Beware the Jabberwock

GeschichteFamilie / P16
Glen Baskerville OC (Own Character)
14.11.2016
22.06.2019
3
8.230
 
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14.11.2016 3.422
 
Hallöchen! :)

Ich heiße dich herzlich zu dieser Geschichte willkommen. Das hier ist eine Vorerzählung zu Pandora Hearts. Es geht um Levi und Celia. Celia wird im Manga tatsächlich von Oswald erwähnt, man sieht ihr Gesicht allerdings nicht und es wird auch nur kurz gesagt, dass Humpty Dumpty ihr Chain ist.
Ich habe also einen Chrakter zu ihr erfunden und darum geht es hier.

Und ja, ich weiß, der Titel ist ungeheuer kreativ und kein Stück von Alice hinter den Spiegeln geklaut *husthust*
Ich hoffe, ihr könnt mir vergeben ^^'

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und lasst doch einen Review da ;)

~ Vivi

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Ich drehe mich um, als die Tür des Raumes von innen leise geschlossen wird. Mein Herz rast sofort vor Angst, meine Sicht fängt an, leicht zu verschwimmen. Mein Körper beginnt sofort, zu zittern und ich fühle nur eine einzige Sache. Angst. Ich hab Angst. Ich hab so viel Angst davor, dass Er es ist. Ich will nicht wieder mit ihm mit gehen. Ich hab so Angst davor. Ich will das nicht.
Mein Herz schreit danach, zusammen zu brechen. Einfach weg zu laufen. Sich zu widersetzen. Aber ich bleibe stehen. Ich bleibe einfach nur da stehen, trotz all der Angst. Ich ignoriere das Brennen in meinen Augen und bleibe stehen. Mein Körper muss sich beruhigen. Schon okay. Alles okay.
Ich atme tief durch. Dann wische ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln. Schon gut. Alles ist gut. Dann halte ich es jetzt eben noch einmal aus. Ich schaffe das. So schwer kann es nicht sein. Ich hab es schon so oft überstanden. Ein weiteres Mal schaffe ich es auch noch.
Aber es ist gar nicht Er, der rein gekommen ist. Es ist Levi.
"Levi!", zische ich leise, als ich ihn erkenne. Er drückt sich den Finger auf die Lippen, um mir zu verdeutlichen, dass ich still sein soll. Ich gehe zu ihm hin und starre ihn verwirrt, aber auch leicht wütend an. Was macht er hier?! Es ist gefährlich, sich einfach so in meinem Zimmer aufzuhalten! Das kann böse für uns Beide enden. Vor allem für ihn und das will ich nicht. Ich will es für ihn genauso wenig, wie für mich.
"Was machst du hier?", frage ich entgeistert und starre ihn an. Er hat sein Ohr an die Tür gepresst und lauscht angestrengt. Wirkt ängstlich. Oh Mann. Was macht er denn? Wieso kommt er zu mir? Wir haben doch gemeinsame Zeit gehabt, die für heute zwar vorbei war, aber morgen würde er mich trotzdem wieder sehen. Es ist nicht so, als wären wir voneinander isoliert. Also ist es ja wohl kaum, weil er sich so um mich sorgt!
Schließlich nimmt er den Kopf von der Tür und wirft mir einen bedeutungsvollen Blick zu. Ich blicke fragend zurück.
"Komm", sagt er, legt seine Hand auf meinen Rücken und schiebt mich zu den großen Fenstern. Ich tue verwirrt, was er will und gehe einfach in die Richtung, in die er mich dirigiert. Was ist jetzt plötzlich mit ihm los? Sonst ist er doch genauso schweigsam und unterwürfig wie ich. Was ist los, dass er damit beginnt, Regeln zu brechen? Wo er doch über die Konsequenzen Bescheid weiß.
Als er plötzlich einen Schlüssel aus seiner Tasche holt und das Schloss des Fensters öffnet, werden meine Augen groß. Er hat doch jetzt nicht ernsthaft vor, abzuhauen. Das würde er nicht wagen.
Wir sind hier gefangen! Wir können nicht weg. Hat er aus den gescheiterten Versuchen des ersten Jahres hier denn nicht gelernt, dass man uns wieder einfängt? Hat er vergessen, was Er zur Strafe mit uns getan hat? Weiß er das denn nicht mehr?! Ich will das nicht nochmal erleben! Ich will nicht!!
"Levi!", will ich rufen, aber es kommt nur als kläglicher, heiserer Laut aus meinem Mund. Ich kralle mich verzweifelt in seinen Ärmel. Ich will das nicht! Er soll aufhören! Er soll das Fenster wieder zu schließen und dann zurück in sein Zimmer gehen. Bitte! Bitte! Warum tut er mir das an? Ich will das doch nicht! Bitte! Hör einfach auf! Ich will keine Schmerzen haben. Ich will nicht wieder bluten. Ich will es nicht! Bitte! Hör einfach auf!
Aber stattdessen öffnet er die Fensterflügel. Kalte Luft strömt uns entgegen. Es ist Ende Herbst. Es ist eiskalt. Ich bekomme sofort eine Gänsehaut. Ich trage zwar ein Leinenkleid, aber mehr auch nicht. Es ist nun mal verdammt kalt. Nur mit Mühe kann ich mich davon abhalten, mit den Zähnen zu klappern. Automatisch drücke ich mich näher an Levi, weil sein Körper warm ist. So schön warm. Aber das würde uns wenig nützen.
"Wir müssen los", sagt er. Mir schiessen bei dem Gedanken an die Strafe Tränen in die Augen. Nein. Ich will das nicht. Ich will das alles doch nicht.
"Nein", wimmere ich. Ich will nicht.
Plötzlich legt sich ein dunkler Stoff über meine Schultern. Ich sehe überrascht auf den schwarzen Umhang herab. Er ist schwer, aber warm. So schön. Der Stoff glänzt leicht. Und Levi hat ihn gestohlen. Auf jeden Fall. Wenn sie uns diesmal schnappen, dann würde es eine extra Strafe für den teuren Umhang geben. Auf jeden Fall.
Ich sehe zu Levi. Er trägt plötzlich einen ähnlichen Umhang. Auch gestohlen. Ich verwette meinen Körper darauf.
Wieso tut er das nur? Was bringt ihm das denn schon? Was bringt es uns? Eine Tracht Prügel und Schlimmeres. Meint er denn echt, dass wir es diesmal schaffen würden, zu entkommen? Ist er so sehr davon überzeugt?
"Celia, ich sehe sie. Ich muss den Lichtern folgen", sagt er und steigt auf die Fensterbank. Ich klettere hinterher. Was bleibt mir schon übrig? Wenn ich hier bleiben würde, würde mich auch Strafe erwarten. Und vielleicht, ganz vielleicht, schaffen wir es diesmal tatsächlich. Levis Augen haben sonst noch nie so geleuchtet. Sie waren noch nie so überzeugt gewesen. Noch nie. Vielleicht schaffen wir es diesmal tatsächlich. Vielleicht lassen die Lichter uns diesmal nicht im Stich. Hoffentlich. Ich will hier nicht wieder her. Nie wieder.
"Okay", sage ich. Er lächelt. Entschlossen und ein bisschen stolz. Dann hält er mir die Hand hin. Ich lächele auch, aber eher unsicher. Ich habe immer noch eine furchtbare Angst. Vor allem. Vor allem, was vor uns liegt, was hinter uns liegt und was ich nicht loslassen will.
Trotzdem nehme ich seine Hand. Er ist der Stärkere. Wir würden das gemeinsam schon irgendwie schaffen. Ja...
Wir rutschen vorsichtig das schräge Dach herunter. Ein Schauer erfasst meinen Körper. Aber nicht wegen der Kälte, oder okay, vielleicht doch wegen der Kälte, aber vor allem weil ich aufgeregt bin. Es ist irgendwie spannend und abenteuerlich. Ich weiß - Gefühle eines kleinen Kinds, das zum erstem Mal was alleine tut, aber so ist es eben.
Die Dachrinne stoppt uns. Leider nicht besonders leise.
Wir lassen uns an ihr herunter und stehen schließlich im Hof. Alles ist voller verwelkter Blätter. Es riecht nach Schlamm. Mir wird übel.
"Hier lang!", sagt Levi und zieht mich hinter ihm her. Ich weiß, wo wir lang müssen. Ich bin schon oft abgehauen. Auch alleine. Aber alleine nicht so oft.
Wir schleichen am Zaun entlang. Da es reiche Leute sind, denen wir gehören, gibt es eine Wache am Tor zur Straße. Deshalb müssen wir über den Zaun klettern. Glücklicherweise steht ein Baum relativ in der Nähe des Zauns. Auf den können wir gut klettern und so leichter abhauen.
Wir schleichen bis zum Baum. Ja, Baum... Äh...
"Scheiße!", fluche ich leise.
"Verdammt! Was machen wir jetzt?!", flüstert Levi aufgebracht. Er ist nämlich nicht mehr da. Der Baum. Er ist nicht mehr da. Es ragt nur noch der Ansatz des Stammes aus dem Boden.
Nein. Das kann einfach nicht sein. Das geht nicht. Sie hatten ihn fällen lassen. Damit wir nicht mehr flüchten können, haben sie ihn absägen lassen.
Jedes Fünkchen Mut verschwindet aus meinem Körper, zurück bleibt Hoffnungslosigkeit.
Sie werden uns bekommen. Sie sind garantiert schon auf dem Weg in mein Zimmer. Sie haben gehört, wie wir auf der Dachrinne gelandet sind. Und wir haben keine Chance zu fliehen. Verdammt! Sie werden uns bekommen. Alles ist vorbei. Wir können gleich aufgeben. Es bringt nichts mehr. Es hat keinen Sinn.
"... Levi", sage ich, hoffnungslos. Wir können nirgends mehr hin. Wir müssen zurück. Es gibt kein Entkommen.
"Wir klettern so über den Zaun!", entgegnet er entschlossen und stellt sich vor die Eisenstangen.
"Was?"
"Wir klettern ohne Baum rüber. Los, komm!" Er winkt mich mit der Hand zu sich. Ich stelle mich neben ihn. Der Zaun ist gut zwei Meter hoch. Das schaffen wir nicht.
Trotzdem hat mich den Ehrgeiz wieder gepackt. Wir können es wenigstens versuchen. Schlimmer kann die Strafe eh nicht mehr werden.
"Steig auf", sagt Levi. Ich sehe verwirrt zu ihm. Er hat sich runter gebeugt und seine Hände zu einer Schale geformt. Also soll ich zuerst rüber.
"Klar", entgegne ich und setzte einen Fuß mit nasser Socke in seine Hände. Mit dem Anderen stoße ich mich vom Boden ab und Levi drückt mich hoch. Ich bekomme die Zinnen oben am Zaun zu fassen und ziehe mich an ihnen hoch. Ich stelle mich auf eine horizontal gerichtete Eisenstange, die als Befestigung dient. Die Spitzen der vertikalen Stangen reichen nur kurz bis über meine Füße.
Mich aufzurichten wage ich nicht, aber ich kann auch so auf den nassen Bürgersteig auf der anderen Seite springen.
Okay, ich bin draußen. Okay. Geschafft. Endlich geschafft.
Levi springt, bekommt die Eisenstange zu fassen und zieht sich daran hoch. Woher hat er nur diese Kraft in den Armen?
Er landet neben mir und lacht. Aber nicht lange. Wir haben keine Zeit. Wir müssen weiter.
Ich grinse. Levi lacht immer noch, als er in eine Richtung los läuft und ich hinterher. Er lacht. Und sein Lachen wird immer lauter, je weiter wir kommen. Je weiter das Haus hinter uns liegt. Je näher wir der Freiheit sind. Je weiter wir mitten in die Stadt laufen.
Ja, in die Stadt.
Dort, wo wir vorher gefangen waren, dieses Haus ist außerhalb der Stadt. Nicht weit weg, aber trotzdem außerhalb. Und die Stadt bietet als einziges ein vernünftiges Versteck. Dort gibt es viele Häuser und Gassen und Menschenmengen. Es ist schwer, dort zwei Personen ausfindig zu machen. Besonders, weil sehr viele Leute auf der Straße leben.
Ich sehe eine Eisenkette vor uns auftauchen. Sie kommt aus dem Boden und reicht bis hoch in den Himmel. Levi läuft hindurch, aber ich renne mit meiner Schulter dagegen. Es tut nicht so doll weh, aber ein bisschen schon.
"Frei!", schreit Levi. "Freiheit!!"
Ich muss grinsen, kann aber nichts sagen, da ich meinen Atem für's Laufen aufspare. Levi klingt auch schon ziemlich außer Atem. Aber es ist ja auch das schönste Gefühl der Welt, endlich frei zu sein. Endlich!
Wir laufen noch gut zehn Minuten. Meine Füße sind komplett eingefroren und tun so sehr weh, dass ich weine. Einfach so, ohne richtig zu heulen. Mir laufen nur Tränen aus den Augen. Es tut unerträglich weh. So sehr.
"Levi?", keuche ich und bleibe stehen. Er hält auch an und dreht sich zu mir um. Ich sinke auf die Knie, der dunkle Umhang breitet sich um mich herum auf dem Boden aus.
"Celia!", ruft er erschrocken. Ebenfalls außer Atem, und kommt zu mir. Ich ringe heftig nach Luft. Es geht, aber es tut alles so weh! Meine Füße, meine Hände und meine Lunge. Es schmerzt und sticht und die Tränen wollen nicht aufhören. Dies erschwert meinen Atem allerdings nur.
"Wieso weinst du denn?", fragt er und hockt sich zu mir. Ich schüttele den Kopf, unfähig, etwas zu sagen. Es tut so weh.
"Es ist doch alles gut", sagt er und umarmt mich. Ich schnappe weiter nach Luft.
Wir verharren in dieser Position, bis ich wieder normal atmen kann. Halbwegs normal.
"Es tut so weh", hauche ich. Levi lässt von mir ab. Ich sehe ihn an. Langsam hören auch die Tränen auf. Ich huste.
"Wann sind wir in der Stadt?", frage ich.
"Wir sind nicht in die Richtung der Stadt gelaufen", entgegnet Levi.
"Was?"
"Die Lichter haben in diese Richtung gezeigt. In die entgegengesetzte Richtung der Stadt. Wir sind ihnen gefolgt."
"Aber...", sage ich und sehe mich um, "hier ist doch gar nichts! Hier ist nichts! Wir können uns nirgends verstecken. Es ist nicht mal ein Wald da. Nur flaches Land. Was ... hast du dir dabei gedacht?"
Ich bin so schwach und enttäuscht, dass ich all diese Wörter nur flüstern kann. Es geht nicht anders. Wieso? Wieso müssen diese Lichter uns direkt ins Verderben führen? Das darf doch nicht sein. Wieso tun sie das? Wieso verraten sie uns? Das macht doch keinen Sinn. Warum also?
"Aber sie haben uns hierher geführt. Hast du es denn nicht gesehen?", fragt Levi und sieht fragend zu mir runter.
"Doch", sage ich und fange schon wieder fast an, zu weinen. "Ich hab sie gesehen! Aber ich konnte nicht zu ihnen! Die Ketten waren im Weg. Diese verdammten Ketten..."
Ich bleibe sitzen. Das ist das Ende. Unser Untergang. Wir können noch weiter laufen, aber was bringt das? Es würde kein Dorf mehr kommen. Kein Wald. Kein Versteck. Wir sind verloren. Es bringt einfach nichts mehr.
"Die Ketten?"
Ich nicke. Levi kann sie nicht sehen. Ich denke manchmal, dass ich verrückt bin. Weil, das ist als einziges logisch. Keiner außer mir sieht die Ketten. Und keiner außer mir kann nicht durch sie durch laufen. Und ... eigentlich kann ich ja auch durch sie durch laufen, aber nur mit Levi. Und selbst dann klappt es nur manchmal.
Wieso bin ich nicht normal?
Ich stehe auf. Warum ich das tue, weiß ich nicht. Es macht überhaupt keinen Sinn. Denn, eben hab ich doch eigentlich aufgegeben. Eben hab ich das alles abgeschrieben und wollte nicht mehr weiter fliehen. Aber plötzlich will ich das schon. Ich weiß nicht, wieso das so ist.
Die Lichter tanzen um mich herum.
"Egal", sage ich. "Lass uns weiter gehen."
Levi nickt stolz und hält mir die Hand hin. Ich nehme sie und wir gehen weiter. Wir gehen ganz normal, müssen nicht mehr rennen. Alles wird gut. Wir können entkommen. Wir schaffen es. Wir werden es schaffen. Ich weiß nicht, wie wir dann an Essen oder Geld kommen, aber solange Levi bei mir ist, können wir alles schaffen. Außerdem kann er sehen, wohin die Lichter führen. Ich sehe überall fast gleich viele. Er aber hat einen genauen Weg vor sich. Und weil wir den Lichtern vertrauen, denke ich nicht, dass sie uns nur irgendwo hin führen. Es wird schon irgendwie bedeutungsvoll sein.
Wir laufen über die Straße, nur in Socken, die eigentlich schon längst zerlaufen sind. Es ist stockfinster. Ich kann nur durch die Lichter etwas sehen. Sie sind warm. Sie machen Licht wie von Feuer. Ein warmes, angenehmes Licht. Leider ist es trotzdem kalt. Aber es ist schön. Es sieht schön aus, wie die Lichtpunkte den Weg markieren. Wie sie um uns herum schweben, um uns zu begleiten. Damit wir uns nicht alleine fühlen. Irgendwie nett.
Um den Kutschenweg sind Felder und vereinzelt Bäume.
Wir gehen die ganze Nacht weiter. Mir ist schlecht vor Kälte und Hunger geworden. Es sind bestimmt schon zwei Stunden vergangen, seit wir abgehauen sind. Meine Beine und Hände sind taub vor Kälte. Meine Füße versinken bei jedem Schritt ein Stück weit in Schlamm. Wir laufen schon lange nicht mehr auf Stein. Die Straße hat irgendwann in einen Feldweg gemündet. Weil es Herbst ist, liegen viele verfaulte Blätter auf dem Weg und die Erde ist schlammig. Mir ist auch von dem Faulgeruch schlecht. Das ist ekelig.
Dauernd trete ich auf kleine Steine oder Äste in der Erde. Die Socken sind längst zerfetzt, nur noch der Teil um mein Fußgelenk ist noch da. Meine Füße sind blau, ich spüre sie gar nicht mehr. Wenn ich auftrete ist es, als würde eine dicke Schicht Wolle zwischen mir und dem Boden sein.
"Levi?", frage ich, weil ich seine Hand in meiner nicht mehr spüren kann. Ich übergebe mich fast, als ich spreche. Das ist so ekelig. Warum kann der Geruch nicht einfach verschwinden?
"Ja?", kommt es leise zurück. Ich schaue zu ihm rüber. Er geht noch neben mir. Noch ist er da. Ich kann ihn aber kaum erkennen, weil die Lichter stark abgenommen haben und weil ich so müde bin. Trotzdem sehe ich, dass auch er nicht gut aussieht.
"Alles okay?", frage ich deshalb und unterdrücke meinen Würgereiz. Ich spüre, wie die Magenflüssigkeit in mir hochkommt. Ich will mich aber nicht übergeben. Das kostet zu viel Kraft. Vielleicht kann ich danach nicht mehr laufen. Wir haben es so weit geschafft, da will ich nicht alles wieder zerstören, nur weil mir schlecht ist.
"Ja", kommt es zurück. Ein bisschen leiser als eben noch. Ich verenge meine Augen zu Schlitzen, um Levi besser erkennen zu können. Er sieht grade aus. Er sieht in die Richtung, in der die Lichter schweben. In die Richtung unseres Zieles. Sein Blick ist wehmütig, als würde er innerlich flehen, dass wir gleich da wären. Er hält wohl auch nicht mehr lange durch. Immerhin ist auch er nur ein Mensch.
Ich sehe ihn noch länger an, während wir durch den Wald laufen. Ich befürchte jeden Moment, einfach umzukippen. Mein Körper kann nicht mehr. Meine Seele auch nicht. Alles ist kaputt. Geschunden. Zerbrochen durch Misshandlung. Und ich bezweifle nicht, dass es Levi genauso geht. Ich weiß nur, dass er es besser verstecken kann.
Plötzlich weiten sich seine Augen. Ich sehe ihn verwirrt an. Sein Mund öffnet sich. Ich sehe in die Richtung, in die er sieht, aber da ist nichts. Nur ein paar Lichter und jede Menge Bäume. Mehr nicht.
"Celia", haucht er. Ich schaue wieder ihn an. Was ist los mit ihm?
"Ja?", antworte ich und runzle besorgt die Stirn. Was hat er nur? Was ist los? Geht es ihm nicht gut? Wieso sieht er so staunend in den Wald?
"Siehst du das Haus?", fragt er, während Tränen in seine Augen treten. Aber nicht vor Trauer, sondern vor Erleichterung.
Ich schaue nochmal in die Richtung, in die er guckt. Angestrengt versuche ich, ein Haus auszumachen, aber da ist nichts. Wir sind in einem Wald, wieso sollte hier ein Haus sein? Hier ist nirgends ein Haus oder vielleicht eine Hütte.
"Nein", sage ich und auch in meine Augen treten Tränen. Aber nicht vor Erleichterung. Nicht vor Erleichterung. Es ist, weil ich Angst hab. Weil ich Angst hab, dass Levi verrückt wird. Da ist nichts. Verdammt, das ist nichts! Kein Haus, keine Hütte, nichts!
"Levi?" Meine Stimme zittert und die Tränen rollen über meine Wangen. Da ist nichts! Er ist nur eine Einbildung. Es ist doch nicht real.
Levi will etwas sagen, öffnet den Mund, sieht weiter in die Richtung, in der er denkt, ein Haus zu sehen. Aber er sagt nichts. Er bleibt still.
"Levi?", wiederhole ich, diesmal schluchzend. Ich will nicht, dass er verrückt wird! Er darf mich nicht verlassen. Bitte...
Dann kippt er einfach um. Sein Körper kollabiert und er bricht in sich zusammen, landet auf dem Boden. Vor meinen Augen. Seine Hand fällt aus meiner. Sein Kopf liegt im Schlamm. In den faulen Blättern. Und er gibt keinen Mucks mehr von sich. Keinen Ton. Sein Körper bewegt sich nicht.
Mein Herz setzt aus. Ich starre auf die Stelle, wo er eben noch stand, wo sein Gesicht eben noch war. Die Tränen hören auf. Ich bin völlig bewegungsunfähig. Eine Gänsehaut zieht sich über meinen Körper.
Schließlich sinke ich auf die Knie, starre immer noch in die Leere vor mir. Als ich ganz realisiere, was grade passiert ist, wird mir speiübel.
"Levi!", schreie ich und dann übergebe ich mich. Es ist nicht viel, weil es fast nur Magensäure ist, aber es ist trotzdem ekelig und kostet so viel Kraft, dass ich kurz bewusstlos werde. Ich kippe zur Seite, auf Levis Körper, der schon lange nicht mehr warm ist.
"Levi", wiederhole ich, als ich nach ein paar Sekunden wieder zu mir komme. Meine Augen sind nicht richtig geöffnet, aber ich höre Schritte und Stimmen und sehe mehrere Personen. Ich will aufspringen und weg rennen, aber ich kann nicht. Mein Körper lässt es nicht zu.
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