Geheimnissen auf der Spur

GeschichteFamilie, Freundschaft / P18
Florian David Fitz OC (Own Character)
25.11.2016
29.11.2016
5
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Disclaimer: Alle beschriebenen Szenerien, sowie die genannten realen Personen sind in ihren eingebundenen Handlungen in dieser Geschichte frei von mir erfunden. In der Realität hat sich nichts so begeben, wie es dargestellt wird.  

In Schrittgeschwindigkeit ruckle ich die graphitfarbenen Pflastersteine der Dreimühlenstraße entlang. Die Straße ist schmal, links und rechts quetschen sich parkende Fahrzeuge eng aneinander. Reihen imposanter Altbauten rahmen die gassenartige Fahrbahn ein. Ich versuche mich an ein besonderes Merkmal zu erinnern, um ihr Haus auszumachen aber ich kann mich an kein Einziges erinnern.

Es ist aber auch schon verdammt lange her, als ich zum letzten Mal hier war. Ich glaube ich war zehn, neun vielleicht. Aber auch daran kann ich mich nicht wirklich erinnern. Es ist als wären alle Kindheitserinnerungen an München und die Besuche bei ihr komplett von meiner Festplatte gelöscht worden. Draußen dämmert’s schon und meine Beine fühlen sich schwer und verkrampft an.
Es war eine lange Fahrt.

Weiterhin ruckelnd fahre ich die Straße entlang. Mit meiner Hand taste ich den Beifahrersitz ab, grabe mich durch leere Coffee to go Becher, einer leeren Brötchentüte und zahlloses knisterndes Schokoriegelpapier bis meine Finger endlich die glatte Oberfläche der Ringmappe ertasten. Ungeduldig reiße ich die Blätter heraus und überfliege dabei jede einzelne Seite. Zeile für Zeile suchen meine schnellen Augen nach der genauen Adresse.

Plötzlich ein lautes Hupen von rechts. Abrupt lege ich ein Vollbremsung hin. Meine Fingernägel krallen sich in das Kunstleder des Lenkrads fest. Die losen Blätter flattern in den Fußraum als das Fahrzeug ruckartig zum Stehen kommt.
Die Fahrertür wird aufgerissen. Noch völlig benommen blicke ich in ein Paar wutentbrannte grüne Augen.

„Sind Sie völlig wahnsinnig?“ poltert der Mann mit den Augen los.

Ich schaue mich um und stelle fest: Ich stehe mitten auf einer Kreuzung. Rechts neben mir, nur wenige Millimeter entfernt, küsst die Schnauze eines BMW’s, seines BMW’s BEINAHE den vorderen Kotflügel meines Fiestas.

„Entschuldigung, ich bin hier ortsfremd. Das sieht man doch!“ verteidige ich mich schnippisch.

„Soweit ich weiß gilt die Rechts vor Links Regelung bundesweit. In München gleichermaßen wie in Hannover!“

Darauf mag ich nichts mehr entgegnen. Die Fahrt war zu lang und ich bin zu erschöpft, um mich mit einem Fremden auseinanderzusetzen. Ich greife also ohne einen weiteren Kommentar nach dem Türgriff und ziehe die Tür zu. Kopfschüttelnd stromert er wieder zurück zu seinem Auto.

Blöder Wichser!

Ich warte bis der Typ provokativ links an mir vorbei schleicht, bevor ich den Blinker betätige und rechts an den Straßenrand heranfahre. Zügig raffe ich die Papiere, die mir mein Anwalt vor wenigen Tagen vom Notar zugesandt hatte, aus dem Fußraum zusammen und studiere sie noch einmal genau, um die Hausnummer herauszufinden.

Hundertachtundsechzig! Mist, den ganzen Weg zurück.

An der Kreuzung wende ich und fahre gefühlte zwei Kilometer zurück in die Richtung aus der ich gekommen war. Vor einem hohen, offensichtlich sanierungsbedürftigem Haus mit rissiger brauner Fassade bleibe ich stehen. Ich überprüfe noch einmal die Adresse in meinen Unterlagen und gehe die anliegenden Hausnummern der Häuser nebenan noch mal durch. Enttäuscht stelle ich aber fest, dass ich wirklich an der richtigen Adresse angekommen war.  
Ich hatte das Haus viel freundlicher in Erinnerung. Nun wirkt es eher wie ein Schandfleck zwischen all den schönen Jugendstil Bauten, die in einem frischen, reinen weiß angestrichen worden sind. Die haben sogar alle neue Fenster.
Es wird gar nicht so einfach eine Wohnung in so einer Bruchbude zu verkaufen. Mit diesem Gedanken, schwindet auch meine Hoffnung endlich mal wieder an einen Batzen Geld zu kommen.

Ich nehme einen tiefen Atemzug der kühlen Winterluft bis meine Lunge sich weitet und es zu brennen beginnt, als ich aus dem Auto steige und mich in Richtung Hauseingang bewege.

Gedämpfte Geräusche, unverständliches Stimmengemurmel dringt durch das Treppenhaus als ich es durch die Haustür betrete. Unter meinen Füßen knarren die alten Holzstufen. Alte, kobaltgrüne Fließen verzieren den unteren Teil der Wände. Mit dem Zeigefinger streiche ich über die kühle, glatte Oberfläche. Im zweiten Stock angekommen, stehe ich vor ihrer Wohnungstür. Mausgraue,Vorhänge hängen schwer hinter dem Fensterglas der breiten Holztür und verbergen die Sicht ins Innere der Wohnung. Auf dem Fußboden liegen kleine weiße Flocken, die von dem Lack mit dem die Wohnungstür überzogen worden war, abgeblättert sind. Mein Herz pocht und der Schlüssel klimpert in meiner zitternden Hand. Langsam stecke ich den Schlüssel ins Schloss. Ihn umzudrehen wage ich kaum. Dass mein Zögern berechtigt ist, rede ich mir ein. Immerhin habe ich keine Vorstellung davon, wie sie hier die letzen zwei Jahrzehnte gelebt hat. Sie war ja zum Schluss ziemlich senil, so hat man mir zumindest gesagt.
In den Augenblicken bevor ich die Wohnung aufschließe kommen die Erinnerungen zurück.

Meine Hände umfassen den Griff eines kleinen gepackten Koffers, ich trage einen beigen Anorak und stehe im Flur vor der geöffneten Wohnungstür. Die Sonne fällt ins große Küchenfenster hinein. Sie blendet mich.
Vater und Oma schreien sich an. Vater gestikuliert wild mit seinen Armen, so wie er es immer tat, wenn er aufgebracht war. Ein Wort ergibt das andere. Vor Wut ballt er seine Hand zu einer Faust. Oma spricht immerzu von Ulrike, gibt Vater die Schuld „an allem“. Ich verstehe gar nicht worum es geht.
Und dann passiert es…
Vater erhebt die flache Hand. Sie landet mit einem lauten Klatscher in Omas Gesicht. Und plötzlich sind alle ganz Still… Fassungslosigkeit!
Vater packt mich und den Koffer und stürzt mit mir die Treppe hinunter.
Das war das letze Mal, dass ich sie gesehen habe.

Ich drehe den Schlüssel im Schloss um und drücke die Tür auf. Sie schabt über den dicken Teppichboden.
Auf der Stelle stößt mir der Geruch von Pfefferminzöl und Lavendel in die Nase. Danach hat es früher schon immer gerochen.
Ich betätige den Lichtschalter und trete in die Wohnung.
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