Von Ungeheuern und elynischem Fusel

OneshotHumor, Freundschaft / P12
Administrator Lorlen Hoher Lord Akkarin Lord Margen
20.11.2016
20.11.2016
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Widmung: Diese Geschichte widme ich der lieben Lady Alanna als Entschädigung für sie-weiß-schon-was ;)


Hallo ihr Lieben und herzlich willkommen zu einer neuen Kurzgeschichte, die euch hoffentlich ein wenig die Wartezeit auf Teil 2 der „Schwarze-Sonnen-Trilogie“ versüßt. Tatsächlich entstand diese Geschichte vor einem Jahr im Zusammenhang mit „Schwärzer als die Nacht“ und dem Bromance-Wettbewerb, welchen ich jedoch mit Von Strippenziehern und besten Freunden bestritt, die einige von euch vielleicht gelesen haben.

Diese kleine amüsante Geschichte bietet euch daher einen kleinen Vorgeschmack auf einige Rückblenden in „Schwärzer als die Nacht“ und ist zugleich ein Test für ein längeres Projekt, dass ich für den CampNaNoWriMo im nächsten Sommer angedacht habe, nachdem mich das Schreiben dieser Rückblenden vergangenes Jahr so sehr dazu inspiriert hat.


Last but not least möchte ich von Herzen meiner Testleserin Misses Weibsstück danken, die mir die Geschichte mit dem Kommentar, dass die beiden sie an ihre beiden Pubertiere erinnern, zurückgab <3


Und jetzt habt viel Spaß beim Lesen! :)



Von Ungeheuern und elynischem Fusel



Das war eine Unterrichtsstunde nach meinem Geschmack!“ In einer lässigen Bewegung warf Akkarin sich seine Tasche über die Schulter und startete in Richtung der Universität. „Ich dachte schon, Lord Balkan lässt uns nie gegeneinander kämpfen. Das ganze Jahr über haben wir nicht als langweilige Theorie und Trockenübungen gemacht!“

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich mich darüber freue.“ Atemlos schloss Lorlen zu ihm auf, während er versuchte, den Riemen seiner Tasche in eine Position zu bringen, mit der es sich bequem gehen ließ. Akkarin war derweil mit langen Schritten vorausgeeilt, seine Bücher und die Mappe mit den Notizen unter einen Arm geklemmt, wie immer nur minimal ausgerüstet. Lorlen fragte sich insgeheim, wie er auf diese Weise überhaupt etwas lernen konnte.

„Wieso nicht?“, fragte Akkarin ohne sich umzudrehen. „Kämpfen ist endlich einmal eine sinnvolle Anwendung von Magie.“

Sie verließen den Tunnel, der aus der Arena herausführte, und traten ins Freie. Für einen Herbsttag war es noch einmal überraschend warm geworden und das allmählich vertrocknende Laub an den Ästen der Bäume auf dem Universitätsgelände raschelte in einer leisen Brise.

„Heilen ist eine sinnvolle Anwendung von Magie“, entgegnete Lorlen ernsthaft.

„Heilen ist etwas für Mädchen.“ Akkarin bedachte seinen Freund einem abschätzenden Seitenblick. In seinen dunklen Augen blitzte ein feixender Ausdruck auf, den Lorlen hassen gelernt hatte. „Du stehst auf Darea, das ist es nicht wahr?“

Lorlen bedachte ihn mit einem finsteren Blick. „Bist du eifersüchtig?“, stichelte er.

Akkarin schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nur keinen anderen Grund vorstellen, wie so ein männlicher Magier sich für Heilkunst interessieren sollte.“

„Vielleicht um anderen Menschen zu helfen?“

„Eine mädchenhaftere Antwort hättest du nicht …“ Auf den Stufen zur Universität hielt Akkarin inne. „Haben wir jetzt etwa das Ungeheuer?“

Lorlen nickte unglücklich. Lord Margen war der fleischgewordene Albtraum eines jeden Novizen. Niemand in ihrer Klasse konnte ihn leiden. Er war streng und dabei überaus unfair. Vergessene Hausaufgaben und Störungen des Unterrichts bestrafte er so hart, dass Lorlen den Nutzen dieser Strafen ernsthaft anzweifelte.

Seinem Freund entfuhr ein Fluch. „Ich habe meine Hausaufgaben vergessen! Er wird mir schon wieder eine Strafarbeit geben.“

„Dieses Mal lasse ich dich nicht abschreiben“, warnte Lorlen. „Was das angeht, hast du meine Nettigkeit in letzter Zeit zu sehr ausgereizt. Außerdem wird er das merken.“

„Komm schon Lorlen!“, drängte Akkarin. „Ich helfe dir dafür bei den Hausaufgaben für Geschichte.“

„Als ob du dich für Geschichte interessieren würdest!“

Akkarin erwiderte nichts darauf. Lord Skorans Unterricht war langweilig und trocken. Während Lorlen die drögen Monologe des betagten Historikers mitschrieb, schwante ihm, dass Akkarin in Wirklichkeit nur so tat, als würde er mitschreiben.

„Wenn ich dich abschreiben lasse, kommen wir beide zu spät“, wandte Lorlen ein. „Und dann gibt er mir auch eine Strafarbeit.“

„Dann lassen wir die Stunde einfach ausfallen“, entgegnete Akkarin schulterzuckend. Er drehte sich um und stieg die Stufen hinab. „Kommst du? An einem so wunderbaren Tag sollte man keine staubigen Bücher über Alchemie wälzen.“

„Oh, nein!“, rief Lorlen. „Nicht mit mir! Bloß weil du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast, werde ich nicht mit dir den Unterricht schwänzen!“

„Komm schon, Lorlen. Das wird Spaß machen. Außerdem ist danach Mittagspause. Das heißt, wir werden ausgeruht für den Nachmittagsunterricht sein. Auch wenn der alte Skoran wahrscheinlich gar nicht merken würde, wenn wir während seiner langweiligen Vorträge einschlafen.“

In Momenten wie diesen fragte Lorlen sich, ob das Studium für seinen Freund nicht ein einziger Scherz war. Nun, vielleicht nicht, was die Kriegskunst betraf. Akkarin hatte sehr früh begonnen, diese Disziplin zu favorisieren, was indes zu bewirken schien, dass ihn die restlichen Kurse nicht interessierten.

„Lord Skoran …“, sagte Lorlen langsam. „Können wir nicht lieber seinen Unterricht schwänzen?“

Ich habe meinen Aufsatz für Geschichte geschrieben“, sagte Akkarin. „Du deinen etwa nicht?“

„Doch.“

„Also, wo ist dann das Problem? Du kannst das Ungeheuer doch ebenso wenig leiden, wie ich.“

„Ich …“, begann Lorlen und brach dann ab, als der Universitätsgong über das Gelände schallte. Er stieß einen resignierten Seufzer aus. Lord Margens Reaktion auf Zuspätkommen gehörte nicht zu den Dingen, die er am eigenen Leib erfahren wollte. „Jetzt können wir auch gleich schwänzen.“

Akkarin schenkte seinem Freund ein gewinnendes Lächeln. „Ich wusste, du würdest mir zustimmen.“

Lorlen musterte ihn mit schmalen Augen. „Jetzt tu nicht so, als wäre das dein Verdienst“, grollte er.

Sein Freund grinste selbstgefällig. „Sagen wir, die Zeit hat mich unterstützt.“

Wundervoll!, dachte Lorlen. Das wird wirklich Ärger geben. „Du weißt, dass ich das nur tue, weil ich dein Freund bin?“, fragte er.

Das Grinsen wurde breiter. „Selbstverständlich.“

Lorlen verdrehte die Augen. „Also gut, ich lasse dich die Hausaufgaben abschreiben, damit wir nächste Stunde wenigstens diese vorweisen können. Dafür überlegst du dir eine gute Ausrede, warum wir nicht da waren.“

„Ich bin sicher, mir wird etwas einfallen.“ Akkarin nickte in Richtung des Parks. „Und jetzt kommt, sonst erwischt er uns noch.“

„Und wohin sollen wir gehen?“, fragte Lorlen, während er am Schulterriemen seiner Tasche nestelnd seinem Freund hinterhereilte. „Ins Novizenquartier können wir nicht. Lord Ahrind wird uns verraten.“

„Du wirst schon sehen“, erwiderte Akkarin geheimnisvoll.

Zügig, jedoch ohne zu rennen, eilten sie in Richtung des Heilerquartiers. Doch anstatt dorthin zu gehen, bog Akkarin in den Wald ab.

„Was sollen wir im Wald?“, fragte Lorlen verwirrt. „Ich dachte, wir verstecken uns irgendwo in der Universität.“

„Zu auffällig.“ Akkarin wandte sich um, ein nur allzu vertrautes Leuchten in seinen Augen. „Ich war noch nie hier. Das ist die perfekte Gelegenheit, den Wald zu erkunden. Vielleicht entdecken wir etwas Aufregendes.“

Lorlen hob eine zweifelnde Augenbraue. Auf solche Ideen konnte nur Akkarin kommen. Alles, was auf dem Gelände der Gilde von Bedeutung war, befand sich im vorderen Teil in den Gebäuden oder in ihrer Nähe.

„So ganz überzeugt bin ich nicht davon, aber ich gebe zu, dass deine Idee besser ist, als was mir vorgeschwebt ist“, sagte er. Er konnte sich nicht vorstellen, dass das Ungeheuer sie hier suchen würde. Vielmehr würde Margen denken, sie würden sich in einem der zahlreichen Winkel und Ecken der Universität verstecken. Jenseits der Hauptkorridore gab es genug verborgene Türen, hinter denen versteckte Passagen und kleine Zimmer mit gemütlichen Sesseln versteckt waren. Lorlen und Akkarin hatte sie entdeckt, als sie sich gleich in ihrer ersten Woche auf dem Weg zu Novizenbibliothek verlaufen hatten.

Nach einer Weile stieg der Weg an und Lorlen begann unter dem Gewicht seiner Tasche zu schnaufen. Akkarin schien die Steigung nichts auszumachen. Für gewöhnlich bewunderte Lorlen seinen Freund für seine Ausdauer, die zweifelsohne daher kam, dass dieser in seiner Freizeit mit dem Schwert trainierte – eine körperliche Betätigung, deren Sinn Lorlen sich nicht erschloss, wenn man Magie hatte, um sich zu verteidigen und darin auch noch ziemlich talentiert war. Jetzt verfluchte er ihn jedoch.

Einen leisen Fluch murmelnd rückte er seine Tasche zurecht.

Akkarin wandte sich zu ihm ohne innezuhalten um. „Warum stellst du deine Tasche nicht einfach ab und nimmst nur deine Hausaufgaben für Alchemie mit?“

„Weil ich keine Lust habe, die Tasche nachher zu suchen“, gab Lorlen zurück.

„Wie du meinst.“ Sein Freund sah den Hügel empor. „Ich glaube, wir sind bald oben.“

„Dann hoffe ich, dass du dich nicht irrst“, brummte Lorlen.

Akkarin verlangsamte seinen Schritt, so dass Lorlen zu ihm aufschließen konnte. Vor ihnen lichtete sich der Wald und der Weg flachte ab. Zwischen den Bäumen erblickte Lorlen eine Gruppe Felsen umgeben von Gras. Über dem Rascheln des Laubes im Wind und dem Gezwitscher der Vögel drang ein leises Plätschern an sein Ohr.

„Perfekt!“, erklärte Akkarin und ließ sich auf einem der Felsen nieder, der eine natürlich geformte Sitzfläche bot. „Hier wird uns das Ungeheuer nicht finden.“

Zögernd setzte Lorlen sich neben ihn. Der unbequeme Sitz war nicht allzu breit und so mussten sie zusammenrücken. Obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass Lord Margen hierher kam, fühlte er sich nicht wohl dabei, dem Unterricht fernzubleiben. Lord Margens Strafpredigt für Zuspätkommen war indes keine angenehmere Aussicht gewesen. Wenn wir beide in der nächsten Stunde unsere Hausaufgaben vorweisen können, wird er uns die Ausrede vielleicht glauben, überlegte er. Sofern Akkarin sich eine gute ausdenkt.

„Bist du sicher, Akkarin?“, fragte er.

Sein Freund lachte. „Kannst du dir etwa vorstellen, dass er diesen Berg hier hochklettert?“

Die Vorstellung war so absurd, dass Lorlen in sein Gelächter mit einstimmte. „Nicht wirklich!“

Er öffnete seine Tasche und zog seine Alchemienotizen heraus. „Hier“, sagte er und reichte seinem Freund die Mappe. „Aber ich erwarte, dass du den Text so umschreibst, dass es nicht mehr aussieht, als hättest du von mir abgeschrieben. Sonst war das das letzte Mal, dass ich dir geholfen habe.“

Akkarin machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „Das ist das kleinste Problem.“

Während er die Notizen auf dem Boden ausgebreitet seine Hausaufgaben machte, zog Lorlen seine Ausgabe von Heilkräuter und ihre Anwendungsgebiete aus seiner Tasche. Das Buch war kein offizielles Lehrbuch, Lady Vinara hatte es ihm auf Grund seines Interesses an diesem Thema als ergänzende Lektüre empfohlen. Akkarin hatte ihn dafür ausgelacht, woraufhin Lorlen nur verärgert geantwortet hatte, dass er ihm seine Unterstützung in dieser Disziplin verweigern würde, wenn er so weitermachte. Und vermutlich schwieg dieser nun aus ähnlichen Gründen.

„Ein netter Platz“, sagte Akkarin, nachdem er Lorlen seine Notizen zurückgegeben hatte. Anerkennend sah er sich um. „Wir sollten öfter hierher kommen, anstatt zum Ungeheuer zu gehen.“

Mir wäre es lieber, würden wir uns das für die Freistunden aufsparen, wollte Lorlen sagen, doch sein Freund hatte sich erhoben und begann die Felsformation zu erkunden.

„Ah, hier kommt also das Wasser für das Badehaus her!“, hörte Lorlen ihn rufen. „Ich wette, wenn wir diesem Bach folgen, kommen wir zurück zur Universität!“

Sich mit seiner Tasche zwischen zwei Felsen durchzwängend folgte Lorlen seinem Freund. Dahinter erblickte er weitere Felsen, zwischen denen Wasser hervorsprudelte, sich seinen Weg zwischen den Steinen hindurch bahnte, um dann munter den Hang hinabzuplätschern.

„Sieht ganz so aus“, murmelte er.

Akkarin wandte sich zu ihm um, ein verheißungsvolles Leuchten in seinen Augen. „Hier könnten wir uns ungestört unterhalten oder magische Spiele spielen. Wir könnten sie hier verstecken, so dass wir sie nicht immer mitnehmen müssen.“

„Solange du nicht deine Mädchen hierher bringst“, warnte Lorlen.

Akkarin bedachte ihn mit einem strengen Blick. „Lorlen, das hier wird unser Platz.“ Er legte einen Arm um Lorlens Schulter. „Vergiss die Mädchen. Die kann ich überall verführen. Tatsächlich kenne ich da so ein paar Plätze in der Universität …“

„Ich will es nicht wissen!“, rief Lorlen.

Akkarin lachte. „Ich würde dir die Details auch nicht erzählen.“ Er klopfte Lorlen auf die Schulter und ließ dann von ihm an. „Ich kann zwischen liebreizenden Novizinnen und meinem besten Freund unterscheiden. Also mach dir keine Sorgen.“

Lorlen schnitt eine Grimasse. „Ich versuche es.“

Eine Weile standen sie nur da und genossen die friedliche Stille. In einer Lücke zwischen dem in warmen Farben leuchtenden Meer aus Bäumen erhaschte Lorlen einen Blick auf das Goldbraun gemähter Tennfelder. Dahinter zog sich ein glitzerndes Band am Horizont entlang – der Tarali.

„Wir sollten zurück“, sagte Lorlen schließlich.

„Allerdings“, stimmte Akkarin zu. „Denn ich bin inzwischen ziemlich hungrig.“
Lorlen nickte. „Ich auch.“


***


„Sieht aus, als hätten wir das alte Ungeheuer heute erfolgreich gemieden.“ Erfreut hielt Akkarin am Rande des Unterholzes inne und ließ seinen Blick über das Universitätsgelände schweifen, das nun mit Novizen gefüllt war, die die warme Herbstsonne nutzten, um ihre Hausaufgaben im Freien zu erledigen.

Lorlen kam neben ihm zum Stehen. Seine Tasche war verrutscht und er brachte sie wieder in Position, womit er seine Robe in Unordnung brachte. „Aber er wird es herausfinden.“ Ärgerlich zupfte er den braunen Stoff zurecht. „Was sagen wir ihm nächste Stunde, wo wir waren?“

Akkarin runzelte die Stirn. „Wir sagen, dass wir bei Lady Vinara nachsitzen mussten.“

„Dann wird er zu Lady Vinara gehen und fragen, warum sie ihm nicht bescheid gesagt hat.“

„Dann waren wir krank.“

„Dann wird er bei Lord Ahrind anfragen, ob wir in unseren Zimmern waren.“

Akkarin verdrehte die Augen. „Dann lass du dir eine plausible Ausrede einfallen.“

„Oh nein!“, wehrte Lorlen ab. „Wir hatten gesagt, das ist deine Aufgabe.“

Akkarin erwiderte nichts darauf. Sein Blick war auf ein Mädchen gerichtet, das auf einer Gartenbank saß und in einem Buch las. Darea.

„Ich werde sie fragen, ob sie am Freitag mit mir ausgeht.“

An dem Ausdruck in seinen Augen erkannte Lorlen, dass das Mittagessen unwichtig geworden war. Er unterdrückte ein Seufzen. Inzwischen hatte sein Magen bedenklich zu rumpeln begonnen. „Was, wenn sie dir einen Korb gibt?“

„Das bezweifle ich.“ Sein kurzes Haar glattstreichend warf Akkarin sich in die Brust und schritt voraus. „Komm mit“, forderte er Lorlen auf. „Sieh zu und lerne.“

„In jedem Fall sollten wir beide unsere Hausaufgaben für die heutige und für die nächste Stunde machen“, sagte Lorlen, während er versuchte, mit Akkarins langen Schritten mitzuhalten. „Damit können wir das Ungeheuer vielleicht ein wenig besänftigen.“

„Um die Hausaufgaben für die nächste Stunde zu machen, müssten wir erst einmal wissen, was heute dran war“, wandte Akkarin ein.

„Wir können Niamo fragen. Der passt immer beim Ungeheuer auf.“

„Wozu den Vindo fragen, wenn Darea es mir gleich sagen wird?“ Lorlen einen warnenden Blick zuwerfend schritt Akkarin auf die Bank zu. Auf seine Schritte hin hob das Mädchen den Kopf. Als ihr Blick auf Akkarin fiel, breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, für das Lorlen gestorben wäre.

„Hallo Darea“, grüßte Akkarin. „Welch herrlicher Nachmittag!“

„Hallo Akkarin“, erwiderte Darea. Sie neigte sich zur Seite und ihr Blick fiel auf Lorlen, der ein Stück zurückgeblieben war. „Und Lorlen.“ In einer demonstrativen Geste klappte sie ihr Buch zu. „Ihr wart nicht in Alchemie.“

„Wir waren mit einem anderen Projekt beschäftigt“, antwortete Akkarin wichtigtuerisch. „Wenn du willst, dann zeige ich es dir.“

Sie musterte ihn zweifelnd. „Aber nicht während des Unterrichts. Im Gegensatz zu euch respektiere ich meine Lehrer.“

„Wie wäre es dann am Wochenende? Wir hätten den ganzen Tag Zeit. Für eine ausführliche Vorstellung sozusagen.“

- Ich dachte, das wäre unser Platz, sandte Lorlen verärgert.

Akkarin erwiderte nichts darauf. Darea hatte ihm derweil einen neugierigen Blick zugeworfen und Lorlen ärgerte sich über seine Dummheit. Daran, wie sie ihn erst angesehen hätte, hätte er seien Freund für eine private Gedankenrede an dessen Hand oder Arm berührt, wollte er gar nicht erst denken.

„Also, Darea. Was sagst du?“

Ihre Klassenkameradin warf einen Blick auf das Buch in ihren Händen. „Sagen wir Freitagnachmittag. Ich möchte nämlich auch lesen.“

Wie um alles in der Welt macht er das?, fuhr es Lorlen durch den Kopf. Akkarin war sein bester Freund, aber er hatte nichts als Flausen im Kopf und schien mehr daran interessiert, seinen Lehrern Ärger zu bereiten, als ernsthaft zu studieren. Was fanden die Mädchen an ihm?

„Was liest du denn?“, fragte Akkarin sich über das Buch in Dareas Händen beugend.

„Das ist …“, begann sie und brach dann ab, als eine zornige Stimme irgendwo hinter Lorlen dröhnte: „Akkarin! Lorlen! Sofort hierher!“

Lorlens Herz setzte einen Schlag aus. Lord Margen. Das Ungeheuer.

Darea warf ihnen einen mitleidigen Blick zu, der zugleich so viel besagte, wie „das hätte ich euch gleich sagen können.“

Mit einem gespielt selbstsicheren Lächeln zwinkerte Akkarin ihr zu, dann wandte er sich um.„Guten Tag, Lord Margen“, sagte er und verneigte sich übertrieben tief.

„Du und Lorlen“, knurrte der Alchemielehrer, „wo habt ihr euch vorhin herumgetrieben?“

„Ich …“, begann Akkarin. Mit einem Mal schien er all seine Selbstsicherheit verloren zu haben, „wir …“

„Wir dachten, Alchemie würde heute ausfallen, Mylord“, kam Lorlen ihm zur Hilfe. „Es tut uns leid. Offenkundig wurden wir falsch informiert.“

Dafür schuldest du mir einen Gefallen, den du in deinem Leben nicht mehr gutmachen kannst ...

„Ja“, fiel Akkarin mit ein. „Jemand wollte sich wohl für einen Streich an uns rächen und hat behauptet, dass wir eine Doppelfreistunde hätten.“

Die stählernen Augen des Ungeheuers bohrten sich erst in seine, dann in die Lorlens. Unwillkürlich zuckte Lorlen zurück.

„Mitkommen“, befahl Margen. „Alle beide.“

Beklommen folgten Akkarin und Lorlen ihrem Lehrer in leeres Klassenzimmer im Keller der Universität.

„Setzen!“, befahl das Ungeheuer. „Von heute an werdet ihr einen Monat lang jede Mittagspause nachsitzen. Die komplette Mittagspause. Das Mittagessen ist während dieser Zeit für euch beide gestrichen. Und es wird euch auch kein Diener und keiner eurer Klassenkameraden etwas zu Essen zustecken. Habt ihr das verstanden?“

Akkarin senkte den Kopf. „Ja, Mylord“, sagte er ungewöhnlich kleinlaut.

„Ich werde Rektor Jerrik über Euer Fehlverhalten informieren“, fuhr das Ungeheuer fort. „Ihr werdet beide einen Eintrag in Eure Akte erhalten.“

Lorlen spürte, wie der Zorn in ihm übermächtig wurde. Es war Akkarins Aufgabe gewesen, sich eine Ausrede zu überlegen. Wie konnte er gegenüber dem Ungeheuer so kleinbeigeben?

Er stand auf. „Bitte, Mylord. Es war meine Idee. Ich habe Akkarin angeboten, ihm mit den Hausaufgaben für Alchemie zu helfen. Darüber haben wir wohl die Zeit vergessen. Als uns auffiel, wie spät es war, hatte der Unterricht schon längst angefangen und wir haben uns nicht getraut, nachzukommen.“

„Und da dachtet Ihr, die Stunde ausfallen zu lassen, wäre die bessere Option?“, fuhr das Ungeheuer ihn an.

„Ich …“, begann Lorlen und schwieg dann. Er war sich der Tatsache, dass sie besser daran getan hätten, zum Unterricht zu gehen, wohlbewusst. Doch in dem Augenblick, in dem sie sich entschieden hatten, Alchemie zu schwänzen, war Flucht die einfachere Alternative gewesen.

„Du hast mich schwer enttäuscht, Lorlen. Von dem da“, das Ungeheuer wies auf Akkarin, „erwarte ich ohnehin nicht mehr viel.“ Kopfschüttelnd wandte Margen sich wieder zu Lorlen, eine Miene unheilvoller denn je. „Aber von dir hätte ich erwartet, dass du zum Unterricht erscheinst. Wenn jemand seine Hausaufgaben nicht macht, dann ist das nicht dein Problem. Hast du das verstanden?“

Erbost baute Lorlen sich vor seinem Lehrer auf. Akkarin mochte zuweilen ein ziemlicher Idiot sein, aber in dem knappen Jahr, das sie nun hier waren, hatte Lorlen ihm auch einiges zu verdanken. Wer ihn beleidigte, beleidigte auch Lorlen.

„Das nennt man Freundschaft, Lord Margen!“

Eine Ader auf Marguns Schläfe begann bedrohlich zu pulsieren. „Für deine Frechheiten bekommst du einen Monat Dienst in der Magierbibliothek.“

Einen Monat? „Das … das ist viel, Lord Margen“, stammelte Lorlen. „Niemand bekommt fürs Schwänzen eine solche Strafe.“

„Weil die anderen, die schwänzen, nicht so freche Antworten geben.“ Ihm und Akkarin einen letzten warnenden Blick zuwerfend verließ das Ungeheuer das Klassenzimmer. Die Tür fiel wütend hinter ihm zu.

Als seine Schritte nicht mehr zu hören waren, wandte Lorlen sich zu Akkarin, der sich mit vor der Brust verschränkten Armen an einem der Tische niedergelassen hatte und vor sich hinstarrte. „Was sollte das vorhin?“, fuhr Lorlen ihn an. „Wir hatten ausgemacht, dass du dir eine Ausrede einfallen lässt und dann lässt du mich im Stich?“

„Ich hatte eine Ausrede“, antwortete Akkarin finster. „Aber sie hat nicht funktioniert.“

„Du hättest mich wenigstens ein wenig unterstützen können“, gab Lorlen zurück. „Jetzt darf ich einen Monat lang Dienst in der Magierbibliothek schieben. Bei Lord Jullen!“

„Heh, ich bin immerhin auf die Idee mit dem Streich gekommen.“

Lorlen schnaubte. „Was auch so unheimlich viel gebracht hat!“

„Tut mir leid. Ich dachte, das Ungeheuer wäre leichter zu überzeugen.“

„Er ist das Ungeheuer!“, rief Lorlen. „Was hast du erwartet? Bei den Mädchen bist du immer so kreativ – warum nicht auch im Erfinden von Ausreden? Und was sollte das, dass du Darea die Quelle zeigen wolltest? Ich dachte, das wäre unser Platz!“

„Habe ich je gesagt, dass ich mit ihr dorthin gehe?“, gab Akkarin zurück. „Nein. Ich habe versucht, aus ihr herauszubekommen, was wir verpasst haben. Noch eine Minute länger und sie hätte mir ihre Notizen gegeben.“

„Aber das hat sie nicht.“ Wütend gestikulierte Lorlen mit seinen Händen in der Luft. „Verdammt, Akkarin! Ich wollte dir helfen. Weil ich so blöd war, mich darauf einzulassen, darf ich jetzt nicht nur nachsitzen, sondern darf mich einen Monat lang von diesem Sklaventreiber Jullen herumscheuchen lassen.“

Akkarin zuckte die Schultern. „Dann hättest du nicht sagen sollen, dass das hier deine Schuld gewesen wäre“, sagte er leise.

Lorlen bedachte ihn mit einem finsteren Blick. „Du willst es nicht verstehen, nicht wahr?“

„Was?“

Erregt schnappte Lorlen nach Luft. „Weißt du was? Lass mich einfach in Ruhe.“


***


Erst, nachdem es zum Nachmittagsunterricht geläutet hatte, entließ das Ungeheuer sie. Lorlens Hunger war derweil einem kalten Zorn gewichen. Nach dieser Mittagspause hasste er Akkarin leidenschaftlich. Es war seine Schuld, dass er einen Monat lang Nachsitzen und Dienst in der Magierbibliothek verrichten musste. Er war dumm gewesen, sich zum Schwänzen überreden zu lassen. Und er fand, Akkarin hätte sich nicht aus der Affäre ziehen dürfen, als Margen aufgetaucht war.

Und ich war so dumm, die ganze Schuld auf mich zu nehmen, dachte er düster.

„Kommst du nachher mit zum Abendessen?“, fragte Akkarin, als sie Lord Skorans Klassenzimmer verließen.

Ist das sein Ernst?, fragte Lorlen sich. Nach ihrem Streit hatten sie kein einziges Wort mehr miteinander gesprochen. Für seinen Geschmack hatte er Akkarin an diesem Tag bereits genug nachgegeben.

„Nein. Ich werde in die Bibliothek gehen und versuchen, den versäumten Unterricht aufzuholen“, antwortete er kühl.

„Lass uns doch erst essen und dann gehen wir lernen.“

Entgeistert starrte Lorlen den anderen Novizen an. „Denkst du, nach dieser Aktion würde ich noch mit dir lernen wollen?“, entfuhr es ihm.

Mit einem theatralischen Seufzen hielt Akkarin inne. „Lorlen, wie oft soll ich dir noch sagen, dass es mir leidtut?“

„Mach, was du willst“, grollte Lorlen. „Aber lass mich einfach in Ruhe.“ Vielleicht traf er Darea in der Bibliothek. Dann konnte er ihr sagen, mit welch blödem Enka sie sich verabredet hatte. Wütend rückte er seine Tasche zurecht und stapfte davon. Im Laufen zerrte er wiederholt an dem Schulterriemen. Schließlich setzte er die Tasche in einem Seitengang ab und räumte die Bücher aus, die er in seinem Zorn lieblos hineingestopft hatte.

„So ein blöder Enka“, fluchte er vor sich hin. „Denkt er, er könne mich herumkommandieren?“

Nachdem er die Bücher sortiert hatte, war es ein wenig besser. Gut fühlte es sich dennoch nicht an. Allerdings war Lorlen zu wütend, um sich in irgendeiner Weise wohl in seiner Haut zu fühlen.

Das Lernen in der Novizenbibliothek verlief zäh. Der Zorn, der noch immer wie ein kaltes Feuer in ihm brannte, hinderte Lorlen daran, sich auf seine Bücher und Notizen zu konzentrieren. Das Getuschel der Novizen am Nachbartisch bessere seine Laune derweil nicht gerade. Als Lady Tya erklärte, sie würde die Bibliothek nun schließen, klappte Lorlen seine Bücher mit einem Seufzen zu und stopfte sie in seine Tasche. Zu wütend, um sich noch daran zu stören, dass die Tasche den Stoff seiner Robe in die unmöglichsten Richtungen verzog, trottete er zum Novizenquartier. Er war erleichtert, keine Spur von Akkarin zu entdecken. Einzig Lord Ahrind, der in der Eingangshalle herumlungerte, beäugte Lorlen finster, als er eintrat und auf die Treppe zu schritt.

Was für ein Tag!, dachte Lorlen, als er seine Tasche in die nächste Ecke seines Zimmers warf. Am nächsten Tag würde seine Strafe bei Lord Jullen beginnen. Und dann würden noch viele weitere Tage dieser Art folgen. Und das alles nur, weil Akkarin so ein Idiot ist!

Er wusste, er tat besser daran noch ein wenig zu lernen, doch er war zu wütend, um einen klaren Gedanken zu fassen. Möglicherweise standen seine Chancen besser, wenn er am nächsten Morgen in aller Frühe aufstand und es dann erneut versuchte. Bis dahin würde sein Zorn vielleicht so weit verraucht sein, dass er sich wieder auf sein Studium konzentrieren konnte.

Seufzend tauschte er die Robe gegen sein Nachtgewand ein und schlüpfte unter seine Decken. Doch der Zorn loderte wie ein helles Leuchtfeuer in ihm, was es ihm unmöglich machte, zur Ruhe zu kommen. Lorlen hätte nicht sagen können, auf wen er wütender war: auf Akkarin, das Ungeheuer – oder auf sich selbst.

Er wusste nicht, wie lange er schon so dalag, als ein leises, aber bestimmtes Klopfen erklang.

„Ich will niemanden sehen!“, rief Lorlen entnervt.

„Ich bin’s“, erklang eine vertraute Stimme. „Lass mich rein.“

Mit einem Seufzen fuchtelte Lorlen mit seiner Hand und befahl der Tür, sich zu öffnen. Er wusste, Akkarin würde sonst keine Ruhe geben, bis er hatte, was er wollte.

„Schon im Bett?“, fragte sein Freund überrascht. Eine Lichtkugel schwebte ins Zimmer. Geblendet von der plötzlichen Helligkeit musste Lorlen die Augen mit einer Hand abschirmen. „Das sieht dir nicht sehr ähnlich, Lorlen.“

„Dieser Tag hat mich viele Nerven gekostet.“ Lorlen stützte sich auf die Unterarme und bedachte Akkarin mit einem finsteren Blick. „Ganz besonders du.“

Die Hände hinter seinem Rücken verschränkt trat Akkarin ein. „Ich hätte dich nicht in meine Rebellion gegen das Ungeheuer hineinziehen sollen“, sagte er leise. „Ich habe mich wie ein Idiot benommen.“

„Wie ein riesengroßer Idiot“, korrigierte Lorlen.

„Meinetwegen auch das. Meinst du, du kannst mir verzeihen?“

„Das muss ich mir noch überlegen.“

„Wie auch immer.“Akkarin stieß einen leisen Seufzer aus. „Ich wollte dir nur sagen, dass ich dir zutiefst dankbar bin, weil du versucht hast, mich zu beschützen.“

Lorlen schnaubte. „Ich habe die Schuld auf mich genommen, weil es meine Schuld ist, Akkarin. Ich hätte mich nicht von dir überreden lassen dürfen.“

„Und doch hast du es getan. Weil ich dein Freund bin. Und weil Freunde sich gegenseitig unterstützen.“ Akkarin holte etwas hinter seinem Rücken hervor. „Hier“, sagte er. „Aus der Küche. Zur Versöhnung.“

Lorlen runzelte die Stirn. „Wein? Glaubst du ernsthaft, das macht es wieder gut?“

„Wäre es dir lieber, wenn ich vor dir auf die Knie falle?“

„Mach dich nicht über mich lustig.“

„Ich dachte, wir gehen zu der Quelle, die wir heute entdeckt haben, und trinken den Wein dort.“

„So spät noch?“ Lorlen war nicht wohl bei dieser Sache. Lord Ahrind hatte seine Augen überall. Insgeheim hegte Lorlen die Theorie, dass er niemals schlief. „Das wird Ärger geben.“

Lachend trat Akkarin zum Fenster und stieß es auf. „Nicht wenn wir das Novizenquartier auf dem schwebenden Weg verlassen.“

„Und wenn er das bemerkt?“

„Dann werde ich sagen, dass ich dich gezwungen habe, mitzukommen.“ Akkarin schwang seine Beine aus dem Fenster und stieß sich ab. Für einen langen Augenblick glaubte Lorlen, er würde fallen, doch dann bleib er in der Luft stehen. „Komm her, dann bringe ich uns nach unten. Und beeil dich.“

Rasch streifte Lorlen sich seine Robe über das Nachtgewand und stieg in seine Stiefel. Dann kletterte er auf das Fenstersims. „Und jetzt?“, fragte er unsicher.

„Nimm meine Hand und stell dich neben mich.“

Zögernd gehorchte Lorlen. Der Abgrund unter ihm wirkte real und nur das schwache magische Vibrieren der unsichtbaren Scheibe, die Akkarin unter seinen Füßen geschaffen hatte, versicherte ihm, dass er nicht fallen konnte.

Während sie nach unten schwebten, hielt Lorlen sich dicht an der Seite seines Freundes. Er fürchtete, wenn er zu nah an den Rand der Scheibe trat, würde er stürzen. Akkarins Augen glitten derweil über seine Erscheinung.

„Ehrlich, Lorlen.“ Erheitert schüttelte Akkarin den Kopf. „Das sieht aus, als hättest du ein Kleid an!“


Lorlen zog es vor, nichts darauf zu erwidern. „Wieso überhaupt kannst du schweben?“

Das Licht einer fernen Laterne blitzte in Akkarins Augen auf. „Ah, Lord Balkan hat es mir beigebracht.“

Sie landeten zwischen zwei Sträuchern auf der vom Eingang abgewandten Seite des Novizenquartiers. Einen Finger auf seine Lippen legend bedeutete Akkarin, ihm zum Wald zu folgen. Dann rannten sie in gebückter Haltung auf die Sicherheit der Bäume zu.

„Ich hoffe, er hat uns nicht gesehen“, japste Lorlen, als sie in das Unterholz eintauchten.

„Das bezweifle ich. Als ich ihn überprüft habe, war er gerade auf der Vorderseite.“

Den Weg zur Quelle legten sie in einvernehmlichem Schweigen zurück. Trockene Äste brachen unter den Tritten ihrer Stiefel und es roch nach vermoderndem Laub. Irgendwo in den Baumwipfeln sang ein Mullook und Lorlen begann sich augenblicklich zu fragen, ob sein Freund nicht manchmal auch eine der Novizinnen in den Wald lockte, um sich dort mit ihr zu vergnügen. Er entschied jedoch, dass er das nicht so genau wissen wollte.

In der Stille der Dunkelheit war das Plätschern der Quelle schon von weitem zu hören. Akkarin schickte seine Lichtkugel voraus und dann traten sie auf die kleine Lichtung mit den Felsen.

„Setz dich“, befahl Akkarin mit einer Geste zu der Stelle, wo das Gestein die natürliche Bank bildete, auf der sie am Mittag gesessen hatten.

Lorlen gehorchte wortlos. Er hatte keine Lust auf einen weiteren Streit. Stirnrunzelnd sah er seinem Freund dabei zu, wie dieser die Flasche mit seiner Magie entkorkte. Ein leises Plopp erklang und der Korken fiel achtlos zu Boden.

Akkarin hob die Flasche. „Ich mache dir jetzt ein Versprechen, Lorlen“, erklärte er. „Ich werde niemals wieder zulassen, dass du die Schuld für etwas auf dich nimmst, das ich angestellt habe. Von nun an werde ich immer meine Hausaufgaben für das Ungeheuer machen. Und als Ausgleich für deinen Dienst in der Magierbibliothek werde ich dir von nun an mit Kriegskunst helfen. Du kämpfst wie ein Mädchen.“

Er trank einen Schluck und reichte sie Lorlen.

„Das ist das Erwachsenste, was ich je von dir gehört habe“, bemerkte Lorlen trocken, während ihm insgeheim warm ums Herz wurde. Er wusste, etwas Netteres würde er von Akkarin nicht zu hören bekommen. „Die meiste Zeit bist du ein ziemlicher Idiot. Aber du bist auch ein echter Freund.“

Er setzte die Flasche an die Lippen und nahm einen tiefen Zug. Der Wein war süß und stieg ihm, nachdem er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, sofort zu Kopf.

„Was für ein Wein ist das, den du da hast mitgehen lassen?“, fragte er und gab die Flasche seinem Freund zurück.

Akkarin warf einen Blick auf das Etikett und zuckte die Schultern. „Irgendetwas aus Elyne. Ich glaube, sie verwenden es zum Kochen.“

„So schmeckt es auch.“

Sie lachten.

Akkarin ließ sich neben ihm auf dem engen Felssims nieder. „Dachtest du wirklich, ich würde Darea hierher bringen?“

„Ja.“

„Ein bisschen mehr könntest du mir schon vertrauen“, sagte Akkarin streng.

„Mein Vertrauen hört dort auf, wo die Mädchen anfangen“, gab Lorlen zurück.

„Ah, Lorlen!“ Akkarin setzte die Flasche an und reichte sie dann wieder Lorlen. „Darea ist doch völlig ahnungslos, was wir entdeckt haben. Ich könnte sie überall hinbringen und sie würde denken, dass wir heute dort gewesen wären.“

Lorlen trank einen tiefen Schluck. Was für ein erlesener Fusel, den du da ausgegraben hast!, dachte er. „Also ging es nur um die Hausaufgaben?“, fragte er.

„Ah, es ging auch um die Hausaufgaben.“

„Warum überrascht mich das nicht“, murmelte Lorlen. Einen weiteren Schluck trinkend reichte er die Flasche an seinen Freund weiter. „Also ist es dir mit diesem Ort hier ernst?“

„Absolut.“ Akkarin legte einen Arm um Lorlens Schultern. „Hin und wieder verspüre ich das Bedürfnis, Männergespräche mit meinem besten Freund zu führen. Und wo ginge das besser als an einem Ort, den nur wir beide kennen?“

Seine Worte bewegten Lorlen zutiefst. Sie erinnerten ihn daran, dass Akkarin unter dem Idiotsein ziemlich vernünftig sein konnte. Und dass es ihm mit dieser Freundschaft ernst war.

„Zudem gibt es genug andere Orte, die sich hervorragend für das Verführen von Novizinnen eignen“, fuhr Akkarin, bevor Lorlen etwas darauf erwidern konnte.

Lorlen stöhnte unterdrückt. „Ich glaube, so genau will ich das nicht wissen!“

„Solltest du eines Tages eine Freundin haben, dann kann ich dir ein paar Tipps geben, wohin du dich mit ihr zurückziehen kannst.“ Akkarin wandte sich ihm zu, seine Augen waren schwarz im schwachen Licht ihrer beiden Lichtkugeln. „Orte, an denen weder Ahrind noch Rektor Jerrik euch finden werden.“

„Danke, aber so bald wird das nicht passieren.“

„Ich zeige dir ein paar Tricks, wie du sie dazu bringst, mit dir auszugehen und dich zu mögen.“

„So wie beim letzten Mal, als das Mädchen statt mit mir, mit dir ausgegangen ist?“

„Was kann ich für ihren guten Geschmack?“

Lorlen verdrehte die Augen. „Jetzt fängst du wieder an, dich wie ein Idiot zu benehmen.“

„Danke.“

Eine Weile tranken sie schweigend Wein. Lorlen genoss die friedliche Stille, die nur von dem Lied der Quelle druchbrochen wurde. Wenn er ehrlich zu sich war, dann wusste er, dass er zuweilen auch ein ziemlicher Idiot war. Ob das der Grund ist, warum ich noch immer mit ihm befreundet bin?

Nein, dachte er dann. Ich bin mit ihm befreundet, weil er eigentlich ein ganz netter und vernünftiger Kerl ist. Und weil mir ohne ihn in meinem Leben etwas fehlen würde.

Lorlen wandte sich seinem Freund zu. Als ihre Blicke einander begegneten, wusste er indes nicht, wie er ihm das mitteilen sollte, ohne das es peinlich wurde.

„Weißt du, was das Witzigste an dieser ganzen Aktion ist?“, fragte er stattdessen.

„Nein, aber du wirst es mir sicher sagen.“

„Wenn Ahrind uns erwischt und du sagst, du hättest mich entführt, dann wird er dir das sogar glauben.“

Amüsiert hob sein Freund die Augenbrauen. „Das befürchte ich auch.“


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