Wolf - Die Mitte der Welt

KurzgeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
13.11.2016
03.12.2016
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Dies ist einer meiner ersten Texte überhaupt und somit schon ziemlich alt. Schon lange wollte ich ihn aus der Versenkung holen, da nun schon der Film zum Buch Premiere hatte, wird es endlich Zeit. Das Buch hat mich sehr beeindruckt und auch meinen Schreibstil am Anfang beeinflusst.
Mein Text setzt einige Zeit nach dem Ende des Buches an. Ich werde ihn in drei Abschnitten hochladen.



I


Ich bin allein zu Hause und streife durch Visible, ohne etwas vor zu haben. Als es klingelt öffne ich arglos die Tür. Da steht Wolf. Steht einfach da. Mir entgleist die Kinnlade.
„Hallo“, sagt er schüchtern. „Ich wollte mich bei dir entschuldigen.“ Trotz der frühsommerlichen Wärme trägt er einen halblangen schwarzen Mantel. Ich weiß erst mal gar nicht, was ich sagen soll.
„Darf ich rein kommen?“
Ich kämpfe mit meiner Höflichkeit und dem Wunsch, ihm die Tür vor der Nase zuzuknallen. Schließlich siegt die Höflichkeit – und die Neugier. Ich schleuse ihn in die Küche. Ich fordere ihn nicht zum Sitzen auf. Er lehnt sich gegen den Küchenschrank und studiert wahnsinnig interessiert das alte Gewürzbord an der Wand.
„Wieso hast du es getan? Wieso hast du auf Nickolas geschossen?“ Die Frage brennt mir auf der Zunge.
„Weil ich furchtbar eifersüchtig war“, sagt er ohne mich anzusehen.
„Wieso?“
“Ich war so eifersüchtig auf diesen Typ. Er hat dich nicht geliebt, das habe ich gesehen.” Mir klappt zum zweiten Mal die Kinnlade runter. Er hat das ganz ruhig gesagt, ganz selbstverständlich. Verrückte und Kinder sagen die Wahrheit.
„Das war trotzdem noch kein Grund, auf ihn zu schießen.“
„Nein, ich war einfach durchgeknallt.“ Wieder diese Selbstverständlichkeit. „Es tut mir wahnsinnig leid, Phil.“
„Wieso erzählst du mir das?“ Mein Ton wird immer heftiger. „Nickolas hast du verletzt.“
„Ich habe doch schon versucht, mich bei ihm zu entschuldigen, aber sie lassen mich nicht an ihn ran. Ist ja auch verständlich.“
„Ja. Ich würde dich auch nicht … naja.“ Ich habe ihn ja rein gelassen. Warum eigentlich? Höflichkeit? Nein, ich hätte es schon geschafft, ihm die Tür vor der Nase zu zuknallen. Aber ich wollte wissen, was er dazu zu sagen hat, warum er es getan hat, auch was  er heute macht, wie es ihm geht.
„Wo warst du eigentlich im den letzten sechs Monaten?“, frage ich ihn.
„In der Klapse. Es war ganz schön hart, aber es hat mich auch weiter gebracht.“ Er dreht sich von mir weg. „Weißt du, ich kann jetzt daran denken, ohne …“
„Woran denken?“
„Wie sie, meine Mutter, sich erst die Haare ab und dann die Pulsadern aufschnitt. Und ich saß da, zwischen ihren Haaren und konnte nichts tun, ich war ein Kind.“ Mich überläuft ein kalter Schauer. Wolf lehnt den Kopf an den Türpfosten. Ich habe plötzlich das Bedürfnis, ihm die Hand auf die Schulter zu legen. Doch ich bleibe stehen.
„Im Film, da schneiden sie sich die Pulsadern immer quer auf, das ist Quatsch, davon stirbst du nicht. Man muß sie längs aufschneiden. So hat sie es getan.“
Ich balle die Hände zu Fäusten. Wolf schließt die Augen. Langsam schiebt er den Ärmel seines Mantels hoch und streckt mir die Innenseite seines Unterarms entgegen. Ich trete näher. Sein Unterarm zeigt ein gestreiftes Muster dünner roter Narben - quere Narben. Sie sind unglaublich gleichmäßig. Im ersten Moment bin ich nur fasziniert von diesem gleichmäßigen Muster, dann begreife ich.
„Davon stirbt man nicht, Phil“, sagt er tonlos.
„Aber tut es nicht weh?“
„Zuerst, wenn du dich schneidest, spürst du überhaupt keinen Schmerz, nur Erleichterung. Später beginnt es zu brennen, die Dinger sind ja nicht steril. Aber um den Schmerz geht es doch dabei.“
„Warum tust du das?“
„Ich tue es immer, wenn ich nicht weiß, wohin mit dem Schmerz. Nur manchmal, da hat sich meine Aggression auf andere gerichtet.“ Er bedeckt seinen Arm wieder und dreht sich zu mir um.
„Bist du noch mit ihm zusammen?“, fragt er mich plötzlich.
„Mit Nickolas? Nein, nach dem, dem - Schuß wollte er nicht mehr mit mir reden.“
„Dann hast du doppelt Grund, mich zu hassen.“ Er sieht mich nicht an.
„Deswegen nicht. Kurz vor deinem Schuß hatte ich mehr oder  weniger mit ihm Schluß gemacht.“
Ein kurzes Aufleuchten geht über sein Gesicht. Ich verschweige, daß ich es zurückgenommen hätte, wenn nicht in dem Moment sein Schuß gefallen wäre.

II


Nach diesem Tag sehe ich Wolf ab und zu in der Stadt, wir grüßen uns freundlich, aber wir unterhalten uns nie. Ich weiß nicht, was ich zu ihm sagen oder worüber ich mit ihm reden soll. Wir bewegen uns wie zwei einsame U-Boote durch die Stadt. Die Leute machen einen großen Bogen um uns, den Schwulen und den Durchgeknallten, und wir beide navigieren geschickt aneinander vorbei.
An einem der ersten heißen Sommertage gehe ich hinunter zum Fluß, um zu baden. Rechts und links des Ufers wachsen hüfthohe Gräser. Als ich näher komme, sehe ich einen hellen Körper zwischen den Gräsern leuchten. Ich gehe in die Hocke und krieche etwas näher. Da liegt ein Junge nackt auf dem bloßen Gras. Er liegt auf dem Bauch, am blonden Schopf erkenne ich Wolf. Er schläft anscheinend. Seine Haut ist sehr hell, ich betrachte seine Arme, auf denen sein Kopf ruht, von mir weg gedreht, seine schmalen Schultern und seinen Hintern. Da dreht er den Kopf und schaut mich durch die Wand aus Gräsern an, als hätte er meine Anwesenheit gespürt, vielleicht hat er mich auch nur gehört. Mir ist es äußerst peinlich, ihn so beobachtet zu haben. Wahrscheinlich werde ich rot.
Wolf sagt, als sei nichts Besonderes: “Hallo Phil.“
Ich stehe auf und gehe zu ihm hin.
„Willst du auch im Fluß schwimmen?“ Er ist völlig unbefangen, obwohl er nackt ist, während ich nicht weiß, was ich tun soll. Ich habe Hemmungen mich einfach auszuziehen, vor ihm. Um nicht völlig blöd rumzustehen, setze ich mich neben ihn und ziehe mein T-Shirt über den Kopf. „Badest du oft im Fluß?“, frage ich ihn.
„Ja, man ist hier so schön allein.“ Die Leute aus der Stadt gehen nie im Fluß baden, obwohl das Wasser sauber ist. Sie drängen sich lieber im städtischen Freibad.
„Heute hast du einfach Pech, daß ich hier bin.“
Wolf lächelt. „Es gibt Schlimmeres.“
Wolf lächelt! In der Therapie muß er gegen einen Klon ausgetauscht worden sein. Ich muß lachen. Das gibt mir endlich die Gelöstheit, um mich meiner Hose zu entledigen. Wolf schaut mir unverwandt ins Gesicht. „Wenn du ins Wasser gehst komm ich mit.“
„Okay, dann los.“ Alles ist mir lieber, als peinlich berührt hier zu liegen.