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Am Anfang war das Ende [Post-323]

von Neronia
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 Slash
Jafar Judar Kouen Ren Sinbad
27.11.2016
24.10.2017
18
32.460
5
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
27.11.2016 1.601
 
Aloha~ Ich entschuldige mich jetzt schon einmal offiziell (nicht so richtig ernsthaft) dafür, dass Ja'far in diesem und den kommenden Kapiteln immer wieder recht... anstrengend ist/sein wird. Aber wie eine Freundin es so schön (sinngemäß) formuliert hat: Er hat den Mittelpunkt seiner Welt verloren und meinen persönlichen Headcanons nach würde ihn das gänzlich aus der Bahn werfen /3

Ansonsten wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!  ♥

~*~*~

-- Einige Monate zuvor --

Die Flamme der beinahe abgebrannten Kerze erhellt den Raum nur spärlich. Ich wusste nicht, wie lange ich schon auf diese Papiere vor meiner Nase starrte. Der Papierkram häufte sich von Tag zu Tag und wieder fragte ich mich, was ich hier eigentlich noch tat. Draußen war inzwischen die Nacht angebrochen. Und wieder hatte ich die letzten zwei Mahlzeiten verpasst. Mit tiefen Augenringen ließ ich zum wiederholten Mal die Augen über die Unterlagen schweifen. Die Sindria Trading Company hatte in den letzten Monaten massive Rückschläge wegstecken müssen. Dass Reim und Kou aus der International Alliance ausgetreten waren, hatte uns nicht nur massiv Geld gekostet, sondern auch Debatten in weiten Teilen der Welt ausgelöst. Die Trading Company hatte an nicht nur Ansehen verloren, sondern büßte auch nach und nach an ihrer Weltmachtstellung ein.

Ich hatte es versucht. Wirklich.
Die Kerze flackerte, als ich langsam meine Finger in weißen Strähnen vergrub und die Augen schloss. Es war Winter und inzwischen war die Kälte mir unter die Haut gekrochen. Erst auf meiner Kopfhaut spürte ich, wie eisig meine Finger wirklich waren.

Ich hätte aufhören sollen. Hatte ich wirklich geglaubt, ich könnte ihn irgendwie ersetzen?

Seitdem Sinbad mit Arba zum Holy Palace aufgebrochen und niemals lebend zurückgekehrt war, kämpfte ich meinen eigenen Kampf. Ich hatte mir geschworen, dass ich seinen Traum weiterführen würde, wenn er nicht mehr da war. Ich hatte ihm versprochen, mich um Sindria zu kümmern, wenn er auf einer seiner Reisen aus irgendeinem Grund umkommen sollte. Und Himmel, ich hätte es getan. Doch wofür genau kämpfte ich gerade noch? Für welchen Traum? Den, dem ich mich damals angeschlossen hatte? Für Sinbads Traum, die Welt zu verändern? Wir waren längst am Ende der Fahnenstange angekommen. Er war der mächtigste Mann der Welt gewesen. Er hatte alle unter seine Fittiche gebracht. Er hatte Kou unterworfen, Länder gezwungen, sich ihm anzuschließen und zur Hölle – ich war lange nicht immer seiner Meinung gewesen. Aber was blieb jetzt noch?

Kraftlos rutschte eine Hand aus meinen Haaren und müde blickte ich auf sie hinab.

„Sin, wie soll ich das weiterführen, an was du geglaubt hast? Ich bin nicht du.“ Zuletzt hatte er nach Göttlichkeit gestrebt und sich schlussendlich wie Ikarus an der Sonne verbrannt. Ich war nur ein Mensch. Jetzt noch mehr als zuvor. Unweigerlich schweifte mein Blick zu meiner Schreibtischschublade, in denen meine Dolche seitdem verstaubten. Baal war fort. Ein plötzliches Klopfen riss mich aus den Gedanken und holte mich aus meinem Selbstmitleid zurück auf den Boden der Tatsachen. Sofort sah ich auf, räusperte mich.

„Ja, bitte?“ Mit leisem Quietschen öffnete sich die Tür, als ich mich langsam erhob. Und wie erwartet waren blaue Haarsträhnen das Erste, was ich sah.

„Präsident?“ Alleine das Wort trieb mir die Galle hoch und ich musste seufzen, hielt mir den Kopf. Pipirika betrat mit gerunzelter Stirn den Raum und schaute sich scheinbar verwirrt um. Erst auf den zweiten Blick schweiften ihre Augen zu mir.

„Ich dachte, du wärst gar nicht mehr hier. Warum… hast du kein Licht an?“ Und ehe ich mich versah, wurde das Licht eingeschaltet. Kurz war ich blind, stöhnte auf und rieb mir die Augen.

„Ich kann mit Kerzen besser arbeiten“, brachte ich leise hervor, blinzelte zweimal gegen die Helligkeit an und strich daraufhin meine Kleidung glatt. Beinahe glaubte ich, die Besorgnis auf ihren Zügen sehen zu können.

„Du tust dich noch immer schwer.“ Mehr eine Feststellung als eine Frage, als sie näher zum Schreibtisch trat. Erst jetzt sah ich das Tablett in ihrer Hand. In der anderen hielt sie – sehr zu meinem Leidwesen – einen weiteren Haufen Papiere. Resignierend ließ ich mich wieder auf meinen Stuhl sinken. Dennoch musste ich unweigerlich über den Teller mit Keksen und Tee schmunzeln, den Hinahohos jüngere Schwester mir kommentarlos auf den Schreibtisch stellte.

„Ich danke dir.“ Trotzdem blieb meine Aufmerksamkeit an den Unterlagen hängen und ehe ich fragen konnte, schüttelte sie den Kopf.

„Abrechnungen des letzten Monats.“ Wenn ich das Ganze anhand ihres Gesichts beurteilen wollen würde, hätte ich jetzt weinen dürfen. Stattdessen neigte ich nur zustimmend den Kopf und deutete mit einem Nicken zu einem anderen Haufen. „Ist gut. Leg sie einfach dazu.“
Eigentlich ging ich davon aus, dass sie mir gleich eine angenehme Nachtruhe wünschen und mich wieder alleinlassen würde. Doch stattdessen schielte sie zögerlich zu dem Sessel vor meinem Schreibtisch. „Ich… Ja’far, da ist noch was.“ Sie wirkte besorgt, als ihre Augen wieder auf meine trafen. Sofort war ich alarmiert.

„Setz dich. Was ist passiert?“ Sollte ich mich auf das Schlimmste vorbereiten? Pipirika ließ sich nicht zweimal auffordern und setzte sich kerzengerade auf den Stuhl, atmete tief durch.

„Also, zuerst die gute Nachricht: Yamuraiha und König Sharrkan von Heliohapt werden heiraten, um die Beziehungen zwischen Heliohapt und Magnostadt weiter zu stärken.“

Oh. Natürlich, wegen der Beziehungen. Ein schiefes Lächeln schlich sich auf leisen Sohlen auf meine Lippen und ehe ich mich versah, war ich am Schmunzeln. „Das sind in der Tat gute Nachrichten.“ Ich freute mich für die beiden. Gott, was würde ich gerade dafür geben, die Uhr ein paar Jahre zurückzudrehen. Ich vermisste die anderen Generäle, vermisste Sindria, vermisste meinen K-

„Prinz Kouen wird nächste Woche offiziell zum Kaiser gekrönt“, platzte es ohne Vorwarnung aus Pipirika heraus und schlagartig war ich wieder im Hier und Jetzt. Sofort sprang ich auf, schlug die Handflächen auf die Tischplatte.

„Was?!“, keifte ich sie ungewollt harsch an. „Er ist vor noch nicht einmal einem Monat aus dem Exil zurückgekehrt!“ Aufgebracht deutete ich mit einer Hand zum Fenster in Richtung Osten. „Offizieller Konsens war es, dass Ren Koumei die Kaiserin ablöst!“

Hinahohos jüngere Schwester zuckte zusammen und benetzte nervös ihre Lippen, als ob sie mit meiner Reaktion gerechnet hätte. Gestresst trat ich hinter meinem Schreibtisch hervor und schritt zum Fenster. Als ob es mir Halt geben würde, stützte ich mich auf dem Sims ab. Kalte Nachtluft schlug mir ins Gesicht und ich schloss die Augen.

„Prinz Koumei hat den Thron abgelehnt“, flüsterte Pipirika und ich hörte, wie sie sich hinter mir erhob. „Allerdings hat Ren Kouen bereits seine Antrittsrede gehalten. Sie wurde eben auf den Bildschirmen übertragen. Ich wollte dich rufen, konnte dich aber nicht finden.“ Der Ernst der Situation sickerte immer weiter zu mir durch.

Aber natürlich. Natürlich konnte sie mich nicht finden, weil ich zwei Stunden in den Katakomben verbracht hatte, zu denen sie keinen Zutritt hatte. Auf alles gefasst, verengte ich die Augen. „Und?“ Ich gab mir Mühe, meine Assistentin nicht anzufahren, wusste aber nicht, wohin mit der angestauten… Wut? Verzweiflung? Hilflosigkeit? Vielleicht alles zusammen.

„Er plant seinerseits eine Weltallianz zu schließen und die kousche Trading Company dafür einzusetzen, Kou seine Weltmacht zurückzugeben, um die Armut des Volkes zu lindern und dem Land zu neuem Glanze zu verhelfen. – Fast wortwörtlich.“

Grandios. Ich fuhr mir übers Gesicht, schwieg. Was hatten wir dem noch entgegenzusetzen? Meine Gedanken überschlugen sich und verflucht, ich versuchte wirklich, mir etwas einfallen zu lassen. Schritte sagten mir, dass die Blauhaarige näherkam und gerade, als ich leicht den Kopf zu ihr wandte, fühlte ich ihre Hand auf meiner Schulter. Kurz trafen sich unsere Blicke und ich sah, dass sie inzwischen an dem gleichen Punkt war wie ich. Und sie wusste, dass ich es war, auch, wenn ich es mir selbst nicht eingestehen wollte. Trotzdem war ich ihr dankbar, dass sie es nicht aussprach. Für einen kurzen Augenblick berührte ich ihre warmen Finger auf meiner Schulter, bevor ich mich gänzlich herumdrehte.
Für wenige Momente herrschte Stille, dann aber schüttelte sie den Kopf.

„Du, ich wünschte, das wäre alles, aber… kurz darauf haben wir einen Anruf aus Kou erhalten. Sie erbitten ein Treffen, um neue Verhandlungen aufzunehmen, jetzt wo-“ Plötzlich versagte ihre Stimme und ich erkannte die Bestürzung in ihren Augen. Mir war der Schlag ins Gesicht anzusehen und sofort trat Pipirika einen Schritt zurück.

„Ja’far.“ Die plötzliche Strenge in ihrem Ton ließ mich meine Schultern straffen. „Wir-“

„Noch etwas, was ich wissen sollte? Wir verhandeln nicht.“ Ich wollte es nicht hören.

„Warte“, warf sie umgehend ein, bevor ich weitersprechen konnte. „Ich glaube, die Entscheidung solltest du nicht alleine treffen. Bitte setz dich vorher mit Sindria in Verbindung. König Drakon möchte mit dir darüber sprechen.“
Wundervoll. Für heute hatte ich wirklich genug gehört. Wenn mir nun noch jemand erklären konnte, was hier noch so alles hinter meinem Rücken vorging, während ich versuchte, Sinbads verfluchtes Vermächtnis aufrecht zu erhalten…

„Was hat Sindria damit zu tun?“ Die Alarmglocken in meinem Kopf waren so laut, dass ich beinahe die Antwort verpasst hätte.

„Es werden Verhandlungen in Sindria stattfinden. Drakon möchte, dass du als Repräsentant der International Alliance daran teilnimmst.“

„Er will WAS?!“ Das war der Moment, in dem ich am liebsten endgültig in die Luft gegangen wäre. Nachdem ich meinen verfluchten Posten hier abgelegt und alles hingeworfen hatte. Fiel Sindria uns nun auch noch in den Rücken? Sofort schüttelte ich den Kopf und stapfte zur Tür.
„Stell bitte eine Verbindung zu Sindria her. Eine Standleitung. Im Besprechungsraum. Jetzt.“ Und mit diesen Worten verließ ich beinahe fluchtartig mein Büro. Dass Pipirika mir noch irgendetwas bezüglich der Kerze und meines Tees hinterherrief, war mir in dem Moment herzlich egal. Für den Augenblick hätte ich den ganzen Laden inklusive Kou und Sindria am allerliebsten in Brand gesteckt.
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