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Sightless

OneshotLiebesgeschichte / P18
Asahina Futo
22.11.2016
22.11.2016
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Sightless
It's nothing real

Seit ich denken konnte, konnte ich nichts sehen. Naja, ich konnte mal eine Zeit lang kaum was sehen. Vielleicht klang das nicht nach viel, aber zwischen ›kaum etwas‹ und ›gar nichts‹ lag ein riesiger Unterschied. Zumindest für jemanden wie mich. Aber das lag schon so lange zurück, dass ich bis heute nicht wusste, wie irgendetwas aussieht. Klar, ich konnte durch Erklärungen sagen, was die Sonne, ein Haus oder eine Farbe war, doch meist benutzte ich dafür nur andere Wörter, die ich in dem Sinne auch nicht kannte. Ich wusste, was weiß hell war und schwarz dunkel, aber hell und dunkel konnte ich nicht beschreiben – hell, weiß; dunkel, schwarz. War das, was ich immer sah, hell oder dunkel? Jemand wie ich konnte das nicht beschreiben.
Mein Vater war Abenteurer, so musste ich in einer betreuten Wohnung für behinderte Jugendliche leben. Unser Leben war schon ulkig. Wir waren zu dritt. Ich sah nichts, die eine sagte nichts, die andere hörte nichts. Letztere hatte eigentlich das Problem, dass sie durch ihr fehlendes Gehör auch Probleme mit der Aussprache hatte, aber sie las von den Lippen anderer, um die Laute nachzuahmen. Sie machte Fortschritte. Es klang natürlich nicht wie bei mir, aber für sie galt dasselbe wie für mich. Trotzdem war es meist sehr ruhig in der Wohnung, nur unsere Betreuerin brachte meistens Schwung in die Hütte.
Es lief auch selten Musik, weil ich sie hasste. In der Wohnung ging es gerade noch, aber wenn sie zu laut war, fehlten mir gleich zwei Sinne. Das war ein schreckliches Gefühl. Doch die anderen beiden guckten gerne Fernsehen. Untertitel für das taube Mädchen, extra Audioausgabe für mich, damit ich auch bei stillen Szenen informiert war. Stummfilme dagegen waren natürlich nichts für mich, aber das stumme Mädchen mochte sie.
Raus ging ich selten. Ich mochte nicht gerne in die Öffentlichkeit. An privaten Orten hatte ich keinerlei Probleme mit meiner Behinderung, aber außerhalb traten sie umso stärker hervor. Mit meinem Blindenstock, der hinter meiner Zimmertür stand, fühlte ich mich unwohl. Oder die Armbinde. Ich wusste, dass andere Menschen sie nicht brauchten. Menschen wie Papa oder ...

Eine Hand legte sich auf meine. Klein, zierlich, schlank. Eine Frauenhand. »Mein Name ist Asahina Miwa. Ich bin die Verlobte deines Vaters. Wenn du möchtest, kannst du gerne zu meinen Söhnen ziehen. Sie werden sich um dich kümmern. Du musst nicht, aber ich würde mich freuen.« Da ich sie nicht sehen konnte, musste ich mich auf meine anderen Sinne verlassen. Ich konnte meist genau hören, wenn jemand log, aber diese Frau war ehrlich zu mir.

Mein Umzug zu ihren Söhnen lag schon einige Monate zurück, ebenso die Hochzeit. Ich hatte nicht sehen können, wie schön die Zeremonie gewesen war, aber ich konnte die Stimmung fühlen. Miwa-san hatte dreizehn Söhne, elf davon lebten in der sogenannten Sunrise Residence. Ein großes Haus, das ich nie würde erkunden können. Ich kannte die Wege vom Eingang zu meinem Zimmer, von meinem Zimmer zum Wohnbereich und vom Wohnbereich wieder zum Eingang. Mehr musste ich nicht wissen, andernfalls würde ich mich nur verlaufen.
Es war anders als in der betreuten Wohnung. Keiner hatte körperliche Defizite. Sie kannten das auch nicht. Dem entsprechend überrascht waren sie gewesen, wenn sie mich kennen lernten. Ich hatte nicht alle dreizehn sofort kennen gelernt, auch nicht alle elf, aber so hatte ich die Chance gehabt, mir die einzelnen Leute einzuprägen. Mittlerweile musste man mir auch nicht mehr sagen, wer da gerade mit mir sprach. Jeder hatte seine Stimme, seinen Körpergeruch. Es war fast schon wie eine Aura, die mir alles mitteilte.
Einer der Brüder war Sänger, Idol nannte man das auch. Ich hatte ihn erst relativ spät getroffen. Er war sogar noch jünger als ich und hatte einen ziemlich verdrehten Charakter. Er war nicht wie im Fernsehen. Natürlich hatte ich ihn nicht gekannt – wie gesagt, ich mochte keine Musik. Da war er in echt schon ziemlich hochnäsig und erhaben, da kam ich an und kannte ihn nicht. Dass das keinen guten Eindruck hinterlassen hatte, war wohl klar. Er liebte es, mich herum zu kommandieren, sich dabei in mein Zimmer zu drängen ohne zu fragen, und mir auf die Pelle zu rücken, während wir Filme guckten, die er unbedingt sehen wollte.
Es gab nichts Spezifisches, was er gerne sah. Er schleppte immer andere Filme an. Ich konnte zwar weder das Geschehen richtig mit verfolgen, noch sehen, was für ein Ausdruck dabei auf seinem Gesicht lag, aber ich fühlte, dass er aufmerksam alles in sich aufnahm. Er wollte über sich hinaus wachsen und Schauspieler werden. Das merkte ich daran, wie er darüber sprach. Die Stimme konnte einem vieles verraten, man musste nur darauf achten, aber für andere zählte mehr die Gestik – wenn überhaupt.
Wir veränderten uns. Somit auch unsere Beziehung zueinander. Aber wir versuchten unser Bestmöglichstes, das den anderen nicht wissen zu lassen. Er konnte trotz dessen in meiner Mimik und Gestik lesen, ich konnte Veränderungen in seiner Stimme hören und wie er sich mir gegenüber verhielt. Er hatte fünf Sinne, ich vier besser ausgeprägte Sinne. Demnach standen wir uns in nichts nach.
Er war der zwölfte Sohn. Sein Name war Asahina ...

»Fuuto.« Meine Stimme verriet nichts über mein Inneres. Das konnte ich gut. Ruhig brachte sie ihm seinen Namen entgegen.
Ich spürte seine ungewohnt sanften Lippen über meine Haut streichen. Sie hielten in der Mulde meines Schlüsselbeins. Mit dem leichten Biss war alle Sanftheit verschwunden. Die Stelle würde gleich rot angelaufen sein. Das machte er nur, um mich zu ärgern. Nahezu entschuldigend ließ er seine Zunge über die malträtierte Stelle gleiten. Sein leises Lachen drang an meine Ohren. Er hatte seinen Spaß. Menschen wie er genossen es, andere in der Hand zu haben.
Warum wir hier in meinem Bett lagen? Keine Ahnung. Es war irgendwie passiert. Er hatte mal wieder seinen Spaß mit mir treiben wollen, doch im nächsten Moment küsste er mich schon. Eines führte zum anderen und lagen wir hier. Unsere Kleidung lag im Raum verteilt. Seine nackte Präsenz lag seitlich zu mir an meiner Linken. Mein Rücken berührte das frischgewaschene Laken. Ich roch noch das Waschmittel. Die Matratze bewegte sich und er beugte sich weiter über mich. Sein linkes Bein verursachte einen seichten Luftzug, der eine Gänsehaut auf meinem Körper auslöste, als er es über mein Körper schwang und zu meiner Rechten drapierte. Mein Bett federte jede Bewegung.
Seine Haarspitzen kitzelten meine Haut, hinterließen eine kribbelige Spur, als er er weiter hinunter wanderte. Seine Zunge zeichnete Kreise, fügten dem Kribbeln eine weitere Gänsehaut hinzu. Meine Stimme konnte ich vielleicht noch unterdrücken, aber mein Körper verriet mich. Verräter. Seine Lippen senkten sich auf meine Brust. Reizten bewusst meine empfindlichen Brustwarzen. Rechts. Links. Rechts. Links. Seine Finger spielten ebenfalls mit ihnen, rollten sie. Links. Rechts. Links. Rechts. Meine Atmung erhöhte sich, aber ich zwang mich, keinen Ton meiner Kehle entrinnen zu lassen. Ich wollte nicht gegen ihn verlieren. Er würde mich später nur damit aufziehen. Ganz im Geheimen. Wenn keiner dabei war.
Mein Rücken bog sich leicht durch. Mein Körper bot ihm ohne die Zustimmung von mir meine Brust an. Die Hand verschwand. Federleicht setzte sein Zeigefinger seinen Weg nach unten fort. Hinab zu meinem Bauchnabel, rechts an meiner Weiblichkeit vorbei. Er strich über die erhitzte Haut meines inneren Oberschenkels. Ich biss mir auf die Unterlippe und warf meinen Kopf nach links. Meine Haare blieben an der leicht schwitzigen Haut kleben. Meine Atmung wurde wieder schneller. Er hatte längst gewonnen, aber ich würde erst aufgeben, wenn meine Stimme nochmals ertönte. Mein Verstand war zwiegespalten, ob ich meine Oberschenkel aus Reflex zusammen drücken oder will weiter auseinander schieben sollte. Ich presste sie in die Matratze.
Mein Kopf wurde wieder zurückgedreht. Seine freie Hand legte sich in meinen Nacken. Mein leicht geöffneten Mund nahm er als Einladung. Seine Zunge erforschte zum wiederholten Male meine Mundhöhle. Ich hatte sowieso keine Chance gegen seine dominanten Küsse. Mund und Schenkel öffneten sich von ganz allein. Ich keuchte in ihn hinein, als seine Finger den Weg in mich fanden. Ob ich wohl wissen wollte, woher er das genau konnte? Nein, vermutlich nicht. Es war auch nicht wichtig. Er sollte sich bloß beeilen. Nein, doch nicht. Er sollte sich Zeit lassen.
Seine geübten Finger trieben nahezu alleine den Knoten in meinem Bauch zum Explodieren, aber stoppte kurz davor. Ich konnte förmlich sein Grinsen hören. Ich spürte seine Härte an meinem Oberschenkel. In dem Moment war es vorbei mit dem letzten Rest meiner Selbstbeherrschung. Ich drückte seinen Kopf von mir weg, vergriff mich zu fest in seinen Haaren. Seine Haut war Tabu. Ein Idol durfte nicht zerkratzt werden. Ein Stöhnen löste sich aus meiner Kehle. Nun hatte ich endgültig verloren. Doch das schien ihm nicht genug.
»Sag mir, dass du mich willst«, hauchte er verrucht gegen meine Ohrmuschel. Jemand wie er würde sich nie mit etwas zufrieden geben. »Dann bekommst du mich.« Meine Zähne gruben sich erneut in meine Unterlippe. Rechts. Links. Rechts. Links. So bewegte sich mein Kopf. Den letzten Rest meine Würde wollte ich wahren.
Nicht willig, nachzugeben, ließ ich meine Fingerspitzen über seinen Rücken wandern. Spürte die Muskeln seines körperlichen Trainings unter der weichen Haut. Seine Finger fanden den Weg zurück in mich. »Sag es. Nur diese drei kleinen Wörter: Ich will dich.«
»Fuuto ...«, war das einzige, was ich sagte. Das musste ihm genügen. Natürlich nicht. Rein. Raus. Langsam. Schnell. Tief. Nicht tief. Pure Folter. Pure, süße Folter. »Ich ...« Nein, ich durfte ich nicht. Bloß nicht nachge- »Ich will dich, Fuuto.«
Ich spürte seine Männlichkeit an meiner Weiblichkeit. Langsam drang er in mich ein. Biss mir sanft in den Hals, um von dem anderen Schmerz abzulenken. Doch es war ein süßer Schmerz, den ich aushalten konnte. Er ließ mir etwas Zeit der Eingewöhnung. So ein Gefühl der Ausgefülltheit kannte ich so nicht. Doch dann begann er sich zu bewegen.
So quälend langsam, dass es mir nicht genügte. Trotzdem liefen Schweißperlen an meinem Körper herab. Von seinem ganz zu schweigen. Er hielt sich nur zurück, um mich zu ärgern. Abrupt wurde er schneller, wieder langsamer, dann wieder schneller. Er hatte keinen bestimmten Rhythmus. Tiefer. Schneller. Sinnlicher. Der Knoten bildete sich wieder in meinem Bauch. Größer als zuvor. Krampfhaft hielt ich meine Fingernägel von seiner makellosen Haut fern. Er merkte genau, was sich in mir abspielte. Ich hörte sein leises Schnaufen an meinem Ohr, roch unserer beider Schweiß, der sich vermischte, schmeckte ihn in meinem Mund, fühlte ihn in mir. Dafür brauchte ich nichts sehen zu können. Sein Anblick wäre nur ein Zusatz, den ich nicht benötigte. Was ich nicht kannte, konnte ich auch nicht missen.
»Komm für mich«, raunte er tief in mein Ohr. Mehr benötigte es nicht, um den Knoten explodieren zu lassen. Laut stöhnend ergab ich mich seiner Worte, hechelte danach förmlich nach Luft. Erschöpft lag ich unter ihm, während er sich noch weiter bewegte. Seine Bewegungen wurden ruckartiger, weniger akkurat. Aus dem unbestimmten Rhythmus wurden schnelle Stöße, um sich selber über die Klippe zu stürzen.
Meine Hände suchten Halt, doch fanden keinen. Ich war noch zu geschafft. Schlaff fielen sie zwischen meinen Körper und seine aufgestützten Arme. Tief in mir ergoss er sich stöhnend, ehe er auf mir zusammenbrach. »Gutes Mädchen«, schnaufte er. Wenigstens war er auch erschöpft. Er rollte sich zur Seite, um mich von seinem Gewicht zu entlasten. Doch dann beugte er sich noch einmal über mich. Ich glaube, meine Bettdecke war zu meiner Seite aus dem Bett gefallen. Er deckte uns zu, zog den dünnen Stoff über unsere Körper. »Das müssen wir mal wiederholen«, murmelte er anzüglich in mein Ohr. »Ich kann dir noch so viel beibringen.«
Trotzdem hing klar in der Luft, dass das nichts Ernstes war. Nur Spaß. Spaß an der Freude. Spaß an der Lust. Stiefgeschwister, die miteinander ins Bett stiegen. Er, das strahlende Idol, das viele Mädchenherzen zum Schlagen brachte – Ich, das blinde Mädchen, das am liebsten in seinem Zimmer kauerte, um dem Draußen zu entgehen. Doch ich durfte trotzdem Wärme spüren. Vielleicht nicht die, die sich andere Mädchen in meinem Alter sich wünschten, aber das genügte mir.
Die Luft roch nach uns und nach dem, was wir in meinem Bett getrieben hatten. Damit konnte ich leben. Vielleicht hätte ich es ohne ihn nie erfahren. Was ich vielleicht hätte verpassen können. Man riss sich bestimmt nicht um mich, aber führ ihn war ich eine leichte Beute gewesen. Machte es mir etwas aus? Nein, nicht wirklich. Es genügte vollkommen. Viel mehr konnte ich Stubenhocker doch gar nicht erwarten. Ich konnte froh sein, dass ich wenigstens nicht mehr als blinde Jungfer sterben würde. Das hätte mir missfallen.
Für diese Nacht drückte ich mich an ihn. Hörte den ruhigen Herzschlag in seiner Brust. Verkeilte unsere Füße etwas miteinander. Schmeckte noch immer seine Küsse. Spürte ihn an mir.
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