Tempomorphen

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P6
Alfred Edna Konrad Harvey
25.11.2016
25.11.2016
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Für den Bruchteil einer einzigen Sekunde kamen Edna die Erinnerungen um sie herum so echt und vertraut vor, dass sie glaubte, ihr Aufenthalt in der Anstalt hätte nie existiert: das helle Klassenzimmer, die Tafel, ihr Tisch – das alles war einfach viel zu scharf und greifbar, als dass es hätte eine Illusion sein können.
 Harveys Stimme war es aber leider auch.
 „Edna“, hörte sie ihn sagen, während sie noch dabei war, sich verdutzt umzublicken und blinzelte verwirrt, als ihr Gehirn endlich realisierte, was genau um sie herum eigentlich geschah.
 „Oh je“, flüsterte sie leise, als sie sich wieder gesammelt hatte und legte eine Hand an ihren Kopf. „Ich fürchte, ich erinnere mich wieder. Das ist der Matheunterricht von Herrn Hornbusch. Der war immer sehr streng und hatte mich auf dem Kicker“, murmelte sie und musterte den älteren Mann an der Tafel, der gerade dabei war, irgendeine Regel aufzuschreiben.
 „Meinst du? Er sieht aus wie ein Alien aus Star Track“, sagte Harvey.
 Edna hätte ihm, normalerweise, sofort zugestimmt, aber gerade war ihr nicht nach Witzen. Nicht, nach dem, was sie vor wenigen Minuten gesehen hatte, als sie das Zimmer betreten hatten, in dem Alfreds Sachen aufbewahrt wurden. Nicht, nachdem sie von seinem Tod erfahren hatte.
 „Wenn ich nicht aufpasse, sperrt er mich möglicherweise wieder in den Schrank“, flüsterte sie und setzte sich etwas gerader hin. Entschuldigend sah sie zu ihrem Freund herunter. „Dieses Rätsel musst du wohl alleine lösen, Harvey.“
 Das war, wenn sie ehrlich sein sollte, nur die halbe Wahrheit.
 Ja, Herr Hornbusch konnte sie in den Schrank sperren – aber aus Erfahrung wusste Edna, dass sie zumindest so lange hätte irgendwie mithelfen können, bis er sie einige Male ermahnt hätte. Sie war sich allerdings nicht wirklich sicher, ob sie das überhaupt wollte, jetzt, wo sie die Gelegenheit hatte, ihre Kindheit noch einmal auf sich wirken lassen zu können.
 Denn auch wenn sie nicht immer so friedlich gewesen war – besser als ihr jetziges Leben in der Anstalt war sie alle Mal gewesen.
 Ednas Schultern versteiften sich, nachdem Harvey sich aufgemacht hatte, nach Hinweisen zu suchen, als sie etwas wie ein leises Seufzen neben sich hörte. Mit krampfhafter Langsamkeit drehte sich den Kopf ein kleines bisschen nach links, nur, um ihn zu sehen.
 Kaum drei Schritte saß Alfred von ihr entfernt und war offenbar, wie immer, in Überlegungen vertieft, während er die ganzen Sachen von der Tafel abschrieb. Er war noch genauso, wie Edna ihn in Erinnerung behalten hatte: Genau so ernst, genauso hässlich, aber, vor allem, genauso lebendig.
 Ihre Kehle wurde trocken.
 Edna drehte sich wieder der Tafel zu und bemühte sich, Alfred nicht anzustarren, aus Angst, er hätte sie wieder verpetzen können, weil er dachte, sie würde irgendwas aushecken. So blieb sie auch für die nächste Zeit sitzen, in Gedanken immer noch bei dem Jungen, der nur wenige Meter von ihr entfernt saß und keine Ahnung hatte, dass das eine der letzten Stunden war, die sie miteinander verbringen würden.

 Zwischendurch konnte Edna es nicht vermeiden, Harvey helfen zu müssen und wurde – nachdem Alfred sie wiederholt wegen ihrer „Selbstgespräche“ verpetzt hatte – mal wieder in den Schrank gesperrt, was ihnen aber sogar ein wenig weiterhalf. Edna gelang es auch, Herrn Hornbusch davon zu überzeugen, sie irgendwann wieder raus zu lassen, weswegen sie mit ihrem angespannten Rumsitzen fortfahren konnte, während Harvey noch dabei war, das Rätsel zu lösen. Und irgendwann … war es dann so weit …

 „Ich hab’s.“ Edna starrte auf die Unterschrift in ihrem Heft, die so täuschend echt aussah. Dafür waren sie immerhin auch her gekommen; um sich zu erinnern, wie man Unterschriften fälschte und obwohl Edna gewusst hatte, dass sie gut darin gewesen war, hatte sie ganz vergessen, wie gut.
 Sie hörte mit halbem Ohr, wie Herr Hornbusch den Unterricht für heute beendete. Alfred packte bereits zusammen, um rüber gehen zu können, nach Hause. Zu Doktor Marcel.
 „Ich wusste doch, dass du es wieder lernen könntest“, sagte Harvey zufrieden. „Jetzt wird es viel leichter für uns sein, sich innerhalb der Anstalt zu bewegen, mit der Unterschrift von Doktor Marcel.“
 Edna sagte nichts und legte den Stift bei Seite. Sie ließ ihren Blick kurz stumm durch den Klassenraum wandern und stellte fest, dass ihr Lehrer zwar immer noch damit beschäftigt war, seine Sachen zu packen, Alfred aber gerade in der Tür verschwand. Er hatte es heute offenbar besonders eilig, warum auch immer. Aus ihm wurde man nicht richtig schlau.
 „Lass uns jetzt zurückkehren und-“, begann Harvey, aber Edna schnitt ihm gewissermaßen das Wort ab, indem sie einfach von ihrem Stuhl aufsprang, weil sie spürte, wie das Tempomorphen langsam aufhörte. Die Vision von der Umgebung um sie herum wurde einen Atemzug lang unscharf und sachte Panik überkam sie.
 „Warte!“, rief sie aufgewühlt, weil sie plötzlich Angst bekommen hatte, es nicht rechtzeitig schaffen zu können. „Gib mir noch ein paar Sekunden, Harvey!“
 Ihre Sicht wurde nicht so scharf wie vorher, verblasste aber auch nicht mehr, als Edna unbeholfen hinter ihrem Tisch hervor rannte und aus der Tür stürmte, die Atmung ganz schwer. Sie lief zur Treppe und entdeckte, dass Alfred gerade nach unten gegangen war. Ihm fehlten noch ein paar Stufen.
 „Alfred!“, rief Edna ohne anzuhalten und sprang förmlich die Treppe herunter.
 Der Junge fuhr kurz zusammen, als er sie so impulsiv seinen Namen rufen hörte und drehte sich mit nervöser Miene zu ihr um, als er sie so angerannt kommen sah und obwohl Edna ihm dieses Mal nichts Böses wollte, konnte sie auf seinen Schreck keine Rücksicht nehmen, nicht jetzt, nicht in diesem Gefühlschaos, in dem sie sich befand.
 Als sie ihn fast erreicht hatte, sprang sie ihm förmlich in die Arme.
 „Wa ..!“, machte Alfred erschrocken, als sie beiden nach hinten taumelten und die wenigen Stufen herunter fielen, die sie noch vom festen Boden trennten. Während des Falls hatte Alfred sich instinktiv ebenfalls an Edna gekrallt, aber als die beiden auf dem Boden aufschlugen, wurde sein Griff wieder lockerer und er atmete gepresst aus.
 „Was sollte das denn?“, fragte er genervt und empört, so, wie er diese Frage immer stellte, wenn er kurz davor war, sich lauthals über ihr Verhalten zu beschweren, aber Edna sah nicht einmal auf und zog ihn fester in ihre Umarmung.
 „Du …“, kam zunächst sein schwacher Protest, als er sie in der ersten Sekunde von sich wegschieben wollte. Und dann, nichts mehr.
 Alfred verstummte, als er zu begreifen schien, dass sie ihn nicht einfach angesprungen hatte, um ihn zu ärgern. Er hatte bemerkt, dass sie weinte.
 „Edna?“, fragte er dann unsicher. Seine Stimme klang etwas verzerrt und Edna begriff, dass sie kurz davor war, aus ihren Erinnerungen aufzuwachen. Ihr Griff wurde fester: als würde es etwas nützen.
 „Es tut mir leid“, flüsterte sie erstickt in seine Schulter und unterdrückte einen Schluchzer. „Es tut mir so, so leid, du Froschgesicht.“
 Nicht einmal darauf antwortete er etwas und es folgte wieder nur entrüstete Stille, die so leise war, dass Edna bereits fürchtete, die Erinnerung an ihn wäre schon zu weit weg und das Tempomorphen vorbei, bevor sie etwas an ihrem Rücken spürte.
 Es war der unbeholfene Versuch einer Hand, sie zu trösten.
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