Best of me

von Shirokura
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
20.11.2016
15.05.2019
16
37668
1
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
#15 - You drained my heart


Auch am nächsten Morgen wachte ich lange vor Oliver auf, was mich jedoch nicht weiter störte. Manchmal genoss ich die Ruhe, bevor er aufstand. Es war nicht so, dass ich ihn nicht gern um mich hatte. Im Gegenteil. Ich liebte es, wenn er bei mir war, aber es war auch schön, die morgendliche Stille zu genießen, mit der mein Morgenmuffel so gar nichts anfangen konnte.
Beschwingt drückte ich ihm also einen sanften Kuss auf seine Stirn, bevor ich mir so leise wie möglich eine Shorts, Jogginghosen und irgendein Shirt aus dem Schrank griff und mich auf Zehenspitzen aus den Raum schlich. Das war eigentlich ziemlich unnötig, da Oli schlief wie ein Stein, wenn es ihm erst gelang, seine Einschlafschwierigkeiten zu überwinden, aber trotzdem wollte ich seine wohlverdiente Ruhe auf keinen Fall stören. Der Jetlag war die Hölle, auch wenn er behauptete, dass ihm der Flug nach Hause deutlich schlimmer zusetzte, als der zu mir. Ich konnte ihm das aber nicht so Recht glauben, denn er schlief jedes Mal die ersten drei Tage seines Aufenthaltes bei mir nahezu komplett durch. Konnte natürlich auch an seinen Schlafproblemen generell liegen. Und mir ging es auch nicht anders. Bis man den Jetlag endlich hinter sich hatte und angekommen war, musste man meistens schon wieder zurück nach Hause. Es komplizierte alles wahnsinnig, dass dieser Ozean zwischen uns lag.

Allerdings verlor die Phrase "zu Hause" für mich mehr und mehr an Bedeutung. Viel zu oft erwischte ich mich bei dem Gedanken, dass mein zu Hause war, wo Oli sich aufhielt. Egal, wie sehr ich meine Heimat liebte, wenn er nicht um mich war, verlor sie irgendwie ihren Glanz. Vielleicht sollte ich irgendwann meinen Lebensmittelpunkt nach England verlagern? Zumindest für eine Hälfte des Jahres oder so? Dann könnte man sich die ganze Fliegerei zusätzlich zum Tourstress sparen. Oder wir tourten einfach zusammen. Dann gäbe es kein Problem. Bei dem Gedanken musste ich breit grinsen, denn Oli würde wohl vor Panik spontan der Kopf platzen, wenn ich sowas laut aussprechen würde. So anhänglich er war, wenn wir zusammen waren, so allergisch reagierte er auf solche Gedankenspiele. Aber vielleicht war es auch wirklich noch viel zu früh für solche Maßnahmen. Irgendwann würde einer von uns umziehen müssen, aber das würde bei Oli's Nervosität wohl noch ein oder mehrere Jahre dauern, was vollkommen okay war. Ich hatte es nicht eilig, so lange er mich nur Zeit mit ihm verbringen ließ.

Leise summend schlenderte ich mit meinen Klamotten in der Hand in die Küche, wo ich mich anzog, während die Kaffeemaschine ihren Dienst tat. Ich war erstaunt, wie normal ich mich fühlte, nachdem mir Oli nun höchst offiziell, ohne dass ich es je wieder vergessen könnte, das letzte bisschen Unschuld genommen hatte. Außer dass mir mein Hintern minimal weh tat, fühlte ich eigentlich keinen Unterschied und kam mir schon irgendwie dämlich vor, weil ich etwas anderes erwartet hatte. Was war schon dabei? Tatsächlich musste ich sogar jedes Mal breit grinsen, wenn ich daran dachte, was er alles mit mir angestellt hatte, denn der kühle Brite hatte den Mund nicht zu voll genommen. Er war tatsächlich irrsinnig gut gewesen und hatte mich in Sphären katapultiert, die ich davor nur vom Hörensagen gekannt hatte. Ich hätte nie gedacht, wie sehr ich diese Art von Sex genießen würde. Wie ich so da stand und meinen Kaffee griff, war ich froh, dass alles so gekommen war. Dass meine Ex lieber den Zahnarzt vögelte als mich. Und auch all der Stress danach war nur ein kleiner Preis für das gewesen, was Oli mir gab. Ich war dankbar, mit ihm verbunden zu sein und konnte mir keinen Besseren vorstellen, mit dem ich diese Erfahrungen hätte machen wollen. Mir wohnte, wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben, ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit inne. Als wäre ich ohne jede Einschränkung im richtigen Moment am richtigen Platz. Genau dort, wo ich hin gehörte, denn nichts stand mehr zwischen mir und meinem Liebsten.

Nachdem ich meinen Kaffee getrunken und einen Zettel für Oli hingelegt hatte, verließ ich das Haus für meine morgendliche Laufrunde. Zufrieden mit mir und der Welt setzte ich mich in Bewegung und mit jedem Schritt kam mein Kreislauf etwas mehr in Schwung. Gleichmäßig sog ich die frische Luft ein, genoss das Gefühl, als mein Körper langsam auf Betriebstemperatur kam. Entspannt lief ich am Ufer des nahe gelegenen Sees entlang, genoss die leeren Straßen, die besondere Stimmung um diese Uhrzeit. Ich lächelte sogar. Doch egal, wie sehr ich es liebte, laufen zu gehen, den Rückweg legte ich in neuer Bestzeit zurück.
Wahrscheinlich, weil ich hoffte, dass der Langschläfer sich schon aus den Federn erhoben hatte, doch leider wurde ich in der Hinsicht enttäuscht. Als ich nachsah, lag er nach wie vor schlafend im Bett. Oli hatte sogar den Mund halboffen und röchelte leise vor sich hin, was mein Herz fast zum Platzen brachte vor Zuneigung. Er war so verdammt süß, wenn er schlief. Trotzdem entschied ich mich dazu, ihn noch ein wenig in Ruhe zu lassen, denn er war nicht auszustehen, wenn man ihn grundlos aufweckte.

Ich schlich mich gerade erneut aus meinem Schlafzimmer, als mein Telefon anfing zu vibrieren. Schnell entfernte ich mich von dem Schlafenden und nahm den Anruf meiner Mutter in der Küche an.
"Hey Mom!", flötete ich überschwänglich und sofort fingen wir an, belanglos zu plaudern. Über das Wetter, den Garten, die Verwandtschaft. Ich war prächtig drauf, viel gesprächiger als sonst, bis sie schließlich das Thema aller Themen anschnitt.
"Du bist so gut gelaunt, Schatz. Wann lerne ich den Grund dafür kennen?"
Die Worte blieben mir im Halse stecken. "Ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst. Warum kann ich nicht ohne Fremdeinfluss gute Laune haben?" Versuchte ich zu pokern, denn die Vorstellung, Oli meinen Eltern vorzustellen, traf mich völlig unvorbereitet und gefiel mir ganz und gar nicht. Er würde es hassen und dem niemals zustimmen. Ganz abgesehen davon, dass meine Eltern keinen blassen Schimmer hatten, dass ich nicht so hetero war, wie ich angenommen hatte. Es sprengte meine Fantasie, mir vorzustellen, wie sie wohl reagieren würden, auch wenn ich mir sicher war, dass sie am Ende zu mir, zu uns, stehen würden. Aber wie der Weg dorthin verlaufen würde, vermochte ich nicht zu sagen.
"Ach bitte! Mir kannst du nichts vormachen! Wenigstens den Namen kannst du mir doch sagen." War die Neugier meiner Mutter erst geweckt, war sie unerbittlich und in gewisser Weise verstand ich sie auch. In den Monaten in denen ich keinen Kontakt zu Oli gehabt hatte, hatte ich gelitten wie ein Hund. Sie hatte sich wahnsinnige Sorgen um mich gemacht, gedachte es wäre wegen der Trennung von meiner Ex. Jetzt war sie einfach froh, dass diese Episode in meinem Leben vorbei war und sie ihren Sohn wieder hatte.  Da war es nur natürlich, dass sie Anteil an dem, was in meinem Leben passierte, haben wollte.
"Es ist niemand von Bedeutung. Was willst du da mit dem Namen?" Versuchte ich abzuwiegeln, um das Thema zu beenden. Ich wollte vorher definitiv erst mit Oli sprechen. Das würde schon schwer genug werden, da er mich vermutlich für verrückt erklären würde.
"Das ist doch gar nicht deine Art Jeremy!"
"Mom, ich bin auch nur ein Mann. Manchmal will man eben einfach nur Spaß haben. Nicht der Rede wert, also lass uns jetzt das Thema wechseln."
Endlich spielte sie mit und die nächste halbe Stunde sprachen wir über die verschiedensten Dinge, von der neuen Flamme ihres Nachbarn bis hin zu ihrem Computer, den ich mir unbedingt so schnell wie möglich ansehen musste. Ich versprach ihr sogar schweren Herzens deswegen noch diese Woche bei ihr vorbei zu kommen. Das würde mich locker einen halben Tag ohne kosten, was für mich ein wirklich großes Opfer war.

Ich hatte gerade aufgelegt, da hörte ich Schritte auf der Treppe. Oli war wach! Eine kleine Welle Freude durchspülte mich und ich drehte mich lächelnd um. Das Grinsen fiel mir allerdings sofort aus dem Gesicht, denn Oli war vollkommen angezogen und hatte seinen offenbar gepackten Rucksack auf dem Rücken. Seine Mimik war undurchdringlich.
"Musst du los? Ist was passiert?", fragte ich irritiert und kam mit meinem Kaffee in der Hand näher. Er jedoch ging schnurstracks in den Flur, zog seine Schuhe an und griff seine Jacke. Unruhe wallte in mir auf, während ich ihm folgte. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Warum ignorierte er mich? Als er sich schließlich an der Tür zu mir umdrehte, wurde mir übel von der stumpfen Abgeklärtheit in seinen Augen. Das war nicht der Oliver, den ich kannte. Irgendetwas war passiert.
"Erinnerst du dich an deinen ersten Filmriss damals auf Tour?", fragte er mich ohne jede erkennbare Emotion, weder in seinem Gesicht, noch in seiner Stimme und ohne auf meine Fragen einzugehen. "Du wolltest doch immer wissen, was damals war und inzwischen hast du mir ja mehr als einmal einen geblasen, also schulde ich dir wohl eine Antwort."
Wir wurde unfassbar kalt unter seinem Blick. "Oli… was…"
"Ich hab dich damals geküsst und als ich dir an den Arsch gegangen bin, hast du rumgezickt und gesagt, dass du dich auf keinen Fall von mir ficken lässt." Fuhr er vollkommen ungerührt fort. "Ich hab dir versprochen, dass du das ganz sicher tun wirst. Tja, letzte Nacht hab ich dich endlich rumgekriegt. Hat ein wenig länger gedauert, als gedacht, aber jetzt hab ich ja endlich, was ich wollte. Also bye."
Wie in Zeitlupe hob sich sein Arm und seine Finger umschlossen die Türklinke. Ich kam mir vor, wie im falschen Film. Das konnte doch nicht sein Ernst sein?! Ein scharfer Schmerz in meiner Brust machte mir das Atmen schwer. Ungläubig blinzelte ich. War das vielleicht ein Albtraum?
Das Klirren der auf den dunklen Fliesen zerberstenden Tasse, die mir vor Schock auf der Hand geglitten war, erweckte mich aus meiner Paralyse. Sie war ein Souvenir aus Sheffield gewesen. Nun war sie nur noch ein Haufen Scherben und Kaffee, der träge über den Boden floss.
"Das kannst du nicht ernst meinen!", platzte es aus mir heraus.
Sein spöttisches Grinsen ließ meinen Atem stocken. "Warum denn nicht? Ich bin eben ehrgeizig, wenn ich etwas will."
Ich konnte nicht glauben, dass das wirklich passierte. Dass das wirklich Oli vor mir war. Der Mann, der mir noch vor ein paar Stunden das Gefühl gegeben hatte, das wichtigste auf der Welt für ihn zu sein. Hatte ich mich wirklich so in ihm getäuscht? Das konnte doch nicht alles Schauspielerei gewesen sein! Ich war absolut fassungslos, denn genau genommen brach in diesem Moment meine ganze Welt zusammen.  "Aber…"
"Aber was?" Er sah mich an, als hätte er noch nie jemand so Beschränktes gesehen. "Hast du gedacht, wir sind jetzt zusammen? Hast du wirklich geglaubt, ich würde für eine Vögelei meine Karriere aufs Spiel setzten? Und was soll erst deine tolle amerikanische Familie denken, wenn du ihnen erzählst, dass du jetzt lieber britische Schwänze lutschst? Mach dich nicht lächerlich!"
Mit offenen Mund starrte ich ihn an. Er meinte es ernst. Er meinte diese ganze verfickte Scheiße ernst! "Weißt du was? Ja, das hab ich geglaubt!", schrie ich ihn unvermittelt an. Innerhalb von Sekunden war ich so aufgebracht, wie noch nie in meinem Leben. Scheiß drauf, was er von mir denken würde! Scheiß drauf, ob er lachen würde! "Ich hab wirklich geglaubt, du wärst das Beste, was mir je passiert ist! Trotz allem!"
Er dagegen lachte nur abfällig. "Denk an mich, wenn du "Best of me" singst." Vollkommen entspannt öffnete er die Tür und verließ mein Haus. Ich konnte es immer noch nicht glauben.
"Verfickte Scheiße, du kannst doch nicht einfach abhauen!", brüllte ich ohnmächtig, als er mit großen Schritten meinen Garten durchquerte, sich viel zu schnell und viel zu endgültig von mir entfernte.
Sein emotionsloser Blick, als er mich ein letztes Mal über seine Schulter ansah, brannte sich tief in mein Gedächtnis. Genauso wie seine Worte, die sanft und melodisch an mein Ohr drangen: "Natürlich kann ich das, Honey."
Ich wollte ihm nach, doch in meiner Panik trat ich in die Scherben. "Fuck!", brüllte ich vor Schmerz, doch er drehte sich nicht um. Mit letzter Kraft schloss ich die Tür, bevor ich mir die Splitter aus dem Fuß pulte. Weinend und blutend saß ich dort für Stunden. Ich konnte nicht aufstehen, wollte nicht, doch das war nur der Anfang. Es folgten zwei Wochen, in denen ich glaubte, vor Schmerz streben zu müssen, doch dann rappelte ich mich endlich auf. Ich wusste, dass es dieses Mal endgültig war, also gab ich mein Bestes, um wenigstens nach außen hin zu funktionieren. Ich denke ich schaffte es ganz gut. Brach nur zusammen, wenn ich allein war.
Ohne ihn sein war unglaublich schwer, doch ich würde niemals, nicht in 1000 Jahren auch nur den kleinsten Schritt auf ihn zugehen. Niemals. Mein Herz lag auch Monate, selbst Jahre, später noch in Trümmern und ich lebte stoisch in den Ruinen meiner selbst  weiter, um die ich stur eine perfekte Kulisse gebaut hatte. Wenn wir uns irgendwo beruflich über den Weg liefen, zog ich meine Standardshow ab. Lachte ihm mitten ins Gesicht, tat so, als würde nicht alles in mir schreien. Doch jedes Mal, wenn ich ihn sah,  nur die ersten Töne eines Songs von ihm hörte oder seine Stimme in einem Interview, wehte ein eiskalter Wind durch die Trümmer meiner selbst und ließ alles erfrieren, was dort versuchte, zu wachsen. Jede Liebe, jedes Glück, jedes Lachen. Meine Wunden waren zwar verheilt, doch die Narben würden bleiben.
Ich würde niemals vergessen, was er in mir geschenkt hatte, nur um es mir dann ohne eine echte Erklärung wieder zu nehmen.

++++++
Und das war's dann auch schon wieder mit der Story.
Herzlichen Dank für's Lesen, Reviewen und Favorisieren! Und sorry, dass ich so lange gebraucht habe, um die Geschichte endlich abzuschließen. Ich wollte mich wohl nicht so recht von den beiden trennen.

Update: Ich reiche noch eben die Pics nach!  
Byebye Oli: https://thumbs.gfycat.com/ConcernedShyKinglet-size_restricted.gif
Byebye Jeremy: https://thumbs.gfycat.com/AnySoulfulFlyingfish-max-1mb.gif
Review schreiben