With these two hands

von Mette
GeschichteRomanze, Familie / P16
OC (Own Character)
16.11.2016
19.11.2019
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Disclaimer: Alles in diesem und den folgenden Kapiteln veröffentlichte ist erfunden und nie so passiert, wie ich es darstelle. Allein die nicht real existierenden Charaktere gehören mir, alle anderen nur sich selbst. Ich verdiene kein Geld damit (leider).
Jede Charakterbeschreibung entspringt eines subjektiven Eindrucks.








With these two hands



     „Es gibt keinen Kaffee mehr.“
Josefin starrte ihren Kollegen Bastian fassungslos an. „Was?“
Er brummte und zeigte auf das leere Glas, das neben der Filtermaschine stand und das im Wechsel von jedem der Kaffeetrinker im Lehrerkollegium befüllt wurde. „Derjenige, der gestern Kaffee gekocht hat, hat anscheinend vergessen, welchen mitzubringen und  das Depot aufzufüllen.“
„Nein.“ Sie konnte immer noch nicht glauben, was sie gerade hörte. Kein Kaffee? Nicht einmal eine halbe Tasse? Gar keiner? Sie linste an Bastian vorbei und stöhnte auf, als sie die ebenfalls leere Kanne sah. „Es ist kein Kaffee da!“
     „Meine Rede.“
Sie starrte ihn mit schreckgeweiteten Augen an. „Und jetzt?“, hielt sie ihren Becher mit dem Antlitz des Bayernkönigs Ludwig II. in die Höhe. Bastian deutete mit dem Kinn darauf.
     „Der Kini kann dir dabei auch nicht helfen. Der hat zu Lebzeiten sicher anderes konsumiert und kannte Kaffee gar nicht. Entweder du verzichtest auf deine Koffeindosis und wartest, ob jemand neuen bringt – falls du nicht selbst dran warst und es versemmelt hast – oder du rennst in den letzten zehn Minuten der Pause in den Lidl und besorgst welchen. Dann ist er aber noch nicht gekocht und du hattest die Rennerei. Und kein Koffein im Blut. Also überlege es dir gut. Ich für meinen Teil werde wohl einen Tee trinken, das wird mich nicht umbringen. Sag Bescheid, wenn ich dir Wasser mit warm machen soll.“
Josefin kniff die Augen zusammen und zählte innerlich von zehn nach unten. Das half für gewöhnlich ganz gut, um sich wieder einzukriegen.
„Ja. Bitte“, knirschte sie schließlich mit den Zähnen. „In zehn Minuten schaffe ich es höchstens bis zum Lidl, aber nicht wieder zurück. Und den Kaffee kann ich dann zwar lutschen, aber nicht mehr trinken.“
Der ältere Kollege lachte. „Das ist auch eine Möglichkeit und wäre vielleicht als innovative Idee bei der nächsten Weihnachtsfeier belohnt worden…“ Er öffnete die hölzerne Box, in der die Teetrinker ihren Stoff bunkerten. „Grüner Tee, Rooibos oder etwas mit Waldfrüchten?“ Er hielt drei Beutel in die Höhe.
„In Form eines Kapselautomats? Äh… Rooibos, das darf man in der Schwangerschaft doch auch als Kaffeeersatz trinken.“
„Schwangerschaft?“ Beate Meier, die Kollegin aus der Biologie, die wie immer im unpassendsten aller Momente auf der Bildfläche erschien, hatte nur einen Teil der Unterhaltung mitbekommen. Das Wort "Schwangerschaft" war jedoch hängen geblieben und nun zog sie falsche Schlüsse. Sie musterte Josefin, die daraufhin automatisch nervös an ihrer dünnen Bluse zupfte, aufs Genaueste. „Wann ist es denn soweit? Ein bisschen sieht man ja schon.“
„Ich glaube, da hast du etwas falsch verstanden“, murmelte sie. „Ich bin nicht schwanger.“
Beates feingezupfte Augenbraue schoss in die Höhe und verschwand unter ihrem hennaroten, fransigen Pony. „Nicht? Bist du sicher? Man könnte es fast meinen. Du hast da so ein bisschen Bauch bekommen.“
„Ich…bin mir ziemlich sicher“, räusperte Josefin sich, die zwar wusste, dass die andere gerne stichelte, sich davon manchmal trotzdem verunsichern ließ.
     „Und ich sehe auch keinen Bauch. Vielleicht solltest du dich in deiner Mittagspause mal zu Fielmann begeben?“, kam ihr eine dritte Kollegin zu Hilfe. Sara ter Linden legte Josefin einen Arm um die Schultern. „Oder einfach zweimal nachdenken, bevor du irgendetwas von dir gibst… Husch, die Waldfee“, scheuchte sie die Biologin davon und dirigierte die andere vor sich her zu ihrem eigenen Tisch am Fenster.
„Halt, mein Tee…“ Josefin machte sich von ihr los und nahm ihre Kinitasse an sich, ehe sie Sara folgte und sich zu ihr setzte. Sie stellte ihre Tasche neben sich auf den Boden, wobei sie darauf achtete, dass sie nicht umkippen und alles herausfallen konnte. „Ich weiß nicht, wer schuld daran ist, aber irgendjemand hat keinen neuen Kaffee gekauft“, erklärte sie das für sie ungewohnte Getränk, nachdem Sara doch etwas verwundert auf die Schnur, die über den Tassenrand hing, schaute.
     „Ich habe dich also nicht fälschlich verteidigt?“
„Nein“, grunzte Josefin. Sie beugte sich nach unten und suchte in ihrer Tasche nach der Brotbox mit der Stulle. Am Morgen war es wieder einmal eilig gewesen und sie hatte es nicht mehr geschafft, ordentlich zu frühstücken. Daher hätte sie das Koffein wirklich gut gebrauchen können und der Rooibostee war nur ein unzulänglicher Ersatz. Sie nahm den Beutel aus der Tasse und sah sich nach einer Möglichkeit um, ihn abzulegen.
     „Hier.“ Sara schob ihr den Deckel ihrer Tupperdose hin.
„Danke… Oh Mist, schon wieder so spät.“ Josefins Blick fiel auf das Zifferblatt ihrer Armbanduhr. „Das Kaffeedrama hat mich ganz schön aufgehalten.“ Sie biss in ihre Salamistulle. „In Tffukunft werde iff immer Erffatffkaffee im FFpint haben.“
Sara grinste breit. „Alleff klar.“
„Mach dich nicht lustig über mich, ich brauche morgens mindestens eine Tasse Kaffee, um in die Gänge zu kommen. Mein Wecker hat nicht geklingelt, das heißt, das hat er wohl, nur habe ich ihn nicht gehört, also musste das Frühstück zuhause ausfallen, sonst wäre ich zu spät zur ersten Stunde gekommen. Ich dachte, dass ich darauf vertrauen kann, hier welchen zu bekommen.“
     „Wie lange arbeitest du schon hier? Und du vertraust noch auf irgendetwas in diesem Laden? Das musst du dringend abstellen.“ Sara lehnte sich zurück und streckte sich. „Mein Plan war eigentlich, in der 7 a eine HÜ schreiben zu lassen, aber dann habe ich den Wetterbericht gelesen und mir ist spontan die Lust daran vergangen, das Ding übers Wochenende korrigieren zu müssen. Da nutze ich lieber die drei Tage Sonnenschein aus, die uns in diesem Frühsommer vergönnt sein werden und werfe mich mit dem neuen Roman von Nicholas Sparks auf die Gartenliege. Dann habe ich wenigstens etwas Sinnvolles für mich selbst getan.“
„Du weißt doch noch gar nicht, ob der Trend, dass es eher kühl und nass ist, bestehen bleibt“, warf Josefin ein. Sie sah automatisch aus dem Fenster und rümpfte ein wenig die Nase. Die kleinen Flecken blauen Himmels, die sie am Morgen beim Verlassen des Hauses gesehen hatte, waren schon wieder von dicken Wolken verschlungen worden.
Grauen Wolken.
Wolken, die Regen versprachen, und zwar die Art Regen, die weder als feiner Landregen noch als Sommerregen durchging. In den letzten Jahren war es immer mal wieder der Fall gewesen, dass April und Mai verregnet waren, so schlimm wie in diesem war es Josefin und auch Sara bisher noch nie vorgekommen.
„Kann ja auch sein, dass es nächste Woche plötzlich 35 Grad werden…“
     „Ist das reines Wunschdenken oder das abgelaufene Tein in deinem Tee?“ Sara beugte sich über die  Tasse und schnupperte.
„Möglicherweise die Mischung aus beidem. Aber erinnere dich daran, im letzten Jahr ist das Thermometer auch von einem Tag auf den anderen um fast 20 Grad nach oben geklettert.“
     „Wie könnte ich das vergessen; das war während der drei Tage, die wir beide zusammen mit Gregor auf Klassenfahrt mit der 9 waren und alle sich auf ungemütlich kaltes Wetter eingestellt hatten. Ich weiß nicht, ob ich seitdem noch einmal so sehr geschwitzt habe.“
Das Signal, das die sich im Lehrerzimmer aufhaltenden Personen darüber informieren sollte, dass das Ende der ersten großen Pause unmittelbar bevorstand, ertönte. Normalerweise reichte die Zeit bis zum offiziellen Klingeln, das den Schülern auf dem Pausenhof anzeigte, dass es an der Zeit war, sich in die Räume zurückzubewegen, gerade, um die Sachen zusammenzupacken und die letzten Vorbereitungen für die beiden anstehenden Stunden zu treffen.
     „Was steht bei dir jetzt an?“, erkundigte Sara sich, als die beiden Kolleginnen, die sich auch privat ganz gut verstanden und ab und an auf einen Absacker Freitagabend trafen, Richtung Ausgang liefen. Josefin war in Begleitung ihres noch brühend heißen Tees und hoffte, dass niemand sie anrempelte und sie ihn sich überkippte.
„Doppelstunde Deutsch in der 9. Das dürfte jedoch ganz interessant werden, wir besprechen seit einigen Wochen die „Vorbilder des Alltags“-Hausarbeiten.“
     „Ach richtig, das hast du erzählt. Wolltest du nicht einrichten, dass euch einige dieser Vorbilder auch in der Stunde besuchen kommen?“ Sara blieb am Treppenaufgang stehen. Sie musste nach oben, Josefins Klassenraum befand sich im ersten Stockwerk eine Etage weiter unten. Die ersten Schüler kamen bereits von draußen herein und die beiden Lehrerinnen machten ihnen Platz.
„Das wollte ich nicht nur, das habe ich sogar.“ Josefin war ein wenig stolz auf sich und diese Idee. „Bisher hatten wir einen Polizistenonkel und eine Rettungsassistentin von der Tierrettung hier in München. Gerade von ihr war ich sehr beeindruckt und Tim hat sich für seine Hausarbeit auch wirklich ins Zeug gelegt.“
     „Das riecht nach einer eins?“
„Das riecht verdammt nach einer eins.“ Josefin prostete ihr mit der Teetasse zu. Dabei war sie ein wenig zu euphorisch, so dass einiges an Tee überschwappte und in den Tiefen des Treppenhauses verschwand. Ein Pfiff gellte nach oben und sie machte automatisch einen Schritt vom Geländer weg. Sara lachte sie aus und auch Josefin kicherte verlegen. „Ich mach mich lieber vom Acker; sehen wir uns später zum Mittagessen?“
     „Heute nicht, meine siebte und achte Stunde fallen aus, die 10c ist doch auf Exkursion mit Lasse. Ich habe heute früüüüüh Feierabend!“
„Blöde Kuh!“
     „Ich dich auch.“
Sie grinsten einander an, wussten, wie es gemeint war. Josefin schulterte ihre Tasche neu und machte sich auf den Weg zu ihrem Klassenzimmer. Als sie an der Topfpflanze, die im Eck zwischen Schaukasten der Biologie und der Brandschutztür stand, vorbeikam, hielt sie inne und leerte ihren mittlerweile ohnehin nur noch lauwarmen und ungenießbaren Rooibostee kurzerhand in den Kübel. Leid um das Getränk tat es ihr nicht und wenn die Pflanze daran einging hatte sie ihn ohnehin besser nicht getrunken.
„Hi, Frau Doktor Fuchs!“
Zwei Mädchen aus ihrer Klasse huschten an ihr vorbei und winkten ihr zu, dann waren sie auch schon verschwunden ehe Josefin den Gruß erwidern konnte. Sie wich ein paar jüngeren Schülern aus, die ihr achtlos entgegenstürmten und überlegte kurz, ob sie etwas sagen sollte, verwarf diesen Gedanken jedoch gleich wieder. Sie hatte es früher auch nicht leiden können, gleich von jedem Lehrer ermahnt zu werden, selbst wenn sie ihn oder sie nicht einmal aus dem Unterricht gekannt hatte.
„Frau Doktor Fuchs?“
Josefin blieb stehen und drehte sich um, als sie von hinten angesprochen wurde. Vor ihr stand, bleich im Gesicht, ihre Schülerin Victoria, die heute als erstes mit dem Vortrag ihrer Hausarbeit dran war.
Eigentlich.
Denn sie sah gar nicht gut aus. Josefin machte automatisch einen Schritt zurück. „Wenn du dich übergeben musst, die Mädchentoilette ist gleich dort hinten“, sagte sie automatisch. Victoria schüttelte den Kopf und ihre langen, dunklen Haare schwangen hin und her.
„Ich muss nicht spucken. Aber ich befürchte, dass mein Vorbild nicht kommen kann… Wird das Auswirkungen auf meine Note haben? Das wäre nämlich wirklich unfair, ich habe mir solche Mühe bei meinem Aufsatz gegeben und ich KANN doch nichts dazu!“ Tränen schossen in die dunklen Augen.
     „Warte, ganz langsam. Wer sollte denn kommen?“ Josefin stellte ihre Tasche ab und hängte ihre Tasse kurzerhand mit dem Henkel an den nächstbesten Garderobenhaken. Wieder gut, dass sie das Gesöff ausgeschüttet hatte.
Victoria zog die Nase hoch. „Ich habe die Schwester meines Opas ausgesucht, die ist schon voll alt, hats aber auch noch voll drauf und musste damals nach dem Krieg vier Kinder alleine über die Runden bringen und hats trotzdem geschafft,  ein Hotel aufzumachen. Und da ist sie immer noch irgendwie der Boss und deswegen kann sie nicht kommen, weil…“ Das Mädchen musste Luft holen. „Dort heute Nacht ein Rohr geplatzt ist und der halbe Keller unter Wasser steht. Sie muss nicht schöpfen, aber ihre Tochter wollte sie herbringen, meine Cousinentante, weil ganz alleine kann sie das in dem Alter dann doch nicht mehr und jetzt… Hat sie kein Taxi.“
Josefin legte ihr die Hände auf die Schultern und sah sie eindringlich an. „Ganz ruhig“, sagte sie. „So etwas kann passieren, dazu kannst du nichts und dazu kann deine… dein Vorbild nichts. Das allein beschert dir keine schlechte Note, so gut solltest du mich inzwischen kennen… Hier…“ Sie nahm ein Päckchen mit Papiertaschentüchern aus ihrer Tasche und reichte dem Mädchen eins davon. „Wisch dir die Tränen ab und schnäuz dich, dann sehen wir weiter… Warte hier, ich bringe nur meine Tasche und die Tasse hinein und dann komme ich noch einmal zu dir, okay?“
Victoria nickte und als Josefin kurz darauf wieder vor ihr stand, war sie gefasster und steckte das benutzte Taschentuch gerade in die Hosentasche.
     „Geht es wieder?“
„Mh. Ja. Denke schon.“
     „Gut, dann überlegen wir uns jetzt gemeinsam etwas. Möchtest du deinen Vortrag ohne dein Vorbild halten oder ihn lieber verschieben? Ich kann dir anbieten, dich hintendran zu hängen, dann wärst du kurz vor den Ferien an der Reihe. Sollte dann wieder etwas dazwischen kommen, musst du es alleine machen. Du müsstest dich jetzt gleich entscheiden, denn wenn du schieben willst, muss ich mir für die erste Stunde ein Alternativprogramm überlegen. Ich weiß nicht, ob János‘ Besucher schon in den Startlöchern steht, der ist ja erst für die zweite Stunde geplant. János ist auch noch nicht hier, um ihn zu fragen.“
Victoria trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Nein… nein ich denke… ich will schieben. Tante Magda soll dabei sein, sie war so stolz darauf, dass ich sie ausgesucht habe.“ Sie nickte sich selbst ihre Entscheidung bekräftigend zu. „Und es hat ihr so leidgetan, dass sie mich versetzen muss. Ich will auf jeden Fall warten.“
Josefin legte ihr für einen kurzen Moment die Hand auf die Schulter. „Gut, das kann ich verstehen. Das ist in Ordnung. Ich hoffe, dass beim nächsten Mal alles glatt geht. Möchtest du dir das Gesicht waschen gehen, ehe du in den Klassensaal kommst? Es dauert sicher noch ein paar Momente, bis alle da sind und wir mit dem Unterricht loslegen können, du verpasst nichts.“ Außerdem, aber das konnte sie natürlich nicht zugeben, hatte sich noch gar keine Idee, was sie als Ersatz aus dem Ärmel zaubern würde.
„Danke. Da kommt übrigens János“, meinte Victoria im Weggehen und Josefin drehte sich schwungvoll herum. Einen kurzen Moment lang war sie durch den Mann, der schräg hinter ihrem Schüler stand, irritiert. Dann fiel ihr ein, dass er wahrscheinlich sein Vorbild war. Er suchte direkt ihren Blick und nickte ihr mit einem kleinen Grübchen in der rechten Wange zu. Josefin fragte sich unwillkürlich, ob János immer schon so klein und schmal gewesen war, oder ob es an ihm lag.
„Hallo, Frau Doktor Fuchs, gut, dass Sie noch hier draußen sind.“
János wippte auf den Zehenspitzen herum, eindeutig nervös. Es war eine andere Nervosität als Victoria an den Tag gelegt hatte und Josefin musste nicht zweimal überlegen, wo sie herkam. Der Junge war aufgeregt, weil er jemanden dabei hatte, dem er imponieren wollte.
„János, was gibt’s?“
Sie schob die Fingerspitzen in die Taschen ihrer hellen Chinohose und ertappte sich dabei, dass sie ebenfalls anfing, zu wippen. Der Mann mit den Ausmaßen eines handelsüblichen Kleiderschranks begann breit zu grinsen. Zwei Reihen perlweißer Zähne erhellten sein bartschattiges Gesicht. Josefin räusperte sich und stand wieder still, was ihr aus einem unerfindlichen Grund jedoch auf einmal schwer fiel.
„Ich bin heute dran mit dem Referat“, erklärte János und zeigte hinter sich. „Ich habe Gábor mitgebracht, aber eine falsche Zeit gesagt, deswegen ist er schon hier. Frage: wer ist vor mir dran und kann ich eventuell tauschen?“
„Ich kann auch warten, wenn das nicht geht“, meldete der Schrank sich zu Wort und Josefin stutzte kaum merklich. Er hatte nahezu den gleichen Akzent wie János, rollte jedoch das r ein wenig mehr. Seine Stimme passte zu seiner Erscheinung, war tief und wohltönend.
Sie fragte sich, wer er war und was er machte und wie er dazu kam, János‘ Vorbild im Alltag zu sein.
„Genau genommen“, setzte sie an. „Passt das sogar sehr gut.“
In raschen Worten erklärte sie, was es möglich machte, dass János gleich in der ersten Stunde seine Hausarbeit vorstellte. Die beiden vor ihr stehenden zogen unisono die Augenbrauen etwas zusammen und folgten ihr hochkonzentriert. „Zu schnell?“, hakte sie nach. „Ich meine, habe ich zu schnell gesprochen?“ Sie wollte ihnen ungern auf den Kopf zusagen, dass ihr Akzent eine andere Muttersprache als Deutsch nahelegte.
„Nein, nein, nein. Alles gut.“ Gábor hob beide Hände. Josefins Blick fiel automatisch auf die langen Finger und die Handteller, die die Größe von Untertassen hatten. Sowohl rechts als auch links trug er je einen massiven Silberring, doch auf die Schnelle konnte sie nicht erkennen, was es damit auf sich hatte oder ob es einfach herkömmlicher Männerschmuck ohne größere Bedeutung war.
     „Tja. Dann gehen wir doch hinein“, schlug sie vor, hielt dann aber doch noch einmal inne und streckte ihre Hand aus. „Entschuldigung, ich habe mich nicht vorgestellt; es ist heute alles ein bisschen durcheinander. Josefin Fuchs, die Deutsch- und Klassenlehrerin von János.“
„Király Gábor.“ Kräftige, warme Finger schlossen sich um ihre und Josefin bekam genau den Händedruck, den sie sich von ihm vorgestellt hatte. Inklusive einer ihr dabei den Rücken hinablaufenden Gänsehaut, die sie sich nicht vorgestellt hatte, die jedoch nicht unwillkommen war und dazu passte. „János und ich spielen im gleichen Verein.“
Die Ohren des Jungen liefen bei diesen Worten rot an. Er zog die Schultern hoch und vergrub die Hände tief in den Taschen seiner Hose. „Ich bin nur in der B-Jugend“, murmelte er, sichtlich verlegen.
„Bin ich zu alt für die, aber das bist du auch irgendwann und dann muss ich aufpassen“, lachte der Ältere und legte ihm die Pranke auf die Schulter. Josefin maß unwillkürlich den Größenunterschied zwischen den beiden mit ihren Augen. „Bisschen wachsen muss er auch noch.“
Ihre Mundwinkel zuckten und sie verkniff sich einen Kommentar dazu. Stattdessen betrat sie den Klassenraum und begann damit, die letzten Vorbereitungen für die kommende Doppelstunde zu treffen. Das Pult war bereits freigeräumt und mit einer Karaffe Wasser und Gläsern bestückt und die Tafel gewischt, was zweifelsohne auf die immer sehr zuverlässige Klassensprecherin Cäcilie zurückzuführen war. Ihre Banknachbarin und beste Freundin Hanna war für das Klassenbuch zuständig, das seit diesem Schuljahr ebenfalls immer top geführt war. Josefin sah die beiden fragend an und deutete mit dem Kopf in Richtung Wasser. Cäcilie nickte, woraufhin die Lehrerin sich mit der gleichen Geste stumm bedankte.
Nacheinander trudelten nun die noch fehlenden Schüler ein, bis Marc als wieder einmal letzter schließlich die Tür hinter sich zuzog und sich auf seinen Platz an einem Tisch im vorderen Bereich fallen ließ. János wühlte in seinem Rucksack nach den beiden Schnellheftern mit den Ausdrucken seiner Hausarbeit, von denen einer direkt an Josefin ging. Der andere war für ihn selbst und beinhaltete außerdem noch einige Karteikarten mit Stichworten, denn der Vortrag sollte möglichst frei gehalten werden können. Bisher war das bei keinem der Schüler ein Problem gewesen, doch János schien ihr so aufgeregt zu sein, dass sie leichte Bedenken hatte. Offenbar wollte er es besonders gut machen, denn während er den Kopf gesenkt hielt ging sein Blick zwischen den dunklen, ihm in die Stirn fallenden Haare doch immer wieder zu Gábor hin, der sich inzwischen kurzerhand einen der beiden Stühle, die hinter dem Pult standen, genommen und zu Josefin ans Fenster gesetzt hatte.
„Ich darf doch?“, fragte er zwei Sekunden ehe er sich niederließ und seine eigene Umhängetasche, deren Riemen er quer über der Schulter getragen hatte, ablegte.
     „Mh?“ Sie sah auf.
„Sitzen.“
     „Achso. Ja. Natürlich! Das heißt, wollen Sie nicht lieber bei János sitzen? Die bisherigen Besucher haben immer vorne Platz genommen. Am…. Am Pult.“ Deswegen hatten dort auch zwei Stühle gestanden, was sie jedoch nur dachte und nicht laut aussprach.
„Wir haben besprochen, dass er zuerst liest und dann komme ich dazu“, erklärte er und ließ sich auf der Sitzfläche des Stuhls etwas nach unten rutschen, bis er eine einigermaßen bequeme Position gefunden hatte. Für ihn waren diese Stühle wie Zwergenmobiliar.
Josefin setzte sich automatisch aufrechter hin. „Ich hoffe für ihn, dass er nicht allzu viel liest, sondern mehr frei spricht. Das macht einen Teil der Note aus.“ Sie tippte auf ihr Klemmbrett, auf dem ein Beurteilungsbogen festgemacht war. Ins erste Feld hatte sie bereits János‘ Namen geschrieben sowie einen kurzen Vermerk, dass er seine Hausarbeit eine Stunde vorgezogen vortrug.
„Sehr schöne Schrift.“ Gábor tippte auf das Blatt. „Gefällt mir.“
     „Ja. Danke.“ Sie war ein wenig verwirrt über dieses aus der Luft gegriffene Kompliment. Umso erleichterter sah sie nun, dass alle Schüler an ihren Plätzen angekommen und bereit für die Stunde waren. Sie stand auf, legte das Brett auf ihren Stuhl und ging an die Tafel, um den Unterricht mit einer kleinen Einleitung zu beginnen. „Guten Morgen!“
„Morgen, Frau Doktor Fuchs“, ertönte es vielstimmig, gefolgt von einer Niestirade aus der hinteren Reihe. „‘Tschuldigung, Allergie!“, rief ein Mädchen, nieste noch einmal und putzte sich dann geräuschvoll die Nase. Josefin wartete einige Sekunden ab, dann fuhr sie fort.
     „Wie ihr wisst, machen wir heute weiter mit euren „Vorbilder des Alltags“-Hausarbeiten. Da Victorias… was war das, Tante?“
„Großtante“, sprang die Angesprochene ein. „Meine Großtante.“
     „Richtig, danke. Da Victorias Großtante aus diversen Gründen heute nicht hier sein kann und wir daher miteinander besprochen haben, dass sie sie und ihre Hausarbeit nach allen anderen vorstellt, hören wir heute nur den Vortrag von János… Ja, Daniel?“ Josefin sah, dass einer der Schüler sich bereits jetzt per Handzeichen meldete.
„Kann ich eine Frage stellen?“
     „Sicher. Was gibt es denn?“
Daniel richtete den Blick zu dem Mann am Fenster. „Sie sind doch Gábor Király, oder?“
„Bin ich.“ Er nickte. „Und wer bist du?“
     „Daniel Huber. Krass. Danke!“
Durch diesen kurzen Dialog aus dem Konzept gebracht sah Josefin von Daniel zu dem immer noch lässig am Fenster sitzenden Mann und wieder zurück. Er war ganz offensichtlich etwas bekannter als angenommen, was ein Stück weit János‘ Nervosität erklärte.
Gábor blickte sie nun erneut direkt und auch ein wenig abwartend an, wobei er die langen Beine ausstreckte und die Knöchel übereinander legte. Was bedeutete dieser Blick? Wollte er, dass sie auf Daniels Frage einging? Das konnte sie leider nicht, denn sie wusste nicht genau, wie sie das machen sollte. Sie kannte ihn nicht, zumindest nicht bewusst. Ganz leise, ganz hinten in ihrem Gedächtnis nagte etwas, doch sie bekam die Erinnerung nicht zu fassen und konnte sie daher auch nicht mit ihm verknüpfen. Sie wusste, dass es nichts bringen würde, wenn sie krampfhaft versuchte, draufzukommen. Vielleicht hatte sie Glück und János‘ Vortrag half ihr auf die Sprünge.
     „Gut, dann… würde ich vorschlagen, János, wenn du bereit bist, darfst du beginnen.“
Josefin nickte dem Jungen zu, der daraufhin mit zitternder Hand zum Pult ging und sich dahinter setzte. Sie selbst nahm wieder auf ihrem Stuhl Platz und legte sich das Klemmbrett auf den Oberschenkel ihres übergeschlagenen Beins. Der Kugelschreiber rollte über das Blatt nach unten, doch sie war zu langsam und schaffte es nicht, ihn davon abzuhalten auf den Boden zu fallen. Dass er dort gar nicht erst ankam war Gábor zu verdanken, der ihn aufgefangen hatte und ihn ihr nun zurückgab. „Danke“, sagte sie leise.
„Gern geschehen.“ Interessiert wanderten seine Augen durch den Klassensaal, während er dabei zuhörte, wie János mit zuerst noch dünner, jedoch nach und nach fester werdenden Stimme einen kurzen Abriss über seine Biografie gab, ehe er dazu überging darzulegen, wieso er ausgerechnet ihn als „Vorbild des Alltags“ gewählt hatte. Ab und an sah der Junge zu ihm – oder zu seiner Lehrerin? – herüber und Gábor nickte ermunternd. Seiner Meinung nach machte er das ganz gut. Er versuchte, auf ihre Notizen zu schielen, doch Josefin hatte ihre Hand wie beiläufig ausgerechnet über dem, was sie geschrieben hatte, liegen. Ob das eine berufsbedingte Angewohnheit war? Oder ob sie speziell nicht wollte, dass er mitlas?
Wenn er die Bemerkung über ihre akkurate und saubere Handschrift nicht gemacht hätte, wäre sie vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, das Geschriebene zu verbergen.
Er griente ein wenig. Da hatte er sich ein klassisches Eigentor geschossen. Gut, dass es nur hier passiert war und keine Nachwirkungen mit sich brachte. Wenn er wissen wollte, wie János für diese Arbeit bewertet worden war, würde er ihn einfach demnächst fragen. Sie trainierten zwar natürlich nicht direkt miteinander, ab und zu lief man sich trotzdem über den Weg. Außerdem gab es in der heutigen Zeit genug andere Wege, um miteinander zu kommunizieren, falls ein Gespräch auf dem persönlichen nicht zustande kam.
Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er, dass Josefin den Kopf dezent in seine Richtung gedreht hatte und ihn nun von der Seite her musterte. Da an ihm selbst nichts dezent war und er sich auch selten so benahm, wandte er ihr seinen Kopf ungeniert zu und blickte ihr in die Augen. Sie zuckte ertappt zusammen und sah unter sich. Ihr Hals wurde rot, es war ihr ganz offenbar peinlich, erwischt worden zu sein.
Gábors Mundwinkel zuckten. Er sah wieder nach vorne, denn das war schließlich der Hauptgrund dafür, dass er heute hier war. Dass die Lehrerin niedlich war, war nur eine Zugabe.
János faltete die erste seiner Karten in der Mitte, was für Gábor das Zeichen war, jetzt mit seinem Stuhl zu ihm ans Pult zu kommen. Seine Tasche nahm er gleich mit und stellte sie neben sich auf den Boden. Dass er erneut zu Josefin schaute, geschah ganz zufällig, doch sie hatte ihre Augen ebenfalls wieder auf ihn gerichtet. Für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie einander an, nur um dann gleichzeitig wieder den Blick zu senken.
Josefin rutschte auf ihrem Stuhl herum und griff mit der linken Hand an die Spitze ihres geflochtenen Zopfs, der über ihrer Schulter hing. Auf der rechten Seite hatten sich ein paar kürzere Haare aus der Frisur gelöst und sorgten dafür, dass alles ein bisschen aufgelockerter wirkte. Innerlich fühlte sie sich im Augenblick jedoch alles andere als locker, wobei sie nicht ganz verstand, wieso. Normalerweise brachte der Blick eines Mannes sie nicht so schnell aus dem Konzept, schon gar nicht, wenn sie ihn eigentlich gar nicht kannte oder gerade erst kennengelernt hatte. Sie räusperte sich leise.
Wahrscheinlich war das fehlende Koffein daran schuld. Ohne die gewohnte Menge Kaffee im Blut war sie einfach nicht sie selbst. Sie begann mit dem Fuß zu wippen und zwang sich, ihre Aufmerksamkeit wieder auf János und seinen Vortrag zu richten. Der Junge machte seine Sache nicht schlecht; er hatte seinen Aufsatz gut durchstrukturiert und erklärte gerade äußerst plausibel, wieso der neben ihm sitzende Mann sein Vorbild war. Dabei war keine übermäßige, unangebrachte Heldenverehrung zu spüren, sondern die ehrliche Bewunderung eines jungen Mannes, der unbedingt versuchen wollte, ähnlich gut wie der Ältere zu werden.
     „Ich hoffe, irgendwann einmal so weit zu sein, dass ich für mein eigenes Markenzeichen bekannt sein darf“, sagte János. Gábor lachte auf und einige andere, die jetzt auch wussten, wen sie vor sich hatten, taten es ihm gleich.
Und da fiel es Josefin ein.
Er war der Torhüter mit der siffigen, grauen Jogginghose – nur dass er sich heute offenbar in Schale geschmissen hatte, denn an ihm war nichts grau und schon gar nicht siffig.
Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht damit herauszuplatzen, denn das wäre in höchstem Maße unprofessionell gewesen. Rasch senkte sie den Kopf und kritzelte auf ihrem Blatt herum. Es war nicht so, dass sie gar keine Ahnung von Fußball hatte, aber sie war weit davon entfernt, Expertin zu sein. Sie ging normalerweise auch zu keinem Spiel, hatte keinen Verein für den ihr Herz schlug und schaltete nur zu Großereignissen bewusst den Fernseher ein, wenn 22 Mann dem Ball hinterherjagten. Aber sie blätterte schon einmal eine Sportzeitschrift durch, wenn sie beim Arzt eine in die Finger bekam oder schnappte bei Diskussionen auf Familienfesten oder Treffen im Freundeskreis das eine oder andere auf. Daher waren ihr die gängigen Typen durchaus ein Begriff – und ein solcher war der Ungar ohne Zweifel.
Ein Kichern bildete sich in ihrer Kehle; zum Glück hatte János nicht diesen schmierigen Portugiesen mit dem übersteigerten Ego angeschleppt. Den fand sie ja nur furchtbar!
Vorsichtig sah sie wieder auf und traf sofort auf ein Paar dunkler Augen, das zwar schon wieder auf ihr ruhte, sich jedoch sofort ein neues Ziel suchte, sobald sie den Kopf gehoben hatte.
Gábor hatte sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt und war dazu übergegangen, Fragen zu beantworten. Es waren hauptsächlich die Jungs, die ihn löcherten, doch auch Cäcilie schien sich in seinem Sport auszukennen. Allerdings war Josefin bereits nach der zweiten Frage klar, dass sie auf etwas anderes abzielte: ein Interview für die Schülerzeitung, von ihr geführt, so dass sie letztendlich das Lob dafür einheimsen konnte. Sie überlegte, ob sie dazwischen gehen und dem ganzen Einhalt gebieten sollte, doch im Moment hielt sich Cäcilies verbaler Angriff noch in Grenzen.
Die Klingel, die das Ende der ersten Stunde verkündete, unterbrach den Redefluss der jungen Frau. Sie sprang auf. „Ich hätte da noch zwei Fragen und bin auch gleich wieder da, um sie zu stellen, aber ich müsste da erst schnell etwas sehr Dringendes zwischenschieben.“ Sie flitzte aus der Tür und man konnte das Klappern ihrer Absätze hören, als sie den Flur entlangrannte. Die Jungs stöhnten auf, während Josefin krampfhaft nach einer glaubwürdigen, nicht ganz peinlichen Ausrede suchte, weshalb Cäcilie einfach davongelaufen war.
Quasi mitten im Interview.
Gábor zuckte mit den Schultern und grinste breit. „Mädchen.“
Und schon hatte er die Lacher wieder auf seiner Seite. Er goss sich etwas Wasser in eins der beiden Gläser und trank es in einem Zug aus. Dann sah er sich angelegentlich im Raum um und dabei immer wieder auch zu Josefin hinüber.
„Normalerweise“, meldete sie sich nun wieder zu Wort. „Machen wir an dieser Stelle zwischen den beiden Stunden eine kleine Pause von drei, vier Minuten. Zum Durchlüften… Austreten und kurzen sacken lassen der Informationen aus der ersten Stunde.“ Sie griff hinter sich und öffnete eines der beiden Fenster. „Macht ihr dort hinten bitte auch auf?“ Die frische Luft tat gut und kühlte die heiße Haut ihres Gesichts herunter. Josefin vermutete stark, dass die Farbe ihrer Wangen mit ihrer roten Bluse in Konkurrenz treten würde, wenn sie nicht durch die getönte Tagescreme ein wenig neutralisiert worden wäre.
Pro Vorstellung war eigentlich nur eine Stunde anberaumt, doch sie sah ein, dass hier ein kleiner Sonderfall vorlag. Es war unmöglich, jetzt ein anderes Thema anzuschlagen und János zu bitten, seinen Besucher wieder hinauszubegleiten. Dazu kam, dass sie keine Alternatividee parat hatte, ein Anfängerfehler, den sie heute der Einfachheit halber nicht nur ebenfalls auf den mangelnden Kaffee schob, sondern schlicht ignorierte: es gab ja eine Alternative. Sie saß am Pult, trug einen engen schwarzen Pullover zu ausgewaschenen Jeans und bescherte ihren Hormonen ein zwischenzeitliches Hoch.
Die Klassenzimmertür klappte zu, Cäcilie kam zurück und verkündete, dass sie jetzt gerne mit ihren Fragen weitermachen würde.
     „Weißt du, Cäcilie, ich denke, es wäre gut, wenn du anderen auch eine Chance lassen würdest, Fragen zu stellen“, meinte János mit fester Stimme. „Außerdem ist hier nicht das Pressequartier. Ich weiß genau, was du vorhast.“
Gábor lehnte sich zu ihm und fragte ihn leise etwas in ihrer gemeinsamen Muttersprache Ungarisch, das János in der gleichen Sprache erwiderte.
Josefin spitzte die Ohren, doch sie verstand naturgemäß kein einziges Wort. Sie meinte, sich erinnern zu können, dass Ungarisch, ebenso wie Finnisch, keine verwandte Sprache hatte, aus der man das eine oder andere Wort ableiten konnte. Mit Spanisch und Italienisch ging das ganz gut, wenn man Französisch beherrschte. Was sie zwar nicht tat, aber ihr Italienisch konnte sich sehen lassen. Ihr Griechisch war besser, doch das lag daran, dass ihre Mutter Halbgriechin war und es von jeher mit ihren Töchtern gesprochen hatte.
„Ich würde gerne etwas fragen“, meldete die schmale Ronja sich. Ihr glattes, schwarzes Haar hing ihr wie immer dicht am Gesicht entlang herunter und verschwand unter der Tischkante, so lang war es. „Geht das? Ich schreibe auch für keine Zeitung.“ Ihre dunkelgeschminkten Lippen zuckten zu einem Grinsen. Sie schüttelte sich das Haar aus dem Gesicht und wartete auf eine Antwort.
„Dann geht das“, nickte Gábor, der die kleine Stichelei in Richtung Cäcilie durchaus verstanden hatte. Er schob die Ärmel seines Pullovers ein Stück nach oben und legte die Unterarme locker auf die Platte des Pults.  Trotz der geöffneten Fenster empfand er es als zunehmend wärmer im Raum. Er begann, mit seinen Ringen zu spielen.
     „Kann ich ein Foto mit Ihnen zusammen bekommen? Das würde meinen Bruder grünschillernd ärgern, wenn er es sieht. Und es wäre für mich eine wirklich krasse Erinnerung an heute, denn mir scheint, Sie sind wirklich voll in Ordnung.“
„Ronja!“, zischte Josefin mit ermahnendem Unterton. „Weder grünschillernd noch krass sind Ausdrücke, die ich in meinem Unterricht hören möchte!“
„Ich glaube, grünschillernd kann man sagen“, meinte Gábor trocken. „Ich habe nur eine Schwester und die hat sich meistens nicht grünschillernd geärgert, sondern gleich losgezetert. War weniger nett.“ Er nickte Ronja zu. „Foto geht voll in Ordnung.“
Seufzend lehnte Josefine sich mit dem Hintern an die Fensterbank, nachdem sie in den wenigen Minuten zwischen den Stunden aufgestanden und ein paar Schritte gegangen war. Im Augenblick mochte sie nicht mehr sitzen, sie hatte das Gefühl, etwas mehr Überblick behalten zu können, wenn sie stand. Nach und nach kamen nun nicht nur Ronja, sondern auch noch einige andere nach vorne und ließen sich von János zusammen mit Gábor fotografieren. Zwischen den einzelnen Aufnahmen sah er immer wieder zu ihr herüber, so als warte er darauf, dass sie mit dem gleichen Wunsch an ihn herantrat.
Eine nette Gelegenheit wäre es ja schon, allerdings wollte sie ungerne vor der ganzen Klasse nach einem Foto fragen, auch wenn es gerade günstig wäre und sicher eine nette Erinnerung.
     „Frau Fuchs, wollen Sie nicht auch?“, rief Merle, die als letztes zurück an ihren Platz gegangen war und sich noch im Gehen das Bild auf dem Display ihres Handys angeschaut hatte. „Wenn Sie wollen, kann ich mit meinem Smartphone knipsen und Ihnen das Foto dann auf nem USB-Stick mitbringen, wenn Sie kein eigenes Telefon mit Kamera haben.“
Josefin starrte sie konsterniert an, eine Ablehnung des Angebots auf den Lippen. Doch gerade der letzte Satz war es, der ihre Meinung kurzerhand änderte. „Doch, habe ich zufällig. Und wenn es Ihnen nichts ausmacht, sich auch noch mit mir ablichten zu lassen…?“ Sie sah den Ungarn fragend an.
Gábor erhob sich. „Bitte!“, sagte er nachsichtig. Er war es gewohnt, dass die Leute sich mit ihm fotografieren lassen wollten. Es machte ihm nichts aus und in diesem Rahmen schon gleich gar nicht.
Sie ging in die Hocke, um in ihrer Tasche zu wühlen, auf der Suche nach ihrem Mobiltelefon. Viele ihrer Kollegen schalteten diese Teile während des Unterrichts ganz aus, Josefin beschränkte sich darauf, den Ton abzuschalten. So musste sie jetzt nicht lange darauf warten, dass das Betriebssystem hochfuhr und die Kamera bedienungsbereit war. Sie wischte über das Display, berührte den kleinen Fotoapparat mit dem Daumen und reichte ihr Telefon an Merle, die zurück nach vorne gekommen war.
     „Geil, meine Mutter hat das gleiche“, rief das Mädchen. „Ich meine… ich weiß also, was ich machen muss“, fügte sie rasch dazu, als sie Josefins im ersten Moment entsetzten Blick gesehen hatte. So alt war sie nun wirklich noch nicht! Sie straffte sich innerlich und nahm die Schultern zurück. Bemüht unbefangen wirkend ging sie zu Gábor nach vorne. Er lächelte sie offen an, wobei wieder dieses Grübchen in seiner Wange entstand, das ihr bereits vorhin aufgefallen war. Unwillkürlich hoben ihre Mundwinkel sich ebenfalls ein wenig. Sie stellte sich neben ihn und zuppelte automatisch noch einmal an ihrer Bluse herum, deren Bund in der Hose steckte und die daher eigentlich nicht verrutscht sein konnte. An ihrer linken Seite wurde es warm. Josefin hob gerade den Kopf, da legte sich auch schon eine große Hand auf ihre Schulter. Dort, wo die Wärme der Finger durch den Stoff drang, prickelte ihre Haut und sie krümmte, verborgen durch die Schuhe, ihre Zehen. Damit hatte sie nicht gerechnet, doch sie war meilenweit davon entfernt, sich zu beschweren.
     „Ah geh, Frau Fuchs, jetzt kucken Sie doch nicht so doof!“ Merle ließ enttäuscht das Handy sinken. „So wird das kein schönes Bild!“
„Bitte, Merle!“ Josefin rügte sie halbherzig. Sie war gerade nicht in der Lage, der Schülerin auf diese flapsigen Worte etwas passendes zu erwidern, die Hand auf ihrer Schulter lenkte sie zu sehr ab, von dem Mann zu dem sie gehörte ganz zu schweigen. Wo kamen die Ameisen in ihr auf einmal her?
     „Ist doch wahr… Also noch ein Versuch… Das sieht schon besser aus, ich mach gleich noch eins, okay?... So… Hier.“
Josefin löste sich von Gábor und eilte zu ihrem Handy zurück. Erst als sie das Gerät wieder in Händen hielt, fiel ihr ein, dass sie sich gar nicht bei ihm für das Foto bedankt hatte. Sie sah über die Schulter zurück. Gábor setzte sich gerade wieder. Er hob den Blick und wieder trafen ihre Augen sich auf halber Strecke zwischen ihnen.
„Danke schön“, formte sie lautlos mit den Lippen. Er nickte.
Es war angekommen.
Rasch schaute sie sich die Aufnahmen, die Merle gemacht hatte, an, dann ließ sie das Telefon wieder in ihre Tasche gleiten und setzte sich, um auch für den Rest der zweiten Stunde quasi zur Zuschauerin in ihrem eigenen Unterricht degradiert zu werden. Überrascht und fast etwas enttäuscht, weil die Zeit so schnell vorübergegangen war, hörte sie irgendwann das Klingeln. Unruhe breitete sich in der Klasse aus, die ersten begannen zusammenzupacken während Cäcilie versuchte, das Geraschel zu übertönen und noch eine letzte Frage an den Gast anzubringen. Die Hintergrundgeräusche waren jedoch zu laut, dazu kam, dass einige bereits anfingen, sich miteinander zu unterhalten und so zuckte er nur mit den breiten Schultern und machte das international anerkannte Zeichen dafür, dass er sie nicht mehr verstand. Er rückte mit seinem Stuhl vom Pult zurück und stand auf, während János seine Unterlagen sortierte und zurück in seinen Rucksack stopfte. Es ratschte, als er den Reißverschluss zuzog.
„Bin gleich zurück“, rief er Gábor auf Ungarisch zu und lief aus dem Klassenzimmer. Sowohl der Angesprochene als auch Josefin sahen ihm verblüfft hinterher.
     „Noch einer mit schwacher Blase“, kommentierte er mit amüsiertem Lachen. Er hängte sich seine Tasche um und kam dabei auf sie zu. „Ich möchte mich bedanken.“
Josefin runzelte fragend die Stirn. „Für was genau?“
     „Für die Möglichkeit, herzukommen“, präzisierte er.
„Oh, nein nein. Wenn, dann müssen wir… muss ich Danke sagen! Die Schüler und ich haben nicht jeden Tag die Gelegenheit, jemanden wie Sie kennenzulernen. Und dass die Klasse dann auch noch Fragen stellen durfte war sehr nett, von den vielen Fotos ganz zu schweigen. Vielen Dank.“ Ihr Lächeln war alles andere als unverbindlich, was er sofort registrierte. Für einige Sekunden sahen sie einander schweigend an, dann wurden sie durch ein dezentes Klopfen an der Tür unterbrochen. Josefin sah an Gábor vorbei, der einen Schritt zur Seite und ihr somit die Sicht frei machte.
     „Entschuldigung, Josefin, ich wollte nicht stören.“ Sara hob eine Augenbraue und scannte den neben der Freundin stehenden Mann mit einem raschen Blick ab.
„Was gibt’s denn?“ Josefins Stimme klang etwas belegt und sie räusperte sich. „Kann ich dir bei etwas behilflich sein?“ Sie trug ihre Tasche ans Pult, um ihre Hände beschäftigen zu können.
     „Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass wir doch zusammen Mittagessen können; Karsten hat mir eine Vertretungsdoppelte in der elften aufs Auge gedrückt. Adieu früher Feierabend.“ Sie zögerte kurz. „Falls du noch willst.“
„Natürlich!“ Wieso sollte sie nicht mehr wollen, sie hatte die andere doch vor anderthalb Stunden erst danach gefragt. So schnell änderte sie ihre Meinung für gewöhnlich nicht. Außerdem war ihr wöchentliches gemeinsames Mittagessen schon so etwas wie eine kleine Tradition. An den anderen Tagen waren ihre Stundenpläne meist zu unterschiedlich, um es bewerkstelligen zu können. Was nicht hieß, dass sie eine Gelegenheit außer der Reihe einfach so verstreichen ließen.
     „So, da bin ich wieder… Hallo, Frau ter Linden!“ János hob grüßend die Hand.
„Hi, János. Hast du deinen Vortrag gut über die Bühne gebracht?“ Sara lehnte sich an die Tafel.
     „Das hoffe ich doch, aber das muss Frau Doktor Fuchs entscheiden.“ Der Junge zog die Schultern hoch und sah Josefin fragend an. Diese wusste, dass er sich eine positive Antwort von ihr erhoffte, doch sie musste ihn vertrösten.
„Wir sprechen morgen darüber, ja? Ich sehe mir heute noch deine schriftliche Eingabe an und kann dir morgen deine Note sagen, wenn du in der ersten Pause ans Lehrerzimmer kommst.“
     „Nach einer Tendenz zu fragen brauche ich nicht?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, János. Das weißt du aber.“
     „Ja… hey, Frau ter Linden, wollen Sie mein Vorbild kennenlernen?“
Sara kräuselte die vollen Lippen. „Gerne doch.“
Josefine beobachtete die gegenseitige Vorstellung von Sara und Gábor mit einer gewissen Zurückhaltung. Ob Sara auch bemerkte, wie angenehm sein Händedruck war? Oder ob das eine subjektive Empfindung von ihr selbst gewesen war?
     „Also, wir sehen uns nachher.“ Sara riss sie aus ihren Überlegungen und war schon aus der Tür, ehe Josefin überhaupt wieder reagieren konnte.
„Ich verabschiede mich auch.“ Gábor tauchte vor ihr auf und sie musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn ansehen zu können. „Sehr nett.“ Er ließ offen, was er meinte.
     „Und sehr aufschlussreich.“ Sie streckte die Hand aus und hätte vor Wohlgefallen beinahe aufgeseufzt, als er seine hineinlegte und ein warmer Schauer ihren Unterarm hinaufkroch. Also hatte sie es sich doch nicht eingebildet, denn zweimal hintereinander täuschte man sich für gewöhnlich nicht.
„Ja“, schmunzelte er. „Das auch… Viszlát!“
     „Äh…“ Wenig intelligent richtete sie den fragenden Blick an ihren Schüler und lachte verlegen, weil sie nicht einmal die Grundbegriffe seiner Sprache beherrschte.
„Wir sagen das für tschüß“, erklärte Gábor selbst.
     „Ah!... Dann… ähm… wie war das doch gleich? Viss…?“
„Viszlát.“ Sein Schmunzeln wurde breiter. „Probieren Sie, ist gar nicht so schwer!“
Josefin, die sich aufgrund seiner nach wie vor andauernden Berührung nicht konzentrieren konnte, wusste bereits jetzt nicht mehr, wie es richtig heißen musste. Sie zog die Nase kraus. „Ich bleibe lieber bei tschüß, da kann ich nicht viel verkehrt machen.“
Mit leisem Bedauern nahm sie ihre Hand wieder zu sich. Noch einmal begegneten ihre Blicke einander, dann drehte der große Ungar sich um und folgte János nach draußen.
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