzusehen und lenkte das Fahrzeug zurück in den Verkehr, der hier in der Nähe des Präsidiums über die Straßen floss.
„Ja, zwei Stunden lang hielt er mir Dean Keaton vor Augen. Eine wahre Tortur, aber er kommt wahrscheinlich trotzdem noch auf die zündende Idee. Es gab einen Zeugen, wie es scheint. Auf dem Schiff.“
„Ich werde mich darum kümmern.“
„Ja, aber das hat Zeit. Bis dahin bin ich längst verschwunden und Immunität hat Verbal Kint auch noch. Kujans Nebenrolle ist zu einem Ende gekommen“, erwiderte er selbstbewusst und warf den Zigarettenstummel aus dem halb geöffneten Beifahrerfenster.
Im Rückspiegel auf seiner Seite konnte er Kujan erkennen, der auf den Bürgersteig gelaufen kam und offensichtlich nach ihm Ausschau hielt.
„Er ist ein so minderbemittelter Geist, das ist kaum auszuhalten. Die ganze Zeit sah er die Beweise vor sich, doch ist er einfach nicht drauf gekommen. Ein Jammer, ich hätte mir einen geeigneteren Schauspielkameraden gewünscht“, bedauerte Verbal verdrossen die Begriffsstutzigkeit des leitenden Ermittlers.
„Er wird Sie niemals finden“, versicherte Kobayashi amüsiert und fuhr endlich in maximal erlaubter Höchstgeschwindigkeit in der Ortschaft durch die Straßen. Das Präsidium und damit auch Kujan hatten sie längst hinter sich gelassen.
Verbal Kint würde jetzt für immer verschwinden. Dafür würde er immer häufiger von Keyser Söze reden machen, damit Kujan wusste, was er verpasst hatte. Der Ermittler sollte verstehen, dass er es war, der den mysteriösen Söze ganze zwei Stunden vor sich sitzen hatte, ohne es zu sehen, ohne es zu wissen, ohne daran zu denken, dass er vielleicht belogen wurde.
Und zwar die ganze Zeit.
Dean Keaton war gar nicht der üble Bursche gewesen, den Kujan so gerne hinter Gittern gesehen hätte. Dean Keaton war lediglich ein Spielzeug für Keyser Söze gewesen und deshalb auch in keinster Weise interessant für irgendwen.
Verbal Kint dagegen – der war auch nur eine Rolle, eine Maskerade. Verbal Kint, der Krüppel. Der Trickbetrüger, dem man nur mäßigen Erfolg zutraute, obwohl er schon öfter bewiesen hatte, dass man ihn nicht umsonst den Mann mit dem Plan nannte. Er war der Mann, der seine Hände und Füße kaum richtig benutzen konnte und das wegen der Lähmung, die er die ganze Zeit nur vorgetäuscht hatte, um das zu erreichen, was er wollte.
Er wollte als Krüppel, als Trickbetrüger, als Schwachkopf wahrgenommen werden. Das machte Verbal Kint zum intelligentesten Kriminellen, den die Polizei je gesehen hatte.
Das machte Verbal Kint zu einem erstklassigen Trickbetrüger, weil er die ganze Welt hat glauben lassen, dass es Keyser Söze nicht gibt.
Weil er selbst Keyser Söze war.
Weil er dadurch bekam, was er wollte.
Weil er Menschen wie Dave Kujan vom Wesentlichen ablenken konnte.
Eben weil er ein begnadeter Schauspieler war, der seine Maskerade mehr als ernst nahm, ohne dabei den Spaß an der Schauspielerei zu verlieren.
Er war bloß einer der üblichen Verdächtigen.
Ein Niemand.
Und doch jeder.
Immer und überall.
Und da kam er wieder an den Anfang: Der größte Trick des Teufels war es nämlich die Welt glauben zu lassen, es gäbe ihn gar nicht.

Anmerkung: Da ich mittlerweile keine Serie und auch keinen Film mehr schauen kann, ohne dass mir danach eine mindestens dreiseitige Idee im Kopf herumspukt - heute ein OS zum überaus großartigen Film "Die üblichen Verdächtigen", in dem mich besonders Kevin Spacey wieder einmal gefesselt hat.
LG, Erzaehlerstimme
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