Fahrwasser

GeschichteDrama, Thriller / P18
Florian David Fitz OC (Own Character)
28.11.2016
28.11.2016
3
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Um 17.30 Uhr saß Vivienne noch immer, zusammen mit einer anderen jungen Frau und dessen kleinen Tochter, die erst im Kindergartenalter war, im Wartezimmer der katholischen Frauenberatungsstelle. Die Fenster waren mit Milchglasfolie vor neugierigen Blicken geschützt, die Tür war abgeschlossen. Wenn man innerhalb der Sprechzeiten kam, musste man die Türschelle betätigen, dann öffnete eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, meist eine Studentin, und prüfte das Anliegen der an der Tür stehenden Person. Männer waren ausnahmslos unerwünscht. Das gab Vivienne Sicherheit. Nervös fuhr sie mit dem Fingernagel ihres Daumens unter den Fingernagel des Zeigefingers an der anderen Hand. Sie war erst 25 und bereits so gezeichnet, dass die Vorstellung noch weitere 25 Jahre und darüber hinaus leben zu müssen, sie verzweifeln ließen.

Ihre dunklen, fast schwarzen, ungewaschenen Haare, fielen ihr strähnig bis zu ihren Schultern. Ihr blasses Gesicht wirkte wie das einer Porzellanpuppe. An der Stirn trug sie eine Kompresse, die mit braunem Pflaster an der Haut fixiert war, um eine vor Kurzem genähte Platzwunde abzudecken. Ihre grau-blauen, leeren, müden Augen starrten an die ihr gegenüberliegende kalkfarbene Wand.

Trotz des voranschreitenden Kalenderblattes, herrschten draußen milde Temperaturen, die eher an eine Spätsommer Nacht erinnern ließen, als an die eines Oktobers. Obwohl es so angenehm war und selbst die größte Frostbeule noch immer darauf warten musste endlich den Wintermantel aus der Kiste zu kramen, hatte sich Vivienne in einen dicken Norwegerpulli vermummt, mit Ärmeln in Überlänge, um ihre zahlreichen Hämatome, die ihren gesamten Körper marmorierten, zu verstecken. Sie trug einen Schal, den sie mehrfach um den Hals gewickelt hatte, einen schwarzen Cordrock, dazu eine blickdichte Wollstrumpfhose und kniehohe, flache Stiefel, die schon etwas abgenutzt aussahen. Einen dünnen dunkelblauen Anorak hatte sie über Ihre Knie gelegt.

Eine ruhige, wohlklingende Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Frau Meise, sie sind die Nächste." Eine kleine, kräftige Frau mit gewachster Kurzhaarfrisur und sanften Blick forderte Vivienne auf, ihr zu folgen. Vivienne erhob sich aus dem Stuhl und folgte ihr in ein kleines mit Teppichboden ausgelegtes Zimmer. Sie zog das linke Bein etwas hinterher, was der Frau sofort auffiel.

Die Wände in dem kleinen Raum waren in einem unaufdringlichen, warmen Gelbton gestrichen, am Fenster stand ein Schreibtisch mit Drehstuhl, daneben ein Bücherregal in dem nicht nur eine große Auswahl an Fachbüchern zum Thema Psychologie, Selbsthilfe, Medizin und Soziologie zu finden war, sondern auch Prospektständer, in denen sich Flyer von unterschiedlichen Hilfsorganisationen, Vereinen und Kursen zum Mitnehmen anboten.

Vivienne nahm in einen der beiden tiefen, bordeaux roten Polstersessel platz. Neben ihr stand ein kleiner quadratischer Holztisch auf dem zwei bäuchige Wassergläser auf den Kopf gestellt waren, eine grüne Glasflasche auf dessen Etikett „Stilles Quellwasser" zu lesen war, stand und eine Box mit heuausziehbaren Taschentüchern mittig platziert worden war.

„Mein Name ist Brigitte Block und ich bin hier psychologische Beraterin. Ist es in Ordnung für sie wenn ich ihnen zuerst ein paar Fragen zu ihren Personalien stelle? Sie können aber auch anonym die Beratung in Anspruch nehmen."

Vivienne nickte bloß.

Brigitte Block stand auf und ging zum Schreibtisch, von dem sie ein Klemmbrett und einen Kugelschreiber mit zu Vivienne herüber nahm. Dann setze sie sich ihr erneut gegenüber.

„Frau Meise, wie heißen sie mit Vornamen?"

„Viv" ihre Stimme brach bei dem Versuch ihren Namen auszusprechen. Seit Stunden hatte sie schon keinen Ton mehr von sich gegeben. Sie räusperte sich.

„Vivienne."

„In Ordnung, wo wohnen sie aktuell?"

„Bei meinen Eltern in der Drosselstraße 140."

„Haben Sie eine Handynummer unter der ich sie erreichen kann, falls mir nach unserem Gespräch noch etwas einfällt oder währenddessen Fragen aufkommen, die ich nicht sofort beantworten kann?

„0197/83329921"

„Bevor wir in unser Gespräch einsteigen möchte ich Sie darauf hinweisen, dass ich an die Schweigepflicht gebunden bin. Sie können das Gespräch jederzeit abbrechen, wenn es ihnen zu viel wird und müssen auch nicht auf jede Frage antworten." Vivienne nickte.

„Also Vivienne, darf ich Vivienne zu ihnen sagen?"

„Ja."

„Vivienne, warum sind sie heute zu mir gekommen?"

Vivienne neigte den Kopf Richtung Schoß auf dem ihre Hände lagen, unentschlossen überlegte sie, wie sie anfangen sollte, dabei schob sie die Nagelhaut ihres linken Daumens zurück.

„Ich brauche Hilfe."

„Wobei brauen sie Hilfe?"

„Mein Mann stellt mir nach."

„Können Sie das näher erläutern!"

Vivienne seufzte, blickte in die rehbraunen Augen der Beraterin, während Tränen in ihren eigenen aufstiegen."

Brigitte Block zog ein Taschentuch aus der Box und reichte es ihr.

„Er verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Ich traue mich schon gar nicht mehr aus dem Haus. Überall fahren mich meine Eltern hin."

„Haben ihre Eltern sie auch hier her gebracht?"

„Meine Mutter, ja."

„Und wo ist ihre Mutter jetzt?"

„Beim Einkaufen. Ich rufe sie an, wenn ich fertig bin. Dann holt sie mich."

„Verstehe. Warum verfolgt ihr Mann sie? Sind sie verheiratet?"

„Ja, er kann es nicht akzeptieren, dass ich mich von ihm getrennt habe."

„Warum haben sie sich denn getrennt Vivienne?"

„Es ging nicht mehr mit uns. Er wurde mit der Zeit immer gewalttätiger, hat viel getrunken und Sachen von mir verlangt..."

„Was hat er für Sachen von ihnen verlangt?"

„Sexuelle..."

„Ich verstehe. Sie müssen nicht näher darauf eingehen."

„Sagen sie, haben sie Kinder?"

„Nein." Die Beraterin nickte.

„Aber ich hätte eins bekommen können."

„Wie meinen sie das?"

„Ich habe es verloren."

„Eine Fehlgeburt?" fragte sie vorsichtig.

„Ja."

„Möchten sie davon erzählen?"

„Mir ist der Hund weggelaufen. Als ich in den Briefkasten geschaut habe, ist er einfach zwischen meinen Beinen durchgelaufen und war weg. Ich habe ihn den ganzen Nachmittag gesucht. Im anliegenden Park habe ich ihn dann gefunden, habe ihm die Leine angelegt und da kam mein Mann dann plötzlich aus dem Gebüsch getorkelt. Er war stockbesoffen. Es war schon dunkel und er schrie mich an, warf mir vor, dass ich noch nicht mal auf den blöden Hund aufpassen könnte. Wie sollte das dann erst mit einem Kind werden. Er schlug mit der Faust auf mich ein. Ich war damals im 6.Monat. Mit meiner Hand schirmte ich mein Gesicht ab, stolperte und fiel hin. Dann verpasste er mir einige Tritte und ging."

„Das ist ja schrecklich Vivienne. Was ist dann passiert?"

„Ich bin dann heulend und blutend zu einer Nachbarin. Die hat mich dann ins Krankenhaus gebracht."

„Wie lange ist das her?"

Vivienne überlegte kurz.

„Zwei Jahre in etwa."

„Haben sie sich damals schon getrennt?"

„Nur kurz. Er hatte mir versprochen sich zu ändern, eine Therapie zu machen wegen dem Alkohol. Wir waren gerade dabei ein Haus zusammen zu kaufen."

„Hat er denn eine Therapie gemacht?"

„Er hat angefangen, ist dann aber nach den Probesitzungen nicht mehr hingehangen."

„Hat er weitergetrunken?"

„Ja und zum Schluss auch gespielt. Er hat unser ganzes Geld verspielt. Er hat mir das Geld auch aus dem Portemonnaie geklaut, sodass ich beim Einkaufen an der Kasse stand und nicht bezahlen konnte. Das ist nicht nur einmal passiert."

„Haben sie ihn damit konfrontiert?"

„Ja, wir hatten ständig Streit, der dann eskalierte."

„Er wurde gewalttätig?"

„Ja."

„Haben sie sich jemals gewehrt?"

„Ja, erst habe ich ihn zurückgeschlagen, geschubst, manchmal sogar getreten aber das machte ihn noch wütender, sodass er die Kontrolle verlor. Dann hab ich es sein gelassen. Ich hab es über mich ergehen lassen, bis der Wutanfall vorbei war."

„Was meinen sie wenn sie sagen, er verlor die Kontrolle."

„Naja erst hat er mich nie ins Gesicht geschlagen, er hatte Angst, dass die Freunde oder Kollegen was merken oder dass die Leute auf der Straße auf ihn mit dem Finger zeigen würden. Aber wenn er so richtig wütend war, war es ihm egal wie ramponiert mein Gesicht aussah."

„Warum haben sie ihn nicht schon vorher verlassen?"

„Er drohte damit mich umzubringen und ich habe ihm geglaubt."

„Mir ist eben, als wir hier herein gegangen sind, aufgefallen, dass sie humpeln."

„Es war ein Autounfall, vor zwei Wochen. Er wollte nochmal reden, hat mich von der Arbeit abgeholt. Ich hab ihm gesagt, dass ich die Scheidung will, daraufhin ist er durchgedreht. Er meinte wenn wir nicht zusammen leben könnten, würden wir eben zusammen sterben. Dann ist er gegen eine Laterne gefahren. Bis auf ein paar blauen Flecken, ein paar Kratzern und eine Verstauchung am Bein ist nichts passiert. Er hat sich allerdings, Nase, Kiefer und Arm gebrochen. Das Auto ist natürlich auch hinüber."

„Vivienne haben sie ihn denn nie angezeigt? Sie können doch sicherlich eine einstweilige Verfügung erwirken."

„Darum bin ich ja hier. Ich habe nach dem Autounfall eine Anzeige erstattet. Die Polizei meinte, ich solle mir einen Anwalt nehmen. Die Ermittlungen wurden eingestellt, weil er natürlich behauptet hat, dass ich gelogen habe, um an das Haus heranzukommen."

„Ja, glaubt man ihnen denn nicht? Sie haben doch eindeutige Verletzungen und eine aussagekräftige Geschichte mit diesem Mann."

„Es gab ja nie Zeugen. Auch nach der Fehlgeburt habe ich ihn gedeckt und den Vorfall als törichten, selbstverschuldeten Unfall getarnt."

„Auch gegenüber der Nachbarin?"

„Ja."

„Und was ist mit dem Alkoholproblem ihres Mannes?"

„Das ist nicht so offensichtlich. Er trinkt Wodka, der stinkt nicht. Nach Außen hin ist er ja auch sehr gepflegt und gefällig. Er kann sich eben gut verkaufen."

„Ich empfehle ihnen auch dringend sich einen Anwalt zu suchen."

„Den kann ich mir nicht leisten."

Frau Block denkt intensiv nach, bevor sie zum Schreibtisch geht und eine Schublade öffnet. Sie kramt darin bis sie sich wieder Vivienne zuwendet und ihr eine Visitenkarte in die Hand drückt.

„Das ist Herr Stein, ein guter Anwalt, der sich mit Vergewaltigungsfällen und häuslicher Gewalt auskennt. Ich bin mir sicher, wenn sie ihm ihren Fall schildern, wird er mit Ihnen über eine Regelung übereinkommen, auch was das Finanzielle angeht."

Vivienne studierte das kleine Kärtchen. 'Valentin Stein' überflog sie immer wieder.

„Ist das eine Gemeinschaftskanzlei?"

„Ja, aber ich würde ihnen wirklich empfehlen sich von Herrn Stein beraten zu lassen." sie sah Vivienne eindringlich an, die die Visitenkare noch immer in den Händen hielt.

„Und Vivienne, suchen sie sich therapeutische Hilfe. Sie haben schlimme Traumarisierungen erlebt, die sich manifestieren können. Wenn sie möchten, kann ich ihnen ein paar Adressen mitgeben."

„Vielleicht beim nächsten Mal. Danke."

Vivienne erhob sich aus dem Sessel und schlüpfte in ihren Anorak. Die Visitenkarte steckte sie sich in die Jackentasche. Sie legte sich ihre braune Schultertasche um und streckte Frau Block ihre Hand entgegen.

„Danke für die Beratung."

„Bitte kommen sie jederzeit wieder, wenn sie noch einmal sprechen möchten. Bis dahin alles Gute für sie."

Vivienne nickte und machte sich auf den Weg.
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