Laura Jane

von Doylest
KurzgeschichteMystery, Romanze / P16
Ray Doyle
01.12.2016
01.12.2016
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Bodie hielt vor dem Haus, in dem Doyle derzeit wohnte. Es war Freitagmittag und sie hatten eine unspektakuläre Woche hinter sich. Die Männer, die sonst Terroristen jagten, Bomben entschärften, Verdächtige observierten und bei Undercovereinsätzen täglich ihr Leben aufs Spiel setzten, hatten nichts anderes zu tun gehabt, als alte Akten aufzuarbeiten, Berichte zu lesen oder als Bodyguard einen hochgestellten Staatsmann herumzukutschieren.
Endlich hatte ihr Chef George Cowley sich bereit erklärt, seinen Topagenten zwei freie Tage zu gewähren.
Ray Doyle legte die linke Hand an den Türgriff des Capris und fragte ein letztes Mal: "Hast Du nicht doch Lust, mit auf die Motorradtour zu kommen?"
Bodie verneinte: " Nee nee, fahr Du nur alleine. Ich habe vor, dieses Wochenende endlich mal ungestört mit Joanna zu verbringen."
Doyle nickte, er wusste wie schwer es war, in ihrem Beruf eine Beziehung aufrecht zu erhalten. Durch die ständigen Sondereinsätze, vielen Überstunden und den dadurch resultierenden gecancelten Dates war seine letzte Beziehung mit Sarah vor zwei Wochen in die Brüche gegangen. Deswegen wollte er mal raus und auf andere Gedanken kommen. So hatte er den Wochenendausflug mit dem Motorrad geplant.
"Also dann bis Montag", sagte er als er ausstieg. Er sah Bodie noch nach als dieser um die Ecke fuhr, dann ging er langsam zum Hauseingang. Nachdem er aufgeschlossen hatte, ging er die steile Treppe nach oben und in sein Schlafzimmer. Auf dem Bett stand schon der Tankrucksack, daneben lagen seine Motorradkombination und sein Helm. Er hatte seine Sachen schon am Abend vorher zusammengepackt, damit er nach einer heißen Dusche und einem kleinen Imbiss gleich auf die Strecke gehen konnte. Er freute sich schon richtig auf den Turn, war aber ein wenig traurig, dass Bodie ihn nicht begleiten wollte.

Er brauchte etwa zwei Stunden für die Autobahn nach Bristol. Der Verkehr war erträglich gewesen und nach den engen Strassen von London genoss Doyle es einfach, die Speed des Motorrads ausfahren zu können. Die Sonne ging langsam unter und er fuhr entlang des Avon zur Clifton Suspension Bridge, die sich majestätisch mit 400 Meter Länge über den Fluss spannte. Eine friedliche Atmosphäre lag in der Luft. Doyle suchte seine kleine Polaroidkamera hervor und fotografierte die Brücke, der man nachsagte, sie wäre die schönste Hängebrücke Englands. Auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit fuhr er die Suspension Bridge Road entlang, dann bog er in die Clifton Down Road. Schon nach der nächsten Querstrasse sah er das Rodney Hotel. Es sah zwar teuer aus, aber Doyle war müde und entschlossen, sich mal was zu gönnen.
Nachdem er das luxuriös anmutende Zimmer mit dem Kingsizebett bezogen hatte, rief er pflichtbewusst im Hauptquartier des CI5 an und gab seine Telefonnummer und Adresse durch. Das war selbst im Urlaub Vorschrift. Die CI5-Agenten mussten überall erreichbar sein, deshalb war es meist etwas umständlich, in den Urlaub zu fahren. Auslandsreisen mussten minutiös geplant werden und man durfte von seiner Route nicht abweichen, denn in einem Einsatzfall mussten die Agenten sofort erreichbar sein. Doyle schob seinen Traum, eine Motorradtour entlang der Route 66 in den USA, schon lange vor sich her. Zu umständlich war der Papierkrieg, der für eine solche Reise nötig war.
Nach einem guten Essen im hoteleigenen Restaurant suchte Doyle in seinem Zimmer die Straßenkarte für Wales heraus und plante die Fahrt für den nächsten Tag.

Das Frühstück im Hotel war üppig gewesen. Es war noch früh am Morgen und die Sonne ging langsam über den Nebelfeldern über dem Severn auf. Die Luft war leicht kühl, aber es versprach ein sonniger Septembertag zu werden. Genau das richtige Motorradwetter, fand der junge Agent und hatte es zunächst nicht eilig. Er überquerte den Severn auf der A4 bis Cardiff und bog auf die B470 ab, die ihn in die malerische Landschaft Wales führte. Belustigt nahm er von den Straßenschildern Notiz, die nun in englischer und walisischer Sprache beschriftet waren. Manche Wörter waren so kompliziert geschrieben, dass man sich fragte, wie ein vernünftiger Mensch sie aussprechen könnte.
Der Süden von Wales war eine malerische Hügellandschaft, die von Hecken und Schafsweiden durchschnitten war. Je weiter er nach Norden kam, umso felsiger wurde das Terrain. In der Umgebung von Merthyr Tadfil sah man von der Landstrasse die stillgelegten Zechen und die Abraumhalden einer vergangenen Industrieepoche. Die Sonne stieg weiter hinauf und Doyle wurde es unter der Motorradkombination trotz des Fahrtwindes warm. In Brecon entschloss er sich, in einem Pub eine kleine Rast einzulegen. Nach dem Lunch fuhr er weiter nach Norden, bis er sich in der kleinen Ortschaft Rhayadar entscheiden musste, ob er der 470 weiter nach Norden folgen oder nach Devil`s Bridge in Richtung Küste abbiegen sollte. Doyle entschied sich für die Küste, denn er verspürte Lust auf ein gutes Fischfilet.
Aber die Touristensaison war noch nicht zu Ende. Doyle empfand das Getümmel in der Küstenstadt Aberystwyth als störend. Und die Library hatte ohnehin schon geschlossen, sodass er die berühmte Sammlung von etwa 3 Millionen Büchern nicht bestaunen konnte. Da es noch hell war, fuhr er weiter nach Norden bis er die Küste erreichte. Die romantische Küste im Abendlicht ließ ihn die Zeit vergessen. Ein Blick auf die Tankuhr sagte ihm, dass er nicht mehr weit fahren konnte. Doyle beschloss, einen Gasthof zu suchen, um dort die Nacht zu verbringen und den Wirt nach der nächstgelegenen Tankstelle zu fragen.

Er brauchte nicht lange zu fahren, bis er einen einsamen Gasthof, der auch aus dem elisabethanischen Zeitalter stammen konnte, an der Strasse sah. Es brannte noch Licht in den unteren Räumen, also beschloss der junge Mann dort anzuhalten. Er bockte das Motorrad auf den Hauptständer, nahm seinen Tankrucksack und klopfte an die farbrissige Eichentür. Während er wartete, sah er sich das Haus genauer an. Auf einem leicht verwitterten Schild stand der Name "Laura Jane". Das Haus an sich hätte mal einen neuen Anstrich und einer Renovierung bedurft gebraucht. Gerade, als er dachte, dass ihn keiner gehört hätte und er noch einmal anklopfen wollte, öffnete sich knarrend die Tür. Eine junge Frau schaute ihn fragend an. Sie hatte langes schwarzes Haar und sah ein wenig blass aus, was von ihrem weißen Kleid noch unterstrichen wurde.
Doyle begann: "Guten Abend, ich suche eine Unterkunft für die Nacht."
Sie deutete ihm, herein zu kommen und schloss die Tür: "Willkommen, ich bin Laura Jane", dabei lächelte sie geheimnisvoll.
"Dann gehört das Gasthaus also ihnen?"
"Es ist schon lange im Besitz meiner Familie“, entgegnete Laura Jane. Doyle fiel jetzt auf, dass sie eine Kerze in der Hand hielt. Sonst war keine Lichtquelle zu sehen.
"Sehr romantisch", Doyle deutete auf die Kerze, "Gibt es Probleme mit der Elektrizität?"
Sie überlegte kurz: "Es gibt hin und wieder Probleme mit den Leitungen. Ich hätte ein Gästezimmer für Sie. Ich zeig es Ihnen und während sie sich einrichten, mach ich Ihnen eine Kleinigkeit zu Essen, Mr...."
"Doyle, Ray Doyle."
"Dann folgen Sie mir, Mr. Doyle"
Laura Jane zeigte ihm das Zimmer und als Ray kurze Zeit später herunter kam, war in einem großen Essraum der Tisch für zwei Personen gedeckt. Laura Jane brachte gerade das Essen herein.
"Es stört Sie doch nicht, wenn ich mit Ihnen esse?" fragte sie. "Sie sind der einzige Gast heute Abend und manchmal fühlt man sich etwas einsam hier draußen."
"Ich habe nichts gegen Gesellschaft." entgegnete Ray und setzte sich an den mit Kerzenlicht beleuchteten Esstisch.
Es gab einen vorzüglichen Meeresfisch in einer Kräuterkruste mit Kartoffeln und Sommergemüse. Dazu hatte Laura Jane einen passenden Weißwein serviert. Während sie zusammen speisten unterhielten sich die Beiden.
"Kommen Sie von weit her, Mr. Doyle?" fragte Laura Jane.
"Aus London. Aber bitte, nennen Sie mich Ray. Mr. Doyle finde ich bei dieser angenehmen Gesellschaft zu förmlich."
Laura Jane sah ihm in die Augen und hob ihr Glas: "Auf einen angenehmen Abend, Ray."
"Das Essen ist ganz vorzüglich, Laura Jane" sagte Ray.
"Danke schön“, antwortete Laura Jane, "ich hoffe, das Zimmer ist Dir auch angenehm."
Ray war von der schlichten rustikalen Einrichtung angenehm überrascht gewesen. So heruntergekommen, wie das Haus auch von außen ausgesehen hatte, so hell und sauber war es von innen. Das Einzige, was ihn störte, war die Tatsache, dass es scheinbar kein Telefon gab, sodass er keine Meldung ins Hauptquartier machen konnte. Aber einen Tag lang konnte der CI5 auch mal ohne seine Meldung leben, ohne gleich die Kavallerie in Form seines Partners Bodie hinterherzuschicken.
"Ja, es ist sehr hübsch." sagte er.

Sie unterhielten sich eine ganze Weile. Laura Jane erzählte, wie sie den Gasthof geerbt hatte, aber dass sich selten ein Gast hierher verirrte. Doyle erzählte von seinen Hobbies, ein paar kleine Anekdoten von Bodie und von seiner Familie. Trotzdem er die junge Frau sehr sympathisch fand, verriet er nicht, dass er beim CI5 als Agent arbeitete. Er bezeichnete sich einfach als Angestellter im öffentlichen Dienst mit langweiligem Schreibtischjob.
Die Kerzen brannten langsam herunter und der Raum verdunkelte sich in ein mattes Licht. Die beiden jungen Leute merkten es kaum, begrüßten es sogar. Doyle war von seinem Gegenüber sehr verzückt, die Figur war schlank, die Augen tief und voller Geheimnisse und ihr Lächeln empfand Doyle als engelsgleich. Als sie die zweite Flasche Wein geleert hatten, sah Doyle auf seine Armbanduhr - es war weit nach Mitternacht. Bedauernd dachte er an die lange Heimfahrt am nächsten Morgen und dass er Laura Jane vielleicht nie wieder sehen würde. Seufzend machte er Anstalten, aufzustehen, aber Laura Jane fasste behutsam nach seinem Handgelenk und zog ihn zu sich hinab. "Geh nicht", sagte sie. Doyle entzog ihr seine Hand und nahm ihr Gesicht behutsam zwischen seine Handflächen. Er beugte sich nach vorne und küsste sie sanft auf die Lippen, die noch leicht nach dem Weißwein schmeckten. Als er merkte, dass sie seinen Kuss erwiderte, wurde er forscher und erst als sie beide keine Luft mehr bekamen, lösten sie sich von einander. Laura Jane rutschte langsam näher zu ihm und forderte mehr. Doyle erkundete mit seinen Lippen ihr Gesicht, während seine Hände langsam streichelnd über ihre Arme fuhren. Laura Jane stöhnte leise wohlwollend. Er küsste ihren Haaransatz an der Stirn und wanderte weiter zu ihrem Ohrläppchen, dass er sanft zwischen seine Lippen nahm. Er spürte, wie sie schwerer zu atmen begann und ihre Arme um seinen Oberkörper legte. Seine Streicheleinheiten wurden fordernder, er fuhr an ihrer Seite entlang und küsste eine kleine Spur ihren langen Hals hinab. Er erkundete ihr Dekolte´ und sog ihr Parfüm in seine Nase. Seine Handflächen waren nach oben gewandert und rieben die harten Brustwarzen durch den dünnen Stoff ihres Kleides.
Auf einmal hielt er inne und schob sie behutsam auf Armeslänge von sich. Verwundert und mit einem flehenden Blick öffnete sie ihre Augen: "Hör nicht auf!" Doyle kämpfte innerlich mit sich selbst. Er wollte nichts sehnlicher, als mit dieser sinnlichen Frau die Nacht verbringen, aber sein Verstand brachte ihn zur Vernunft: "Laura Jane, wir sollten das nicht tun." Fassungslos, den Nachhall seiner sanften Hände noch auf sich spürend, sah sie ihn an. Doyle schloss für einen Moment verzweifelt die Augen, dann sagte er mit fester Stimme: "Schau, morgen fahr ich wieder weg. Ich muss zurück nach London. Es wäre nicht fair, wenn ich die Situation ausnutzen und mit Dir schlafen würde. Du bist zu schade für eine Nacht." Mit diesen Worten stand er bestimmt auf und sah in ihre flehenden Augen. "Mach es mir bitte nicht so schwer, Laura Jane. Du bist eine begehrenswerte Frau, daran liegt es nun wirklich nicht, aber ich will Dir nicht wehtun. Versteh doch." Er zwang sich, sich umzudrehen und ohne auf eine Antwort von ihr zu warten, floh er regelrecht die Treppe hinauf in sein Zimmer. Noch angezogen warf er sich auf das Bett und versuchte zur Ruhe zu kommen. Sein Unterleib schmerzte noch vor Verlangen nach ihr und es dauert lange, bis er sich soweit beruhigt hatte, dass er in den Schlaf fiel, der von Träumen von Laura Jane handelte.

Am nächsten Morgen ging Doyle mit gepacktem Reisegepäck nach unten. Doch alles war still. Er rief nach Laura Jane, erhielt aber keine Antwort. Er stellte seine Sachen in die Diele und machte sich auf die Suche nach ihr. Im Tageslicht sah das Haus genauso alt aus, wie der erste Eindruck am Abend zuvor von außen war. Doyle suchte in der Küche und im Gastraum, fand aber keine Spur von der jungen Frau. Er überlegte, ob er in den oberen Räumen nachschauen sollte, aber sein Gefühl sagte ihm, dass sie dort auch nicht war. Etwas ratlos stand er an der verwaisten Rezeption, als ihm eine Idee kam. Er nahm ein Blatt Papier und schrieb eine Mitteilung für Laura Jane und legte ein paar Pfundnoten daneben. Dann nahm er seine Sachen und verließ das Haus, ohne sich umzusehen.
Mit dem sprichwörtlichen letzten Tropfen erreichte er die Tankstelle im nächsten Ort. Immer noch an Laura Jane und den letzten Abend denkend, tankte er und betrat den Verkaufsraum.
Der alte Mann an der Kasse nahm sein Geld und meinte: "Sie sehen aber nicht besonders frisch aus, für einen so schönen sonnigen Tag. Sie haben die letzte Nacht wohl nicht gut geschlafen?" Doyle sah ihn an: "Nein, die Matratze in dem Gasthof da hinten war nicht sehr bequem gewesen!"
Der alte Mann schaute ihn fragend an: "Welchen Gasthof meinen Sie denn?"
Doyle deutete die Strasse hinunter: "Na, den Gasthof `Laura Jane`, etwa drei Meilen vor der Ortschaft."
"Sagen Sie bloß, Sie haben in dem alten zugigen Gemäuer tatsächlich genächtigt?" bohrte der Andere skeptisch, "Können Sie sich keine anständige Unterkunft leisten?"
Doyle fühlte sich verpflichtet, Laura Jane zu verteidigen: "Nun, die Bewirtung war sehr entgegen kommend und das Essen war auch sehr gut! Das Gebäude mag zwar alt sein, aber mit ein bisschen mehr Glück und Initiative könnte Laura Jane wirklich was aus dem Gasthof machen."
Der alte Mann sah aus, als würde er gleich einen Herzinfarkt bekommen, so aschfahl war sein Gesicht geworden: "Bewirtung? Sagen Sie nicht, es war eine junge Frau da - in einem weißen Kleid und langen schwarzen Haaren!"
Doyle wurde das Gespräch unheimlich: "Ja, sie sagte, ihr Name sei Laura Jane. Sie war sehr nett und sehr hübsch, genauso, wie Sie sie jetzt beschrieben haben!"
Der alte Mann kam um die Kassentheke und nahm Doyle am Arm: "Für das, was ich Ihnen jetzt sagen muss, sollten Sie sich setzen“, und drückte Doyle auf einen Stuhl, der an der Wand stand. Dann wurde seine Stimme ganz heiser: "Die Frau, Laura Jane, von der Sie sprechen. Die Frau, die Sie bedient hat - diese Frau ist schon seit hundert Jahren tot!"
Doyle spürte, wie es ihm eiskalt den Rücken hinab lief. Nach einer kurzen verwirrten Minute war ihm klar, was ihm beinahe passiert wäre: Er hätte fast die Nacht mit einem Geist verbracht! Fassungslos schaute er die staubige Strasse hinab, in welcher Richtung der Gasthof lag und eine tiefe Traurigkeit machte sich in ihm breit.
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