Ampelkarma

OneshotDrama / P16
30.11.2016
30.11.2016
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Ampelkarma
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Dezember 2014

M
ein Atem stieg in kleinen Wölkchen zum Himmel hinauf, als ich schwerbeladen den Supermarkt verließ und mich auf den ewig weiten Weg zu meinem kleinen Wagen machte – der winzige Parkplatz vor dem Laden im Dorf war eigentlich immer überfüllt. Im Sommer fuhr ich deshalb mit dem Rad zum Einkaufen, aber heute war es mit den Minusgraden schlichtweg zu kalt dafür gewesen. Mit dem Ellbogen drückte ich auf den Schalter der Fußgängerampel, bis das „Bitte warten“ über dem roten Männchen aufblinkte. Schon jetzt schnitten die Träger der vollen Baumwollbeutel in meine Handinnenflächen, aber ich wusste, dass die Ampel grün werden würde, sobald ich alle Taschen unfallfrei abgestellt hätte. Also würde ich die Zähne zusammenbeißen und bis zum Wagen aushalten.
Ich sah, wie die Ampel für die Autos über gelb zu rot wechselte, und atmete auf. Nicht mehr lange, und ich würde meine Last abladen können. Mir gegenüber lehnte sich ein junger Mann in schwarzem Mantel gegen den Ampelpfosten und grinste mich verwegen an. Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf. Irgendwie musste heute ziemlich deutlich „Single“ auf meiner Stirn stehen, denn am Mittag, als die Kinder aus dem Kindergarten abgeholt worden waren, hatte mich einer der Väter gefragt, ob ich nichtmal mit ihm einen Kaffee trinken wolle. Es lag Liebe in der Luft, dabei war es bis zum Valentinstag noch eine ganze Weile hin. Vielleicht war es auch nur die Vorweihnachtszeit, wer wusste das schon so genau. Natürlich hatte ich abgelehnt – vielleicht, weil meine Chefin quasi neben uns gestanden und jedes Wort mitangehört hatte. Andererseits auch, weil der Mann bereits Mitte dreißig gewesen war und damit wohl doch ein wenig zu alt für mich.

Lieber blickte ich erneut zu dem Mann mir gegenüber. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Er war groß, schlank und seine braunen Haare waren für meinen Geschmack etwas zu lang. Seine glatt rasierten Wangen waren von der Kälte etwas gerötet und seine eisblauen Augen durchbohrten mich regelrecht mit ihrem Blick. Verlegen senkte ich den Blick. Was hatten die Männer heute nur alle im Kopf?
Die Ampel sprang auf Grün. Ich setzte mich in Bewegung, ging langsam auf den Fremden zu. Dabei wurde ich jedoch von einem Grundschüler fast umgerannt, der unbedingt die Straße überqueren wollte. Vermutlich musste er den Bus erreichen, der gerade vor der roten Ampel gehalten hatte – und die Haltestelle war noch ein ganzes Stück weg.
Was der Junge nicht bedacht hatte, war die Glätte der Straßen. Zwar schien er selbst damit ganz gut zurechtzukommen, aber der kleine Sprinter, der soeben aus der dem Bus entgegengesetzten Richtung angerast kam, geriet ins Schleudern, als er zu spät das Rotlicht bemerkte. Ich sprang zurück auf den Bürgersteig, rief dem Jungen nach – da hörte ich jedoch schon den Aufprall.


Entsetzt wich ich zurück, erkannte dann aber erleichtert, dass der Junge nicht unter, sondern neben dem Sprinter lag, mit aufgeschürften Händen und blutendem Knie. Er war nicht vom Auto erwischt worden. Ich ließ die Einkäufe fallen, rannte zu ihm und kniete mich neben ihn. Erst da sah ich, dass der junge Mann mit den Eisaugen nicht mehr am Ampelpfosten lehnte.
Er lag in seinem teuren Wintermantel ein ganzes Stück entfernt mit verrenkten Gliedern auf der glatten Straße. Der Sprinter hatte ihn voll erfasst. Wie erstarrt hockte ich neben dem Jungen und betrachtete den reglosen Mann – bis ich feine Atemwölkchen aus seinem Mund aufsteigen sah. Er lebte tatsächlich noch!
Ich gewann die Fassung zurück, überließ den Jungen der Obhut einer älteren Dame, die sich inzwischen zu uns gesellt hatte, und schlitterte zu dem Mann hinüber. Er lag auf dem Rücken, seine Augen blickten starr in den Himmel.
„Hallo?“, fragte ich etwas hilflos. Er blutete aus einer Platzwunde an der Stirn und hatte ziemlich sicher zig gebrochene Knochen, wenn ich mir seine verdrehten Gliedmaßen so ansah. Trotzdem wanderte sein Blick zu mir.
„Es… es wird alles wieder gut, okay?“, versprach ich ihm stockend, zog meine Jacke aus und breitete sie über ihm aus. Er blinzelte kurz.
„Glaub kaum“, krächzte er dann. Eine Träne lief aus seinem linken Auge und versickerte im braunen Haar.
„Lebt er noch?“, fragte eine fremde Stimme entsetzt, dann kniete sich ein Mann neben mich und tastete nach dem Puls des Angefahrenen. Ich hockte reglos daneben und gab schließlich dem Drang nach, ganz vorsichtig über die unverletzte Seite seiner Stirn zu streicheln. Der Verletzte lächelte schwach, schloss dann aber die Augen wieder – und öffnete sie nicht erneut. Tränen verschleierten mir die Sicht, als ich den Gedanken zuließ, dass dieser Mann gerade unter meinen Händen starb – und ich keine Ahnung hatte, was ich tun sollte.

Dann zogen mich Hände weg von ihm und jemand umarmte mich. Frauenparfüm stieg mir in die Nase, während ich weg von dem Sterbenden geführt würde. Ich war zu perplex, um mich zu widersetzen. Und so saß ich in eine Decke gewickelt auf dem Beifahrersitz eines der umstehenden Autos, als ich meine Stimme wiederfand.
„Stirbt er?“, fragte ich leise die Frau, die neben der offenen Tür kniete. Sie trug eine Polizeiuniform.
„Ich weiß es nicht… Kennen Sie ihn?“
„Nein. Die Ampel hat uns daran gehindert…“ Kurz überlegte ich, ihr zu erzählen, dass er mich angelächelt hatte – verwarf den Gedanken dann aber schnell wieder. Was spielte das jetzt noch für eine Rolle?
„Die Sanitäter und der Notarzt tun ihr Bestes, seien Sie versichert, Frau…“
„Moll. Claire Moll. Ich… ich wollte doch nur meine Einkäufe zum Auto bringen. Und dann kam dieser Junge… und der scheiß Transporter und… Gott, es ging alles so schnell“, flüsterte ich und vergrub das Gesicht in den Händen. Eine warme Hand legte sich auf meine Schulter.
„Es ist nicht Ihre Schuld, Frau Moll. Es war ein Unfall. Nichts weiter als ein dummer Unfall.“
Dennoch hatte der Mann sein Leben für das des Jungen riskiert – wenn nicht gar geopfert. Der Junge…
„Was ist mit dem Jungen?“
„Nur leichte Verletzungen und der Schreck seines Lebens, es geht ihm gut. Keine Sorge…“, versicherte die Polizistin mir lächelnd.

Ich sah noch einmal in Richtung des weißen Sprinters, der den Mann angefahren hatte. Auf der Seite war die Werbeaufschrift eines hiesigen Klempnerunternehmens aufgedruckt. Sie hatten im letzten Jahr die neue Heizung in dem Haus eingebaut, in dem ich wohnte, deshalb erkannte ich den Aufdruck sofort. Die Windschutzscheibe war zersplittert, Blut befleckte die weißlichen Scherben, die Motorhaube… die Fahrertür stand offen, einer der Sanitäter kümmerte sich um den Fahrer, der selbst auf diese Entfernung eine deutlich ungesunde Gesichtsfarbe hatte – immerhin hatte er gerade einen Menschen überfahren.
Und irgendwo vor der Motorhaube, hinter dem Gewusel aus neonorangen Jacken mit Reflektoren, lag der Fremde im Dreck und tat vielleicht gerade seinen letzten Atemzug. Und ich hatte nicht einmal seinen Namen erfahren.
Als ich die Augen resignierend wieder schloss, starrte mich sein Gesicht wieder an, seine Lippen verzogen sich erneut zu diesem schelmischen Grinsen. Er hatte stumm mit mir geflirtet. Dann hatte er dem Jungen das Leben gerettet.
Und jetzt lag er sterbend auf der eisglatten Straße.




Ein Jahr später

Ich saß in Gedanken ganz woanders im einzigen Linienbus der winzigen Stadt und blickte in die verschneite Welt hinaus. Heute vor einem Jahr hatte ich diesen grässlichen Unfall mitansehen müssen. Als der Bus vor jener schicksalsbelasteten Ampel hielt, schloss ich kurz die Augen und atmete tief durch. Selbst ein Jahr danach noch wurde mir mulmig zumute, wann immer ich die Ampel gezwungenermaßen nutzte.
Als ich die Augen wieder öffnete, traute ich ihnen kaum. Ich kannte das verwegene Grinsen dieses Mannes, der mich direkt anstarrte. Direkt neben dem Ampelpfosten, wie vor einem Jahr. Der Bus fuhr wieder an und ich beobachtete den Mann von damals, während ich an ihm vorüberfuhr. Als ich auch nach hinten gedreht seinen Umriss aus den Augen verlor, fasste ich einen Plan.
Wenig später stoppte der Bus an der nächsten Haltestelle. Obwohl ich eigentlich noch zwei Stationen weiter hätte fahren müssen, sprang ich aus dem Gefährt und rannte den Weg zurück zur Ampel. Er war nicht mehr dort, sondern hatte die Ampel inzwischen überquert. Ich sah ihn und seinen Begleiter auf der anderen Straßenseite auf dem Bürgersteig. Ungeduldig drückte ich auf den Ampelknopf und tippelte auf der Stelle, während die Ampel eine Ewigkeit rot zu bleiben schien. Dann endlich leuchtete grün auf, ich rannte den Schnee ignorierend los und hatte die beiden bald eingeholt.

„Warten Sie“, rief ich den beiden nach, und tatsächlich stoppte er abrupt und drehte sich auf der Stelle zu mir um. Eine fast verblasste Narbe an seiner Schläfe erinnerte an die Platzwunde von damals, ansonsten hatte sich sein Gesicht kaum verändert. Jedenfalls nicht im Vergleich zu der Erinnerung an sein Gesicht, die ich durchaus wachgehalten hatte. Es hatte mich damals einige Mühen gekostet, aber ich hatte herausgefunden, in welches Krankenhaus er gebracht worden war. Wochenlang hatte ich ihn immer wieder besucht, auch wenn er es nicht mitbekommen hatte, da er im Koma gelegen hatte. Dann irgendwann war er einfach verschwunden und ich hatte mich damit abgefunden, ihn wohl nie wieder zu sehen. Und jetzt war er hier, direkt vor mir.
„Du bist also Claire“, stellte der Mann ruhig fest und musterte mich von oben bis unten. Ich nickte, während ich etwas atemlos vor den beiden Männern stehenblieb.
„Claire ist…?“, fragte der zweite Mann seinen Begleiter.

„Das letzte, was ich vor der langen Dunkelheit gesehen habe. Leider hat sie im Krankenhaus trotz ihrer zahlreichen Besuche an meinem Krankenbett nie einen Hinweis darauf hinterlassen, wie ich sie würde finden können, falls ich jemals aufwachte. Ich habe nur die Geschichten der Schwestern gehört. Von der jungen Frau, die immer wieder an meinem Bett saß, obwohl sie nicht einmal meinen Namen wusste, bis der Arzt ihn ihr verraten hat. Tja… so sieht man sich wieder, Claire“, erklärte er und wandte sich zuletzt wieder lächelnd an mich.
„Es… hat dich ziemlich übel erwischt, oder?“, fragte ich zögerlich und nickte zu dem elektrischen Rollstuhl, in dem er saß.
„Kann man so sagen. Ich bin nur noch Kopf, linker Arm und ein Haufen Zusatzgewicht, das ich kaum kontrollieren kann. Bis jetzt zumindest… es besteht die leise Hoffnung, dass es noch besser wird“, seufzte er und nickte dann kaum merklich zu seinem Begleiter hinüber. „Das ist Ben, der den Rest meines Körpers ersetzt, wenn du so willst.“
„Sein Pfleger“, ergänzte Ben leise und vergrub dabei die Hände in den Hosentaschen. Ich nickte.

„Ich… tut mir leid, dass ich irgendwann nicht mehr gekommen bin. Aber ich hatte jemanden kennengelernt und der fand es… merkwürdig, dass ich alle paar Tagen einen Fremden im Koma besuchte. Das Ganze mit ihm hielt nicht lang, aber als ich wiederkam, warst du nicht mehr dort und niemand wollte mir Auskunft geben. Und… nun ja. Das Leben geht weiter“, erklärte ich dann stockend.
„Schon okay, denke ich. Aber es freut mich, dass ich dir persönlich dafür danken kann, dass du dich um mich bemüht hast. Außerdem… scheinen sie dir deine Winterjacke nie zurückgegeben zu haben, die befand sich nämlich bei den Sachen, die man mir aushändigte, als ich nach Monaten das Krankenhaus wieder verlassen konnte. Falls du sie zurückhaben möchtest, kannst du mich gern einmal besuchen kommen. Ich habe sie in Ehren gehalten.“
„Er vergleicht sie immer mit Cinderellas Schuh. Hat dabei aber nicht bedacht, dass Füße zwar nicht mehr wachsen, der Rest vom Körper aber durchaus zunehmen kann“, ergänzte Ben mit ironischem Unterton.
„Hat sie aber nicht… Sie ist noch immer das zierliche Persönchen vom letzten Jahr. Ich würde dich ja auf einen Kaffee einladen, aber ich hasse es, in der Öffentlichkeit gefüttert werden zu müssen“, seufzte er.

„Schade eigentlich, Jasper“, hörte ich mich selbst sagen, was einen Teil meines Hirns in ungläubiger Starre verharren ließ. Normalerweise war ich sehr viel zurückhaltender. Jasper grinste verlegen.
„Also… ich störe ja nur ungern, aber du hast einen Termin, Jas“, mischte sich Ben wieder ein und tippte mit seiner behandschuhten Hand auf sein linkes Handgelenk, an dem unter der dicken Jacke wahrscheinlich eine Armbanduhr prangte. Jasper seufzte.
„Du hast ja Recht… Entschuldige mich, Claire“, murmelte er.
„So eilig nun auch wieder nicht. Die Zeit reicht, damit du ihr deine Telefonnummer nennen kannst. Sonst werdet ihr zwei euch doch nicht wiederfinden“, widersprach Ben erneut und zwinkerte mir zu, ehe er langsam ein Stück weiter den Gehweg entlangging. Jasper sah ihm ungläubig nach.
„Taktgefühl gehört nicht zu seinen Stärken“, erklärte er dann verlegen, ehe er mir tatsächlich seine Nummer nannte, die ich mit vor Kälte tauben Fingern in mein Handy einspeicherte. Dann verabschiedeten wir uns und ich sah ihm nach, wie er in seinem Rollstuhl recht zügig hinter Ben herfuhr, bis er ihn eingeholt hatte und sein Tempo drosselte.

Ich blieb allein zurück, während hinter mir die Ampel wieder rot wurde.




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