Waldspaziergang

GeschichteAllgemein / P12
Lavender Brown
19.11.2016
19.11.2016
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Waldspaziergang

für KeniXIV



Lavender liebte den Herbst. Die kühler werdende, aber noch nicht kalte Luft, die nach feuchtem Laub und Nebelschwaden roch, das Rascheln der warmgefärbten Blätter unter ihren Füßen und zuletzt diese gewisse Vorfreude auf die Vor-Vorweihnachtszeit. Zwischen Halloween und Dezember befand sich die Welt in einer Zwischenstimmung, die noch Spuren eines düster-mystischen Oktober trug, aber gleichzeitig schon vom Zimt- und Punschgeruch der nahenden Weihnachtstage verhieß. Obwohl sie ansonsten weder sonderlich gerne früh aufstand, noch viel Zeit alleine verbrachte, schlenderte sie in dieser Jahreszeit gerne noch vor dem Frühstück über die Ländereien. Der kühle Wind klärte ihre Gedanken, die Bewegung weckte ihren Appetit. Sie genoss es, über das noch feuchte Gras zu schlendern, und den Nebel zu betrachten, der über dem Schwarzen See aufstieg. In ihren Händen hielt sie eine Tasse Tee mit Zimtaroma, die sie sich im Aufenthaltsraum gekocht hatte. Irgendeine gute Seele hatte dort einen Wasserkocher deponiert, und Lavender war äußerst dankbar dafür, dass es abgesehen von ihr noch andere gab, die den eigentlich recht einfachen Zauber, mit dem man Wasser zum Kochen bringen konnte, nicht beherrschten, und somit auf das Muggelgerät zurückgriffen. Auf den See blickend nippte sie an ihrem Tee. Durch die niedrige Außentemperatur war er schnell auf eine angenehme Trinktemperatur heruntergekühlt.

Unwillkürlich schwenkte ihr Blick zum Verbotenen Wald hinüber, der sich dunkel hinter dem weißgrauen Nebel abzeichnete. Sie hatte die Anweisung, ihn nicht zu betreten, immer sehr ernst genommen – zum einen, weil sie sich an die meisten Regeln hielt, zum anderen aber auch, weil er ihr von Beginn an äußerst unheimlich erschienen war. Natürlich wusste sie, dass bei weitem nicht alle magischen Kreaturen bösartig waren, aber es reichte, zu wissen, dass eben nicht alle Menschen wohlgesonnen waren, um ihr jegliche Lust zu rauben, sich in ihr Revier zu begeben. Heute aber, in der friedlichen Stimmung in der sie war, erfüllt vom Glück am Naturschauspiel einer so wundervollen Jahreszeit teilhaben zu können, fühlte sie sich von den Bäumen angelockt. Sie musste an ihre Kindheit denken, als ihre Eltern mit ihr an Wochenenden häufig in einem lokalen Wäldchen spazieren gegangen waren. Es war nur ein kleiner, relativ lichter Wald gewesen, und der Gedanke an bedrohliche Spezies war gar nicht zur Debatte gestanden. Sie hatte ausschließlich positive Erinnerungen daran, wie schön es gewesen war, regelmäßig zwischen den Bäumen spazieren zu gehen und den Lauf der Jahreszeiten mitverfolgen zu können. Während sie über diese Erlebnisse nachsann, kam sie zu dem Ergebnis, dass, alles in allem, der Verbotene Wald ja auch einfach nur ein Wald war, und dass ein kleiner Spaziergang schließlich nicht schaden konnte.

Ein wenig mulmig war ihr schon zu Mute, als sie die Grenze von Wiese zu Wald überschritt. Wie, um Mut zu fassen, leerte sie den letzten Rest des Tees aus ihrer geblümten Porzellantasse und platzierte diese dann neben einem Baum am Waldrand, damit sie sie nicht mit sich herumtragen müsste. Nach dem sie ein paar Schritte gegangen war, war ihre Furcht jedoch schnell verflogen. Sie atmete tief ein. Der Duft nach Blättern, Holz und Pilzen war stark und gemütlich und sie fühlte sich sofort an die Herbsttage ihrer Kindheit zurückversetzt. Lavender lehnte sich weit zurück und sah nach oben. Über ihr wölbte sich ein gelb-orangenes Blätterdach und sie konnte sich nicht vorstellen, dass unter dieser bunten Decke etwas Bedrohliches lauern konnte. Obwohl die Morgendämmerung erst angebrochen war, wirkte der Wald durch die helle Färbung des Laubes heller als sonst. Fröhlich und ziellos schritt sie voran, hielt ab und zu an, um einen Baum oder Busch mit besonders schöner Farbe zu betrachten oder eine glänzende braune Kastanie vom Boden zu heben. Sie wischte sie sorgfältig an ihrem Mantel ab und steckte sie dann in ihre Tasche. Bald hatte sie eine richtige kleine Sammlung, und sie mochte es, ihre Hand in ihre Manteltasche zu stecken und über die runden, glatten Formen zu streichen. Der Wald war relativ still, nur ab und an erhob einer der Vögel, die nicht in den Süden gezogen waren, die Stimme, um zu verkünden, dass nun Zeit war, aufzuwachen. Lavender wusste nicht genau, wie viel Zeit vergangen war. Sie sollte bestimmt bald umkehren, wenn sie es noch rechtzeitig zum Frühstück zurück schaffen wollte. Doch wenn sie mehr darüber nachdachte – vielleicht war es gar nicht so schlimm, das Frühstück mal ausfallen zu lassen, so lange sie noch pünktlich zu ihrer ersten Unterrichtsstunde zurück schaffte. So lief sie fröhlich noch etwas weiter in den Wald. Sie zweifelte nicht daran, es leicht wieder zurück schaffen zu können, schließlich war sie immer nur geradeaus gelaufen.

Nach einer Weile bemerkte sie, dass sie etwas müder wurde. Nein, nicht nur müde, sie war wirklich erschöpft. Hatte eigentlich gar keine Lust mehr, weiter zu laufen, weder vorwärts noch zurück. Verwundert und genervt von dieser plötzlichen Empfindung beschloss sie, sich kurz hinzusetzen. Sie lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum und atmete tief durch. Vielleicht war sie nur hungrig und deshalb ohne Energie? War wohl doch keine so gute Idee gewesen, das Frühstück zu verpassen. Wenn sie das nächste Mal einen längeren Spaziergang plante, sollte sie vielleicht einen Snack einpacken.

Doch nein, Hunger war es nicht. Sie hatte nicht das Gefühl, dass sie nun etwas essen könnte. Was war dann nur los? Sie konnte sich überhaupt nicht aufraffen, wieder aufzustehen und weiter zu laufen. Genervt von sich selbst schüttelte Lavender den Kopf. Was auch immer da gerade mit ihr los war, es würde ihr bestimmt besser gehen, wenn sie wieder im Schloss bei ihren Freundinnen war. Mühsam rappelte sie sich auf und begann, in die Richtung zu laufen, aus der sie gekommen war. Fast wäre sie über einen glatten runden Stein gestolpert, der mitten in ihrem Laufweg lag, und ihr vorher gar nicht aufgefallen war. Verwundert sah sie hinunter. Irgendwie sah der Stein seltsam aus. Sie überlegte kurz, ihn sich näher anzusehen, doch dann zuckte sie die Schultern. So spannend war irgendein Stein doch nicht. Genauer gesagt, konnte sie sich gerade nicht vorstellen, überhaupt irgendetwas spannend oder interessant zu finden. Das beunruhigte sie und sie bemühte sich, so rasch wie möglich zurück zu laufen.

Nach einer Weile merkte sie, dass ihre Glieder schwer geworden waren. Doch war es nicht nur körperliche Erschöpfung. Sie konnte einfach nicht mehr die Motivation aufbringen, ihre Beine zu heben. Schwer atmend blieb sie stehen. Was sollte das? Sie wollte doch zum Schloss zurück. Etwas essen, falls sie das Frühstück noch nicht verpasst hatte. Eine heiße Schokolade trinken. Mit Parvati den neuesten Klatsch und Tratsch austauchen.

Da überfiel sie ein Gedanke mit erschreckender Endgültigkeit: Was, wenn Parvati es eigentlich ziemlich gut fand, dass sie nicht zum Frühstück erschienen war? Wenn sie sich schon immer heimlich wünschte, ein wenig Ruhe von Lavender zu haben? Plötzlich konnte sie sich gar nichts Anderes mehr vorstellen, als das. Natürlich hatten nicht nur Parvati sondern alle ihre Freundinnen, und selbstverständlich auch alle Jungs, in die sie ein bisschen verknallt war, genug von ihr. Was war sie schon, abgesehen von absolut nervig und anhänglich? Sie sollte der ganzen Welt einen Gefallen tun, und einfach mal lernen, den Mund zu halten. Im Unterricht nicht mehr schwatzen und lästern, sondern einfach zuhören und fleißig mitarbeiten. Damit auch ihre Eltern, die zweifellos enorm enttäuscht von ihr waren, auch mal einen Grund hatten, stolz zu sein.

Auf irgendeiner Ebene ihres Bewusstsein war ihr klar, dass all das Blödsinn war. Dass Parvati ihre beste Freundin war und blieb, und zwar weil sie sie mochte und gerne Zeit mit ihr verbrachte. Dass ihre Eltern immer stolz auf sie waren, auch wenn ihre schulischen Leistungen zu wünschen übrig ließen. Doch im Augenblick herrschte das Gefühl vor, dass es für alle das Beste wäre, wenn sie einfach hier im Wald bleiben würde.

Sie wollte sich schon niedersinken lassen, aber zwang sich noch weiter. Ein diffuses Pflichtgefühl trieb sie voran, sowie der Gedanke, dass es für alle noch viel umständlicher wäre, wenn sie einfach nicht zurückkommen würde. Das würde so viel Verwirrung auslösen! Da wäre es doch besser, sie änderte sich einfach komplett, wenn sie zurückkam. Würde der perfekte Mensch werden, die perfekte Hexe.

Obwohl das bestimmt außer ihrer Macht stand. Sie war gar nicht dazu in der Lage, eine gute Freundin, Tochter oder Schülerin zu sein, wozu es dann überhaupt versuchen? Das wäre vergeblich und hatte doch wirklich keinen Sinn.

Inzwischen liefen ihr Tränen über die Wangen und sie stolperte halb blind durch den Wald, dessen Anblick sie am Morgen noch so genossen hatte. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren, und jegliche Orientierung. Die bunten Blätter wirkten nun nicht mehr schön, sondern schienen sie in ihrer düsteren Stimmung auszulachen, und sie wünschte sich, der morgendliche Nebel über dem See würde nun in den Wald ziehen und sie bedecken. Sie hatte wirklich überhaupt keinen Antrieb mehr.

Jetzt wäre sie wirklich fast zu Boden gefallen, da erregte etwas ihre Aufmerksamkeit. Ein fröhlicher, pinkfarbener Gegenstand, nur wenige Schritte vor ihr. Es war die Tasse mit Blumenmuster, die sie am Morgen am Waldrand abgestellt hatte. Sie hatte es also fast wieder hinaus geschafft. Doch lohnte sich das überhaupt? Sie könnte doch einfach hier sitzen und weinen …

Sie war gerade in die Knie gegangen, unterdrückte ihr Schluchzen nun nicht mehr, als jemand hinter dem großen Baum, neben dem ihre Tasse stand, hervorsprang und „Stupor!“ rief. Lavender zuckte zusammen, doch merkte, dass der Spruch gar nicht gegen sie gerichtet war. Vor ihr stand nun Parvati, die mit ihrem Zauberstab auf eine Stelle hinter Lavender deutete.

Lavender, der plötzlich viel leichter ums Herz war, richtete sich auf und drehte sich um. „Ihh, was ist denn das?“ Parvati kam näher und die beiden Mädchen schauten hinunter auf das Wesen, das Parvati eben geschockt hatte. Vor ihnen lag etwas, das aussah, wie ein kleiner haariger Mann, kaum so groß wie eine Flasche Kürbissaft. Einzig sein glatter, grauer Kopf war unverhältnismäßig riesig. Vorsichtig streckte Lavender den Fuß aus, als wollte sie ihn anstoßen, doch besann sich dann eines Besseren. Parvati richtete immer noch abwehrend den Zauberstab auf die nun bewusstlose Kreatur. „Ich weiß auch nicht, was das ist, aber es wollte dich anspringen, da musste ich natürlich etwas tun!“ Lavender fiel ihrer Freundin um den Hals. „Tausend Dank! Mir ist auch ganz egal, was das war, ich werde mich diesem Wald nicht mehr auf zehn Meter nähren, das schwör‘ ich dir … Wie hast du mich überhaupt gefunden?“

„Naja, ich habe mir schon gedacht, dass du wieder einen deiner Spaziergänge machst, aber als du nicht zum Frühstück kamst, war ich schon besorgt. Ich habe mich dann auf die Suche gemacht, und du hast ja zum Glück diese Tasse aufgestellt, das war echt praktisch. Wieso hast du eigentlich geweint, als du aus dem Wald kamst?“

Lavender hielt verwirrt inne. „Das kann ich jetzt auch nicht mehr so wirklich erklären. Die Hauptsache ist doch, dass es jetzt vorbei ist, und wir noch Freundinnen sind.“Parvati schaute sie verwundert an: „Natürlich sind wir noch Freundinnen, wieso sollten wir das nicht sein?“

„Ach, ich weiß ja auch nicht. Jetzt lass uns gehen – wir haben doch bestimmt sowieso genug Unterricht verpasst, da lohnt es sich gar nicht mehr, vor dem Mittagessen noch zu gehen. Lass uns lieber in den Gemeinschaftsraum gehen, ich muss mich unbedingt aufwärmen!“

„Oh ja, das machen wir! Und wenn wir doch noch wissen wollen, was das für ein Viech war, können wir ja Hermine fragen, die weiß doch immer alles … sicher auch über kleine, nackte haarige Männer.“

Kichernd stiegen die beiden Mädchen die Anhöhe zum Schloss herauf.

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Vorgaben:

Wunschtierwesen: Pogrebin
Protagonist: Lavender Brown
Setting: ein Wald, im Herbst, mit vielem buntem Laub

Liebe KeniXIV,

deine Vorgaben haben mir sehr gefallen und es hat mir Spaß gemacht, diesen Text zu schreiben! Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass Lavender, obwohl es im Endeffekt bei diesem Wichteln ja um die Tierwesen gehen soll, dann gar keine Ahnung hat, was für einem Wesen sie da eigentlich begegnet ist, aber irgendwie schien mir das so realistischer. :D

Liebe Grüße
fortassis =)
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