Nur menschlich

OneshotSchmerz/Trost / P16
Scarlett Witch / Wanda Maximoff Vision
23.11.2016
23.11.2016
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Nur menschlich


(Inspiriert von 'Human', Rag'n'Bone Man)

Gerade wurde eine Aufnahme eingespielt, die ein Trümmerteil zeigte, das aus dem zerstörten Gebäude erst herausbrach, sich löste und dann ungebremst nach unten fiel. Es waren nur wenige Meter der Fallrichtung, die darüber bestimmten, ob das Trümmerteil in der abgesperrten Region oder doch in die Menschenmenge direkt dahinter fallen würde.
Wanda betrachtete den Bildschirm des Flachbildfernsehers gebannt, fast wie hypnotisiert, und verfolgte das Medienspektakel in Lagos mit weit geöffneten, ausdruckslosen Augen. Sie hatte sich seit bestimmt zwanzig Minuten nicht mehr vom Fleck bewegt.
Sie saß auf dem Rand ihres Bettes und starrte den Fernseher an, ununterbrochen. Es tat schon fast weh sich das Ganze anzusehen und zu wissen, dass dort Menschen gestorben waren, während sie in ihrem bequemen Bett in ihrem beinahe luxuriösen Zimmer verweilte.
Es war unfair, in jeder Hinsicht.
Dabei hatte sie nichts anderes gewollt, als Menschenleben zu retten. Sonst hätte sie diesen Rumlow ja einfach das tun lassen können, was er vorgehabt hatte. Dann wäre Steve allerdings gestorben – zusammen mit einigen hundert anderen.
Der Markt war voll gewesen. Kinder, Mütter, Väter... Sie alle waren dort gewesen und hatten eingekauft, einen schönen Nachmittag verbracht oder gearbeitet. Und dann waren sie gekommen und hatten den Ort innerhalb weniger Minuten in ein Inferno verwandelt.
Wanda war sich dennoch nicht ganz sicher, ob sie selbst nicht gerade auch die Hölle durchmachte, denn genau so musste es sich anfühlen. Sie hatte knapp zwei Dutzend Menschenleben geopfert, um hunderte zu retten.
Unfreiwillig.
Aus Versehen, würde manch einer vielleicht sagen.
Sie war mächtig und sie wusste das auch, doch warum um alles in der Welt war sie in Lagos nicht in der Lage gewesen ihre Kraft so einzusetzen, wie sie es schon einhundert Male vorher getan hatte? Wieso war das passiert?
Wieso hatte das überhaupt passieren können?
Sie wusste es nicht. Wanda war ratlos. Pietro würde jetzt bestimmt versuchen sie zu trösten und sogar abzulenken, doch war Pietro nun einmal nicht hier. Hier musste sie alleine durch, ob sie wollte oder nicht.
Dabei wollte sie nichts anderes lieber.
Sie hatte nicht die Kraft sich mit den anderen auseinander zu setzen. Sie wusste genau, dass Tony Stark oder auch Rhodey versuchen würden sie auszufragen, dass sie versuchen würden den Grund für diese Katastrophe zu finden, doch sie wollte nicht darüber reden.
Nicht, weil sie egoistisch war, sondern weil sie Angst hatte sich mit sich selbst zu beschäftigen. Manchmal dachte Wanda wirklich, sie sei ein außer Kontrolle geratenes Monster. Die Furcht vor sich selbst war die schlimmste, die man fühlen konnte, das wusste sie.
Für einen Moment konzentrierte sie sich wieder auf den Fernseher, in dem ständig ein Live-Ticker am unteren Bildschirmrand entlang flimmerte. Es waren minütliche Meldungen über die Lage in Lagos, die dort zu lesen waren.
„Verantwortlich ist Wanda Maximoff, auch bekannt als 'Scarlet Witch', ein Mitglied der 'Avengers' // Mächtige Hexe verwüstet Stadt in Afrika // 'Avengers' nehmen keine Stellung zu den Ereignissen nach ihrem eigenverantwortlichen Einsatz...“
Diese Menschen hatten auch Angst vor ihr. Und sie nannten sie eine Hexe, genau wie damals die Menschen in Sokovia es getan hatten. Ihre Augen begannen zu brennen und sie ließ den Blick von dem Bildschirm sinken.
Es tat weh.
Noch fürchterlicher war aber, dass die Öffentlichkeit dachte, dass sie sich nicht für ihre Taten und deren Konsequenzen interessierten. Zwar hatten sie wirklich noch keine Stellung dazu bezogen, doch was dachten die Leute denn, was in ihr vorging?
Dachten sie etwa, es wäre ihr egal?
Dachten sie vielleicht sogar, sie wäre geflohen, um nicht bestraft zu werden?
Was hätte sie denn sonst tun sollen – die Bombe einfach explodieren lassen und dadurch Kinder ermorden?
Wanda wurde schlagartig schlecht. Ihr Magen rumorte unaufhörlich und trieb sie wohl noch in die Verzweiflung. Seit fast zwei Tagen hatte sie nichts gegessen und das war wohl eine gute Entscheidung gewesen.
Sonst hätte sie ohnehin alles wieder ausgespuckt.
Eine Träne bahnte sich ihren Weg über Wandas Wange und sie machte sich nicht die Mühe sie wegzuwischen. Sie hatte es verdient zu leiden und ein schlechtes Gewissen zu haben. Sie hätte es sicher auch verdient eingesperrt zu werden, so gefährlich wie sie offensichtlich doch noch war.
„Wanda?“ hörte sie eine vertraute Stimme hinter sich und sie wischte nun doch mit ihrem Ärmel über ihre Wange, um zu verbergen, dass sie geweint hatte.
Vision stand in der Tür und sah sie verstohlen von oben bis unten an. Er wirkte irritiert und zugleich überfordert – so wie Vision eben immer wirkte, wenn er menschlichen Emotionen ausgesetzt war und sie auch noch zu beurteilen versuchte.
„Komm rein“, sagte sie wenig überzeugend locker und er tat wie ihm geheißen. Allerdings blieb er mitten in ihrem Zimmer stehen und ließ die Arme hängen. Es vergingen einige Sekunden des Schweigens, bevor Vision erst zum Fernseher blickte und dann das Wort ergriff:
„Sie wissen nicht, wovon sie reden.“
„Es ist egal, ob sie das wissen oder nicht. Ich habe das verursacht“, widersprach sie sofort und ließ den Kopf hängen.
Lautlos näherte er sich und ließ sich neben ihr auf der Bettkante nieder. Etwas unbeholfen rang er seine Hände – eine Geste, die er sich von irgendwem abgeguckt haben musste – und seufzte kurz und beinahe verzweifelt.
„Wanda, siehst du... Es ist ein menschliches Bedürfnis bei allen Dingen, die schieflaufen, einen Schuldigen zu finden. Wenn Häuser einstürzen, dann ist es meistens der Erbauer Schuld. Wenn jemand erschossen wird, dann wird der Waffenhersteller an den Pranger gestellt. Das haben dein Bruder und du bei Mr. Stark ähnlich gemacht“, begann er, doch sie unterbrach ihn direkt.
„Ich weiß, Vision. Es war ein Fehler Tony verantwortlich zu machen.“
„Darauf möchte ich nicht hinaus, Wanda. Du musst verstehen, dass Menschen so sind. Und du lässt dich von ihnen dazu verführen, dir selbst auch die Schuld dafür zu geben. Wenn du Rumlow jedoch nicht aufgehalten hättest, dann wären weit mehr Menschen gestorben. Dann würden jetzt alle schreien, dass du nichts getan hast und Menschen gestorben wären – es wäre dasselbe. In den Augen eines Menschen bist du in beiden Fällen schuldig.“
„Soll das heißen, ich bin kein Mensch?“
Verärgert und aufgebracht stand sie auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann begann sie vor ihm auf und ab zu laufen, was zur Folge hatte, dass Vision sich ebenfalls erhob und sie bei ihrem Weg durch das Zimmer beobachtete.
„Doch, aber du bist nicht bloß wie sie. Du bist mächtiger, aber du bist trotzdem noch ein Mensch. Weshalb es dir zusteht Fehler zu machen. Ahme sie nicht nach, indem du dir die alleinige Schuld für diese Situation gibst. Rumlow alleine trägt die Schuld, auch wenn er tot ist. Er wollte diese Menschen brennen sehen, er hat die Sprengweste getragen und er war es, der überhaupt erst eine Bombe gebaut hat, die inmitten einer Ansammlung von Lebewesen explodieren sollte.“
„Was soll ich machen, Vision? Ich kann es nicht rückgängig machen, ich wünschte aber, ich könnte es“, fragte sie mit erstickter Stimme und spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie wollte nicht weinen, aber all die Last, all die Schuld und die angestaute Angst brachen gerade über sie herein und zwangen sie in die Knie.
„Du kannst es aber nicht rückgängig machen, Wanda. Denn du bist ein Mensch“, murmelte Vision hilflos und streckte eine Hand nach ihr aus, um sie etwas gestelzt auf ihrer Schulter für einen kurzen Moment abzulegen.
„Sei froh, dass du noch Schuld empfinden kannst, sonst wärst du nämlich so wie Rumlow – ein Ungeheuer. Menschen töten andere Menschen nicht aus purem Egoismus. Ungeheuer tun das und du bist keines.“
Sie rang sich zu einem Nicken durch und ging dann einfach auf ihn zu, um sich von ihm halten zu lassen. Er hatte Recht, aber sie fühlte sich trotzdem verantwortlicher als je zuvor. Sie war wirklich nur menschlich.

Anmerkung: Einmal eine Perspektive, die mich in „Civil War“ auch mehr interessiert hätte als sie gezeigt wurde. Wanda ist unheimlich kompliziert, ihr Verhältnis zu Vision aber noch komplizierter – eure Rückmeldung wäre Gold wert! :)
Wanda habe ich schon einmal bearbeitet, doch da direkt nach dem Untergang Sokovias. Im OS Ungezähmt habe ich mich das tatsächlich erste Mal an sie herangetraut. Auch hier freue ich mich über konstruktives Feedback, damit ich Wanda noch etwas näher kennenlernen kann.
LG, Erzaehlerstimme
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