Wolf - Die Mitte der Welt

KurzgeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
13.11.2016
03.12.2016
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Später liegen wir auf dem Bauch nebeneinander in der Sonne, Wolf hat den Kopf in die andere Richtung gedreht. Ich betrachte seine Haare, ich muß daran denken, wie ich sie als Kind immer berühren wollte, sie sind wirklich schön, blond und gewellt, er trägt sie jetzt fast kinnlang. Ich habe wieder Lust, sie zu berühren.
Plötzlich frage ich mich, ob er die ganze Zeit in mich verliebt war, wenn er es so lange war. Ich schelte mich selbst ziemlich eingebildet. Ein Junge, der schon sein halbes Leben in mich verliebt ist, der Gedanke schmeichelt mir natürlich, ich schiebe ihn beiseite.
Wolf dreht den Kopf herum und schaut mich an. Seine Augen sind nicht mehr tot, es ist Leben in ihnen, diesen blassen grauen Augen.
„Vermißt du ihn, deinen Freund.“
„Eigentlich war er nicht mein Freund. Meistens haben wir nur gevögelt.“ Das klingt bitterer als es sollte.
Wolf zieht langsam seine Hand unter seinem Kopf hervor und legt sie mir auf die Wange, legt sie einfach nur dahin, sagt nichts, schaut mich nur an.
„Er hat mich fast nie geküsst, weißt du.“
„Ich würde dich immer küssen“, sagt er auf seine ruhige Art.
Ohne darüber nachzudenken, beuge ich mich vor und küsse ihn. Sein Mund öffnet sich mir, seine Hand gleitet in meinen Nacken, unsere Zungen tasten sich zart aneinander heran, bevor sie sich heftig umgarnen. Ich dränge mich an ihn, alles in mir drängt sich an ihn. Meine Lust löst meine Gedanken auf, ich versinke. Es ist heftig und es dauert nicht lange.
Nachher kann ich Wolf nicht in die Augen schauen. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Unruhig setzte ich mich auf. Leise beginne ich zu sprechen.
„Ich ging mit Nicholas diesen Weg entlang durch den Schnee. Alles war ruhig und friedlich ringsum. Ich sagte ihm, daß ich ihn beobachtet hatte, wie er es mit meiner besten Freundin treibt. Plötzlich fiel ein Schuß. Nicholas hielt sich das eine Auge.“ Wolf lehnt sich von hinten an mich. Ich spüre seine Hand auf meinem Arm, er küßt meine Schulter.
„Nicholas schrie, er schrie so laut. Wie ein Tier. Er lag im Schnee und schrie.“
Wolf küßt meinen Hals, umfängt mich mit seinen Armen. Ich lege den Kopf in den Nacken, damit mir die Tränen nicht über die Wangen laufen. „Ich ging hinter diesen Holzstapel und da hast du gesessen, ein Gewehr im Arm. ‘Armer Läufer, armer Läufer‘ hast du immer wieder gesagt.“
Ich spüre Feuchtes an meinem Ohr. Ich will ihn gern wegstoßen, aber ich tue gar nichts.
„Ich verstehe schon Phil, ich verstehe schon, ich bin ja nicht dumm. Du kannst andere haben, ganz andere, du brauchst keinen aus der Klapse, keinen der deinem Ex-Freund das Auge zerschossen hat.“ Er spricht ruhig, fast monoton. „Mach dir keine Gedanken wegen dem, was grade passiert ist. Ich weiß, daß es nichts bedeutet hat für dich.“ In seiner Stimme ist nur eine Spur von Resignation. “Ich geh dann mal.“
„Hat es etwas bedeutet - für dich?“
Wolf löst seine Arme von mir. „Ja, hat es.“ Er steht auf und zieht sich an. Ich bin durcheinander. „Warte Wolf! Ich schick dich doch jetzt nicht weg wie ein Stück Fleisch, das man benutzt hat.“ Doch eigentlich will ich auch um meinetwillen, daß er bleibt, ich will die Nähe dieser Begegnung noch ein wenig länger spüren. Wolf setzt sich neben mich und schaut mir in die Augen. „Was willst du, Phil?“
„Ich weiß es nicht.“ Ich ziehe mir das Badelaken um die Schultern, plötzlich fühle ich mich nackt. Wir kennen uns schon viele Jahre, wir haben gerade Sex miteinander gehabt – ihr habt gevögelt, na und, würde Pascal sagen –, aber wie gut kennen wir uns überhaupt?
„Phil, es gibt Momente, da vergesse ich, daß es Glück für mich nicht gibt, verführerische Momente, aber es ist besser immer daran  zu denken.“
Ich umarme ihn. Er schüttelt mich ab. „Ist gut Phil, ich brauche dein Mitleid nicht.“ Er sagt es nicht heftig. Er schaut mich nicht an.
„Wieso glaubst du, es kann nur Mitleid sein.“
„Ist es nicht?“ Er schaut mich ernst und durchdringend an.
„Ist es nicht.“ Ich bin mir sicher. Ich umarme ihn. Ich muss verrückt sein. Völlig verrückt.


III
Glass fängt mich im Flur ab. „Du hast einen neuen Freund?“
„Wie kommst du da drauf?“ Ich habe ihr bisher nichts von Wolf erzählt. Ein paar Mal habe ich ihn unbemerkt in mein Zimmer geschleust. Visible ist groß genug, um sich aus dem Weg gehen zu können.
„Mein lieber Sohn, du unterschätzt mich mal wieder. Wenn da nicht das Leuchten auf deinem Gesicht wäre, würde ich zumindest mitkriegen, daß du nicht gleichzeitig aus zwei Weingläsern trinkst.”
Böse Falle, man sollte eben immer gleich abwaschen.
„Kenn ich ihn?“, fragt sie.
„Eigentlich nicht weiter.“
„Was soll das heißen? He, Phil.“ Sie versucht mich festzuhalten.
Ich entwinde mich. „Ich muß in die Schule, einen schönen Tag Mum.“ Ich schlüpfe durch die Haustür und höre gerade noch: “Du mich auch.“

Abends verziehe ich mich hinters Haus auf die unkrautüberwucherte Treppe zur Bibliothek, es ist ein schöner warmer Sommerabend. Im Gestrüpp des Gartens zirpen die Grillen laut.
„Du hast einen neuen Freund?“ Michael kommt durch die Glastür der Bibliothek nach draußen. Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn Glass es ihrem Freund nicht erzählt hätte. Sie hat ihn wohl zu einem Mann-zu–Mann Gespräch vorgeschickt.
„Ja, hab ich.“
„Und, bist du glücklich?“
„Ja, schon.“
„Was heißt schon?“ Michael trifft doch immer gleich den wunden  Punkt. „Traust du seinen Gefühlen nicht?“
Traue ich seinen Gefühlen? Ich höre in mich hinein. „Doch, seinem Gefühl traue ich …“
„Aber?“
„Ich weiß nicht, es ist so schwer auszudrücken.“ Ich starre in die Dunkelheit des Gartens.
„Mensch Phil, für jemanden der frisch verliebt ist, siehst du ganz schön verzweifelt aus.“ Michael nimmt mich in den Arm, er drückt mich ganz fest. Damit hat er mich völlig überrumpelt. Ich drücke mich an ihn, lass mich halten. Michael riecht dezent nach einem Aftershave der oberen Preisklasse. „Er ist der Junge, der Nickolas niedergeschossen hat“, sage ich leise an seinem Ohr. Sein Druck lässt keinen Moment nach. Ich löse mich vorsichtig aus seiner Umarmung.
„Hast du Angst, daß er so was wieder tun könnte?“
„Ich weiß nicht, er hat sich schon sehr verändert.“
„Aber er ist kein anderer Mensch.“ Wieso trifft Michael schon wieder ins Schwarze?
„Nein, er ist immer noch der Selbe, der von den eingelegten Embryos so fasziniert war, dessen Mutter sich umbrachte, als er Vier war, der ein ganzes Nest junger Vögel einfach erschoss, der Nicks Auge zerstörte.“
Michael umarmt mich noch einmal. Das tut gut. „Jeder hat eine Geschichte, Phil. Deine Mutter zum Beispiel auch, trotzdem kann man so jemanden lieben, eigentlich gerade deswegen.“ Er redet ein bisschen wie die Väter in den amerikanischen Fernsehserien, aber ich bin ihm trotzdem dankbar für seine weisen Worte.

Später liege ich in meinem Bett und starre an die Decke, der Schatten der Zypresse vor dem Fenster wirft durch das Mondlicht ein eigenartiges Muster über das Zimmer. Die Kühle und Stille der Nacht sickert langsam in den Raum. Plötzlich wird die Tür aufgerissen. „Du bist wohl wahnsinnig!“ Meine Mutter stürmt lautstark in mein Zimmer. „Wie kannst du dich mit diesem Verrückten einlassen?“ Für einen Moment denke ich, sie will mir eine scheuern. „Er hat Nick angeschossen und du bumst mit ihm, hast du’s so nötig?“
„Mum.“
Michael erscheint hinter Glass in der Tür. Doch sie ist noch nicht fertig. „Ich wusste ja, daß dir die Sache mit Nick einen Knacks versetzt hat, aber daß es so schlimm ist.“
„Glass.“ Michael legt ihr besänftigend die Hand auf den Arm.
„Vielen Dank für dein Verständnis, Mum. Laß mich in Ruhe.“
„Verständnis, du hast anscheinend sehr viel Verständnis für diesen Typ. War wohl ein Versehen, daß er auf Nick geschossen hat. Ein bedauerlicher Unfall.“
„Verschwinde, Glass.“
„Komm.“ Michael bugsiert sie aus dem Zimmer. Dann kommt er noch mal rein. „Es tut mir leid Phil, sie hat mich so lange gelöchert, bis ich’s ihr gesagt habe. Ich hab ja nicht geahnt, das sie so überreagiert. Sie beruhigt sich schon wieder.“ Michael sieht ziemlich hilflos aus, ein neuer Zug an ihm.
„Ist schon gut. Laß mich jetzt bitte allein.“ Ich kämpfe mit den Tränen.
„Okay Phil.“ Michael geht.