Stockholm Syndrom

von Sickness
GeschichteDrama / P12
OC (Own Character) Shinya Kōgami
26.11.2016
13.01.2017
3
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Das gewöhnliche Fernsehprogramm wurde für eine Sondermeldung unterbrochen. Ein Nachrichtensprecher begann zu reden: „So gerade eben wurde bekannt, dass ein Enforcer geflüchtet ist. Das Public Safety Bureau rät dazu, nicht das-“. Weiter kam er nicht, denn ich schaltete den Fernseher aus. Ich ließ mich zurück ins Bett fallen und starrte an die Decke. Mein Bett war riesig, so wie fast alles in meinem Zimmer. Meine Eltern besaßen eines der einflussreichsten Unternehmen Japans und waren dadurch reich geworden. Doch all das Geld konnte meine innerliche Leere nicht füllen. Ich wusste schon immer, seit ich klein war, dass Geld nicht glücklich machte. Natürlich hatte es einige Vorzüge in einer reichen Familie aufzuwachsen. Oft ertappte ich mich jedoch dabei, wie ich mir eine Familie wünschte, die weniger Geld hatte. Meine Eltern waren immer beschäftigt, Zärtlichkeiten waren etwas Fremdes. Geigenunterricht an fünf Tagen in der Woche, Freunde durfte ich keine haben. Ich war nie zur Schule gegangen, denn ich hatte einen Privatlehrer. Er unterrichtete nur das, was meine Eltern für wichtig hielten. Kreative Fächer wie Kunst waren strickt untersagt.

Ein normales Leben. Ich war mir bewusst, dass ich mich nicht zu beschweren hatte. Es ging mir gut, für mich war gesorgt. Meine Zukunft stand schon fest, obwohl ich gerade erst 17 geworden war. Ich sollte nach dem Tod meiner Eltern das Unternehmen weiterführen. Sie hatten mich nie gefragt, ob es das war, was ich wollte.

Ich blickte durch die großen Bogenfenster, die den Blick in die Abenddämmerung freigaben. Langsam ließ ich mich aus meinem Bett gleiten und lief zum Fenster. Man konnte den großen Garten sehen, der voll mit prachtvollen Brunnen und exotischen Pflanzen war. Plötzlich zog es mich nach draußen. Die abendliche Brise genießen und den Kopf freikriegen, das war es was ich wollte. Zügig ging ich in Richtung Spiegel. Mein weißes Kleid war etwas zu dünn für den kalten Abendwind, also zog ich eine dunkle Jacke drüber und machte mich auf den Weg in Richtung Erdgeschoss. Im Korridor begegnete ich einem Hausmädchen. Sie begrüßte mich freundlich: „Guten Abend Frau Takahashi, soll ich Ihnen schon das Abendessen vorbereiten?“ Im Vorbeigehen antwortete ich: „Nein, danke. Ich esse später!“ Meine Eltern waren heute nicht da, also würde ich alleine essen. Es war immer wieder eine Erleichterung, nicht mit ihnen essen zu müssen, denn während dem Essen redeten sie immer nur von den Geschäften und was ihre nächsten Pläne waren. Noch nie hatten sie mich nach meinem Befinden gefragt. Ich war nicht mehr als eine Sache in ihren Augen. Ich sollte vorzeigbar sein, deswegen investierten sie Geld in mich. Aber Gefühle gab es zwischen uns nie.

Frische Abendluft fuhr mir durch die Haare, als ich die große Tür öffnete, die zum Garten führte. Die Nacht war still und alles was man hörte, waren meine Schritte auf dem Weg aus weißem Marmor. Je weiter ich ging, desto höher wurden die Hecken. Bald war ich an meinem Lieblingsort angekommen. Eine große Trauerweide stand von Hecken umgeben im hinteren Bereicht des Gartens. Es war kein Hologramm, so wie manches in diesem Garten. Das machte mich irgendwie glücklich, denn ich mochte Hologramme noch nie, obwohl meine Eltern durch ihre Produktion reich geworden waren. Die Trauerweide war so groß, dass man mühelos unter den langen Zweigen stehen konnte. Ich streckte meinen Arm aus und schob sie beiseite. Hinter ihnen befand sich eine alte Holzbank. Als ich mich setzte spürte ich ihre raue Oberfläche und wie mir das splittrige Holz in die Hände schnitt. Der Schmerz war irgendwie beruhigend und tröstend. Ob meine Eltern überhaupt von dieser Bank wussten? Ihr Anwesen war so groß und sie waren oft weg. Vielleicht kannten sie diesen Ort wirklich nicht - ein Gedanke der mich glücklich stimmte. Es war mein Ort der Ruhe.

Nach einer Weile hörte ich Schritte. Schnell stand ich auf und schob die Zweige beiseite. Es war einer der Gärtner und er war auf den Weg in meine Richtung. Schnell schlüpfte ich auf der Rückseite der Trauerweide raus und lief an den Hecken entlang. Hoffentlich hatte er mich nicht gesehen. Er könnte ja meinen Eltern davon erzählen. Sie wären bestimmt nicht begeistert davon, wenn ihre Tochter Abends im Garten herumlungerte anstatt zu lernen. Bei dem Gedanken grinste ich ein wenig und ging etwas schneller. Plötzlich wurde ich von etwas abgelenkt. Ich blieb stehen und betrachtete die Hecke zu meiner Rechten. In ihr war ein riesiges Loch und an der Stelle stand ein Projektor und mehrere Gegenstände. Unter anderem eine Kiste und eine Schubkarre. Durch das Loch wurde der Blick auf den Zaun freigegeben, der das Anwesen zusätzlich schützte. Anscheinend war hier ein Hologramm kaputtgegangen und nun wurde der Projektor repariert. Durch den Zaun konnte ich die Welt außerhalb des Anwesens sehen. Ich sah Straßenlaternen und einen Weg, der an dem Zaun vorbeiführte. Verlangen machte sich in mir breit. Ich wollte nach draußen. Einmal tun als ob. Als wäre ich normal. Ich stieg auf die Kiste. Von hier aus konnte ich schon über den Zaun schauen. Jedoch hatte ich Angst. Was wenn der Zaun unter Strom stand oder einer der Wächter mich sah? Ich schloss die Augen und betete. Mein Finger berührte den Zaun und für eine Sekunde dachte ich, dass ich gleich geröstet würde, doch es tat sich nichts. Erleichtert atmete ich aus und griff nun an die Stäbe, um mich hochzustemmen. Ich war kurz davor auf die andere Seite zu springen, als mir etwas einfiel. Wie sollte ich zurückkommen, wenn die Kiste auf der anderen Seite war? Doch es war zu spät, ich verlor das Gleichgewicht und mein Körper neigte sich zu anderen Seite. Die Landung war zum Glück sanft, weil ich in einem der angrenzenden Büsche landete.

Wie sollte ich das nur meinen Eltern erklären? Ich klopfte mein Kleid aus und schon die negativen Gedanken beiseite und stand auf. Vielleicht würde auch gleich ein Hausmädchen aufmachen und ich könnte sie bitten, meinen Eltern nichts zu verraten. Aufgeregt sah ich mich um. Die schwarzen Straßenlaternen beleuchteten die grauen Betonwege, die von dem Haus wegführten. Zu dieser Zeit war nicht mehr viel auf den Straßen los und so konnte ich unbekümmert durch die Gegend wandern. Es war lange her, seit ich draußen war und es war quasi mein ersten Spaziergang alleine. Nach einer Weile kam ich an einem großen Park an. Ich wanderte unbekümmert über die Wiese und sah mir die Blumenbeete an, die gefüllt waren mit Stiefmütterchen in verschiedenen Farbvariationen. Der Himmel war sternenklar und es war Vollmond. Langsam wurde es kalt. Als ich mich gerade umdrehen wollte, spürte ich etwas an meinem Rücken. Etwas Festes bohrte sich zwischen meine Schulterblätter. Mein Atem blieb stehen. Es war ein Fehler hierher zu kommen. Ich spürte Angst in mir aufsteigen, aber auch Wut. Wut auf mich selbst. „Wehe du schreist.“ Zögerlich drehte ich meinen Kopf, um hinter mich zu schauen. Er hatte bleiche Haut und schwarze Haare. Sein Blick war kalt und sein Gesicht ausdruckslos. Ich wusste, dass das was er auf mich gerichtet hatte, eine Waffe war. Eine echte Waffe, kein Dominator. „Bitte, ich-“ Meine Stimme brach ab und ich merkte wie Tränen meine Wangen verließen.

Was eine scheiß Idee das Haus zu verlassen.
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