Homestory - Zu Besuch bei Florian David Fitz

KurzgeschichteAllgemein / P12
Florian David Fitz OC (Own Character)
27.11.2016
27.11.2016
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Disclaimer: Alle beschriebenen Szenerien, sowie die genannten realen Personen sind in ihren eingebundenen Handlungen in dieser Geschichte frei von mir erfunden. Die Zitate und Wortlaute sind aus den originalen Zusammenhang gegriffen worden, um ausschließlich dem fiktiven Handlungsverlauf dieser Geschichte zu dienen.

Hastig überquerte ich die vielbefahrene Hauptstraße. Ich zog mir die graue Wollmütze tiefer ins Gesicht, richtete meine Sonnenbrille, um sicherzugehen, dass sie auch richtig auf meinem Nasenrücken saß.

Meinen grünen Parker schlang ich dicht um meinen Körper. In meiner rechten Hand, ein schwarzer, unbedruckter Jutebeutel, in der Linken eine leere Kiste mit Wasserflaschen. Einkaufen war für mich eine der unliebsamsten Tätigkeiten geworden. Trotz meiner Bemühungen mich möglichst unauffällig in der Öffentlichkeit zu bewegen, wurde ich dennoch überall erkannt.

Ich spürte die Blicke der anderen Leute wenn ich an ihnen vorbeiging, tuschelnde Paare, kichernde Mädchen, Frauen, deren Bewegungsabläufe plötzlich einfroren und die mir mit halbgeöffneten Münder hinterher starrten. Mal ein Autogrammwunsch am Flaschenautomaten, mal ein lauter Kameraklick mit dem Smartphone, während ich gerade meine Bestellung an der Fleischtheke aufgab.

Natürlich zeigte ich mich meist freundlich und gefällig, auch wenn ich den Hype um meine Person nicht ganz verstand und mich dessen auszusetzen auch nicht als Teil meines Berufes ansah.

Von Beruf war ich Schauspieler und nicht Person des öffentlichen Lebens. Natürlich hatte ich eine gewisse Verantwortung, insbesondere dann, wenn eine neue Filmpremiere anstand, schließlich schaut sich ja keiner gerne den Film im Kino an, indem der Typ mitspielt, der einer 15 Jährigen Tochter letzte Woche beim Bäcker den Selfiewunsch verwehrt hatte.

Anlässlich der Kinopremiere von „Willkommen bei den Hartmanns", war ich mit einer Journalistin eines angesehenen Frauenmagazins zu einer Homestory verabredet. Natürlich nicht bei mir zu Hause. Geplant war ein Treffen in einem angesagten Coffee Store in einem aufstrebenden Viertel von München, anschließend ein Spaziergang im Englischen Garten. Ich kannte die Journalistin von früheren Presseterminen. Eine aufgedrehte Mittvierzigerin, die immer zu laut lachte, zu stark geschminkt war und immer zu spät kam, um mir mit schmierigen Komplimenten meine Zeit zu stehlen.

Nachdem ich also meine Einkäufe in meiner Wohnung verstaut hatte, schnappte ich mir Elmo und mein Fahrrad und radelte entspannt Richtung Treffpunkt. Ich ließ mir Zeit, da ich davon ausgehen konnte, dass besagte Dame mindestens mit einer halben Stunde Verspätung aufkreuzen würde.

Als ich mein Fahrrad an den dafür vorgesehenen Fahrradständer vor dem Café abschloss, spürte ich wie sich mir von hinten eine Person näherte. Elmo wedelte übermütig mit dem Schwanz, als sie sich mit etwas Abstand hinter mich stellte und geduldig abwartete, bis ich meine Fahrrad gesichert hatte.

Ich drehte mich um und sah eine junge Frau vor mir stehen. Sie war, meiner Einschätzung nach,nicht älter als 25, drehte nervös ihren Fingerring mit der anderen Hand und verlagerte verunsichert ihr Körpergewicht von dem einen Bein auf das Andere.

Ein Fan, dachte ich, setzte ein freundliches Lächeln auf und nickte ihr förmlich zu, als sie mich mit „Hallo" und zitternder Stimme grüßte. Ich wandte mich dem Eingang zu, bevor sie ihren Mut zusammen nehmen und einen Autogrammwunsch herauspressen konnte.

„Herr Fitz?"

Mist, zu spät, dachte ich, drehte mich schwungvoll um und setzte wieder mein Lächeln auf. Ich legte mir gedanklich schon mal eine höfliche Entschuldigung zurecht, warum ich ihrem Wunsch leider nicht nachkommen konnte.

Plötzlich streckte sie mir ihre Hand entgegen und sagte:" Wir sind verabredet. Mein Name ist Marleen von Borgmann-Hoffe von dem AmPuls...Magazin." Überrascht schüttelte ich ihre Hand, musterte sie von oben bis unten, was sie bemerkte und sie noch mehr verunsicherte.

Sie sah gar nicht aus wie eine Journalistin, eher wie eine Studentin. Eine unscheinbare Studentin, ungeschminkt, recht klein, weibliche Rundungen, nicht wirklich fett aber auch wirklich nicht schlank. Sie war unaufgeregt gekleidet in einem mausgrauen Strickkleid, schwarzer Wollstrumpfhose, Wildlederstiefel, die trotz des schlichten Erscheinungsbildes ziemlich wertig aussahen, einen knielangen Wollmantel und einen dicken Schal, den sie sich mehrmals um den Hals gewickelt hatte.  Zugegeben war sie wirklich recht hübsch.

Während ich sie ansah, hielt ich noch immer ihre Hand fest. Ich bemerkte es erst als sich ihre unruhig in meiner bewegte und ließ sie los.

„Meine Kollegin Frau Klüver ist heute leider verhindert. Ich hoffe Sie haben nichts dagegen, wenn ich heute das Interview mit Ihnen führe..."

„Nein, ganz und gar nicht!" versicherte ich ihr und meinte es auch so. Ich zog die schwere Panzerglastür des Cafés auf und ließ sie unter meinem Arm durchhuschen. Elmo folgte uns. Wir setzten uns an eine angeordnete Sitzgruppe im hinteren Teil des Cafés, welche etwas weniger belebt wirkte. Ich zog meinen Parker aus und legte ihn lässig über die Rückenlehne des Sessels. Sie legte ebenfalls ihren Mantel und ihren dicken Schal ab und zeigte damit ihre schulterlangen gewellten, blonden Haare.

Nachdem wir uns setzten, breitete ich eine kleine Decke neben meinen Füßen aus, auf der es Elmo sich gemütlich machte.

„Wie war noch gleich dein Name?", fragte ich sie.

„Marleen." antwortete sie während sie damit beschäftigt war einen Block, ein Aufnahmegerät und einen Stift aus ihrer Umhängetasche, die sie auf den Boden gestellt hatte, hervorzukramen.

„Marleen, tut mir leid, ich kann mir keine Namen merken." entschuldigte ich mich.

Sie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an.

„Nein, wirklich. Das ist keine blöde Ausrede. Ich kann sie mir wirklich nicht merken. Selbst nicht die Namen von Freunden." versicherte ich ihr.

Daraufhin lachte sie und entblößte eine Reihe strahlend weißer Zähne. Auch ihre kühlen blauen Augen funkelten plötzlich. Das Eis war gebrochen.

Ich bestellte einen Espresso und ein Wasser, sie einen Cappuccino mit viel Milch.

„Willkommen bei den Hartmanns ist eine Familienkomödie, in der die Familie Hartmann, also besser gesagt, die Mutter, eine pensionierte Lehrerin mit Helfersyndrom, gespielt von Senta Berger, sich dazu entschließt einen Flüchtling bei sich aufzunehmen. Ich spiele den Burnout-gefährdeten Sohn, einen Anwalt, der versucht einen Spagat zwischen die Erziehung seines Sohnes und dem Job hinzukriegen, was ihm aber nicht so gut gelingt."

„Inwieweit hast du dich selber mit der Flüchtlingsthematik auseinandergesetzt? Was hältst du von der Idee Flüchtlinge im eigenen zu Hause aufzunehmen?"

„Ich selber wohne auf nur 65 Quadratmetern, daher hat sich die Option nicht angeboten jemanden aufzunehmen. Interessant finde ich, was mir allerdings erst später in dem Film aufgefallen ist, dass man Deutschland mit all seinen Problemen aus den Augen des Flüchtlings, Diallo,den die Familie aufnimmt, sieht. Das hat der Simon, also Simon Verhoeven, der das Drehbuch geschrieben und auch Regie geführt hat, clever gemacht."

Während ich redete, hörte sie aufmerksam zu, nickte zwischendurch und schrieb sich stichpunktartige Notizen in ihren Block. Unsere Bestellung wurde von der Bedienung gebracht. Meine Gesprächspartnerin, dessen Namen ich schon wieder vergessen hatte, nippte vorsichtig an ihrem Cappuccino, fuhr mit der Zunge über ihre prallen Lippen, um den Milchschaum abzulecken und nahm dann den Gesprächsfaden wieder auf.

„Florian ,du bist ja immer an unterschiedlichen Drehorten, arbeitest viel mit Unternehmen zusammen, die ihren Sitz in Berlin haben, insbesondere wenn du selbst Drehbücher schreibst. Warum lebst du nicht in Berlin? Was reizt dich so an München."

„Also „Willkommen bei den Hartmanns" haben wir ja beispielsweise hier in München gedreht, somit war das ein Heimspiel für mich. Natürlich ist es schön unterschiedliche Orte kennen zu lernen, als Schauspieler bietet sich da eben auch die Möglichkeit, an ganz anderen Schauplätzen zu arbeiten, die man sonst nicht auf der Agenda der eigenen Reiseziele hätte. „Der geilste Tag" haben wir ja auch zum großen Teil in Afrika gedreht, was für mich wunderschön war."

„Aber es zieht dich immer wieder zurück nach München." warf sie ein.

Ich lehnte mich in den Sessel zurück, warf mein rechtes Bein über das Linke.

„Na schau mal, München ist eben meine Heimat, hier habe ich meine Familie, meine ganzen alten Freunde. Da hängt eben mein Herz dran. Ich hatte auch schon mal eine Wohnung in Berlin, wo ich temporär natürlich auch viel Zeit verbringen musste aber die habe ich mittlerweile vermietet." Sie schrieb wieder fleißig mit, langsam begann ich mich zu langweilen, immer die selben Fragen. Gut, es war nun mal ihr Job, trotzdem hatte ich durchaus Ideen meine Zeit sinnvoller zu nutzen.

„Wo kommst du eigentlich her?" kam ich ihr zuvor, um ihre nächste vorausschaubare Frage hinauszuzögern.

„Aktuell aus Berlin. Da wohn ich für die Zeit des Volontariats." antwortete sie etwas überrascht von meinem Interesse. Mir fiel auf, dass sie als Interviewpartnerin bedeutend selbstsicherer war. Wenn ich sie etwas Persönliches fragte, wirkte sie fast eingeschüchtert.

„Und ursprünglich?"

„Aus Bielefeld."

Ich lachte. „Das ist doch die Stadt die es gar nicht gibt."

Sie verdrehte die Augen. Das hatte sie wohl schon öfters gehört.

„Ich muss dich enttäuschen. Es gibt sie wirklich und sie ist gar nicht mal so schlecht. Natürlich nicht zu vergleichen mit München." nun zwinkerte sie mir sogar zu, was mir wirklich gefiel. Ich musste grinsen.

„Erzähl mal was von dir!" forderte ich sie auf. Ihre sonst so blassen Wangen färbten sich zu einem hellen rosa. Verlegen blickte sie auf ihre Hände.

„Ach da gibt es eigentlich nicht so viel zu erzählen. Ich habe halt Journalismus studiert, hatte eine kleine Anstellung bei einem regionalem Blatt. Das war mir dann aber zu langweilig. Dann habe ich erstmal ein paar Jahre so rum gejobbt, bis ich von einer Bekannten gehört habe, dass die bei AmPuls... neue Leute suchten...."

„Wie alt bist denn du eigentlich, wenn du sagst, du hast ein paar JAHRE gejobbt?"unterbrach ich sie, lehnte mich nach vorne und stützte meinen Oberkörper auf meinen Armen ab, die ich auf den Tisch legte.

„Zweiunddreißig."

„Ach wirklich?! Ich hätte dich wesentlich jünger eingeschätzt. Gut, ich hätte jetzt nicht nach deinem Ausweis gefragt aber ich hätte schon gedacht, du wärst so Anfang, Mitte zwanzig und Studentin."

„Wow danke, ich hätte dich aber auch nicht auf einundvierzig geschätzt."

Entspannt lehnte ich mich wieder zurück. „Gut recherchiert!"

„Ist mein Job."erwiderte sie und nahm nun auch endlich eine gelockertere Sitzposition ein. Wir schwiegen einen kurzen Moment und hingen beiden unseren Gedanken nach.

„Lebst du allein?" wollte ich von ihr wissen.

„Nee, ich teile mir eine WG mit nem Mädel, die auch ein Praktikum bei dem AmPuls... macht. Und du?" plötzlich funkelten ihre Augen wieder. Ich konnte nicht einschätzen, ob sie aus journalistischem oder echtem Interesse fragte.

„Du weißt ich beantworte der Presse keine privaten Fragen."

Mit einer nonchalanten Bewegung betätigte sie die „Off-Taste" an ihrem Aufnahmegerät, ohne die Sitzposition zu verändern oder den Blickkontakt mit mir zu unterbrechen. Nun hatten wir die Rollen getauscht. Plötzlich war ich der Unsichere und sie nahm die Rolle der Selbstsicheren ein.

Ich haderte mit mir, wusste, dass man den Leuten von der Presse nicht vertrauen durfte. Sie formulierten ihre Fragestellungen oft so geschickt, dass sie dich auf's Glatteis führen konnten. Aber irgendetwas an dieser Frau löste in mir das Gefühl aus ihr Vertrauen schenken zu wollen. Ich dachte nach, strich mir mit hohler Hand über den Bart, während Ihr Blick noch immer auf mir ruhte. Geduldig wartete sie auf eine Reaktion, positiv oder negativ.

Ich stöhnte, wusch mir mit beiden Händen durchs Gesicht. Also schön.

„Ja, ich lebe alleine." antwortete ich mit leicht genervtem Unterton.

Nun nahm sie Block und Stift auf und verstaute beides in ihrer Tasche auf dem Fußboden. Das selbe tat sie mit dem Aufnahmegerät. In diesem Moment schlossen wir einen unausgesprochenen Vertrauensvertrag ab, was uns beiden bewusst war.

„Hast du einen Freund?"

„Nein, hast du eine Freundin?"

„Wie kommt's?" ich wich der Frage aus, in der Hoffnung, dass sie es nicht bemerken würde.

„Gute Frage." Sie legte die Stirn in Falten, während sie nach einer Antwort suchte. „Ich treffe im Moment keine Männer und vorher war der Richtige eben noch nicht dabei."

„Aber heute triffst du doch mich. Bin ich kein Mann?"

Sie schnalzte mit der Zunge und verdrehte die Augen.

„So meinte ich das gar nicht. Ich meinte privat. Privat treffe ich keine Männer."

„Sind wir nicht gerade privat?"

„Semi-privat." konterte sie und grinste dabei.

„Ich glaube ja, dass du viel zu schüchtern bist, um Männer anzusprechen."

„Da ist vielleicht was dran." gestand sie, ihr Lächeln wich einem ernsten Gesichtsausdruck.

„Wieso bist du schüchtern? Als Journalistin wirkst du doch ganz selbstbewusst."

Ihre Hände umfassten die Tasse mit dem Cappuccino. Sie trank einen Schluck, starrte danach in die Tasse.

„Als Journalistin bin ich diejenige, die urteilt. Privat hab ich Schiss vor Urteilen und Ablehnung, darum halte ich mich lieber zurück, wenn jemand mit mir flirtet. Ich bin dann misstrauisch, denke gleich, der meint das nicht so. Das hat doch jeder oder?"

Ich nickte zustimmend. „Natürlich, habe ich auch Selbstzweifel. Von meinen Eltern wurde ich so erzogen, immer misstrauisch zu sein aber irgendwann musste ich mir anerziehen, das sein zu lassen, weil man sonst nicht richtig genießen kann."

„Also bist du nun vergeben?" nun traute sie sich wieder etwas forscher zu sein.

„Es ist schwierig zu beantworten. Im Moment bin ich gerade alleine."

Sie akzeptierte die Antwort und fragte, ob wir nun wie nach Plan ein bisschen durch den Englischen Garten spazieren gehen wollten. Ich bejahte, warf mir wieder den Parker um, setzte die Mütze und die Sonnenbrille auf. Sie übernahm die Rechnung, zog sich dann selber an und gemeinsam mit Elmo schlenderten wir in Richtung Park.

Ich erzählte ihr, dass ich mich dort gerne aufhielt, insbesondere bei Nebel, weil dann so wenig Leute unterwegs waren. Diese Erfahrung hätte ich nur durch das Besitzen von Hunden machen dürfen, da ich dadurch gezwungen war bei Wind und Wetter vor die Tür zu gehen.

Um nochmal auf den Film zurückzukommen, erzählte sie mir, dass sie für einen regionalen Print-Bericht eine Woche in einer Flüchtlingsunterkunft verbracht hatte, um dort die Menschen kennenzulernen, was ich sehr interessant fand. Wir tauschten uns eine Weile darüber aus. Elmo flitzte derweil ausgelassen über die Wiese, apportierte gelegentlich einen Ball den ich immer in meiner Tasche trug, worüber sie sich amüsierte.

„Du hast bald Geburtstag.", wechselte sie plötzlich das Thema als wir uns Richtung Ausgang bewegten."Hast du Sorge vor dem Älterwerden?" Mir war klar, dass das eine journalistische Frage war. Offenbar hatte sie noch nicht genug Stoff, um einen anständigen Artikel zu schreiben, also gab ich ihr eine professionelle Antwort.

„Ich mache mir keine Sorgen dadurch schlechtere Rollenangebote zu bekommen. Für Frauen in der Branche ist das deutlich schwieriger. Ich spiele ja jetzt auch schon eher Ehemänner und Familienväter."

Gemeinsam standen wir vor dem Ausgang. Ich pfiff Elmo herbei, der noch immer auf einer Grünfläche rumtollte.

„Vielen Dank Florian für das tolle Gespräch. Es hat mir sehr viel Freude gemacht dich kennenzulernen. Ich will euch beide jetzt aber nicht länger aufhalten."

Erschrocken darüber, wie schnell die Zeit verging, konnte ich gar nicht angemessen auf ihr Verabschieden reagieren."Musst du schon los?" fragte ich.

„Naja ich muss noch den Zug nach Berlin erwischen. Morgen früh muss ich in der Redaktion sein."

Es tat gut mal mit jemand Unbekanntes unbeschwert zu reden. Ich lernte zwar immer wieder mal neue Leute kennen aber das waren hauptsächlich Kollegen am Set. Private Kontakte zur Presse pflegte ich ja nicht aus Vertrauensgründen aber bei ihr war das anders.

Gerade in letzter Zeit fühlte ich mich besonders einsam. Es stand ja nur noch die Premiere und der Presserummel an aber ab dann wäre ich wieder arbeitslos, was ja auch gar nicht schlecht war. Die letzten Jahre waren einfach so arbeitsreich, dass ich kaum Zeit für Privates hatte und nun fürchtete ich mich vor dem Alleinsein und fragte mich was ich mit der vielen freien Zeit, bis zum nächsten Projekt, anfangen sollte. Ich entschied mich alles auf eine Karte zu setzten.

„Ich hätte dich gerne noch zum Essen eingeladen. Ich kenne da ein nettes Restaurant in der Nähe."

Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum und überlegte.

„Florian, ich weiß nicht. Mein Zug fährt schon in anderthalb Stunden."

„Dann begleite mich wenigstens nach Hause. Das ist nicht weit." ich versuchte es ein letztes Mal, wohlwissend, dass dieser Plan im Nachhinein ganz schön nach hinten losgehen könnte.

„Na gut." willigte sie ein. Ich legte meinen Arm um ihre Schulter und zeigte ihr den Weg.

„Was stehen denn bei dir als Nächstes für Projekte an?"

„Im Moment gar keine. Das ist ja das Ungewohnte. Seit Jahren habe ich mal endlich wieder Zeit für mich. Aber ehrlich gesagt, weiß ich noch gar nicht wie ich damit umgehen soll."

„Wie meinst du das?"

„Na schau mal, meine ganzen Freunde gehen ja auch ihren alltäglichen Trott nach. Klar, kann man sich nun öfter mal sehen, aber die können mich ja nicht dauerhaft bespassen, nur weil ich jetzt mal Zeit habe. Meine Freundin hat sich von mir getrennt und ich verbringe viel Zeit alleine. Das macht schon einsam."

Sie hörte ganz verständnisvoll zu. Ich war selbst von mir überrascht, dass ich ihr so viel anvertraute.

„Wieso hat es denn nicht geklappt mit deiner Freundin?"

„Ach weißt du, das geht schon seit Jahren so. Letztlich scheitert es aber immer an dem selben Punkt. Sie ist davon überzeugt, dass sie nicht in einer Beziehung stecken will,wenn diese geheim gehalten werden muss,"

„Aber warum willst du sie denn geheim halten?"

„Weil ich keine Lust habe in der Klatschpresse über meine Probleme und Trennungen zu lesen, wenn es mir deswegen sowieso schon schlecht geht. Zudem will ich es auch der betroffenen Person ersparen."

„Das kann ich gut verstehen."

Meine Hand ruhte noch immer auf ihrem Rücken, als ich ihr von meinen Beziehungsproblemen berichtete.

„Es ist auch schwer eine anständige Frau kennenzulernen."

Darauf blieb sie stehen und sah mich fragend an.

„Das kann ich mir nicht vorstellen, du bist doch so gut aussehend und wirst doch sicherlich ständig angesprochen?"

„Ja schon aber würdest du mit einem Mann ausgehen wollen, der dich nach einem Autogramm oder einem Foto fragt?" Ich berichtete ihr von meinen Erfahrungen beim Einkaufen, wie beobachtet ich mich fühlte und wie die Kassiererinnen schlagartige alle Artikelnummern vergaßen, sobald ich mich an der Schlange anstellte. Überall wo ich hinging erregte ich Aufmerksamkeit.

Sie blickte mit großen, betroffenen Augen zu mir hoch.

„Glaub mir, sobald man mich näher kennen lernt, ist der Zauber des berühmten Schauspielers erloschen." Ich streichelte ihr über den Kopf. Wir übten uns beide im Schweigen, als wir gemeinsam die Straßen entlang gingen. Der Abend brach schneller über uns hinein, als mir lieb war. Im Dämmerlicht berührte ich vorsichtig ihre Hand mit meinen Fingerspitzen, während wir nah nebeneinander hergingen, so nah, dass unsere Körper sich immer wieder leicht streiften. Da sie mir nicht auswich, wagte ich es ihre Hand zu nehmen. Sie erwiderte die Geste, unsere Finger verkeilten sich in einander und so gingen wir zusammen den Rest des Weges bis zu meiner Wohnung. Dort angekommen löste sie die Verbindung. Sie bedankte sich nochmals für den schönen Tag, den sie mit mir verbringen durfte.

„Komm doch noch mit hoch!"

„Ich würde gerne wirklich, aber ich kann nicht." Ich nickte, enttäuscht blickte ich zu Boden.

„Es war wirklich schön mit dir." zögernd legte sie erst einen, dann den anderen Arm in meinen Nacken. Ich zog ihren Körper dicht an mich heran, grub meine Nase in ihr Haar und sog den Geruch ein. Ihre schmalen Finger kraulten zärtlich die kurzen Haare an meinem Nacken. Meine Hand streichelte ihren Rücken und so standen wir noch eine ganze Weile vor dem Haus. Alles um uns herum war so still, dass ich ihr Herz pochen hören konnte. Irgendwann dann aber flüsterte sie, dass sie nun los müsse.

Ich muss wirklich den Artikel heute noch schreiben, da ich ihn morgen der Redaktion vorlegen muss. Das ist quasi meine Feuerprobe. Wenn ich nicht abliefere, kann ich die Festanstellung vergessen."

Dies sagte sie mit ungewohntem harten Klang in der Stimme. Ich wich von ihr ab. Mich überkam das altbekannte Gefühl von Misstrauen. Hat sie mich jetzt reingelegt und benutzt die ganzen intimen Infos doch, wenn es um so viel geht?

Ich blieb wie angewurzelt stehen als sie endgültig ihren Abschiedsgruß aussprach, entgegnete nichts.

„Machs gut Florian, ja?"sagte sie und ging Richtung Bushaltestelle, die unweit von meinem Haus entfernt lag. Sie drehte sich noch einmal um und winkte. Ich hingegen betrat betrübt das Haus.

Eine Woche später, bleib ich vor einem Kiosk stehen, als ich die neue Ausgabe von „AmPuls..." mit meinem Foto auf der Titelseite und der Überschrift „Homestory zu Besuch bei Florian David Fitz" in großen Lettern, im Zeitungsständer betrachte. Ich hatte mir fest vorgenommen die Frau zu vergessen, nicht mehr an sie zu denken und nie wieder eine Interviewanfrage dieses Schmierblattes anzunehmen. Die Neugier siegte jedoch und ich kaufte mir die Zeitschrift. Ich rollte sie zusammen und klemmte sie mir unter den Arm. In einem kleinen Cafe, setzte ich mich dann mit einem Becher Kaffee draußen an einen der freien Tische, blätterte die Zeitung auf und begann den Artikel zu lesen.





„Florian David Fitz, einer der begehrtesten deutschen Schauspieler lädt mich ein, um eines der aufstrebenden Viertel in München kennenzulernen und mit mir, anlässlich des neuen Kinofilms „Willkommen bei den Hartmanns" der am 03.11.2016 in den deutschen Kinos startet, über sein Mitwirken zu plaudern.

Wir sind verabredet um 15.00 Uhr in einem neueröffneten Szene Café „ The Coffee Roastary", in dem der angebotene Kaffee, selbst geröstet wird.

Florian kommt sportlich mit Hund und Fahrrad daher. Er trägt Jeans, ein anthrazitfarbenes Sweatshirt, darüber einen lässigen grünen Parker und eine Wollmütze, unter der er seine Haare versteckt. Um den Hals tärgt er ein rotes Lederband mit Münze die ein japanisches Schriftsymbol ziert. Er wirkt jung. Kaum vorstellbar, dass er in wenigen Wochen 42 wird. Seine Begrüßung ist herzlich, sein warmes Lächeln ansteckend. Wir suchen uns eine Sitzgruppe, nehmen in bequemen Loungesesseln platz und schon fängt Florian an zu plaudern.

Er schwärmt von München, den Ort an dem er auch geboren und aufgewachsen ist.„ „Willkommen bei den Hartmanns" haben wir hier in München gedreht, somit war das ein willkommenes Heimspiel für mich. Natürlich ist es schön unterschiedliche Orte kennen zu lernen, als Schauspieler bietet sich da eben auch die Möglichkeit, an ganz andere Schauplätzen zu kommen, die man sonst nicht auf der Agenda hätte. „Der geilste Tag" haben wir ja auch zum großen Teil in Afrika gedreht, was für mich wunderschön war. Aber es ist auch immer schön wieder nach Hause zu kehren" Auf die Frage was München für ihn so besonders macht antwortet er: „Na schau mal, München ist eben meine Heimat, hier habe ich meine Familie, meine ganzen alten Freunde. Da hängt eben mein Herz dran. Ich hatte auch schon mal eine Wohnung in Berlin, wo ich temporär natürlich auch viel Zeit verbringen musste aber die habe ich mittlerweile vermietet."

In der Familienkomödie „Willkommen bei den Hartmanns" spielt Florian den alleinerziehenden, Burnout-gefährdeten Anwalt, dem es nicht gelingt einen Spagat zwischen Kindererziehung und Job zu bewältigen. Nun erfährt er auch noch, dass seine Mutter, gespielt von Senta Berger, den Flüchtling Diallo aufnehmen will, was das Familienleben auf humoristische Weise durcheinander bringt.„Grundsätzlich befürworte ich den Gedanken einen Menschen in Not aufzunehmen, für mich hat sich die Option aber nicht angeboten, da ich selber nur auf 65 Quadratmetern wohne." Florian hat sich eingehend mit der Flüchtlingsthematik vor und nach dem Dreh beschäftigt.„Interessant finde ich, was mir allerdings erst später in dem Film aufgefallen ist, dass man Deutschland mit all seinen Problemen aus den Augen des Flüchtlings, Diallo,den die Familie aufnimmt, sieht. Das hat der Simon, also Simon Verhoeven, der das Drehbuch geschrieben und auch Regie geführt hat, clever gemacht."

Nach dem Kaffee führt Florian mich an einen seiner Lieblingsorte. Dem Englischen Garten. Auch sein Jack Russel Terrier Elmo tollt hier am Liebsten herum. Florian, der immer ein Spielzeug dabei hat, wirft einen Ball, den Elmo dann bereitwillig zurück bringt. Florian berichtet darüber, dass er sich hier gerne bei Nebel aufhält, dann seien nämlich keine anderen Spaziergänger unterwegs. „Diese Erfahrung hätte ich ohne Hund nie machen dürfen. Hunde zwingen einen ja schon dazu bei Wind und Wetter das Haus zu verlassen."

Auf die Frage, ob er denn diese Erfahrungen mit jemandem teilen könnte, weicht der smarte Schauspieler charmant aus. Information aus seinem Privatleben gibt er nicht preis. Aber auf seinen anstehenden Geburtstag angesprochen, verrät er noch zum Schluss:„Ich mache mir keine Sorgen über das Älterwerden oder dadurch schlechtere Rollenangebote zu bekommen. Für Frauen in der Branche ist das deutlich schwieriger. Ich spiele ja jetzt auch schon eher Ehemänner und Familienväter."

- Interview geführt von Marleen von Bergmann-Hoffe -



Ich war völlig überrascht und konnte meinen Augen nicht glauben, als ich den Artikel zu Ende gelesen hatte. Sie hatte mich doch nicht benutzt, um ihre Karriere voranzutreiben. Schnell raffte ich meine Sachen zusammen und sprintete durch die Straßen, um mich zügig auf dem Nachhauseweg zu begeben. Völlig außer Atem wählte ich die Nummer meiner Agentin auf dem Handy und trug ihr auf die Kontaktdaten der Verfasserin des Artikels ausfindig zu machen. Es dauerte nicht lange, da schickte sie mir eine E-mailadresse zu. Ich setzte mich an mein Laptop, öffnete mein E-mail Programm und verfasste eine Nachricht.

"Liebe Marleen,

ich schätze du hast die Anstellung bekommen. Herzlichen Glückwunsch dazu! Danke, dass du die Informationen, die ich dir geliefert habe, vertraulich behandelt hast. Sehen wir uns wieder?

Herzliche Grüße

Flo"

Am darauffolgenden Tag erhielt ich Antwort.

"Lieber Florian,

nein den Job habe ich nicht bekommen. Man hatte sich wohl mehr journalistisches Geschick erhofft. Um deine Frage zu beantworten: Wie sagt man so schön, man sieht sich immer zwei mal im Leben. Manchmal lohnt es sich zu vertrauen. ;)

Liebe Grüße

Marleen"
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