Im Keim erstickt

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character) Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
15.11.2016
15.11.2016
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Im Keim erstickt


„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist andere Pläne zu machen.“
- John Lennon (1940 – 1980)

Sie öffnete ihre Augen einen kleinen Spalt weit, um sein Gesicht sehen zu können. Er war völlig ekstatisch und bewegte sich in einem etwas hektischeren Rhythmus als noch zuvor. Sein Blick war verhangen, ihr kam es vor, als würde er sie gar nicht sehen können.
Doch sie sagte nichts und genoss die Berührung, seinen Körper, der über ihrem war und den warmen Atem, der ihr schüchtern entgegenschlug. Er war völlig still, gab keinen Laut von sich. Sie wusste nicht, ob es an dem hellhörigen Zimmer lag, in dem sie sich befanden oder einfach an seiner Art an sich.
Langsam bahnte sich sein Ende an, das merkte sie daran, wie er seine Hüftbewegung beschleunigte und dann plötzlich erstarrte, so als wäre er zu einer Salzsäule verwandelt worden. Genau in diesem Moment hatte sie ihn angesehen, doch hatte er es bemerkt.
Sein Kopf war nach unten gewandert und hatte sich auf ihrem Schlüsselbein abgelegt. Er tat zwar immer so selbstbewusst, doch war es ihm gerade unheimlich unangenehm angesehen zu werden. Sie strich mit der flachen Hand über seinen Rücken und spürte wie er erschauderte.
Eine Gänsehaut erstreckte sich über seinen gesamten Körper und er atmete heftig ein und aus. Connie setzte ein halbes Lächeln auf, denn sie fand es irgendwie niedlich, dass er sich schämte und sein Gesicht versteckte – warum auch immer.
Bucky hob den Kopf und sah ihr fahrig in die Augen, bevor er sich erhob, um das Kondom* zu entsorgen, das sie extra für diesen Fall besorgt hatte. Es war zwar etwas kompliziert gewesen, denn sie waren nicht verheiratet oder gar verlobt, doch lag ihnen beiden nichts ferner als jetzt Eltern zu werden.
Besonders, weil sie sich eigentlich kaum kannten.
Etwas torkelnd kam er zurück zu ihrem Bett, auf dem sie sich aufgesetzt hatte, um die Kissen aufzuschütteln. Eine Socke fand sie auch, doch warf sie sie mit einem breiten Grinsen auf den Lippen aus dem Bett auf den Boden zu den restlichen Sachen.
Bucky beugte sich nach unten, um sich seine Sachen anzuziehen, doch hüpfte sie aus dem Bett und zog ihn an seinem Handgelenk hinter sich her.
„Versteck dich nicht vor mir, das hast du nicht nötig“, flüsterte sie und drückte ihn auf die Matratze. Um ihn nicht noch weiter zu verunsichern schlug sie einfach die Decke über sie beide, auch weil sie langsam kalte Füße bekam.
„Warum so schüchtern? So habe ich dich gar nicht eingeschätzt“, murmelte sie hinterher und kuschelte sich etwas näher an seinen Oberkörper, den sie sehr ansehnlich fand, jetzt da er so offensichtlich vor ihr ausgebreitet war.
„Connie, ich...“, raunte er mit belegter Stimme und sie strich mit ihrer Hand über seine Brust, während sie ihm Zeit ließ seine Antwort zu formulieren. Er war wirklich schüchtern gewesen, von der einen auf die andere Sekunde.
Erst hatte er sie wegen eines Dates gefragt. Sie und ihre beste Freundin. Sie waren auf der Weltausstellung gewesen und hatten Steve kennengelernt, der jedoch alleine dort hatte bleiben wollen.
„Ist es wegen Steve? Ich weiß nicht, warum Bonnie so gemein zu ihm war, sie ist manchmal wirklich ziemlich wählerisch und hat Allüren“, vermutete Connie zaghaft, denn sie wusste, dass Steve Buckys bester Freund und ihre Freundin wirklich nicht besonders nett zu dem Kleinen gewesen war.
Connies Blick wanderte an sich herab und endete auf dem Fußboden, auf dem Buckys Uniform immer noch herumlag. Sie würde dafür sorgen, dass er am nächsten Morgen mit einer gebügelten Uniform das Haus verließ, schließlich sollte er einen guten ersten Eindruck machen.
„Ich weiß es nicht, wenn ich ehrlich sein soll“, sagte Bucky stimmlos und starrte auf seine Füße, deren Erhebungen unter der dünnen Bettdecke zu sehen waren.
„Rede mit mir darüber, bitte. Ich sehe doch, dass etwas nicht stimmt“, sagte Connie schon etwas lauter und setzte sich direkt vor ihn, die Decke hielt sie sich vor der Brust fest, damit sie nicht wegrutschte.
„Immerhin habe ich gerade mit dir geschlafen, ich finde, du solltest etwas mehr Vertrauen haben“, scherzte sie behutsam und streckte ihre freie Hand aus, um sie ihm an die Wange zu legen. Bucky war plötzlich ziemlich blass.
Dennoch sagte sie nichts, denn er sollte erzählen, was los war. So viel Vertrauen setzte sie nämlich schon voraus, schließlich saß sie hier nackt vor ihm. Sie ließ die Hand wieder sinken und kratzte sich an der Nase.
„Steve... Er will sich auch verpflichten“, spuckte er mühsam aus und knetete seine eigenen Hände. Das nagte wohl schon die ganze Zeit an ihm, auch wenn er es ziemlich gut hatte verstecken können. Doch hatten sie vorhin auch ein wenig was getrunken, jetzt kam alles raus, ob Bucky wollte oder nicht.
„Er wird doch niemals genommen werden, das lassen sie nicht zu.“
„Ich weiß, aber das interessiert Steve nicht besonders.“ Bucky lachte kurz auf und rieb sich mit seiner linken Hand über das Gesicht, das langsam ein wenig wieder an Farbe gewann. „Er weiß leider nicht, wann man aufhören sollte, so ist er nun einmal. Läuft nie davon und ist immer mutig...“
„Bonnie war dumm ihn ziehen zu lassen“, bemerkte Connie trocken und Bucky lächelte sie doch tatsächlich an. Wenigstens etwas hatte sie seine Stimmung vielleicht heben können. Doch sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich so schnell, wie er sich aufgehellt hatte.
„Da ist noch etwas“, flüsterte sie und runzelte die Stirn.
Bucky sagte nichts, sondern rutschte etwas nach unten, um sich hinlegen zu können.
„Wir sollten schlafen, morgen will ich noch ein paar Sachen erledigen bevor es losgeht, aber dafür muss ich früh aufstehen“, setzte er schnell hinterher, doch würde sie nicht lockerlassen.
„Nein, nicht bevor du gesagt hast, was los ist.“
Er wirkte erschrocken. Er sah sie direkt an und fixierte ihre Augen für einen starren Moment, dann senkte er den Blick beschämt und sie konnte beobachten, wie er innerlich mit sich selbst haderte.
Einige Minuten sagte von ihnen beiden niemand etwas, doch würde sie zur Not die ganze Nacht lang die kleine Lampe auf ihrem Nachttischchen brennen lassen, bis er etwas sagte. Egal was, Hauptsache er quälte sich nicht mehr.
„Ich...“, begann er, doch schüttelte er sofort den Kopf.
„Sag es einfach, Bucky“, ermutigte sie ihn und rückte etwas näher an ihn heran.
„Ich habe Angst morgen in den Krieg zu ziehen, Connie. Das ist die Wahrheit. Ich habe Angst, wie ein Feigling.“
Sie war erschüttert. Das glaubte er doch wohl nicht wirklich?
„Bucky, es ist normal, dass du Angst hast. Wer hätte das nicht? Ich hätte auf jeden Fall welche, ganz egal, was mir die Regierung erzählen würde, zu was für einer Heldin ich in Übersee werden könnte.“
Bucky schnaubte verbittert und sein Blick verfinsterte sich noch einmal mehr, auch wenn sie gar nicht damit gerechnet hatte, dass sich ausgerechnet der Blick dieses Mannes so derartig ins Negative verändern konnte.
Es jagte ihr regelrecht Schauer über den Rücken, dass er so aussehen konnte und sie hoffte, dass er in seiner Angst und seiner Verbitterung nicht bösartig werden würde. Je mehr ein Mensch Frustration in sich ansammelte, desto eher explodierte er. Das hatte sie an ihrem Vater sehen können, der nach dem großen Krieg Selbstmord begangen hat.
„Natürlich werde ich alles tun, um mein Land irgendwie dem Sieg näher zu bringen, doch weiß ich nicht, wie hoch der Preis sein wird, den ich zahlen muss. Was ist, wenn ich nicht zurückkomme? Was ist, wenn alle, die ich kenne nicht zurückkommen?“
„Du wirst zurückkommen, Bucky. Und ich werde hier auf dich warten, hörst du?“
Das war wohl eins zu viel gewesen, denn er setzte sich ruckartig auf und sah sie aus geweiteten Augen an.
„Tu das nicht, Connie. Du verschwendest deine Zeit damit“, sagte er plötzlich relativ laut und krabbelte aus dem Bett, um sich hektisch seine Kleidung anzulegen.
„Bucky, was soll das?“ fragte sie aufgebracht und stellte sich ebenfalls hin, nur von der Decke eingehüllt und den Tränen nahe. Wollte er sie nicht?
„Bucky, rede mit mir!“ rief sie lauter und versuchte ihn am Arm festzuhalten, doch zog er sich immer weiter an, ohne sich beirren zu lassen. Irgendwann stand er vollständig bekleidet vor ihr und sah sie eindringlich an.
Er packte sie an den Schultern und legte seine Stirn an ihre, wofür er sich ein kleines Stück nach unten beugen musste.
„Warte bloß nicht auf mich. Wenn ich da drüben falle, dann solltest du nicht hier zurückgelassen werden. Such dir jemanden, wenn alles vorbei ist, der dich verdient. Das ist mein Ernst.“
Dann drückte er ihr seine Lippen auf die Stirn und ließ sie mitten in der Nacht in ihrem Zimmer stehen, wo immer noch die kleine Lampe neben ihrem Bett brannte. Er schloss die Tür hinter sich rücksichtsvoll leise und sie hörte noch seine Schritte durch den Flur über die Treppe nach unten.
Danach war es still im Haus und sie klammerte sich am Saum der Decke um ihren Körper fest, um das Gefühl von Halt zu bekommen. Es blieb aus.
Tränen sammelten sich in ihren Augen, doch hielt sie sie tapfer zurück.
„Ich werde auf dich warten, Bucky Barnes“, murmelte sie und begann dann doch zu schluchzen, doch war niemand hier, der sie hätte trösten können.


Washington, D.C., 1974

Sie packte Peters Hand etwas fester, denn er war so aufgeregt, dass er am liebsten sofort loslaufen würde, das sah sie ihm an. Er hatte das Gesicht seiner Mutter und erinnerte Connie so sehr an ihre Tochter.
Sie war stolz darauf, dass ihre eigene Tochter so einen prächtigen Jungen geboren hatte und auf die Wahl des Ehemannes war sie mindestens genau so stolz. Robert war ein stattlicher Mann und erinnerte sie an ihren eigenen Gatten, der neben ihr her lief.
Sie bedachte Theodore mit einem Seitenblick und ihr fiel auf, dass er etwas gebeugter ging als noch vor ein paar Monaten, aber sie wurden eben nicht jünger. Deshalb war es auch so wichtig, dass sie jetzt so viel wie möglich mit ihrer Familie unternahmen, da es noch im Rahmen ihrer Kräfte lag.
Gemeinsam schritten sie auf das Museum zu und Peter konnte sich kaum noch gedulden, bis sie die Eingangstür passiert hatten.
„Na los, lauf schon“, sagte sie zu ihm und ließ seine kleine Hand los, worauf der Fünfjährige sofort losrannte und sich ein Exponat nach dem anderen erstaunt ansah. Connie lächelte und blickte ihm einen Moment lang hinterher.
Ihre Tochter Beth trat an sie heran und schüttelte seufzend den Kopf.
„Den musst du wieder einfangen, Liebes. Deine Mutter ist doch etwas zu alt dafür“, gab Connie mit einem Augenzwinkern zu verstehen und schon konnte sie beobachten wie Beth ihren Sohn einzufangen versuchte, doch wollte der plötzlich mitten im Museum anscheinend Verstecken spielen.
„Komm, wir sehen uns um“, sagte Theodore zu ihrer rechten und streckte den Arm etwas ab, sodass sie sich einhaken konnte. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ließ sich von ihm durch die Ausstellung führen.
Da Beth und Robert in der Hauptstadt wohnten, waren Theodore und sie vor ein paar Jahren ebenfalls hergezogen, denn jedes Mal von New York den weiten Weg auf sich zu nehmen war in ihrem fortgeschrittenen Alter immer anstrengender geworden.
Doch hatten sie sich noch nie das Smithsonian-Museum angesehen. Es würde aber auch in Zukunft nicht weglaufen, schließlich wurde es bereits im vergangenen Jahrhundert gegründet. Aber war es besonders Connie wichtig, dass ihr Enkel so früh wie möglich verstand, was Geschichte eigentlich war.
Besonders hatte sie jedoch Interesse an der Ausstellung zu Captain America, die es seit einigen Jahren hier gab und welche immer weiter ausgebaut wurde. Einen Kriegshelden zu bestaunen war für sie etwas anderes, schließlich hatte sie diese Zeit miterlebt, genau wie Theodore.
Aufmerksam sah sie sich also die Bilder vom Captain an und stellte fest, dass er ihr irgendwoher ziemlich bekannt vorkam. Stirnrunzelnd kamen sie irgendwann an einer Aufstellwand an, auf denen Bilder zu sehen waren, die einen gewissen Steve Rogers vor einem Experiment und danach zeigten.
Der schmächtige Junge kam ihr sogar noch mehr als bekannt vor. Er war der Junge gewesen, den ihre Freundin damals bei dem Doppel-Date mit Bucky versetzt hatte. Was aus Bucky geworden war, wusste sie bis heute nicht, doch Steves Geschichte wurde hier ziemlich lang und breit erklärt.
Er war Teil dieses Experiments gewesen, wurde zum Supersoldaten und war Anfang 1945 gefallen. Bei einem Flugzeugabsturz mit feindlichem Fluggerät ums Leben gekommen – er war ein Held. Genau wie Bucky vorausgesagt hatte.
Sie ließ Theodores Arm los, der sich etwas anderes ansehen wollte und schritt ziellos alleine weiter durch die Ausstellung. Nach ein paar Metern erreichte sie einen Bereich, der extra für Captain Rogers sogenanntes Howling Commando aufgestellt worden war.
Alle Männer lebten noch, zumindest laut den Lebensdaten, die neben den Bildern gedruckt worden waren. Ein paar Schritte weiter stockte sie und erstarrte, denn sie blickte in ein Gesicht, das sie kannte.
Sergeant James Buchanan 'Bucky' Barnes, geboren 1917, gefallen 1944 in der Schweiz bei dem Versuch Dr. Armin Zola gefangen zu nehmen
Er sah auf den Bildern genau so aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte – dunkelhaarig, fein gezeichnete Linien im Gesicht und irgendwie spitzbübisch. Er hatte immer etwas Unbeschwertes an sich gehabt, in den wenigen Wochen, die sie sich gekannt hatten.
Zwar hatte sie nicht den Eindruck gehabt, dass er ein Schürzenjäger gewesen ist, doch war er sehr gekonnt mit ihr umgegangen und hatte geduldig auf ihre Einwilligung bei allem gewartet. Am Abend bevor er in den Krieg gezogen war, hatte sie schließlich mit ihm schlafen wollen, aber nicht, weil er hatte gehen müssen.
Sondern weil sie geglaubt hatte, ihn zu lieben, auch wenn sie heute wusste, dass es ein törichtes und naives Verhalten gewesen war. Connie erinnerte sich nicht gerne an diese Zeit zurück, denn sie hatte wirklich bis 1947 auf Bucky gewartet, bevor sie wieder unter die Leute gegangen war und irgendwann im Dezember desselben Jahres Theodore kennengelernt hatte.
Tränen sammelten sich dennoch in ihren Augen und sie lächelte, bevor sie ihre Hand ausstreckte und sie kurz vor Buckys Abbild hielt. Er hatte Recht behalten – sie hätte nicht auf ihn warten sollen, hätte nicht versuchen sollen ihr Leben mit einer Zukunft mit ihm zu planen. Aber sie hatte trotz allem Zweifeln und Hoffen jemanden gefunden, der sie verdiente. Auch damit hatte er Recht behalten.
„Ich habe trotzdem auf dich gewartet, Bucky Barnes“, murmelte sie entrückt und wandte sich von dem Bild ab.
Sie hoffte, dass er zusammen mit seinem Freund Steve in Frieden ruhte.

* Ich weiß, das klingt schräg, aber ich habe das tatsächlich recherchiert und festgestellt, dass es diese Art der Verhütung schon seit einigen Jahrhunderten gibt. Die Herstellung von Latexkondomen begann schon um 1850 herum, also ist das nicht weit hergeholt, dass es die Benutzung in den 1940ern schon gegeben hat, was ich selbst nicht glauben wollte – nur so als kleine Anmerkung meinerseits ;D Wieder was dazugelernt.


Anmerkung: Wer sich zurückerinnert – das Doppeldate, das Bucky für seinen letzten Abend in den USA organisiert hat fand tatsächlich mit den Freundinnen Connie und Bonnie (eigentlich eine sehr doofe/lächerliche Namenskombination...) statt. Mich hat jedoch wieder einmal die Lücke interessiert, die Marvel hier gelassen hat, denn wir erfahren ja nur, was Steve nach seinem Korb so getrieben hat. Eure Meinung ist natürlich auch interessant für mich, besonders weil ich mich hier das allererste Mal in meinem Leben einer erotischen (kann man das so nennen?) Andeutung – denn mehr sollte es definitiv nicht sein, mir ist jede Art der sexuellen Zusammenkunft in Film und Schrift unangenehm – befleißigt habe, weil sie hier wichtig für die Handlung war und ich nicht wusste, wie ich sonst das Verhältnis der Figuren klarmachen sollte. Also bitte gnadenlose Ehrlichkeit.
LG, Erzaehlerstimme
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