Geschichte: Fanfiction / Prominente / Musik / K-Pop / EXO / 24 Tage

24 Tage

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Lu Han Oh Sehun
01.12.2016
25.12.2016
25
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1. Dezember

Kennt ihr den Moment, in dem sich alles ergänzt, sodass das Bild perfekt ist? Innerhalb von einem einzigen Augenblick, ohne dass ihr überhaupt im Entferntesten darauf vorbereitet wart. Ihr seid in diesem Moment vollkommen überwältigt und könnt nichts anderes tun, als dieses Bild regungslos und ohne einen einzigen Gedanken an andere Dinge anzustarren. Mit offenem Mund und ungläubigen Augen. Im nächsten Moment fragt ihr euch, wie zum Teufel ihr das nicht viel früher gemerkt habt. Wie konntet ihr jahrelang so vollkommen blind durch euer Leben laufen ohne zu merken, dass euch etwas Essentielles fehlt?

Genau diesen Moment hatte ich. Vor sechs Monaten, an einem ganz normalen Tag – zumindest bis zu diesem entscheidenden Zeitpunkt, in dem mir meine Augen geöffnet wurden. Es war am letzten Unitag vor den Semesterferien, als wir uns nach dem Schulschluss alle vor dem Tor trafen, um zur Feier des Tages zusammen etwas zu unternehmen. Wir wollten in einen der vielen Parks gehen und dort das warme Wetter und die Sonne genießen, da einige von uns in den Ferien mit ihrer Familie wegfahren würden. Unter anderem mein bester Freund Luhan, der seine Eltern in China besuchen würde, zusammen mit den drei anderen chinesischen Austauschstudenten Yifan, Tao und Yixing. Wobei wir Yifan immer Kris und Yixing Lay nannten, da einige von uns ein paar Probleme mit der korrekten chinesischen Aussprache hatten. Zwar war Jongdaes Spitzname Chen, aber das hieß noch lange nicht, dass er etwas anderes als seinen Namen korrekt betonen konnte. Außerdem hatte Lay ihm diesen Namen verpasst, als er ihn das erste Mal gesehen hatte. Warum, war niemandem außer Lay klar, aber an die seltsamen Anwandlungen unseres Einhorns hatten wir uns schon längst gewöhnt. Und wieso Lay den Spitznamen Einhorn hatte, wusste jeder. Für jemanden mit seiner Ausstrahlung und seinen Gedankengängen, die für niemanden außer ihm zusammenhängend waren, gab es keinen passenderen Namen.

*** 6 Monate vorher***

„Sehunnie“, erklang eine singende Stimme neben mir und ich drehte genervt meinen Kopf zur Seite.
„Baekhyun“, meinte ich neutral und schenkte ihm sogar ein Nicken. Der momentan Braunhaarige verzog nur seinen Mund.
„Du sollst die Älteren mit mehr Respekt behandeln, Hunnie.“
Ich zog nur eine Augenbraue hoch, ansonsten behielt ich mein Pokerface, das ich seit meinem zwölften Lebensjahr stetig perfektioniert hatte. „Wenn du etwas wachsen würdest, würde ich das vielleicht sogar.“
Daraufhin konnte Baekhyun, die Diva in unserem Freundeskreis, nichts mehr sagen und schnaubte nur. Ich verkniff mir ein Grinsen, nur mein rechter Mundwinkel zuckte leicht. So leicht, dass es außerhalb von meinen Freunden niemand gemerkt hätte. Neben Chanyeol war ich mit Abstand der Größte von uns und das, obwohl ich der Jüngste war. Das war hauptsächlich der Grund, warum meine Freunde aus den höheren Semestern kamen, während ich und Jongin, mein Schulfreund, erst im letzten Semester mit unserem Musikstudium angefangen hatten. Genau genommen war es Luhan, der mich ansprach, um sich zu erkundigen, in welchem Raum wir denn die nächste Stunde hätten. Erst als wir zusammen im Erstsemesterkurs für Musikgeschichte saßen, fiel ihm auf, dass er offensichtlich im falschen Semester gelandet war. Ich konnte mich heute noch daran erinnern. Sein geschocktes Gesicht, als er gemerkt hatte, dass ich eben nicht im vierten Semester wie er, sondern im ersten war. Zugegeben, ich war ebenfalls geschockt, denn ich hatte ihn als im selben Alter wie mich geschätzt und nicht die vier Jahre älter, die er eigentlich war. Aber als er mich nach dieser Stunde zusammen mit Jongin zu seinen Freunden gezogen hatte, die sich über seine Abwesenheit schon gewundert hatten, wurden wir im Nullkommanichts in ihre zehnköpfige Gruppe integriert. Luhan musste sich einige Sprüche über seine Naivität und Ahnungslosigkeit anhören, allen voran von Baekhyun und Jongdae, doch er nahm es mit einem Lachen auf. Da hörte ich auch das erste Mal seinen Spitznamen, Prinzessin Lulu. Erst dann schaute ich ihn mir richtig an und bemerkte, dass dieser Name perfekt zu ihm passte. Er hatte wundervoll weich aussehende, gelockte Haare, die er honigbraun gefärbt hatte. Seine dunklen Augen schienen immer von innen heraus zu funkeln und er hatte immer einen dieser stets erstaunten Gesichtsausdrücke, die man aus Märchen kannte. Dazu seine kleine Nase, die vollen, geschwungenen Lippen und die fast weiblichen, weichen Gesichtszüge. Wenn wir jemals Cross-Dressing machen würde, würde er ohne Probleme als Mädchen durchgehen können.

„Sehun träumt schon wieder“, riss mich Junmyeons Stimme aus meinen Gedanken und da merkte ich, dass wir bereits bei den anderen angekommen waren, wobei noch ein paar fehlten, unter anderem Luhan.
Jongin, der auf der anderen Seite von mir stand, lachte. „So ist er heute schon die ganze Zeit. Wahrscheinlich trauert er schon, dass er Luhan ganze sechs Wochen nicht mehr sehen kann.“
Ich schüttelte kühl den Kopf. „Ich denke über die Hausarbeit nach“, verteidigte ich mich. Das war zwar gelogen, aber sofort schien Jongin auf andere Gedanken zu kommen und stöhnte.
„Wir sind noch keine halbe Stunde in den Ferien und du denkst schon an die Arbeit?“
„Im Gegensatz zu dir will ich die letzte Woche meiner Ferien nicht in Panik und Verzweiflung versinken, während ich in der Bibliothek sitze.“
Jongin zuckte unbekümmert mit den Schultern. „Für mich fängt das dritte Semester einfach eine Woche früher an als für dich.“
Ich öffnete den Mund, um ihm eine Antwort darauf zu geben, als sich zwei Arme um meine Mitte schlangen und ich einen kleineren, zierlichen Körper spürte, der sich an meinen Rücken drückte. Nach der ersten Überraschung entspannte ich mich wieder, denn ich wusste sofort, wer das war.
„Hunnie“, erklang auch schon die für einen Mann zarte, hohe Stimme dumpf zwischen meinen Schulterblättern weinerlich. Ich löste die Arme um mich und drehte mich zu meinem Lieblingschinesen um.
„Es sind nur sechs Wochen, Luhan“, meinte ich amüsiert, doch der traurige Ausdruck in seinen Augen blieb.
„Es ist trotzdem viel zu lang“, widersprach er mit bedrückter Stimme und ich schenkte ihm eines meiner speziellen Lächeln, mit dem ich nur ihn bedachte.
„Deine Eltern wollen ihren Sohn auch einmal wieder sehen“, ertönte eine weitere Stimme hinter ihm und ich nickte Kris zu, der cool wie immer dreinblickte, seine Jacke lässig über seine Schulter geworfen. Neben ihm lief Tao, der wie immer heftig gestikulierend eine Geschichte erzählte, zu der Kris ab und zu zustimmendes Gebrummel von sich gab. Ich unterdrückte den Drang, meinen Kopf zu schütteln. Egal wie kalt und unnahbar Kris auch tat, Tao bemerkte dies entweder nicht oder ignorierte es einfach und hängte sich regelrecht an den Älteren. Dieser tat wundersamer Weise nichts dagegen, sondern erduldete es mit einem überraschend sanften Lächeln. Ja, Tao war die einzige Person, die den Eiskönig auftauen konnte, ohne dies auch nur zu bemerken.
„Aber ich will, dass ich Sehunnie auch jeden Tag sehen kann“, jammerte Luhan immer noch und ich fuhr ihm durch die Haare, sodass sie noch eine Spur lockiger wurden.
„Ich muss sowieso an meiner Hausarbeit schreiben“, versuchte ich es wieder, doch er schob nur die Unterlippe vor und verschränkte die Arme, um mir einen herzzerreißenden Blick zu schenken. Da ich sein Verhalten kannte, machte mir das trotzdem nicht besonders viel aus und ich seufzte nur.
„Können wir dann los?“, ließ Chanyeol verlauten, der bisher noch nichts gesagt, sondern alles nur mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck beobachtet hatte. Da niemand etwas dagegen hatte, setzten wir uns in Bewegung und steuerten die nächste U-Bahn-Station an, die uns zu unserem Ziel bringen würde.

Im Park angekommen, suchten wir uns einen freien Platz auf dem Rasen. Da es erst mittags war, hatten wir eine Menge Auswahl, also setzten wir uns einfach in die Mitte. Kyungsoo fing an, zusammen mit Lay das Essen auszupacken, das sie gestern schon vorgekocht hatten. Dank den beiden war bisher niemand von uns an Hunger gestorben. Wir liefen eher Gefahr, uns zu überfressen bei der Menge, die die beiden kochten, wenn sie Lust darauf hatten. Und das kam mehrmals pro Woche vor, sodass wir zwölf fast immer zusammen aßen, weil man mit weniger Leuten die pure Menge an Essen gar nicht vernichten konnte.
Luhan saß neben mir und gähnte. Dann lehnte er sich wie so oft an mich. „Ich will immer noch nicht nach China“, murmelte er und ich pustete ihm durch seine Haare.
„Es ist deine Familie, die du da besuchst“, erinnerte ich ihn abermals an seine Eltern, die ihren Sohn bestimmt unheimlich vermissten. Doch Luhan drückte sich noch enger an mich.
„Aber ich will bei dir bleiben“, jammerte er wie ein kleines Kind und ich lachte leise.
„Wenn man euch so ansieht könnte man meinen, Sehun wäre der Ältere von euch“, ertönte Chanyeols Stimme und mein Blick huschte zu ihm, der wie immer mit einem Grinsen im Gesicht neben Baekhyun und Minseok saß und uns beide beobachtete. Baekhyun, sein bester und längster Freund, stimmte lachend zu. Minseok hingegen bedachte uns beide mit einem prüfenden Blick, bei dem mir mulmig zumute wurde. Auch wenn der Älteste in unserem Freundeskreis nicht zu den Leuten gehörte, die viel redeten, wusste er immer über alles Bescheid, meistens bevor es jemand anderes wusste. Oder es lag genau daran, dass er anstatt zu reden liebe die anderen beobachtete. Auf jeden Fall machte mich sein Blick nervös. Das schien ihm aufzufallen, denn als sich unsere Blicke begegneten, zwinkerte er mir nur zu und wandte sich dann an Jongdae, der neben ihm saß.

Nach dem Essen beschlossen die ewigen Bewegungsfanatiker Lay und Jongin, Fußball zu spielen. Ich hob bei dem bittenden Blick von Jongin sofort abwehrend die Hände.
„Vergiss. Es. Ich hasse Fußball.“ Anstatt meiner blickte er Minseok an, der mit einem breiten Grinsen nickte.
„Immer.“ Im Gegensatz zu mir liebte er dieses Hinterhergerenne, wie ich diesen Sport in Gedanken immer nannte. Ich sah keinen Sinn dahinter, vor allem war mir das Spielfeld viel zu groß. Mir war Basketball lieber, da hatte ich aufgrund meiner Größe ein leichtes Spiel mit den meisten Gegnern.
Chanyeol, Jongdae und Junmyeon erklärten sich ebenfalls bereit, eine Runde mitzuspielen. Kris zog nur eine Augenbraue hoch, als er gefragt wurde, doch nach einem einzigen, bittenden Blick von Tao stöhnte er geschlagen und erhob sich schwerfällig.
„Du wirst alt“, ließ Baekhyun verlauten und fing sich einen Eisblick ein, den er mit einem fröhlichen Lachen quittierte. Dann fingen sie an, die Teams aufzuteilen. Die drei Chinesen und Jongin würden gegen die anderen vier spielen, damit waren die Teams relativ ausgeglichen.
„Sehun?“
Ich drehte mich zu Luhan um, der mich fragend ansah.
„Kommst du kurz mit? Ich wollte kurz an den See.“ Der See lag einige hundert Meter entfernt von der Stelle, an der wir saßen und Luhan liebte ihn mehr als alles andere in diesem Park, also willigte ich ein und wir standen auf.
Kyungsoo blickte uns neugierig an.
„Wir gehen kurz an den See“, erklärte ich und er nickte mit einem merkwürdigen Blick in Richtung Luhan, der auf diesen nervös reagierte. Verwirrt runzelte ich die Stirn. Irgendetwas war heute anders als sonst, doch ich schob das Gefühl beiseite, als Baekhyun in lautes Gelächter ausbrach.
„Dann genießt euer romantisches Date am See ihr Turteltauben!“
„Und von was träumst du nachts?“, entgegnete ich trocken und drehte mich zu Luhan um, der mich mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck anschaute. In seinen Augen konnte ich überraschenderweise etwas erkennen, was Trauer relativ ähnlich war. Plötzlich unsicher, fuhr ich mir nervös durch meine blond gefärbten Haare, während ich den Blick von diesem seltsam bedrückten Luhan abwandte.
„Gehen wir?“ Meine Frage klang unsicherer als geplant und innerlich krümmte ich mich deswegen. Doch als ein fröhliches „Natürlich“ genau wie immer ertönte, war dieser kurze Moment Unbehagen vorbei.

Am See standen wir beide für eine Weile stumm nebeneinander und beobachteten ein paar Enten, die vergnügt auf dem See schwammen, während die leichten Wellenbewegungen immer wieder ein Glitzern auf der Wasseroberfläche verursachten.
„Ich wünschte, ich könnte hier ewig bleiben“, murmelte Luhan. Das war ungewohnt ernst für den stets fröhlichen Chinesen und mein Blick wanderte vom Wasser zu ihm, um ihn fragend und nachdenklich anzublicken. Er konnte es überspielen wie er wollte, irgendetwas beschäftigte ihn.
„Was ist los, Lulu?“ Diesen Spitznamen durfte nur ich benutzen, ohne dass er ungehalten wurde. Er meinte immer, er würde sich dann fühlen wie ein kleines Mädchen und nicht wie ein erwachsener Mann. Dass er sich fast nie so benahm, war uns allen klar, auch ihm, aber das blieb ungesagt.
„Kennst du das Gefühl, dass du ewig auf einen einzigen Moment wartest, nur um dann festzustellen, dass du ihn längst verpasst hast?“
Ich blinzelte. Was war das für eine Frage? Dann wurde mir bewusst, dass er mich fast verzweifelt ansah, als ob er sehnlichst auf eine Antwort von mir wartete. Aber ich wusste nicht welche und ich hatte das Gefühl, dass es auf keinen Fall die falsche sein dürfte.
„Lulu?“ Fragend legte ich ihm eine Hand auf die Schulter – und sah mit Schrecken, dass in seinen Augen Tränen schwammen. „Lulu!“ Ohne nachzudenken, zog ich ihn in meine Arme und legte mein Kinn auf seinen Kopf, während er sein Gesicht im Stoff meines Shirts vergrub. Meine Jacke lag noch auf der Wiese bei den anderen, genau wie seine. Ich spürte, wie er zitterte und fing an, beruhigend seinen Rücken auf und ab zu streicheln, bis er sich wieder entspannte. Wie lange wir so dastanden, wusste ich nicht, aber es war mir egal. Ich konzentrierte mich nur auf den Körper in meinen Armen und darauf, wie er wieder ruhiger wurde.
„Hunnie“, flüsterte Luhan irgendwann gedämpft in den Stoff von meinem Shirt, aber ich brummte um zu zeigen, dass ich ihn gehört hatte. „Ich – ich muss dir etwas sagen.“
Ich schob ihn behutsam von mir, um ihm in die Augen zu schauen und nickte als Zeichen, dass ich zuhören würde. Luhan kaute auf seiner Unterlippe, ein Zeichen, dass ihn etwas wirklich beschäftigte. So sah er das letzte Mal aus, als er nicht wusste, ob er eines seiner Praxisprojekte bestanden hatte, weil seine Prüfer sich so lange besprochen hatten.
„Aber… Versprich mir, dass alles so bleibt wie es ist und – und dass wir trotzdem noch befreundet bleiben, ja?“ Langsam wurde mir mulmig zumute, denn was konnte schon so gravierend sein, dass er von mir derartige Dinge verlangte?
„Natürlich, aber was genau ist denn los?“
Er schien sich innerlich einen Ruck zu geben und atmete tief durch. Seine Hände, die die ganze Zeit nervös den Saum seines Hemdes geknetet hatten, lösten sich und ballten sich an seinen Seiten zu so festen Fäusten, dass die Knöchel weiß hervortraten.
„Ich – Du hast mich irgendwann einmal gefragt, ob ich schon eine Freundin hatte, weißt du noch?“ Ich nickte langsam, das war im letzten Jahr gewesen, weil er öfters so verträumt in die Gegend gestarrt hatte, wie ich es nur von Verliebten kannte. Das machte er immer noch, aber mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt und fand es nicht mehr so seltsam wie damals.
„Damals habe ich verneint und gemeint, dass ich noch nie eine Freundin hatte. Ich – nun, das… Das stimmt nur zur Hälfte. Ich war in einer Beziehung, als ihr zu uns gestoßen seid, auch wenn diese kurz danach in die Brüche gegangen ist…“ Er wurde gegen Ende immer leiser und verstummte komplett, den Kopf gesenkt und den Blick fest auf seine Füße gerichtet.
„Lulu, ich verstehe immer noch nicht, was –“
„Ich hatte einen Freund.“
Wow. Am Rande wurde mir bewusst, dass mein Mund offenstand und ich ihn mit großen Augen betrachtete. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wusste selbst nicht, mit was ich gerechnet hatte, aber das war es nicht. Natürlich hatte ich mich schon öfters gefragt, warum Luhan alle Mädchen, die ihn ansprachen nett, aber bestimmt abblitzen ließen. Ich hatte immer vermutet, dass sie nicht sein Typ waren, aber dass er nicht auf Frauen stand, war mir nicht in den Sinn gekommen. Doch es machte Sinn. Luhan, mein bester Freund seit eineinhalb Jahren, war schwul. Und ich hatte es noch nicht einmal vermutet geschweige denn, etwas davon geahnt.
„Sehunnie, bitte sag etwas.“ Die Verzweiflung in seiner Stimme riss mich aus meinen aufgewühlten Gedanken und ich blinzelte.
„Ich… ehm… was soll ich denn –? Wissen die anderen denn, dass… Nun ja, du weißt schon“, stotterte ich unbeholfen herum, während ich mir in Gedanken eine Ohrfeige gab. Ich hasste es, wenn ich so vor mich hinbrabbelte, ohne erkennbaren Sinn. Vor allem, weil Luhan – mein süßer, kleiner Luhan – nun den Kampf gegen die Tränen verlor, die ihm in regelmäßigen Abständen über die Wangen liefen.
„Ja“, brachte er mit erstickter Stimme hervor. „Bis a-auf dich… Wissen es a-alle“, flüsterte er, während er mit Schluchzern kämpfte, die drohten aus ihm herauszubrechen.
Panisch riss ich die Augen auf und wollte auf ihn zutreten um ihn zu umarmen, doch dann hielt ich inne. Bei dem Schmerz, den ich dann in seinen Augen sah als er mein Stocken bemerkte, wollte ich mir abermals eine verpassen. Nun zögerte ich nicht mehr, zog ihn an meinen Körper und streichelte beruhigend mit der einen Hand über den Hinterkopf, während meine andere Hand an seinem Rücken ihre Kreise zog.
„Lulu“, flüsterte ich leise. „Hör auf zu weinen. Das ist überraschend für mich, mehr nicht. Natürlich wird sich nichts verändern, was denkst du denn von mir? Du bist immer noch Prinzessin Lulu, der stets fröhliche Lockenkopf, der jeden mit ein paar Sätzen aufheitern kann. Niemand kann kontrollieren, wohin die Liebe fällt und solange du damit glücklich bist, ist es mir herzlich egal, ob es ein Mann oder eine Frau ist, der du deine Liebe schenkst.“ Kurz durchfuhr mich ein stechender Schmerz, als ich mir einen selig lächelnden Luhan an der Seite eines Kerls vorstellte, der aussah wie eine Mischung aus Show Luo und Chen Kun. Dann verdrängte ich das Bild. Luhan war mein bester Freund, wenn er glücklich war, war ich es auch.
Luhan löste sich nun wieder von mir und wischte sich die Tränen von den Wangen, bevor er mich anblickte. Und bei der Art, wie er mich ansah, stockte mein Atem. Er lächelte mich so selig an, wie ich ihn mir eben vorgestellt hatte und in seinen Augen schwammen Emotionen wie Wellen durcheinander. Ich sah Erleichterung, Zufriedenheit, Freude und noch etwas anderes, was mir die Luft zum Atmen nahm. Es sah aus wie pure Glückseligkeit, war aber doch irgendwie anders und ich wollte, dass diese Augen für immer so blieben.
„Danke“, meinte er mit einer warmen, belegten Stimme und fuhr sich durch die honigfarbenen Haare. Für mich sah es so aus, als ob er von innen heraus erstrahlte, noch mehr als er es normalerweise tat. Luhan war in meinem Augen immer von einem Schimmer umgeben, der alles um ihn herum verschwommen werden ließ. Doch jetzt war dieser Schimmer zu einem hellen Schein geworden.
In diesem Moment wurde mir eines klar. Luhan würde für sechs Wochen in China sein und ich würde ihn mehr vermissen als je zuvor. Weil er nun nicht mehr nur Luhan war, mein bester Freund oder Prinzessin Lulu, die immer mit einem Lächeln durch das Leben lief. Nein, ich würde ihn vermissen, als ob meine eine Hälfte entfernt worden wäre. Denn das war er für mich: Meine andere Hälfte.
Ich, Oh Sehun, war verliebt in meinen besten Freund Luhan.

***jetzt***

Durch die sechs Monate hatte ich damals Zeit gehabt, mit dem Gefühlschaos in mir klarzukommen. In diesem Moment damals war mir das Wichtigste in meinem Leben klargeworden. Das fehlende Interesse gegenüber Mädchen, egal ob in der Schule oder der Universität, die Langeweile, wenn wieder über die verschiedenen Vorzüge von Frauen geredet wurde sowie die Gerüchte, dass ich mich für etwas Besseres hielt als alle anderen. Wahrscheinlich hatte ich seit meinem ersten Unitag niemand anderen gesehen als Luhan, mein kleines, hilfloses Reh, das ohne seine Freunde keine drei Tage allein in der Uni überleben würde. Mein Luhan, der schwul war. So wie ich anscheinend. Oder ich war Luhan-sexuell, denn mich hatten bis zum heutigen Tag auch keine Männer interessiert. Nur Luhan, der mich jeden Tag mit etwas anderem überrascht hatte, weshalb wir innerhalb von kürzester Zeit unzertrennlich geworden waren.

Heute hatten wir den ersten Dezember. Mein Plan stand fest. Dieses Jahr würde ich Luhan meine Gefühle gestehen, egal wie seine Antwort auch ausfallen würde. Denn die letzten sechs Monate hatten mir gezeigt, dass es von Tag zu Tag schwieriger war, meine Gefühle für ihn in mir einzuschließen. Daher würde ich ihm meine Liebe an Weihnachten gestehen, dem Fest der Liebe. Es war mir persönlich zu kitschig, aber Lulu liebte das alles. Die Lichter, den Schnee, die Dekorationen, die ewigen Weihnachtslieder, die mir nur Migräne verursachten, die stets lächelnden Menschen in dieser Jahreszeit und dieses einen stets umgebende Gefühl von Liebe und Freude.
Am 24. Dezember würde ich, Oh Sehun, meinem besten Freund Luhan meine Liebe gestehen.

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Hallo an alle erst einmal :)
Das hier wird eine Art Weihnachtskalender - allerdings keine One-Shots, sondern eine Geschichte mit 24 Kapiteln, die jeweils an einem Tag spielen. Wenn ich ehrlich bin, bin ich etwas panisch, dass ich es wirklich schaffe, jeden Tag ein neues Kapitel hochzuladen - aber ich gebe mein Bestes. Teilweise habe ich sie vorgeschrieben und auch die Storyline steht grob fest, meine größte Angst sind eigentlich Schreibblockaden.
Doch da man sich von seiner Angst nicht fertigmachen lassen sollte, gehe ich einfach das Risiko ein und bin schon gespannt, was meine Schreiblaunen in den nächsten 24 Tagen so mit sich bringen.
Bis Morgen und liebe Grüße,
Angel
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