Letzte Tage

OneshotAllgemein / P12
King Henry II of France Lola
21.11.2016
21.11.2016
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Francis lehnte im Türrahmen, schloss kurz die Augen, als der Schmerz in seinem Kopf zunahm, öffnete sie wieder.
Er hatte von hier einen guten Blick auf den weitläufigen Raum. Gepolsterte Sitze, Teppiche, Vorhänge, Gemälde. Die Wiege, die seinen kostbarsten Schatz barg, und daneben auf einem Schemel die Frau, die ihm dieses Geschenk gemacht hatte.
Lola hatte ihn noch nicht gesehen und rechnete wohl auch kaum mit ihm. Vor dem großen Fenster mit dem wuchtigen Samtvorhang schlichen sich gerade die ersten hellen Streifen in das Dunkelblau der langsam zu Ende gehenden Nacht. Das war eine Zeit für Dienstboten und übernächtigte junge Mütter, nicht für Könige. Doch die Schmerzen hatten ihn nicht schlafen lassen, und so hatte er sich schließlich leise wie ein Dieb aus seinem eigenen Bett geschlichen.
Vielleicht war es ganz gut so, in aller Frühe aufzustehen. Er musste das Beste aus den Tagen machen, die ihm noch blieben.
Francis riss seinen Blick vom langsam heller werdenden Himmel los und sah Lola an. Das dunkle, gelockte Haar fiel ihr übers Gesicht, als sie sich über die Wiege beugte, aus der gurrende Laute drangen, und auch wenn er es nicht sah, konnte er sich ihr zärtliches Lächeln vorstellen und spürte dessen Echo auf seinem eigenen Gesicht.
War es nicht falsch, sie so heimlich zu beobachten? Natürlich war es das. Und doch ertappte er sich immer wieder dabei. Es war herzerwärmend, ihr dabei zuzusehen, wie sie mit ihrem – seinem – Sohn umging, und es war noch mal ein wenig schöner, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Er musste diese Momente bewahren, in sich aufsaugen, solange er konnte, um sie vielleicht, hoffentlich, dorthin mitzunehmen, wo er bald hingehen würde.
Sie war eine wunderbare Mutter. Viele andere adlige Damen hätten die Pflege des Babys den Kinderfrauen überlassen und in weit entfernten Gemächern Schutz vor dem nächtlichen Geschrei gesucht. Sie hätten die Mutterschaft für ein Königskind als einen Handel betrachtet, der mit dessen Geburt weitgehend abgeschlossen war, und fortan einfach die Annehmlichkeiten genossen, die der König von Frankreich ihnen bieten konnte.
Nicht so Lola. Sie war hier, im frühesten Morgengrauen, und hielt diese winzig kleine Hand in ihrer eigenen, leise summend. Sie war keine sonderlich gute Sängerin, doch John schien es zu gefallen. Er gluckste und grapschte mit seiner freien Hand nach Lolas Haar.
Eine warme, kribbelnde Welle fuhr durch Francis' Brust und vertrieb das Stechen in seinem Kopf für einen segensreichen Moment.
Liebte er Lola? Er musste sich diese Frage stellen, um sie vor sich selbst, vor seiner Frau und vor Gott ehrlich beantworten zu können.
Nein, das tat er nicht. Dieser Platz in seinem Herzen war Mary vorbehalten, und keine Frau würde ihn jemals einnehmen können. Lola dagegen hatte ihren eigenen Platz. Sie war eine vertraute Freundin und die Mutter seines Kindes. Seines einzigen Kindes, nun, des einzigen Kindes, das er je kennenlernen würde.
Er spürte einen Stich, als er daran dachte, welchen Schmerz er Mary mit dieser einen Nacht bereitet hatte. Sie war nicht sein gewesen, er hatte gedacht, er hätte sie an Bash verloren, und am Ende hatte sie die ganze Situation in bewundernswerter Weise angenommen – und dennoch...
Die Gefühle in seiner Brust waren so gegensätzlich und passten doch irgendwie zusammen. Er war ihr untreu geworden. Vielleicht nicht nach den Gesetzen der Welt oder der Kirche, aber in seinem Herzen fühlte er die Schuld. Sie verfolgte ihn jeden Tag. Und doch konnte er es keine Sekunde bereuen.
In jener Nacht hatte er nicht wissen können, wie sich die Dinge entwickeln würden, aber nun fühlte es sich richtig an. Hätte es diese Nacht nicht gegeben, wäre sein Sohn nun nicht da, und eine Welt ohne ihn konnte er sich beim besten Willen nicht mehr vorstellen. Immerhin hatte er mit Lola, ohne es zu dem Zeitpunkt zu wissen, eine gute Mutter für seinen Sohn ausgewählt. Es war alles gut, so wie es war.
Eine angenehme Mischung aus Resignation und Zufriedenheit überkam ihn. Er hätte sich Mary als Mutter seiner Kinder gewünscht, und vielleicht würde sie ja noch ein Kind von ihm bekommen. Er hoffte so sehr, dass sie jetzt in diesem Moment bereits schwanger war. Sie hatten sich so oft geliebt in den vergangenen Wochen, es war möglich. Sie war schon einmal von ihm schwanger geworden. Das Kind würde ihr Schutz sein und sein Vermächtnis.
Doch selbst wenn, würde er die Geburt nicht mehr erleben. Dieses Kind war eine Hoffnung, eine Phantasie. John dagegen war da. Er lebte und atmete. Und Lola war seine Mutter, die beste, die er sich für seinen Sohn wünschen konnte.
Er musste wohl ein Geräusch gemacht haben, oder Lola blickte einfach nur durch Zufall auf. Ihre Blicke trafen sich. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung, dann lächelte sie.
„Francis!“
Er erwiderte das Lächeln und es fühlte sich merkwürdig an auf seinem Gesicht. Francis löste sich von dem Halt, den ihm der Türrahmen geboten hatte, und trat näher.
Vor der Wiege blieb er stehen und sah auf Johns kleines Gesicht herab. Er hätte sich gerne eingeredet, dort seine eigenen Züge wiederzufinden, doch in einem Anflug von grausamer Klarheit wusste er, dass es dazu noch zu früh war. Der Junge mochte möglicherweise einmal sein Ebenbild sein – oder auch nicht. Er würde es nie wissen.
Der Gedanke machte ihn traurig, und ihn überfiel die Sorge um Johns Sicherheit, die seit einiger Zeit ständig am Rande seines Bewusstseins nagte.
Er musste ihm ähnlich sehen, wenn er älter wurde, er musste einfach. Wenn es auch nur den geringsten Zweifel gab, würde man ihm die sowieso schon geringen Rechte, die er als Bastard genoss, verweigern, und Lola würde man mit Verdächtigungen, Gerüchten und Bezeichnungen überschütten, die er schnell an den Rand seines Bewusstseins schob, um nicht beim bloßen Gedanken in heiße Wut zu geraten.
Er würde sie beide bald nicht mehr beschützen können.
„Francis, warum bist du so früh wach?“
Lola sah mit einem kleinen Lächeln zu ihm auf. Es war nicht zu übersehen, dass es ihr an Schlaf fehlte. Ihre Haut sah bleich und unregelmäßig aus und unter ihrem rechten Auge zeigte sich eine bläuliche Ader.
Trotzdem war sie in Francis' Augen schön. Sie trug diese Zeichen der Erschöpfung, weil sie sich um seinen einzigen Sohn kümmerte.
Er erwiderte ihr Lächeln, die Hände vor dem Körper verschränkt. „Du bist doch auch bereits wach.“
„Das bin ich schon die ganze Nacht“, antwortete sie und rollte die Augen gen Himmel. „Aber ich habe ja auch nicht die Staatsgeschäfte Frankreichs auf meinen Schultern.“
Francis schluckte. „Nichts ist so wichtig wie das, was du hier tust. Jedenfalls nicht für mich“, sagte er mit belegter Stimme.
Lolas Augen huschten zu ihm hoch, hielten seinen Blick für einen Moment fest. Die Freude in ihrem Blick flößte ihm ein Gefühl von Schuld ein.
Er hatte es ihr noch nicht gesagt. Er musste es ihr sagen. Sie musste vorbereitet sein, wenn er nicht mehr da war, für sich selbst und ihren gemeinsamen Sohn. Heute war der Tag, an dem sie es erfahren würde.
Das hatte er sich auf dem Weg hierher eingeredet und dabei schon gewusst, dass er sich selbst belog und es nicht fertigbringen würde, so wie bei bestimmt zehn Gelegenheiten zuvor.
Francis zog sich einen Schemel heran, ohne dabei seinen Sohn aus den Augen zu lassen. Das Baby fixierte ihn mit einem Blick, der ihm durch Mark und Bein ging, bevor es mit einem leisen Seufzer den Daumen in den Mund nahm und mit halb geschlossenen Augen daran lutschte.
„Er ist stark und gesund“, sagte Lola leise. „Das sagen alle Kinderfrauen und Ärzte, die hier waren, und ich kann es auch selbst spüren.“
Francis hob den Blick, begegnete Lolas müden, doch immer noch wunderschönen blaugrünen Augen, und verspürte einen Anflug dieser Anziehung, die ihn damals in ihr Bett getrieben hatte.
Sie war nun einmal eine schöne Frau, und es gab recht... weltliche Gründe für Johns Entstehen. Und doch, dieses kleine Ziehen in seinen Lenden war nur eine angenehme Erinnerung. Das, was Francis und Lola verband, lag nicht zwischen ihren Beinen, sondern in dieser Wiege.
Er lächelte der Mutter seines Kindes zu, und sie lächelte zurück.
Francis hielt seinen Zeigefinger in die Wiege, und John blinzelte. Ohne den Daumen aus dem Mund zu nehmen, packte er mit der anderen Hand zu, und es ging Francis durch und durch. Sein Sohn mochte sich vielleicht nicht an ihn erinnern, wenn er älter war, aber er selbst würde sich bis zu seinem letzten Augenblick an jeden gemeinsamen Moment erinnern, jeden einzelnen.
In seinem Kopf formte er die Worte, nur um sie dann nicht zu sagen. Lola hatte ein Recht darauf, es zu erfahren, das wusste er, und doch brachte er es nicht über sich, den Frieden dieses dämmrigen Morgens zu zerstören.
Vielleicht wäre es ihm leichter gefallen, das alles zu begreifen und auch in Worte zu fassen, wenn er Genaueres gewusst hätte. Er hatte nicht einmal einen Namen für diese Krankheit, die ihn töten würde. Nostradamus hatte ihm Kräuter gegeben, um seine Schmerzen zu lindern – doch das war auch alles. Er mochte ein wenig länger leben oder auch nicht. Sterben würde er in jeden Fall, und zwar weit früher, als er je geglaubt hatte.
Gefahr war schon immer ein Teil von Francis' Leben gewesen. Erst als Dauphin, nun als König... Wenn er es auch an den Rand seines Bewusstseines gedrängt und gegenüber den Menschen, die er liebte, nie zugegeben hätte, hatte er doch stets geahnt, möglicherweise früh zu sterben. Er war nicht naiv.
Doch in seiner Vorstellung waren es Schwerter und Gifte und Attentäter gewesen, die ihn töteten. Darauf hatte er sich vorbereitet. Kein unbekannter Angreifer ohne Gesicht, in seinem eigenen Körper. Das war weitaus schwerer zu akzeptieren, und nun war es so. Er konnte nicht dagegen ankämpfen. Er konnte nur Vorkehrungen für seine Familie treffen und kostbare Momente in sich aufnehmen – so wie diesen.
Die kleine Hand seines Sohnes umklammerte noch immer seinen Finger. Er sah Lola tief in die Augen und fühlte ihre Verbindung, die nie abreißen würde, nicht einmal, wenn er starb. Der Gedanke war irgendwie tröstlich.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie leise.
„Ja“, antwortete er, und für diesen Moment war das noch nicht einmal gelogen.
Francis' Blick glitt zum Fenster, genau in dem Moment, da sich die Sonne rotgolden gleißend über den Horizont schob und ihr Versprechen eines neuen Tages in den Raum schickte.
Francis schloss für einen Moment geblendet die Augen. Ein neuer Tag. Womöglich sein letzter.
Nostradamus war nicht sicher, wie viel Zeit ihm noch blieb. Es konnten Monate sein, Wochen, oder auch nur Tage.
Francis sah auf Johns friedliches Gesicht hinab und hoffte, dass ihm noch viele letzte Tage bleiben würden.
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