Mirror - Flower

OneshotRomanze / P16
Asahina Tsubaki
17.11.2016
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Mirror / Flower

She is like a mirror.


Sunrise Residence, Juni 2010, 17.29 Uhr
Ich wohnte nun schon seit über einem Jahr in der Sunrise Residence bei Miwa-sans Söhnen, den Asahina-Brüdern. Papa und Miwa-san hatten immer noch nicht geheiratet und warteten noch. Mir war klar, worauf sie warteten, aber ich glaube, meine Stiefbrüder wussten das nicht. Sie mussten es aber auch nicht unbedingt wissen. Aber Papa hatte mir gestern erzählt, dass er nicht warten wollte und die Hochzeit nun für nächsten Monat angesetzt war.
Dafür saßen wir, das hieß Masaomi-san, Kaname-san, Hikaru-san, Tsubaki-san, Azusa-san, Yuusuke-san und Wataru-chan und ich, im Wohnzimmer zusammen und betrachteten Fotos. Wir hatten das schon einmal gemacht, aber dort hatten einige Fotoalben der Familie Asahina gefehlt und meine eigenen hatte ich zu dem Zeitpunkt auch nicht parat.
»Wer hat eigentlich die Fotos gemacht?«, fragte mich Masaomi-san, der durch eines meiner Alben blätterte. Meistens war nur ich zu sehen. »Dein Vater?«
»Die Babyfotos, ja«, nickte ich, »aber die meisten hat meine-« Ich stockte kurz. Darüber redete ich nicht gern. Nein, ich schwieg lieber. »Die hat jemand anderes gemacht.« Ich schnappte mir ein anderes Album von mir. Oh, es war nicht von mir. Die Bilder waren so viel schöner als die von mir. Ehe ich mich versah, langte eine blasse Hand nach einem der Bilder aus dem Album auf meinem Schoß.
Tsubaki-san betrachtete es und richtete seine violetten Augen auf mich. »Bist du das?« Er zeigte mir das Bild, wo man ein junges Mädchen von hinten sehen konnte. Es trug ein flatterhaftes, langärmliges weißes Oberteil, das ihr über die Hälfte der Oberschenkel reichte. Die bloßen Füße hinterließen Abdrücke im feuchten Sand und man konnte deutlich sehen, dass das Bild in der Bewegung aufgenommen wurde. Der linke Fußballen drückte sich noch in den Boden, die Ferse schon zum nächsten Schritt erhoben. Das rechte Bein war angewinkelt, der dazugehörige Fuß schwebte noch in der Luft. Die filigranen Finger hielten die Zipfel des Oberteils fest und die hellbraunen, langen Haare flogen hinter ihr in her. Ihre seichten Wellen passten zum blauen, wellenbrechenden Meer, auf das das Mädchen zusteuerte. Der Kopf war leicht zur Seite gedreht, doch das Auge war von einer dicken Haarsträhne verdeckt, aber auf den Lippen lag ein wundervolles Lächeln. Nein, das war ich nicht.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das ist ... meine Schwester.« Zum Ende hin wurde meine Stimme leiser. Ich hatte es doch noch gesagt. Niemals konnte ich das sein. Sie war viel zu schön, um ich zu sein. Aber Schönheit war vergänglich.
Überraschte Blicke trafen mich.
»Du hast eine Schwester, Imouto-chan?«, fragte Kaname-san mich und nahm Tsubaki-san das Bild ab. »Warum ist sie nicht hier?«
Ich blieb erst einmal still. Es war nicht so, dass sie tot war. Ich wusste genau, dass sie quicklebendig war und ihr eigenes Ding machte. Genau aus diesem Grund war sie ja auch nicht hier. Seufzend blätterte ich in ihrem Album herum. Babyfotos, Kinderfotos, Fotos von uns beiden, Einschulungsfotos bei der Grund- und Mittelschule. Bilder ab der Oberschule gab es nicht mehr. Das Bild in Kaname-sans Hand war das letzte von ihr. »Kyo-nee ist vor ein paar Jahren abgehauen.« Vor drei Jahren, um genau zu sein.
»Kyo-nee?«, fragten alle zugleich.
Ich nickte zaghaft. »Kyoko, also Kyo-nee, ist meine ältere Schwester. Ich habe sie immer bewundert. Wenn man sie ansah, wünschte man sich, sie wäre das eigene Spiegelbild. Deswegen auch der Name Kyoko – der Spiegel. Kyo-nee ist das schönste Mädchen, das ich kenne.« Krampfhaft klammerten sich meine Hände um das Fotoalbum. Sie hatte mich einfach im Stich gelassen.
»Hanako-san, wieso ist sie abgehauen?« Tsubaki-sans jüngerer Zwilling Azusa-san sah mich mitleidend an.
Ich spürte, wie sich meine Fingernägel in das Buch bohrten. »Zu ihrem damaligem Freund. Kyo-nee war fünfzehn und total verliebt in ihn. Da sie in ihrer rebellischen Phase war, hat sie ihre Sachen gepackt und war einfach weg. Sie hinterließ eine Nachricht, dass wir sie nicht suchen müssen«, erzählte ich. Wir wussten nicht einmal, wie der Kerl hieß, geschweige denn wo er wohnte.

Zur selben Zeit in einer kleinen Wohnung im anderen Stadtteil Tokios
Langsam nervte es mich, in dieser Bude zu versauern. Seit meinem Abschluss hatte ich nichts mehr zu tun, außer hier zu hocken oder in der Stadt herum zu schlendern. Ich würde hier noch vor Langeweile sterben! Wo war eigentlich schon wieder Kentarou? Er hatte mir doch versprochen, dieses Mal nicht mit seinen Kumpels trinken zu gehen. Elender Trottel. Nur weil ein Gig gut oder schlecht verlaufen war, musste er sich nicht gleich betrinken. Wo nahm er überhaupt das Geld dafür her? Ich glaube, ich wollte das gar nicht wissen.
Seufzend ließ ich mich im Schneidersitz auf den Futon sinken und angelte mir eine Dose gekühltes Bier aus dem Minikühlschrank. Eigentlich war das Kentarous Bier, schließlich durfte ich noch gar keinen Alkohol trinken – offiziell –, aber was er konnte, konnte ich auch und gerade war mir einfach der Sinn danach. Ich hasste den Geschmack von Bier, aber ich war froh um die kühle Flüssigkeit, die meine Kehle hinunter rann. Es war für Juni schon viel zu warm. Ich zupfte mit meiner freien Hand an meinem weiten Top herum. Mehr als das und meinen Slip trug ich gar nicht mehr. So warm war mir einfach.
Im nächsten Moment schlangen sich starke Arme um meinen Oberkörper. »Babygirl, hast du mich vermisst?« Seine Bierfahne stieg mir unangenehm in die Nase, aber ich war froh, dass er wieder da war. Betrunken oder nicht. Ich liebte es, wenn er mich Babygirl nannte. Er drehte ohne eine Antwort meinerseits meinen Kopf zu seinem, um unsere Lippen miteinander zu verschließen. Seine Zunge strich über meine Unterlippe und kurz darauf zerpflügte er förmlich meinen Mund. Jetzt fiel das ganze Bier doch unangenehm auf.
Angeekelt wollte ich ihn von mir drücken, aber Kentarou nahm mir nur das Bier ab und drückte mich auf den Futon. Verdammter, betrunkener Grobian. Ich legte meine Hände an seine Brust und nahm noch mal all meine Kraft zusammen. Tatsächlich ließ er von mir ab und guckte mich aus verschleierten Augen an. Vor Alk oder Lust, das wusste ich nicht. Wahrscheinlich eine Kombination aus beidem. Seufzend erhob ich mich und richtete dabei den Träger, der mir von der Schulter gerutscht war.
»Babygirl, was ist los? Willst du mich nicht?« Wenigstens fing er nicht an zu lallen, egal wie viel er intus hatte. Nun stand er ebenfalls auf, während ich mich zum Fenster begab, das eigentlich die Tür zum unserem Minibalkon war. Die Vorhänge waren zur Seite gezogen und gaben die Sicht auf das Großstadtleben frei. Selbst ohne angeschaltetes Licht war unser Zimmer hell erleuchtet. Seine Finger strichen über meinen Rücken, zupften mein Top nach oben. Ich schüttelte den Kopf. »Was ist es dann? Warum verweigerst du dich mir? Ich bin gerade so scharf auf dich, Babygirl.« Seine Finger glitten nach vorne unter mein Oberteil.
Seufzend stoppte ich sie. »Ken, du bist betrunken und stinkst nach Bier. Ich mag das nicht, das weiß-.« Weiter konnte nicht sprechen, da wurde ich zurück auf den Futon geworfen. Mit großen Augen starrte ich Kentarou an, der sich über mich lehnte und eilig meine Hände über meinem Kopf festhielt. »Lass den Scheiß, Ken! Lutsch ein Pfefferminzbonbon und dann können wir weiter machen.« Das letzte Mal war schon eine Woche her. Für unsere Verhältnisse ziemlich lang. Wir waren ja auch noch jung.
»Babygirl«, keuchte er an meinem Hals und entfernte eine seiner Hände von meinen, um sie zurück zu meinem Bauch gleiten zu lassen, »ich bin aber jetzt scharf auf dich.« Ich hatte nicht wirklich Angst vor ihm. Kentarou war immer so, wenn er voll war, aber es nervte einfach, dass er sich jedes Mal so übermäßig betrinken musste. Er lernte es einfach nicht. »Gib dich mir hin, Babygirl.«
»Nach dem Bonbon«, beharrte ich eisern und wollte ihm meine Arme entziehen. Offensichtlich war das ein Fehler. Sein Griff um meine Handgelenke wurde fester, sodass ich schmerzhaft aufstöhnte. Da war noch mehr im Busch als nur der Alkohol. »Ken. Mach keinen Scheiß.« Dabei kannte ich diese Seite an ihm auch schon. Er würde mir nicht wehtun, nur etwas gröber sein als sonst. Im Notfall trat ich ihm eben in die Eier. Alles schon geschehen.
Kentarous freie Hand schob mein Top hoch und seine Lippen senkten sich auf meine Brust. Mit seinen vor Lust und Alkohol getränkten Augen sah er mich an. »Ich liebe dich, Babygirl.« Er entließ meine Hände wieder, dich ich mir rieb. Meine Güte hatte der einen festen Griff.
Meine Hände griffen in sein blondes Haar. »Ich dich auch.« Trotzdem wusste ich, dass das hier nicht für die Ewigkeit bestimmt war. Wir sahen uns kaum noch und wenn, dann endete es nur in Sex. Das war keine richtige Beziehung mehr.

Motel, Juli 2010, 7.26 Uhr
Hatte ich es nicht geahnt? Jetzt hatte ich den Salat. Ich hatte mich nun vollends mit Kentarou zerstritten und wir hatten uns schlichtweg auseinander gelebt. Er wollte mich trotzdem nicht gehen lassen, aber ich hatte die Nase voll von diesem Leben. Das war doch kein Leben! Wofür hatte ich denn einen Schulabschluss, wenn ich damit nichts anfing? Aber zuerst sollte ich mich mit meiner Vergangenheit auseinander setzen.
Die gestrige Zeitung mit der Announce lag auf dem Nachtisch des kleinen, stickigen Motelzimmers. Nicht das schönste Zimmer, aber besser als nichts. Mein ganzes Hab und Gut war in einem Koffer und einem großen Rucksack. Da war bestimmt ein passendes Kleid dabei. Er wollte also endlich heiraten? Hatte ja lange genug gedauert. Die Announce stand bestimmt nur wegen mir in der Zeitung. Anders war ich ja nicht zu erreichen. Eine Stunde blieb mir noch, sonst kam ich zu spät. Ich suchte in meinem Koffer nach einem ordentlichen Kleid. Das beanspruchte so viel Zeit, dass ich nicht viel mehr machen konnte. Ordentlich bürstete ich meine Haare durch, die ziemlich verknotet waren. Ich hatte am Abend vorher geduscht und war mit nassen Haaren eingeschlafen. Nicht gut.
Gerade noch rechtzeitig kam ich bei der Kapelle an. Vorne war alles besetzt, aber ich wollte sowieso hier hinten bleiben. Ich fragte die Frau am Rand der hintersten Reihe, ob der Platz neben ihr noch frei war. Verwirrt sah sie mich an und fragte sich wohl, was ich hier zu suchen hatte. Trotzdem rückte sie etwas zur Seite, damit ich mich hinsetzen konnte. Er stand bereits vorne und wartete auf seine Braut. Sie sah sehr sympathisch aus, als sie herein kam. Gratuliere, du hast die Frau fürs Leben gefunden.
Nach der Zeremonie fand die Hochzeitsfeier statt. Ich mischte mich ungesehen unter die Leute. Hier und da erblickte ich junge Männer, die offensichtlich die Söhne von ihr waren. Zwei standen vorne und sangen, während die Torte angeschnitten wurde. Es war mehr Spaß als Ernst. Dann kam das Werfen des Brautstraußes. Es rannten so viele Frauen hin, dass ich das Ding eh nicht fangen würde, also stellte ich mich ganz nach hinten. Da warf keine Braut hin. Und da erblickte er mich. Meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und plötzlich landete dieser Strauß in meinen Händen. Ey, ich wollte momentan echt nicht heiraten. Ich hatte von Männern die Nase voll.
Die Frauen und Mädchen drehten sich zu mir um, weil sie wissen wollten, wer die Glückliche war. Im nächsten Moment teilten sie sich auf und da sah sie mich. Entgeistert starrte sie mich an. Eilig schritt sie auf mich zu und schon hatte ich ihre Hand in meinem Gesicht. Meine Wange brannte. Das hatte ich wohl verdient. Dann zog sie mich in ihre Arme. Ich legte meine Arme um sie und legte meinen Kopf auf ihrer Schulter ab. »Kyo-nee«, schniefte sie nur.
»Lange nicht gesehen, Hanako«, meinte ich leise. Sie musste stinksauer auf mich sein. Ich hatte sie ganz alleine gelassen, als ich zu Kentarou gegangen war. Also echt, meine rebellische Phase. Warum verliebte man sich überhaupt? Zum Kinder zeugen brauchte man keine Liebe.
»Kyo-nee?«, kam es mehrfach und ich blickte etwas nach hinten. Das waren aber viele Söhne. Meinen Respekt.
Und dann kam der werte Bräutigam samt seiner frisch angetrauten Frau auf uns zu. »Kyoko.« Ich hatte mit Verärgerung gerechnet, aber ich wurde nur in das nächste Paar Arme gezogen. »Wir haben uns Sorgen gemacht. Mach das nie wieder.«
Ich drückte ihn an mich. »Ich bin ja wieder da, Papa.«
»Miwa, darf ich dir vorstellen? Das ist Kyoko.« Mein Vater drehte mich zu seiner Frau, die bei ihren Söhnen stand. Also, nur um das mal zu erwähnen, wir hatten die volle Aufmerksamkeit. »Kyoko, das sind Asahina Miwa und ihre Söhne.«
Lässig hob ich meine Hand. »Hi, ich bin Kyoko oder auch die Verschollene genannt.«
»Kyo-nee, das ist nicht lustig!«, murrte meine Schwester und griff nach meiner Hand. Sie drückte so stark zu, damit ich bloß nicht wieder abhauen konnte. »Und, wo ist er?«
»Wer?«, fragte ich im ersten Moment, bis mir bewusst wurde, wen sie meinte. Hanako kannte ja nicht seinen Namen. »Ach, Kentarou meinst du. Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben.«
Mein Vater starrte mich an. »Aber du lebst noch bei ihm?«
Ich musste auflachen. »Natürlich nicht, Papa. Ich bin in einem Motel abgestiegen.«
»Du-«
»Aber Herzchen«, würgte seine Frau ihn sofort ab, »du musst doch nicht in einem Motel leben. Bei meinen Jungs sind noch Zimmer frei. Zieh doch zu ihnen. Hanako-chan lebt ja auch bei ihnen. Ihr habt damit sicher kein Problem, richtig?« Auch wenn sie überaus freundlich klang, so machte sie trotzdem klar, dass sie von ihren Söhnen keine Widerworte duldete.
»Tja, Tsuba-chan, dann musst du wohl eines deiner Zimmer räumen«, meinte einer der älteren Brüder belustigt.
Ein anderer, offensichtlich dieser Tsuba-chan, riss entsetzt die Augen auf. »Azusa«, quengelte er, »du musst mir beim Aufräumen helfen.« Das war wohl bestimmt sein Zwillingsbruder.
»Kyo-nee kann auch erst einmal zu mir, Tsubaki-san. Mach dir bitte keinen Stress.«
»Mir reicht ein Futon.«

Flusspromenade nahe der Residence, Anfang Dezember 2010, 18.00 Uhr
Mit voller Wucht war der Winter herein gebrochen. Die Temperaturen waren drastisch gesunken und ohne Winterjacke, Schal und Handschuhe verließ ich gar nicht mehr das Haus. Ich wollte ja nicht an Gefrierbrand sterben. Konnte man das überhaupt?
Na ja zumindest war ich nun auf dem Rückweg nach Hause. In die Sunrise Residence, wie das Eigenheim der Asahinas hieß. Mittlerweile hatte ich auch mein eigenes Zimmer. Ganz in der Nähe von Hanako. Ich drückte mein Kinn tiefer in meinen Schal hinein und stellte den Kragen meines Mantels auf. Ich sollte mir einen mit Kapuze besorgen. Bibbernd steckte ich meine behandschuhten Hände tief in die Manteltaschen.
Eine der Bänke auf meinem Weg war besetzt. Das war doch Tsubaki-san. War dem nicht kalt? Sein brauner Mantel war offen und darunter trug er nur ein dünnes Oberteil. Nicht mal einen Schal hatte er um. Und wie er da saß. Das passte doch überhaupt nicht zu seiner fröhlichen, unbekümmerten Art. Ich blieb direkt vor ihm stehen und beugte mich zu ihm hinunter. »Tsubaki-san?«
Er hob den Kopf an. Kein Glänzen den Augen. Kein Lächeln auf den Lippen. Einfach nichts. Er war wie ausgewechselt. Seine violetten Augen sahen mich mit einem undefinierbaren Blick an. »Kyoko-san? Was machst du denn hier?« Selbst seine Stimme klang anders.
»Ich bin auf dem Weg nach Hause. Aber was machst du hier in der klirrenden Kälte?«
Er sah mich genauer an. »Oh, warst du bei einem Shooting? Du bist noch etwas geschminkt.«
Ich nickte. Während ich in einem Mode-Atelier arbeitete, in dem unten die Ware verkauft wurde und oben unsere offene Nähstube war, nahm ich hin und wieder Modeljobs an. Das hatte ich auch schon zu Kentarous Zeiten gemacht. Irgendwoher musste ich ja auch Geld kriegen. Mittlerweile warf das schon einiges ab. Ich lebte für die Mode. Meinen Abschluss hatte ich ebenfalls an der Modeschule in der Stadt gemacht. »Du hast meine Frage nicht beantwortet. Du fängst dir noch eine Erkältung ein und dann ist deine Stimme im Eimer, Tsubaki-san.«
Langsam erhob er sich und ein paar Schritte die Promenade entlang. »Hey, Kyoko-san, denkst du, ich mache meine Arbeit gut?«
»Warum fragst du?«
»Ich sehe keinen Sinn mehr in meiner Arbeit. Weißt du, Azusa ist immer besser als ich. Egal, was er macht, er macht es besser. Obwohl er erst nach mir mit dem Synchronsprechen angefangen hat, weil ich ihn einfach angeschleppt habe, ist er schon lange an mir vorbei gezogen. Er kann alles, ich kann gar nichts.« Ah, daher wehte also der Wind. Hinter seiner fröhlichen Fassade steckte also auch Ernst, der jetzt in einer depressiven Stimmung zum Vorschein kam.
Ich stellte mein rechtes Bein etwas vor mein linkes, sodass sie sich leicht überkreuzten. Meine Hände verschränkte ich hinter meinem Rücken und sah ihn an. »Denkst du das wirklich?« Sein überraschter Blick schnellte zu mir. »Denkst du wirklich, dass du nichts kannst? Vielleicht kann Azusa-san mehr als du, aber es gibt Sachen, du wirst nur du können. Du liebst doch deine Arbeit. Sie macht dir doch immer Spaß. Willst du dir dein Leben und deine Arbeit von solchen Lappalien nehmen lassen? Mach das, was dir gefällt, ohne dich von anderem ablenken zu lassen. Solange du das tust, wird niemals jemand besser sein als du, aber auch nicht schlechter, weil jeder gleich gut oder schlecht ist, nur in verschiedenen Lebenslagen.«
Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, da lagen seine Hände an meinen Oberarmen und seine Lippen auf meinen. Ich war so überrascht von seiner Aktion, dass ich einfach mal rein gar nichts tat. »Entschuldige«, meinte er leise, als er von meinem Mund abließ, »aber um einen depressiven Kerl wie mich wieder aufzuheitern, braucht er einen Kuss von einem süßen Mädchen.«
Ich seufzte leise. »Sei froh, dass du es bist, sonst hätte ich dir jetzt eine geknallt«, erwiderte ich. »Du siehst so aus, als wäre ein Kuss nicht genug. Komm, hol dir noch einen Kuss von dem süßen Mädchen«, neckte ich ihn.
Das ließ er sich nicht zweimal sagen und drückte mich beim nächsten Kuss näher an sich. Also, ich muss schon sagen, er war besser als Kentarou es je gewesen war. Und eine blöde Bierfahne gab es auch nicht. Eine seiner Hände glitt in meinen Nacken, damit ich meinen Kopf etwas nach neigte, um unseren Kuss noch zu vertiefen. Als wir den Kuss wegen aufkommender Atemnot unterbrechen mussten, bewegte er seinen Mund zu meinem Ohr. »Ich habe dich gerade etwas angelogen. Es tut mir nämlich nicht Leid, dass ich dich geküsst habe.«
Ich strich mir leise lachend Haare hinter mein anderes Ohr. »Ach, nicht? Das nehme ich mal als Kompliment.«
»Ich liebe dich.« Mein Lachen verging mir. Damit hatte ich jetzt doch nicht gerechnet. »Ich überlasse dich keinem anderen. Wir ergänzen uns perfekt. Du holst mich immer auf den Boden der Tatsachen zurück und ich bin dein perfekter Shoppingbegleiter.« Er wusste schon, dass dazwischen Welten lagen, oder?
»Tsubaki-san, ich-« Ich hatte ihm die Eskapaden mit Kentarou mal erzählt. Er wusste also genau, dass ich eigentlich erst einmal nicht an einer Beziehung interessiert. Tja, eigentlich. Ich verstand mich gut mit ihm. Ziemlich gut sogar. Mann, er machte meine Vorsätze vollkommen unwirksam.
»Ja, ich weiß, dass du eigentlich keine Beziehung willst, aber ich verspreche dir, dass ich mich nicht so daneben benehmen werde wie dieser Kentarou. Gut, wenn ich trinke, trinke ich auch gerne über den Durst, aber definitiv nicht so oft«, versuchte er mich zu überzeugen. Das brauchte er wie gesagt gar nicht, aber ... Mann! Das war doch nicht wahr!
Erneut musste ich seufzen. Dieses Mal lauter. »Ich mag dich auch, Tsubaki-san. Gut, wir versuchen es, okay?«, stimmte ich zu. Ich fühlte mich bei ihm sowieso viel wohler als bei Kentarou damals, als ich ihn kennen lernte. »Aber-«
Sein Lächeln, das er bei meiner Zustimmung wieder gewonnen hatte, verblasste leicht. »Aber?«, fragte er zweifelnd.
Meine Lippen verzogen sich zu einem anzüglichen Lächeln. »Kein Sex, wenn du betrunken bist.«
Erleichtert atmete er auf. »Ich vergesse bei deinem unschuldigen, süßen Aussehen immer, dass du keine Jungfrau mehr bist. Ich wollte sowieso warten, bis sich unsere Beziehung etwas gefestigt hat.«
»Lässt sich einrichten.«

Sunrise Residence, 31. Dezember 2010, 21.01 Uhr
Heute war nicht nur Silvester, sondern auch der Geburtstag von Tsubaki – und von Azusa-san natürlich, während der dritte im Bunde erst morgen dran war. Da ich nicht so recht wusste, was ich ihm schenken sollte, hatte ich mir was anderes überlegt. Nein, ich war sowas von keine Jungfrau mehr. Okay, ich sollte aufhören, so breit zu grinsen.
Trotzdem war zuerst das feierliche Abendessen dran gewesen, wo ich Tsubaki die ganze Zeit davon abhalten musste, nicht zu tief ins Glas zu gucken. Ein betrunkener Tsubaki war ein gehässiger Tsubaki, der dann seine Geschwister noch lieber ärgerte als sonst schon. Leider waren nur noch die Brüder ab zwanzig im Wohnraum, um gemütlich mit Alkohol anzustoßen. Seufzend schob ich ihm dann doch eine Flasche Bier zu. Ich wusste, dass eine auch bei ihm noch nicht viel bewirkte. Den Geschmack kannte ich ja eh zu Genüge.
Ich war übrigens nur hier, weil Tsubaki seinen Arm um mich gelegt hatte, damit ich nicht ging. Fühlte sich echt super an, wenn alle um dich herum trinken durften und das auch zur Genüge taten, während ich mich mit Tee oder Wasser zufrieden geben musste. Nächstes Jahr durfte ich mittrinken, denn ich war ja schon neunzehn. Plötzlich hielt mir Tsubaki seine Flasche an den Mund.
»Tsubaki, sie ist noch minderjährig!«, schalt Azusa-san ihn und riss ihm die Flasche aus der Hand. Dabei schlug der gläserne Flaschenhals schmerzhaft gegen meine Zähne. »Oh, entschuldige, Kyoko-san.«
Ich winkte ab. »Geht schon.«
»Azusa, jetzt reg dich nicht so auf. Kyoko ist doch schon groß«, verteidigte Tsubaki sich.
»Tsubaki«, meinte Masaomi-san, »Azusa hat recht. Nächstes Jahr kannst du gerne dein Bier bit ihr teilen, aber nicht jetzt.« Obwohl der Kinderarzt zumeist ein lockerer Kollege war, so sah er jetzt Tsubaki ernst an.
Beschwichtigend hob er die Hände. »Okay. Hab schon verstanden.« Damit erhob er sich und reichte mir seine Hand. »Wollen wir, Kyoko?«
Ich nickte und legte meine Hand in seine blasse Hand. Operation Geburtstagsgeschenk konnte gleich beginnen. Nein, nicht grinsen, Kyoko, nicht grin- Verdammt.
»Viel Spaß wünsche ich euch, aber nimm Imouto-chan nicht zu hart ran, Tsuba-chan.« Super, Kaname-san hatte mein Grinsen natürlich sofort richtig gedeutet. An meinem Pokerface musste ich noch arbeiten.
Tsubakis Gang wurde schneller und zog mich förmlich hinter sich her. Ich winkte Kaname-san zu. »Ich habe genug Erfahrung!« Okay, konnte ich meinen Kopf gegen die nächste Wand schlagen? Warum hatte ich das gesagt? Manchmal glänzte ich einfach nur vor Dummheit. Ich wollte gerne mein Hirn umtauschen – ging das?
»War so klar, dass du den Satz bringen musstest«, meinte Tsubaki, als wir in seinem Zimmer angekommen waren. Sollte ich froh sein, dass es für seine Arbeit schallisoliert war, um niemanden zu stören? Na gut, wer wusste schon, wann Azusa-san in sein Zimmer zurückkehrte?
Ich spielte mit seinen Fingern, die mit meinen verschränkt waren. »Ist mir nur so rausgerutscht.« Normalerweise hätte ich ihn jetzt darum gebeten, mich zu küssen, aber er war das Geburtstagskind, also stellte ich mich auf meine Zehenspitzen, um seine Lippen zu erreichen. Fest hielten meine Hände seine, damit ich nicht wegkippen konnte. Obwohl ich ihn verführen wollte, wurde ich langsam gegen die kalte Tür gedrängt.
»Du willst mich verführen. Ich sehe es in deinem Blick«, hauchte er, »aber das ist unser erstes Mal, also überlass mir das. Du musst mir nichts mehr schenken, weil du mir schon dein Herz geschenkt hast, so ich dir meines.« Eine wohlige Wärme breitete sich in mir aus. Ich schlang meine Arme ungeduldig um seinen Nacken und zog ihn wieder zu mir.
Zwischen mehreren Küssen bewegten wir uns zu seinem Bett. Und das, ohne zu stolpern – Tsubaki war ein Chaot sondergleichen, der es liebte, in der Unordnung zu leben. Trotzdem fielen wir nicht gerade sanft auf sein Bett, aber das war mir sowas von egal. Ich hatte irgendwie das Gefühl, ich war auf Sex-Entzug. Mit Kentarou hatte ich es ständig getrieben – entschuldigt meine Aussprache – und jetzt hatte Monate lang darauf verzichtet. Ich brauchte das – und zwar mit Tsubaki!
Leise in den Kuss stöhnend vergriff ich mich in seinen weißen Haaren. Der Gute hatte sie mit der Färbung dezent kaputt gemacht. Fluffig weich war was anderes. Ich musste ihm schleunigst eine gute Haarkur besorgen. Höchstpersönlich würde ich das in seine Haare matschen. Moment, warum dachte ich gerade über so einen Scheiß nach?
Tsubaki drehte sich auf den Rücken und zog mich zwischen seine Beine. »Entschuldige, aber ich kann mich doch nicht zurückhalten. Vertraust du mir trotzdem deinen Körper an?«
Ich senkte lächelnd meine Lippen auf seine. Voll und ganz würde ich mich ihm hingeben – der Person, die ich liebte.
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