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brown like bog

DrabbleLiebesgeschichte / P12 / Het
Bog King Dawn Marianne
01.12.2016
10.04.2021
24
31.786
1
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Dieses Kapitel
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27.03.2021 1.796
 
i'll be your candle on the water,
my love for you will always burn.
my soul is there beside you,
soon you'll see a golden stream of light.

+_489

inspiriert durch Ghost In Your House, Ghost In Your Arms von melancholymango, aber nur in dem sinn, dass ich es gerade lese und dachte "oh shit ghost marianne" und dann so bissi den "geist materialisiert sich immer mehr & gefühle des geistes fühlen"-aspekt genommen und buckwild damit gegangen bin.

CN: Erwähnungen von Essen & Tod



Es ist keine Heimsuchung, Bog weiß das, denn die einzigen Risse in der Wohnung finden sich in seinen eigenen Mauern und die einzigen Schwingungen, die ihn erreichen, sind so traurig, dass er manchmal nicht atmen kann, und alles, was er besitzt, bleibt störrisch an seinem Platz, ohne von Geisterhand bewegt zu werden. Es ist mehr die Ahnung einer Präsenz, die nicht er ist und an die er sich vielleicht gewöhnen, die er aber nicht abschütteln kann.

Es beginnt mit federleichten Berührungen, mit denen er nicht im Geringsten gerechnet hätte. Ein sanfter Druck an seiner Taille direkt über dem Hüftknochen, der ihn vorsichtig aus dem Weg einer Wasserlache schiebt, auf der er mit Sicherheit in seiner Hektik ausgerutscht wäre. Ein bestimmter Druck an seiner Hand, wenn er, ohne hinzusehen, geschnittenes Gemüse in seinen Topf werfen möchte, der aber näher steht als erwartet, sodass er eigentlich dagegen stoßen und sich verbrennen müsste. Ein beschwichtigender Druck an der Basis seines Schädels, direkt über den Nackenwirbeln, wenn er zusammengerollt auf dem Sofa liegt und nicht weiß wohin mit sich und der Welt.

Kurioser Weise geht es weiter mit kühlen Luftzügen, die seine Kerzen löschen und ihm unter die Kleider fahren, wenn er gerade dabei ist, in seinen eigenen Gedanken zu versinken. (Es fühlt sich an, als wäre die Reihenfolge verkehrt, als müssten verunsichernde Brisen vor unerwarteten Berührungen kommen.) Und jedes Mal schrickt er auf, wieder nach der Quelle des Zuges suchend, aber das einzige, was er finden kann, sind unbewegte Vorhänge und das beunruhigend klare Gefühl, nicht allein zu sein.

Manchmal hört er Schritte im Obergeschoss von kleinen, leichten Füßen, die er immer noch hören kann, wenn er nach oben eilt, nur um einen leeren Flur und absolute Dunkelheit vorzufinden. Manchmal hört er das Rascheln von Kleidung, als würde sich jemand im selben Raum bewegen, aber wenn er von seiner Handarbeit aufsieht, ist da nichts als Leere und die Befürchtung, vielleicht niemals herauszufinden, wer ihn heimsucht. Manchmal hört er das Quietschen und Knarzen des Sofas, während er im Sessel daneben sitzt, gerade so als würde sich ein Mensch darauf fallen lassen nach einem anstrengenden Arbeitstag und Schultern niederringender Enttäuschung, aber erspähen kann er immer noch nichts.

Er ist sich nicht sicher, was zuerst kommt: Die irreführende Spiegelreflektion oder das traurige Summen, das mit dem Wind nach drinnen getragen wird. Vielleicht kommt beides zeitgleich und er kann sich nur einfach nicht mehr erinnern.

Die Reflektion ist undeutlich, unscharf, unkenntlich verzogen, als sähe er durch Kaleidoskopglas und nicht Spiegel, und wenn er sich umdreht, dann ist dort genauso viel Nichts, wie er befürchtet hat. Das plötzlich aufflammende Summen hingegen wärmt ihn von innen, während es sich wie flüssiges Gold in all die Winkel seiner Seele ergießt. Er kann keine Quelle entdecken, nur die allesfüllende Präsenz, die damit einhergeht. – Er will schon gar nicht mehr gucken.

Natürlich möchte er denken, dass dort Familiarität und Behaglichkeit in diesem Summen schlummern, aber er weiß, außerhalb seiner Träume hat er die Stimme noch nie gehört. (Und die Träume sind etwas ganz anderes, losgelöst von jeglicher Realität, auf der er existiert, wie könnte er die nur mitzählen?)

(Er träumt von kaltem Juliregen, der den Smog aus der Atmosphäre wäscht und seine Hände so kalt werden lässt, dass kein Herzensfeuer sie wärmen kann. Sie versucht es, die Frau in seinen Träumen, die er noch nie zuvor gesehen hat, aber die seine Seele ohne Zögern wiedererkennen würde, würde er ihr im echten Leben begegnen. Sie ergreift seine Hand, umschließt sie mit beiden ihren eigenen, und presst Küsse gegen seine Knöchel, die ihn schwach in den Knien werden lassen. – Er träumt von Schneefall und Wintergefühlen, puderbezuckerte Wintermäntel im Wind. Sie steht genau vor ihm, ihre Füße zwischen seinen, und spricht mit einer Eindringlichkeit, die ihm den Atem aus der Lunge nimmt. Die Worte kommen nicht an oder er erinnert sich nicht mehr daran, wenn er aufwacht, aber er weiß, er muss ihr zuhören, auch wenn kein Ton von ihren Lippen dringt. – Er träumt von seinem Haus, das Dach mit nassem Laub bedeckt, und wie sie auf einem tiefhängenden Ast den Kopf voll Unverständnis schüttelt. Er ruft ihr zu, keinen Namen und kein Epitheton, aber sie lächelt nur traurig und der Wind trägt ihre Antwort fort. – Er träumt vom Frühling, der die Schildkrötenstarre aus seinen Beinen treibt und seine Lebensgeister weckt, die erschreckend ähnlich wie die Frau aussehen, die den Mund nicht aufmacht, so sehr er sie auch bittet.)

Es ist Normalität, irgendwann. Das Existieren unter Mikroskopaugen und gestaltlosen Händen. Und irgendwann gewöhnt er sich an das Summen; so sehr, dass er miteinfällt in eine Melodie, die er nicht kennt, aber ganz nah an seinem Herzen wohnt. Altbekannt sind die Blicke in ein anderes Leben, die er durch den Spiegel erhascht, und die Sehnsucht nach einer Hand, die ihn hält.

Natürlich erzählt er keinem Menschen davon, schließt das Geheimnis ein in flüchtige Blicke und gefällige Gedanken. Der einzige Verdacht, den er erregt, ist der nach Einsamkeit. Doch wie könnte er sich einsam fühlen, wenn jeder Atemzug von gleichbleibender, bedingungsloser Behaglichkeit erfüllt ist?

Seine Mutter bittet ihn, auszuziehen, umzuziehen, bloß wegzuziehen, das Raumklima, sagt sie, das Raumklima ist Jenseits. Aber sie sagt nicht von Gut und Böse, bezieht sich nicht auf den Schimmel, der sich in den Übergangszeiten im Badezimmer direkt über dem Fenster ausbreitet, und verliert kein Wort über den Keller, dessen Schlüssel so lang schon verloren ist, dass er die Tür aufbrechen müsste, um die staubige Luft aufzuwühlen. Sie sagt es in die Leere des Raumes, die Augen auf einen Punkt fixiert, an dem Bog nichts erkennen kann, als sähe sie mehr, als er sich erträumen könnte. Aber er bleibt, denn das hier ist auch sein Heim.

Es endet, als er ihre Stimme hört, die sich in ganzen Worten, verhängnisvolle Sätze bildend, in seine Träume schleicht und auch dann nicht weicht, als er die Dämmerung aus seinen Augen blinzelt und sich für einen kurzen, desorientierten Moment fragt, ob er die Macht hat, Dinge aus seinen Träumen direkt in die Realität zu projizieren. Dinge wie Silben und Buchstaben, die nicht für seine Ohren bestimmt sind, und eine Stimme so sanft wie Herbstregen.

Er setzt sich auf, sieht sich um, sucht jeden Winkel seines Schlafzimmers ab, ohne die Quelle der Stegreifsätze zu finden, und versucht sich am Ende einzugestehen, dass er nicht sehen kann, was nicht da ist, dass sein eigener Verstand ihm vorgaukelt, zu finden, was er so verzweifelt sucht.

Dann hält sie inne, seufzt die Schwere der Verstorbenen in den leeren Raum zwischen ihnen, und es fühlt sich an, als ob sie geht.

Seine Hand greift blindlings nach ihr, versucht eine Hand oder Schulter zu finden, die einfach nicht da ist, und greift Mal um Mal ins Leere. Aber sie bleibt, hält inne in der Bewegung, Spannung so prävalent wie die Gänsehaut auf seinen Armen.

„Bleib“, sagt er und er meint nicht im Raum.

Da sind Kleidungsrascheln und Stuhlknarzen und verheißungsvolle Schwingungen, die nichts mit dem Raumklima zu tun haben oder vielleicht auch alles. Er weiß nur, dass sein Kopf schwimmt in einem Meer aus Gefühlen, die nicht seine eigenen sind, und die er nicht klassifizieren könnte, wäre er gezwungen dazu. (Er glaubt zu wissen, wessen Gefühle sich da ein Zuhause in ihm suchen, und egal, wie sehr er sich am Anfang vielleicht dagegen gesträubt hat, jetzt kann er nicht anders als Rückhalt in der Tatsache zu finden, dass er nicht mehr der einzige ist, der da in seiner Brust wohnt.)

„Bleib“, wiederholt er, auch wenn seine Stimme fast verloren geht auf dem Weg.

Das auf seiner Hand ist kein Druck, es ist eine Berührung, es ist eine Hand, die seine umschließen möchte, aber in ihrer Kleinheit daran scheitern muss. Eine zweite Hand schiebt sich unter seine und plötzlich ist seine ganze Haut bis zum Knöchel von Fingern umschlossen, die kühler sind als lebendige je sein könnten.

Seine andere Hand kommt unter der Bettdecke und seine erste aus der Umklammerung hervor, sodass er ihre Hände mit seinen umfassen kann, die Daumen um ihre Gelenke greifend auf einer Hauptschlagader, unter der nichts schlägt.

Er fühlt sich ein bisschen wie Sonnenstrahlen, die das Eis wegschmelzen, und unter der vierten oder fünften Schicht versteckt sich ein Mensch, dessen Hautton verblassten Ölgemälden gleicht, aber mit Sommersprossen übersät ist, die so klein und dunkel sind, dass er sie zuerst für Dreckspritzer hält, die sich irgendwie auf ihre Haut verirrt haben.

Als sich seine Sonnenstrahlenwärme weiter durch ihre Eishaut frisst, kann er mehr von ihr sehen, als er in seinen kühnsten Träumen erhaschen hätte können. Seine Seele klingt mit Wiedererkennen ihrer nachdenklich zusammengezogenen Augenbrauen und für einen kleinen Augenblick glaubt er, dass sie fühlen muss, was er da spürt. Aber sie sagt kein Wort, gerade so, als fürchte sie, der Moment könnte zerbrechen, wenn sie die Stimme erheben würde.

„Bleib“, sagt er ein drittes und letztes Mal und er sieht ihr so offensiv in die Augen dabei, dass sie, hätte sie es bis dato nicht bemerkt, wissen müsste, dass er sie in all ihrer gespenstrigen Schönheit sehen kann.

Sie schüttelt den Kopf, aber statt zu gehen, setzt sie sich auf die Kante seines Bettes, als müsste sie nur ein winziges bisschen mehr Mut zusammenkratzen, um nach seinem Gesicht zu greifen oder sich neben ihn zu legen. (Und er kommt nicht umhin, den Wunsch anzuerkennen, dass sie genau das tun sollte, statt sich wieder in die Unerkanntheit ihrer Gestaltlosigkeit zu flüchten. – Vielleicht kann sie es gar nicht mehr, ihre Form verlieren, jetzt da er sie einmal gesehen hat. Aber er fürchtet und er bangt, weil er nie ohne sie in diesem Haus gewesen ist, das sich wie Zuhause angefühlt hat, kaum dass er das erste Mal einen Fuß durch die Tür gesetzt hat.)

Es ist keine Heimsuchung, Bog weiß das, denn anstatt neue Risse in die Wände zu reißen, werden die bereits vorhandenen mit Behaglichkeit gekittet; anstatt ihn mit Unsicherheit und ehrfürchtiger Scheu oder gar Schrecken zu erfüllen, kann er nur einen Überfluss von Wärme und Geborgenheit finden; anstatt Dinge zu verlegen, die er fruchtlos suchen würde, werden Alltäglichkeit und Routine in seine Hände gelegt. Es ist eine Heimsuche, die ihr gemütliches Ende findet in seiner hohlen Hand, die sich zärtlich in ihren Nacken drückt. Eine Heimfindung im Schwellenraum seines Herzens.
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