Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Am Anfang war das Ende [Post-323]

von Neronia
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 Slash
Jafar Judar Kouen Ren Sinbad
27.11.2016
24.10.2017
18
32.460
5
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
02.12.2016 1.062
 
Gänzlich erledigt, genervt und dem Wahnsinn nahe ließ ich mich auf mein Bett sinken. Der Sonnenaufgang stand bevor und wieder hatte ich keinen Schlaf bekommen. Die Fälle häuften sich. Während ich früher wenigstens regelmäßig ein paar Stunden Ruhe hatte finden können, war der Schlaf heute zu einem meiner schlimmsten Dämonen geworden.

Bis vor einer halben Stunde hatte ich mit Drakon diskutiert. Teilweise lauter als ich es je für möglich gehalten hätte. Ich fühlte mich verraten – fühlte Sindbad verraten. Doch das Schlimmste war, dass ich tief im Inneren wusste, dass mein alter Freund recht hatte. Langsam rollte ich mich auf die Seite. Es war Neumond und meine Gemächer lagen in völliger Finsternis. Ich hörte meinen eigenen Atem, spürte meinen Herzschlag, fühlte das Pochen meines Blutes in meinen Ohren. Fast wäre mir, als ob irgendwo in den Wänden Mäuse knabberten. Das Geräusch machte mich wahnsinnig. Sie knabberten an meinem Verstand, meiner geistigen Gesundheit.

„Ja’far, ich verstehe deine Wut. Aber was bleibt dir – uns – noch? Sindria kann nicht mehr alleine gegen alle stehen. Wir können uns diesen Luxus nicht mehr erlauben und seit Sinbads Tod ist die Allianz am Auseinanderbrechen!“

Die Worte hallten in meinem Kopf wider. Ich fühlte mich besessen. War ich der Einzige, der das nicht konnte? Der Einzige, der immer noch versuchte zu kämpfen? Wofür?

Oder eher… wogegen.

Schallendes Lachen erfüllte meinen Geist und meine Hände fuhren zu meinem Kopf. Ich kugelte mich auf der Matratze ein, ignorierte die alles durchdringende Kälte. Es war, als ob alle Wärme gewichen wäre und zum wiederholten Mal in den letzten Wochen spürte ich, wie mein Körper gegen Schwächeanfälle und Krankheit kämpfte. Es hätte nie so weit kommen müssen. Hätte er nur dieses eine Mal auf mich gehört, wäre er noch am Leben. Doch stattdessen ließ er mich mit einer Bürde zurück, die ich nicht mehr schultern konnte… einsam. Verlassen. Eingefroren. Mit einiger Mühe schloss ich meine brennenden Augen und ganz langsam ließ der Zug meiner Hände in den dünnen weißen Strähnen nach und ich hatte das Gefühl zu fallen. Der Aufprall hätte so sanft sein können, doch der Boden der Tatsachen und das Leben sahen anders aus.

„Er ist nicht hier. Er ist gegangen.“ Ich biss mir auf die Lippe, sah zur Seite. Eine für mich sehr untypische Geste. Wie hatte ich so naiv sein und glauben können, dass er blieb? Gerade hatte Pripirika mir mitgeteilt, dass Aladdin im Besprechungsraum auf mich wartete. Es sei dringend. Doch erst, als ich den Raum betreten und die Worte heruntergerattert hatte, wurde mir klar, dass der Magi nicht mit Sinbad reden wollte.

„Ich weiß“, brachte er leise hervor und sofort schweifte mein Blick zu der schmalen Silhouette des Sechzehnjährigen. Er starrte auf den Boden, die Hände fest um seinen Stab gelegt. Er war angespannt, zitterte. Und ganz langsam kroch Nervosität in mir hoch. Ich lächelte. Als ob ein Lächeln alles besser machen würde, strahlte ich den Jungen an.

„Wir kümmern uns um die Sache mit Kougyoku, wenn er wieder zurück ist. Wie kann ich dir-“

„Er kommt nicht zurück.“

Jäh verstummte ich und spürte, wie die aufgesetzte Maske aus meinem Gesicht bröckelte. Die Worte versetzten mir einen Schlag. Mein Herz zog sich zusammen und sofort presste ich die Zähne aufeinander. Mit düsterem Gesicht trat ich langsam näher.

„Wovon redest du, Aladdin? Sin wird-“

„Nein, wird er nicht!“ Energisch hallte die Stimme des Magi in dem beinahe leeren Raum wieder und als er zu mir aufsah, blieb ich abrupt stehen. „Onkel Sinbad wird nicht zurückkommen“, wiederholte er sich. Er schluckte und als unsere Blicke sich trafen, wurde mir klar, was ich zuvor verkannt hatte. Aladdin stellte keine Befürchtung auf. Er wusste.

Ich bekam keinen Ton über meine Lippen. Wie angewurzelt blieb ich stehen. Entrückt, als hätte ich meinen Körper verlassen. Das konnte nicht sein. Ich ließ den Arm sinken, in dem ich das Klemmbrett vom vorherigen Meeting hielt, zuckte zusammen, als es auf dem Boden aufkam.

„Ugo, er…“ Aladdin zögerte. Tränen sammelten sich in seinen Augen. Ich sah seine Trauer, sein Mitleid. Und das war der Punkt, an dem irgendwo in meinem Inneren ein Keim gepflanzt wurde. Ich brauchte sowas wie Mitleid nicht.

„Ugo musste ihn… Ich… Sinbad hatte den Verstand verloren. Das weißt du, richtig, Ja’far?“ Das Gestammel drang kaum noch an meine Ohren. Ich trat einen Schritt zurück.

„Das ist unmöglich“, hörte ich geflüstert über meine Lippen kommen. Aladdin lehnte seinen Stab gegen die Wand, streckte die Arme vor, als ob er mich beruhigen wolle. „Ich musste kommen, um es dir zu sagen. Bevor es jemand anderes tut. Ja’far es tut mir so leid. Aber du musst… …David ist zurück. Die Welt wie wir sie kennen ist dabei, unterzugehen.“ In dem Augenblick war ich nicht dazu in der Lage, die Worte zu erfassen.

Er käme nicht zurück? Natürlich würde er zurückkommen. Eine Hand fuhr zu meiner Schläfe, während mein Blickfeld tunnelartig verschwamm. Dann setzte mein Verstand aus.

„Ja’far…“

„Ja’far!“

„Ja-Ja’far?“

Türen knallten. Ich lief an Pipirika vorbei. Schnelle Schritte halten von den Wänden des Ganges wider. Weiter. Immer weiter. Meine Knie gaben nach. Ich stolperte, fing den Fall ab, tastete mich an der Wand entlang. Ich spürte das Metall unter meinen Fingern, drückte die Klinke herunter. Stimmen riefen nach mir, als ich in den Raum stürzte und die Tür hinter mir schloss.

Ich blickte auf meine Hände. Die Welt um mich pulsierte.

Präsident.

König Sinbad.

Sin…

SIN!

Meine eigenen Schreie taten mir in den Ohren weh. Es war, als würde ich mich von oben betrachten. Ich sah, wie Tränen über meine Wangen flossen, ohne sie zu spüren. Dolche in meinen Händen, Blut, das über verkrampfte Finger sickerte. Dann die Realisation. Ich konnte meine Household Vessel nicht mehr nutzen. Baal war fort, die Vessel tot.

Sinbad war im Holy Palace gestorben.

Ich japste nach Luft, schreckte auf. Der kalte Nachtwind säuselte durch mein Zimmer. Ich erschauderte. Der Schweiß stand mir auf der Stirn und ich suchte Halt am Bettgestell. Mein Kopf projizierte Bilder in die Mitte des Zimmers. Wieder sah ich mich zusammenbrechen, schreien, verzweifeln. Und dann war da diese Schublade. Ich sah mich zu ihr treten, sie mit gefühllosem Blick aus grünen Augen öffnen und eine goldene Schatulle herausheben. Dann aber kam mein Geist allerdings weit genug zu sich, dass das Traumbild sich endgültig auflöste. Und mich in der Finsternis der Nacht zurückließ.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast