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Mr. Harvey J. Specter

von Greeneyes
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Donna Paulsen Harvey Specter Kyle Durant Louis Litt Michael "Mike" Ross Rachel Zane
16.11.2016
15.01.2020
11
39.019
12
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
21.11.2016 3.556
 
Hallo ihr Lieben,

im Moment geht das Übersetzen ganz gut voran, deswegen habe ich heute auch schon ein neues Kapitel für euch.
Ohne viele Worte kommen wir jetzt auch zu dem Kapitel. Ich hoffe, es gefällt euch.




Kapitel 2: Target in sight

Während der nächsten Tage wurde Harvey daran erinnert, dass sein übermenschlicher Angestellter eben doch nur menschlich war. Am Dienstagnachmittag erkannte Mike, dass er froh sein konnte, wenn er das Büro heute vor elf Uhr verlassen konnte. Er hatte einfach zu viel Arbeit und die Arbeit, die Louis ihm aufhalste machte es auch nicht unbedingt besser.

Mittwochnachmittag war Mike noch immer in der gleichen Lage, aber seine Stimmung hellte sich auf als Rachel ihm anbot, ihm während des Abendessens zu helfen.
An diesem Abend hatte Harvey schlechte Laune und er machte sich auf den Weg zum Autoclub. Er fühlte sich ein bisschen schuldig, dass er die Nachtluft genießen konnte, während sein Angestellter im Büro festsaß. Seine Laune besserte sich komischerweise Donnerstagmorgen, als er noch immer keine Freude auf Mikes Gesicht sehen konnte.

„Guten Morgen, Harvey.“ Mike kam mit traurigen Welpenaugen ins Büro.

Harvey deutete ihm an, dass er sich setzen sollte. „Es sieht nicht so aus, als hättest du einen guten Morgen.“

„Ja, Rach und ich waren gestern Nacht zu erschöpft, um auch nur irgendwas zu machen. Aber ich bin ihr trotzdem für ihre Hilfe dankbar.“ Mike gähnte.

„Tut mir leid das zu hören. Und ich hasse es dir sagen zu müssen, aber du weißt schon, dass es heute nicht weniger anstrengend wird, richtig?“ Harvey hatte einen leicht entschuldigenden Gesichtsausdruck aufgesetzt.

„Ja, wir haben zwei große Meetings morgen. Eins am Morgen und eins zum Mittagessen.“

Mike gähnte erneut und Harvey fühlte sich schlecht, weil der Kleine so müde war und so enttäuscht aussah. „Ich sag‘ dir was. Wenn du bis sechs Uhr keinen Mist baust, bestelle ich uns etwas zu Abendessen, das du magst. Du kannst hier drinnen mit mir arbeiten. Was sagst du?“

„Wirklich? Das würde ich gerne tun.“

Mike lächelte ihn mit seinem sonnigsten Lächeln an und Harvey dachte, sollte Jessica jemals einen Freiwilligen als Aushängeschild für ‚Glücklich lächelndes Gesicht von Pearson-Hardman‘ brauchen, müsste er seinen Angestellten vorschlagen.



„Hhmmm, das ist ein Stück vom Himmel, Harvey. Unglaublich lecker“, staunte Mike und verwöhnte seinen Mund mit einer weiteren Gabel des Currys.

„Ist das so?“ Harvey war froh all die anerkennenden Geräusche und Wörter zu hören, die aus dem Mund seines Angestellten kamen. Immerhin hatte er für das Essen gezahlt.

„Wir sollten das öfter machen, Harvey. Lange Nächte mit Curry. Außerdem bin ich viel produktiver in deinem Büro“, grinste Mike.

„Wenn du dich benimmst, werde ich darüber nachdenken.“ Harvey würde ganz und gar nicht zugeben, dass auch er es genoss gemeinsam in seinem Büro zu arbeiten; sein Junge wusste, welche Basketbälle er nicht anfassen durfte und er bewunderte die Musik, die er auflegte.

„Also… was magst du so sehr an dieser Anwaltsgehilfin? Ich kenne sie nicht sehr gut.“ Harvey wollte wissen, was dieses Mädchen Mikes Ansicht nach so besonders machte. Er kannte sie nur als hübsche und hartarbeitende Angestellte, die in ihrem fünften Jahr war.

„Sie hat ein großes Herz.“ Mike lächelte automatisch bei dem Gedanken an seine Freundin. „Sie ist freiwillige Mitarbeiterin im Gemeindezentrum. Ihr machen Pro Bono Fälle also offensichtlich nichts aus“, grinste er herausfordernd.

„Mir macht es auch nichts aus, wenn es das ist, was du meinst. Du übernimmst sie für mich.“

„Ich weiß. Was würdest du nur ohne mich tun? Du kannst es dir nicht mal vorstellen, nicht wahr?“ seufzte Mike gezielt laut.

„Ich weiß es nicht. Ich denke, ich würde mir einen neuen, hübschen Jungen mit großem Gehirn suchen. Vorzugsweise einen, der weiß, wie man sich weniger kümmert“, witzelte Harvey.

„Aber das ist doch das, was du heimlich am meisten an mir liebst! Dass ich mich um dich und die Klienten kümmer‘ und Gefühle in dir wecke.“

Harvey würde normalerweise ‚Übertreib’s nicht‘ sagen, aber Mike war so glücklich mit seiner kleinen Theorie, dass er entschied, es seinen sexuell frustrierten Mitarbeiter genießen zu lassen.



Am nächsten Tag hatte Mike deutlich bessere Laune, weil wie konnte jemand an einem Freitag traurig oder schlecht drauf sein?

„Danke Gott, dass es Freitag ist“. Mike stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und stieg aus dem Auto aus. Er musste nur noch zirka sieben Stunden überstehen bis er sein wohlverdientes Wochenende genießen konnte.

„Ich verstehe nicht, warum du so aufgeregt bist, Mike. Am Wochenende nennt dich niemand ‚Guter Junge‘ und lobt dich.“ Harvey sah von seiner Zeitung auf.

„Sogar gute Jungen brauchen mal eine Pause, Harvey. Sie müssen regenerieren und ihre Kraft auftanken, so dass sie in der nächsten Woche auch wieder gut sein können.“

Harvey nickte zustimmend. Sein Angestellter hatte eine gute Arbeitseinstellung. Er streckte seine Hand aus und zerzauste Mikes Haare.

„Hey! Ich habe mir die Haare extra gekämmt, damit ich für den Klienten gut aussehe. Sie waren perfekt!“ Mike versuchte seine Haare mit den Fingern wieder zu ordnen.

„Du siehst gut aus, Mike. Der zerwühlte Look steht dir“, grinste Harvey boshaft.

„Sagt der Mann, der sein Haar in Perfektion an den Kopf gegelt hat.“

„Du denkst, dass ich perfekt aussehe?“ Harvey setzte diesen selbstgefälligen Gesichtsausdruck auf, der sein Markenzeichen war.

„Wenn du aufhören könntest so zu grinsen.“

„Keine Chance“, grinste Harvey und zerzauste das Haar seines Mitarbeiters erneut.

Ein paar Stunden später war Mike sogar noch besser gelaunt. Beim Mittagessen hatte Harvey in ungewöhnlich hohen Tönen über ihn vor einem Klienten gesprochen und es sah ganz danach aus, dass er das Büro vor acht Uhr verlassen konnte.

Piep

Mike kontrollierte sein Handy und sah, dass Rachel ihm geschrieben hatte: Ich kann es kaum erwarten dich heute Nacht zu sehen. Es ist alles bereit ♥

‚Oohh…‘

Mikes Gesicht erstrahlte in einem riesigen Lächeln als er das Herz auf dem Display berührte. Er wusste, dass er sich verdammt glücklich schätzen konnte, mit so jemanden wie Rachel zusammen zu sein. Es fühlte sich so an, als wäre sie die Eine und er konnte nur hoffen, dass sie auch so für ihn fühlte.

Er schrieb zurück: Ich kann es auch nicht erwarten. Zu schüchtern, um dir ein Herz zu schicken.

Dann bekam er eine weitere Nachricht: Aber wir werden heute Nacht noch viel schlimmere Dinge machen! Denkst du, du kannst damit umgehen? ;)

Mike grinste und schrieb: Wir werden ja noch sehen, wer schüchtern wird, wenn es wirklich darauf ankommt <3

Er ließ sein Handy jetzt auf dem Tisch liegen und machte sich wieder an die Arbeit. Heute Nacht würde ihm weder die Arbeit, noch Murphys Gesetz im Wege stehen.



Um halb zehn saß Harvey auf der Couch und schwenkte seinen Drink in der linken Hand.

‚Ich sitze an einem Freitagabend zu Hause herum. Ich sitze nie an einem Freitagabend zu Hause‘, grübelte er und versuchte herauszufinden, warum ihm heute nicht nach Ausgehen zu Mute war.

‚Hmm, ich frage mich, ob der Welpe endlich das bekommt, was er will.‘ Er nippte an seinem Drink und der Geschmack war irgendwie bitter.

‚Dann könnte er wenigstens mit einem klareren Kopf am Montag arbeiten.‘

Harvey sah auf die Uhr und beschloss, Mike eine Nachricht zu schreiben. Seiner Berechnung nach mussten die Beiden gerade beim Nachtisch angelangt sein und er würde nichts unterbrechen.

Hast du Spaß, Neuling? Stell‘ sicher, dass dein Gehirn nachher genug Ruhe bekommt.

Harvey wartete auf eine Antwort, aber bekam auch keine nach einigen Minuten.

‚Er ist Anwalt im ersten Jahr. Sein Handy sollte 24 Stunden am Tag angeschaltet sein. Keine Ausnahmen.‘

Harvey konnte selbst nicht verstehen, warum er von Mikes Verhalten so genervt war. Es gab immerhin keinen Notfall. Er wusste, dass Mike die Arbeit an erste Stelle setzte, wenn es wichtig war.

‚Vielleicht sollte ich ihn anrufen, nur um zu überprüfen, ob sein Handy an ist.‘

Er erinnerte sich daran, den Anruf zu beenden, sobald er sich davon überzeugt hatte, dass das Handy an war. Also wählte er Mikes Nummer.

‚Okay, es klingelt definitiv. Ich lasse ihn lieber in Ruhe.‘

Harvey wollte den Anruf nach dem dritten Klingeln beenden, aber dann hörte er Mikes Stimme.

„Hallo…? Harvey…?“

Harvey fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Er mochte das Geräusch nicht, wie sein Welpe versuchte wieder zu Atem zu kommen.

„Was machst du?“ Er konnte gar nicht anders als zu fragen.

„Oh, ich bin bei Rachel.“

„Das weiß ich. Was hast du gemacht?“

„Ähm, ich habe sie geküsst?“, flüsterte Mike, während Rachel die Gelegenheit nutzte, ihr Make-Up im Badezimmer zu richten.

Aus irgendeinem Grund fühlte Harvey sich etwas besser.

„Ich brauche dich bei mir zu Hause. Jetzt.“

„Was? Warum?“

„Was denkst du wohl? Wir haben Arbeit zu erledigen.“

„Was für Arbeit? Ich habe im Büro alles erledigt, Harvey. Und ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass sogar gute Jungs hin und wieder mal eine Pause brauchen. Ganz besonders dann, wenn es Freitagnacht ist!“

„Hey, es tut mir leid, aber ich muss mich doch nicht rechtfertigen. Ich bin der Boss. Also entschuldige dich bei Rachel und dann beweg‘ deinen Arsch hier her. Ich warte.“

Harvey legte auf und erkannte, dass er eine halbe Stunde hatte, um mit einer glaubhaften Ausrede aufzuwarten.



Fünfundzwanzig Minuten später war Mike in Harveys Glasfahrstuhl und beobachtete, wie das Mondlicht mit den Lichtern der Stadt tanzte.

‚Es ist bestimmt besser, dass ich jetzt gehen musste, als mitten im Sex. Wir haben uns ja nur geküsst.“

Mike zuckte mit den Schultern und strich sich das Hemd unter dem Sakko glatt. Rachel hatte es zerknittert, aber das ließ ihn lediglich lächeln. Er war erleichtert und stolz, dass sie seine Küsse als ebenso befriedigend empfand, wie er ihre. Rachels Küsse schmeckten nach Zuckerwatte und er konnte es gar nicht erwarten herauszufinden, welche Geschmäcker er noch mit ihr verbinden könnte.

Der Fahrstuhl kam zum Stehen und er konnte Harvey auf seiner Couch sitzen sehen, der in seine Richtung sah.

„Hey.“ Sobald er aus dem Aufzug stieg fühlte er Harveys prüfenden Blick auf sich. Er war zwar angezogen, aber unter diesem Blick fühlte er sich fast nackt.

„Hey, sieht so aus, als hättest du eine schöne Zeit gehabt.“

„Ähm, ja, aber ist schon in Ordnung. Arbeit kommt offensichtlich immer an erster Stelle.“

„Setz dich. Lass mich dir einen Drink besorgen.“ Harvey deutete auf die Couch.

„Danke, Harvey. Aber bitte nichts Hartes. Wir müssen ja noch arbeiten.“

Harvey nickte als er seine Augen von seinem Mitarbeiter nahm. Es war wirklich unerfreulich zu bemerken, wie rot und geschwollen Mikes Lippen waren. Außerdem war da ein Hauch von pinken Lippenstift auf den Lippen und Harvey wusste genau, wie intensiv man geküsst werden musste, um so ein Resultat zu erzielen. Dann waren da noch diese Falten in seinem Hemd. Harvey hatte zwar kein fotografisches Gedächtnis, aber er war sich ziemlich sicher, dass Mikes Hemd noch in einem relativ guten Zustand gewesen war, als er ihn früher heute Abend von der Arbeit nach Hause geschickt hatte.

„Kann ich dein Badezimmer benutzen bevor wir mit der Arbeit anfangen?“, fragte Mike Harvey, der mit dem Rücken zu ihm stand und ihre Drinks zubereitete.

„Sicher, du weißt ja, wo es ist.“

Mike stand auf und Harvey drehte sich um, um ihn weggehen zu sehen. Der Kleine hatte sein Sakko ausgezogen und Harvey konnte sehen, dass die Anwaltsgehilfin auch seinen Kragen zerknittert hatte.

‚Konnten sie nicht nur mit ihren Mündern reden?‘

Harvey wollte die Gläser am liebsten auf den Couchtisch knallen als er sich auf die größere Couch setzte. Er missbilligte, wie sein Angestellter aussah und er wusste, dass es nichts damit zu tun hatte, dass Mike nicht so perfekt gekleidet war, wie es sich für einen guten Anwalt gehörte.

‚Ich bin eifersüchtig‘, stellte er fest und nippte an seinem Drink. ‚Aber warum? Weil er ein bisschen Spaß hatte und ich hier alleine war und die Uhr angestarrt habe?‘

Harvey sah zu Mikes gefalteter Anzugsjacke, die über der Armlehne der Couch lag. Er stellte sich vor, wie die Anwaltsgehilfin Mikes Jacke auszog, während sie sich leidenschaftlich küssten. Wut machte sich in seiner Brust breit und das war der Moment, in dem Harvey realisierte, dass er nicht auf Mike eifersüchtig war. Er war auf die Anwaltsgehilfin eifersüchtig.

‚Das kommt wirklich unerwartet‘, dachte er, weil er normalerweise jemanden sofort mochte und er kannte Mike jetzt schon seit ein paar Monaten.

‚Nun, ich mag jemanden sofort, aber genauso schnell höre ich auch wieder auf sie zu mögen. Das hier ist anders. Es ist wie der Halley’sche Komet. Kommt nicht allzu oft vor.‘

„Also, wofür brauchst du mich?“ Mike kam zurück aus dem Badezimmer.

Harvey stand auf und holte zwei Kopien der Pearson-Hardman Geschäftsordnung aus dem Bücherregal. „Wir müssen durch die Geschäftsordnung gehen. Jessica hat angerufen und mich gebeten sie durchzugucken.“

„Oh, was stimmt nicht mit der Geschäftsordnung?“

„Sie will sichergehen, dass wir alle Angestellte gleichbehandeln. Sie versucht einen Klienten am Montag an Land zu ziehen, der Gleichberechtigung sehr ernst nimmt.“ Das war eine Lüge, aber es war ja nicht so, als würde Mike das herausfinden.

„Meinst du Gleichberechtigung von Mann und Frau?“ Mike nahm einen Schluck seines Getränks.

„Gleichberechtigung von allen. Das heißt, keine Diskriminierung auf Grund von Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Stellung usw.“

„Okay.“ Mike kramte seinen gelben Textmarker aus seiner Tasche und begann mit der Arbeit.

Harvey öffnete seine eigene Kopie und gab vor zu lesen. Wenn er wirklich auf diese Anwaltsgehilfin eifersüchtig war, dann musste er Mike davon abhalten weiterhin mit ihr auszugehen.

‚Aber will ich wirklich diesen Weg einschlagen?‘

Er ließ sich nicht auf Leute aus der Arbeit ein aus demselben Grund, warum er nichts mit verheirateten Leuten anfing; es war einfach zu kompliziert.

‚Aber es ist Mike. Es ist schon kompliziert, seit wir uns das erste Mal getroffen haben.‘

Harvey blickte zu Mike, der sehr konzentriert wirkte. Er wusste schon, dass Mike ein hübsches Gesicht hatte, als er ihn das erste Mal gesehen hatte. Er hatte nach einer Kopie von sich selbst gesucht, also ist gutes Aussehen zwingend erforderlich gewesen. Aber jetzt da Mike auf seiner Couch saß, aus seinem Glas trank und so verdammt hart für diese Lüge arbeitete, sah er noch schöner aus.

‚Will ich ihn nur für eine Nacht? Wenn das so ist, kann die Anwaltsgehilfin ihn haben.‘

Unzählige Wortgeplänkel und Streiche, die er Mike gespielt hatte, fluteten Harveys Verstand. Es machte unglaublich Spaß Mike um sich zu haben und Harvey mochte es zu denken, dass sie ein enges und harmonisches Verhältnis aufgebaut hatten.

‚Er ist faszinierend. Das ist nicht nur physische Anziehung. Ich schätze seinen Verstand und ich meine nicht nur sein Gedächtnis. Er ist ein zweites Ich, aber auch etwas, was ich niemals sein könnte. Ich brauche ihn für mehr als nur eine Nacht.‘

In diesem Moment biss sich Mike auf die Unterlippe, was Harveys Aufmerksamkeit erregte. Der letzte Rest Lippenstift war nun weg; er musste es im Bad weggewischt haben. Harvey fühlte sich jetzt besser, da es keine sichtbaren Spuren mehr von jemand anderen auf seinem Welpen gab.

‚Ich weiß, dass er für beide Teams spielt. Er hat mir erzählt, dass er sowohl Freundinnen, als auch Freunde im College hatte, bevor er rausgeschmissen wurde. Also ist das kein Problem. Aber er wird sie nicht betrügen. So ist er nicht. Aber bisher sind sie nur miteinander ausgegangen und haben sich nur geküsst, nicht wahr?‘

Harvey wusste sofort, dass die Beziehung von Mike und der Anwaltsgehilfin nicht tiefer gehen durfte. Er wollte Mike und er war sich sicher, dass er ihn dazu bringen könnte, ihn zu mögen, aber er wollte ihn nicht stehlen.

„Harvey?“

„Ja?“ Harvey sah einen verwirrten Ausdruck auf Mikes Gesicht.

„Willst du, dass ich zu Hause arbeite? Du wirkst sehr… nachdenklich.“

Harvey schüttelte den Kopf. „Nein, ich möchte lieber, dass du hier arbeitest, wenn das für dich in Ordnung ist. Du arbeitest doch besser in meinem Büro, erinnerst du dich? Ich würde also gerne annehmen, dass meine Wohnung den gleichen Effekt auf dich hat.“

Mike lächelte. „Ich liebe deine Wohnung, Harvey, aber es wird spät.“

„Du kannst hier schlafen. Du weißt, dass ich ein Gästezimmer habe. Wir können morgen hier weiterarbeiten. So ist es einfacher. Außerdem ist es sehr wichtig für Jessica und auch für dich.“

„Warum für mich?“

„Weil sie von Louis alles über dein Auge für Details gehört hat und sie von dir jetzt die größte Gründlichkeit erwartet, die eben möglich ist.“

Harvey lächelte verschmitzt während Mike ein frustriertes Stöhnen ausstieß. Er fühlte sich schlecht, dass er seinen Mitarbeiter wegen nichts so unter Druck setzte, aber vielleicht konnte das dessen Verstand von Sex mit der Anwaltsgehilfin abhalten, den er sowieso niemals haben wird.

„Kann ich mir dann was Bequemes zu Anziehen ausleihen?“, fragte Mike und zog seine Schuhe aus.

„Sicher. Ich hole dir etwas.“

Harvey stand grinsend auf, entschlossen das größte T-Shirt und die größte Jogginghose rauszusuchen, die er hatte.

‚Hmm, vielleicht kann ich auch etwas Freizügigeres anziehen‘, überlegte Harvey, während er sein Hemd aufknöpfte. Er war hier in seiner Wohnung und Mike konnte nichts dagegen tun.



„Hier, für dich. Du kannst duschen und die Klamotten dann anprobieren. Die Handtücher sind im Badezimmer.“

Harvey kam mit Kleidung für seinen Gast zurück ins Wohnzimmer. Er gab ihm ein graues T-Shirt, dunkelblaue Pyjamahosen, eine neue Boxershorts, eine neue Zahnbürste und einen Rasierer für morgen Früh. „Ich denke, ich werde auch duschen.“

Mikes Augen weiteten sich. „Ähm, wie viele Badezimmer hast du denn?“

„Eins.“

Mikes Augen wurden noch größer.

„Das war ein Witz. Das Gästezimmer hat ein eigenes Bad“, grinste Harvey.

„Oh, okay. Gut.“ Mike legte seinen Textmarker auf den Couchtisch und nahm die Sachen aus Harveys Händen. „Danke.“

„Gerne.“ Harvey senkte seine Stimme ein bisschen und sah Mike nach, der in sein Gästezimmer ging.

‚Er hat Recht. Gott sei Dank ist es Freitag.‘ Harvey lächelte und ging in sein Schlafzimmer. Er musste sich in der Dusche überlegen, wie er Mike das ganze Wochenende in seiner Wohnung behalten konnte.

Piep

Harvey war gerade dabei das Wohnzimmer zu verlassen, als er das ungewohnte Geräusch vernahm. Das kam nicht von seinem Handy.

‚Dann muss es Mikes sein. Die Anwaltsgehilfin muss ihm geschrieben haben.‘

Er war sich bewusst, dass sein Angestellter nicht sehr viele Freunde hatte. Harvey ging zurück ins Wohnzimmer und nahm das Handy vom Couchtisch. Er hatte wirklich eine Nachricht von der nervigen Anwaltsgehilfin bekommen: Hey Mikey, wie geht die Arbeit voran? Ruf mich zurück, wenn du wieder zu Hause bist ♥

‚Was um alles in der Welt soll dieses mädchenhafte Herz? Und ernsthaft, Mikey? Entweder ist er Mike oder Micheal? Wird er überhaupt gerne Mikey genannt?‘

Harvey entschloss, dass er später ein Experiment durchführen könnte, um die Antwort auf diese Frage selber herauszufinden. Jetzt musste er erst mal eine Nachricht löschen.



Als der Gast und der Gastgeber beide wieder im Wohnzimmer waren, mussten sie über Mikes Aussehen lachen. Mike ging in dem großen T-Shirt fast unter und die Jogginghose saß tief auf seinem Beckenknochen, was ihn wie einen Rapper aussehen ließ.

„Ist das das kleinste T-Shirt, das du hast?“, fragte Mike und raffte das Shirt zusammen, während er sich auf die Couch setzte.

„Das ist das, was am besten an dir aussieht“, antwortete Harvey ehrlich.

„Ich weiß, du sagst immer, dass Aussehen wichtig ist, aber ich denke nicht, dass Klienten um diese Uhrzeit an deine Tür klopfen werden, Harvey.“

„Das sind die Sachen von meinem Bruder. Er hat sie vor einiger Zeit hier vergessen. Ich dachte nur, dass sie bequemer für dich sind als meine.“

„Sind deine bequemen Klamotten auch Markensachen?“

„Ja.“

„Okay, ich will deine Markensachen nicht ruinieren und dann meine Seele an dich verkaufen müssen. Also versuche ich mich an diese hier zu gewöhnen.“

„Kluge Entscheidung. Ich wusste schon, dass ich dich aus einem guten Grund eingestellt habe.“ Harvey tätschelte ihm den Rücken und fragte sich, wann wohl der richtige Zeitpunkt kam, um seinen Bizeps spielen zu lassen. Er fühlte sich plötzlich wie ein Tier in freier Wildbahn, das einem möglichen Gefährten gefallen wollte.

„Oh, deine Arme sind eindrucksvoll, Harvey. Dein morgendliches Training zahlt sich wirklich aus.“ Mike sah seinen Boss das erste Mal in einem ärmellosen, schwarzen Shirt mit V-Ausschnitt.

„Danke.“ Harvey nutzte sie Gelegenheit seinen Bizeps anzuspannen als er die Position des Couchtisches korrigierte.

„Wow.“ Mike war beeindruckt.

„Ich kann dir zeigen, wie du deinen Bizeps trainierst, wenn du willst. Ich bin immerhin dein Mentor“, bot Harvey mit einem Lächeln an, das nur sehr wenige Menschen kannten.

„Das würdest du für mich tun?“ Mike strahlte und sah sich schon mit tollen Muskeln.

„Sicher, Mikey. Du bist mein Angestellter. Ich bin verantwortlich für dich.“ Harvey war froh, dass Mike den Köder schluckte. Jetzt musste er nur beobachten, wie er auf den Spitznamen reagierte.

„Super! Wann können wir anfangen? Jetzt?“

Das Experiment war gescheitert, weil es Mike anscheinend egal war, wie er genannt wurde. Er war zu aufgeregt, schöne Muskeln zu bekommen. Also musste Harvey es erneut versuchen. „Es ist besser morgens zu trainieren, Mikey. Wir werden es also morgen versuchen.“

Dieses Mal hatte Mike es mitbekommen.

„Jeder nennt mich auf einmal Mikey“, sagte er mit einem kleinen Lächeln.

„Was bevorzugst du? Mike oder Mikey?“

„Ehrlichgesagt mag ich Mike lieber. Ich fühle mich wieder wie ein Kind, wenn man mich Mikey nennt.“

Harvey wollte am liebsten ‚Nimm das, du taktlose Anwaltsgehilfin!‘ schreien, aber er wollte sich nicht an schlechtem Geschmack ergötzen.

„Dann Mike, möchtest du vielleicht noch einen Mitternachtssnack haben? Ich habe chinesische Instantnudeln da.“

„Oh ja, bitte. Ich liebe diese Dinger!“

Zufrieden mit seinen Gastgeberqualitäten, stand Harvey auf und stolzierte in die Küche.
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