Jonas und Ruben

GeschichteAllgemein / P18 Slash
12.11.2016
19.12.2017
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Dieses Kapitel
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Hallo ihr Lieben! Mit großer Begeisterung, habe ich am Montag die ersten beiden Folgen gesehen und danach ließ mich diese Idee nicht mehr los. Ich hoffe ihr habt viel Spaß beim Lesen. Die Idee ist von Albert Espinosa, manche Texte sind von den Drehbuchautoren von VOX. Die Idee zur Geschichte ist jedoch meine, auch wenn sie manchmal mit der Serie kollidiert! ;-)

Kapitel 1

Jonas sah Ruben überrascht an. Die Frage irritierte ihn irgendwie. Ob da noch Spielraum wäre? Und er sagte Nein, ehe er überhaupt richtig darüber nach gedacht hatte.
„Tust du mir einen Gefallen?“, fragte Ruben und sah ihn an. Jonas nickte unmerklich. „Kannst du das bitte für dich behalten? Also vor allem, Leo gegenüber. Ich habe kein Bock auf irgendwelche Diskussionen oder dummen Bemerkungen, oder so!“
„Keine Sorge!“, das Geheimnis war bei Jonas sicher. Er konnte Geheimnisse gut bewahren und die­ses, ging niemanden etwas an, den es war nicht sein Geheimnis und Ruben sollte selbst entscheiden wem er es sagen wollte.

Es kehrte kurz schweigen ein in das Krankenzimmer. Jonas warf einen Blick an die Wände. Ruben hatte ein Einzelzimmer, aber die Wände waren kahl, allerdings sah es ansonsten so aus, als wäre Ruben Langzeitpatient.
„Was machst du eigentlich den ganzen Tag hier?“, wollte Jonas jetzt doch wissen. „Hast du Therapien, Anwendungen, Untersuchungen?“
„Ja, Ergotherapie, Physiotherapie, dann Untersuchungen. Zwischen durch, esse ich auch mal was.“
„Und was machst du in deiner Freizeit? Also außer Pokern!“
„Ich bin gerne draußen. Manchmal darf ich raus in den Park, meistens am Wochenende. Das genie­ße ich dann richtig, allerdings ist da immer ein Pfleger dabei. Aber wenigstens darf ich raus.“
„Das glaube ich dir. Ich war lange nicht mehr draußen. Nur oben auf dem Basketballfeld.“
„Was machst du den so? Wenn du nicht gerade Unterricht hast, oder Lauftraining?“, fragte Ruben jetzt.
„Ich male und zeichne gerne. Mein erstes Bild hier im Krankenhaus war Hugo, der Kleine der im Koma lag. Mein zweites war ein Bild war die Vorlage für die Aktion in der Onkologie“, er grinste schlemisch. „Ich mag es nicht, wenn die Wände so steril sind.“
„Ja, hier fehlt Farbe an den Wänden.“ Jonas sah auf seine Uhr. Eigentlich wollte er noch mal nach unten zu Hugo.
„Du ich muss wieder runter, bevor die mich vermissen, aber ich komme gerne morgen wieder, wenn ich darf?“
„Klar, darfst du gerne“, Ruben lächelte.

Sie gingen zusammen zum Fahrstuhl als Ruben erneut zu reden anfing.
„Sag mal, jetzt wo du meine heißesten Geheimnisse kennst, darf ich dich auch mal was fragen?“
„So lange du nichts heißes von mir zurück erwartest, frag!“ Jonas grinste ihn an.
„Warum bist du eigentlich noch hier? Ich meine, für einmal Bein abnehmen, ist deine Zeit doch längst um.“
„Einmal Bein abnehmen, ja!“
„Nimm's mir nicht übel, du kannst wieder aufrecht gehen, deine Prognose ist gut, warum schim­melst du hier noch ab?“
„Warum bist du den noch hier?“, fragte Jonas. „Ich meine, Rollstuhl fahren kannst du auch drau­ßen.“ Ruben drückte auf den Knopf für den Fahrstuhl und sah ihn an.
„Meine Lähmung breitet sich aus. Sie wissen nicht weshalb oder wie es stoppen können, aber wenn ich Pech hab, lenke ich diese geile Karre hier bald mit Mundsteuerung.“ Jonas klappte der Mund auf. „Ja ist scheiße. Und vielleicht komme ich hier nie mehr raus, aus dem Schuppen. Deshalb frage ich mich, warum du auch nur einen Tag länger hier drinnen bleiben willst, als du unbedingt musst.“ Mit gesenktem Kopf betrat Jonas den Fahrstuhl. Er sagte nicht mal Tschüss. Das hatte gesessen. Ge­gen Ruben ging es ihm ja echt blendend, musste er fest stellen.

Unten herrschte große Aufregung, Toni war weg, Jonas versuchte ihn auf dem Handy anzurufen, doch der junge Autist ging nicht an sein Telefon. Leo kam herein, er hatte mal wieder nichts mit be­kommen. Während Jonas Leo vorwarf, sich nicht mehr um seine Freunde zu kümmern, seid dieser mit Emma zusammen war, griff er zu Zeichenblock und Stiften. Er malte das Meer und einen Strand.
„Was malst du den jetzt schon wieder?“, Leo regte sich auf und sah auf das Blatt. „Schick, aber mir ist gerade nicht nach Strand und Meer.“
„Das Bild ist auch nicht für dich.“
„Aha und für wen dann?“
„Für Ruben!“
„Welcher Ruben? Etwas dieses Arschloch von Station acht?“
„Ganz genau. Und er ist kein Arschloch. Da müsstest du dich eher an die eigene Nase fassen.“
„Was? Ich glaube bei dir hakt es. Der Typ ist das letzte. Erst macht er uns andauernd blöd an, dann beleidigt er Toni und Emma.“
„Hey, ohne ihn, hättest du jetzt kein Bein. Er hat es für dich gewonnen. Und mehr als ein Danke, kam von dir auch nicht.“ Jonas stand auf und ging nach draußen. Dort in der Sitzecke konnte er sich besser konzentrieren.

Toni tauchte wenig später wieder auf und die Club traf sich bei ihm und Hugo im Zimmer. Toni er­zählte das Alex ihm erschien sei und auch Leo und Hugo war er wohl schon erschienen. Jetzt fragte sich Jonas, warum Alex ihm nicht erschien. Hatte er etwa keine Probleme? Gut er brachte sich nicht selber in Gefahr, aber war er deswegen weniger wichtig? Toni erzählte, das er unbedingt bleiben wollte, da er sonst in ein Heim kommen würde. Aber Frau Doktor Reusch war nicht begeistert, als Toni sie fragte, ob er nicht als Pflegepraktikant hier arbeiten könne. Sie hatte große Bedenken, weil Toni mit Gefühlen und Emotionen total überfordert war. ER betrachtete stets alles total nüchtern, was ja okay wäre, wenn er nicht im Krankenhaus arbeiten wollen würde. Also versuchte der Club sie zu überzeugen, doch auch die wurden ziemlich abgebürstet. Erst Pfleger Dietz und Doktor Hein, brachten Frau Doktor Reusch zum einlenken und sie war bereit Toni eine Chance zu geben.

Schließlich begann er in der Nacht doch zu grübeln. War es richtig noch hier zu bleiben, nur damit er bei seinen Freunden sein konnte, obwohl es ihm wieder besser ging? Er war erst 16 Jahre alt, würde bald 17 werden und dann war da ja noch die Schule und vielleicht später eine Ausbildung oder ein Studium. Außerdem vermisste er seine Eltern, auch wenn diese sich gerade Scheiden lie­ßen.

Am nächsten Morgen suchte er Professor Dr. Reusch auf um ihr mit zu teilen, das er nun doch nach Dortmund wechseln wollte. Die Frau Doktor war überrascht, schließlich hatte Jonas noch vor wenigen Wochen unbedingt hier bleiben wollen.
„Du solltest bedenken, Jonas. Noch einen Rückzieher gibt es nicht. Du wirst dann auf jeden Fall entlassen. Auch wenn es jetzt noch zwei oder drei Tage dauern wird. Schließlich müssen sie erst einen Platz für dich haben, für deine Therapien.“
„Das ist mir schon klar. Und ich bin mir ganz sicher, das ich das will. Darf ich sie was fragen?“
„Natürlich.“
„Ich hab mich neulich mit Ruben unterhalten. Von Station acht. Er hat mir erzählt das er schwer gelähmt ist und die Lähmung sich ausbreitet. Kann man da gar nichts machen?“
„Nein, leider nicht. Wir wissen nicht, was die Lähmung verursacht. Im Augenblick ist unser bester Diagnostiker für ihn zuständig, aber die Aussichten sind nicht gut.“
„Das heißt, er hat nicht mehr lange, dann ist er vom Hals abwärts gelähmt?“
„Ja, so sieht es leider aus. Wobei das schon noch zwei oder drei Jahre dauern wird. So schnell geht das auch nicht. Aber du hast recht, es sieht nicht gut.“
„Darf Ruben nach draußen? Also auch mal für länger? Ich hatte überlegt, ihn mal zu mir einzuladen. Wir wohnen ebenerdig, die Türen sind breit genug und im Bad dürfte es auch keine Schwierigkeiten geben. Meine Eltern haben extra für mich eine ebenerdige Dusche einbauen lassen.“
„Warum nicht. Du kannst ihn gerne fragen, von meiner Seite aus, spricht nichts dagegen. Dann würde er mal raus kommen und was anderes sehen. Immer nur das Krankenhaus ist Psychisch gesehen auch nicht das wahre.“
„Ich werde ihn fragen. Danke Frau Doktor.“ Sie lächelte nur und er war entlassen. So schnell es sein neues “Technobein“ erlaubte, rannte er zu seinem Zimmer, holte das Bild und ging dann zum Fahrstuhl und drückte aufgeregt auf den Knopf. Er wollte Ruben fragen, ob er ihn nicht besuchen wollte.

Als er oben aus dem Fahrstuhl trat, konnte er sich gerade noch so abstützen, sonst wäre er gefallen.
„Langsam Jonas“, Ruben lachte. „Nicht so schnell!“
„Sorry. Zu dir wollte ich eigentlich. Hast du kurz Zeit?“
„Na klar. Ich wollte gerade auf die Terrasse, komm einfach mit.“ Jonas ging brav ein paar Schritte zurück in den Aufzug, damit Ruben herein fahren konnte und drückte dann auf den Knopf. „Also erzähl, was gibt es so dringendes?“
„Ich hab mit Frau Professor Doktor Reusch gesprochen, ob ich dich mal entführen darf, am Wochenende. Und sie ist einverstanden. Bei uns zu Hause hättest du keine Probleme mit dem Rollstuhl, meine Eltern haben, wegen meinem Bein alles umgebaut, auch das Bad hat eine befahrbare Dusche. Also was sagst du?“
„Willst du jetzt doch hier raus?“, Ruben sah ihn überrascht an.
„Naja, ich hab darüber nach gedacht, was du gesagt hast. Du hast Recht. Ich bin Gesund, ich sollte so schnell es geht das weite suchen und versuchen mein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Schule, Abitur schreiben und später einen Ausbildungsplatz finden.“
„Ich besuchen dich gerne, wenn deine Eltern nichts dagegen haben.“
„Bestimmt nicht. Meine Mutter ist echt nett und wenn sie meckert, kriegen wir bei Sabine Quartier. Das ist die Mama von Hugo und so eine Art Ersatzmutter für uns.“
„Was schleppst du da eigentlich mit dir rum?“, wollte Ruben wissen. Es ertönte ein Pling und der Aufzug hielt und sie konnten raus.
„Das ist für dich. Aber das kriegst du erst draußen, wenn du beide Hände frei hast.“ Jetzt zog Ruben eine enttäuschte Schnute, was Jonas zum Lachen brachte. „Netter Versuch, aber das schafft nicht mal meine kleine Cousine.“ Auf der Dachterrasse empfing sie strahlender Sonnenschein. Sie setzten sich in eine Ecke, wo ein bisschen Schatten war und Ruben machte die Bremsen fest.
„So jetzt zeig“, bat er aufgeregt. Jonas reichte ihm die Rolle mit der Schleife und Ruben zog gespannt an dem Band. Mit flinken Fingern rollte er das Blatt auseinander. Als er sah, was Jonas das gemalt hatte, staunte er nicht schlecht. „Wow, das ist toll.“ Er hielt das Bild ins Licht und jetzt sah er die Details die Jonas gemalt hatte. Den Sonnenschirm am Strand, die Fische im Wasser, den Surfer.
„Gefällt es dir?“
„Ja. Fantastisch! Es toll. Danke!“ Ruben lehnte sich ein Stück vor und umarmte ihn. Jonas grinste als Ruben ihn umarmte. Da hatte er ja genau ins schwarze getroffen.

Sie blieben bis zum Mittagessen auf der Terrasse, dann trennten sich kurz ihre Wege, Jonas aß sein Mittag zusammen mit Toni und Hugo, der so langsam wieder an normales Essen gewöhnt wurde. Allerdings war es im Moment nur Suppe oder ein spezieller Brei.
„Na Hugo, wie geht’s dir?“, wollte Jonas wissen. Hugo zeigte mit dem Daumen nach oben und der größere wuschelte ihm durch die Haare. „Das ist doch gut. Was macht das Sprechen? Wird es langsam besser?“
„Ja“, krächzte Hugo. „Besser.“ Toni sah sich das ganze an und strahlte. Schließlich hatte er viel Zeit mit Hugo verbracht, damit dieser wieder einen Ton von sich geben konnte.
„Wie war dein Vormittag Toni?“, wollte Jonas wissen. Den Toni war jetzt Pflegepraktikant, dafür hatte sich der Club stark gemacht, was  gar nicht so einfach gewesen war, den Frau Doktor Reusch hatte da ganz schön gemauert.
„Ging so, anscheinend darf man den Patienten nicht die Wahrheit über ihren Zustand sagen“, sagte Toni und war sichtlich geknickt.
„Wie nicht die Wahrheit?“ Jonas verstand nicht ganz und auch Hugo, drehte interessiert den Kopf.
„Ich hab bei einem Jungen gesagt, das seine Heilungschancen Null sind und ich hab damit recht, es steht so in der Akte, aber das darf ich ihm nicht sagen. Die Mutter und Dietz sind richtig böse geworden.“
„Ach Toni, es reicht nicht die Fakten zu kennen“, erklärte ihm Jonas. „Du brauchst auch Einfühlungsvermögen. Wenn die Heilungschancen Null sind, wird der Junge sterben, das hört keine Mutter gerne. Frag einfach, wie es den Patienten geht, ob du ihnen was bringen kannst, sie Schmerzen haben, so was in der Art“, riet ihm Jonas. „Beschäftige dich mit den Kindern. Lies ihnen vor, spiele mit ihnen. Mensch ärgere dich nicht, oder irgendwas anderes. Hier im Krankenhaus ist es für Kinder total langweilig und wenn sie nicht aufstehen dürfen, dann erst Recht.“
„Also soll ich nur sagen, wie der Patient heißt, wie es ihm geht und sie dann fragen ob ich was für sie tun kann?“, wollte Toni jetzt wissen.
„Genau. Es ist löblich das du die Akten auswendig kannst, ich weiß, das macht dein Gehirn ganz automatisch, aber manche Sachen darfst du nicht sagen. Du kannst bei einem Bruch sagen, das es gut geheilt ist, oder eine Wunde nicht mehr entzündet ist, aber mehr nicht. Sonst verunsicherst du die Patienten.“
„Ja“, krächzte Hugo wieder leise und gab Jonas damit recht. Toni nickte mit hängendem Kopf, so hatte er sich seinen ersten Tag hier nicht vorgestellt.

Toni musste wieder arbeiten und Jonas leistete Hugo für eine Stunde Gesellschaft bis seine Mutter Sabine kam. Er massierte Hugos kleine Füße und der Junge genoss es, so umsorgt zu werden.
„Durst“, kam es leise von Hugo und Jonas stand auf um seinen Trinkbecher zu holen und ihm den Becher vorsichtig an den Mund zu führen. Ein paar Schlucke trank der Junge, dann war er fertig und lehnte sich zurück.
„Du machst das großartig Hugo. Ich weiß es ist nervig.“ Jonas drückte Hugos Hand und war wie immer erfreut, als er spürte, das der Junge die Berührung erwiderte.
„Raus“, bat Hugo leise.
„Ich weiß, du willst gerne wieder in die Sonne Kleiner. Ich denke wir sprechen nachher mal mit deiner Mutter und Doktor Reusch, vielleicht können wir dich ja im Bett ein bisschen auf die Dachterrasse schieben, mit einem Sonnenschirm darüber.“ Jetzt strahlte Hugo richtig.
„Was ist mit einem Sonnenschirm“, ertönte eine weibliche Stimme hinter ihnen.
„Hallo Sabine“, begrüßte Jonas, Hugos Mutter.
„Mama“, kam es leise von Hugo.
„Na mein Schatz“, Sabine war begeistert welche Fortschritte ihr Sohn gemacht hatte. „Was tüftelt ihr hier schon wieder aus?“
„Hugo möchte gerne mal raus. Ich hab überlegt, das man das Bett doch einfach, nach oben auf das Basketballfeld schieben kann und dann stellt man einen Sonnenschirm drüber. Hugo hängt ja nur noch an der Infusion. Mehr Geräte stehen hier nicht mehr.“ Sabine war in der Tat, angetan von der Idee. Jetzt blieb es nur, die sturen Ärzte davon zu überzeugen.

Jonas verabschiedete sich erstmal wieder, er sah kurz in seinem Zimmer vorbei um mal kurz das Bad aufzusuchen, ging kurz Pinkel, wusch sich Hände und Gesicht und machte sich dann wieder auf den Weg zu Ruben nach oben. Dieser saß in seinem Zimmer auf dem Bett, zur Abwechslung mal mit einem Buch in der Hand.
„Hallo, da bin ich wieder. Sorry, ich wollte dich nicht beim Lesen stören.“
„Komm rein.“ Ruben klappte das Buch zusammen und legte es ordentlich auf den Nachttisch. „Ich musste nur ne Pause machen, sonst muss ich nachher wieder meine Brille aufsetzten und da hab ich keien große Lust zu.“
„Du hast ne Brille.“
„Ja.“ Ruben holte das Etui heraus, klappte es auf und holte eine Brille hervor. Mit großen Gläsern und schwarz umrandet. Als er sie aufsetzte war Jonas überrascht.
„Steht dir. Warum trägst du die nicht öfter?“
„Mag ich nicht so gerne. Kontaktlinsen gehen bei mir nicht, zu viel Fummelarbeit und die Brille trage ich nur wenn ich lange am PC sitze oder halt wenn ich merke, das ich irgendwas nicht mehr gut erkennen kann. Also, hast du was geplant?“
„Kommt drauf an. Schach, was anderes spielen, noch ne Runde raus gehen“, schlug Jonas vor. „Brauchst du eigentlich mal neue Bücher? Dann gehen wir demnächst mal einkaufen, wenn ich hier raus bin und du mich besuchst. Fehlt dir doch bestimmt auch, oder?“
„Klar, total. Und ich bräuchte schon ein bisschen was neues. Gerade, wo demnächst der Herbst kommt, wären ein paar dicke Pullover schon ganz nett und Bücher könnte ich auch mal wieder vertragen.“
„Dann ist das doch schon mal der erste Plan. Also Pläne für jetzt, oder eher raus und ein bisschen frische Luft atmen.“
„Raus klingt gut.“
„Ich hätte deinem Lieblingspatienten von Station drei, gestern übrigens fast einen Herzinfarkt beschert“, grinste Jonas ihn an und Ruben sah auf.
„Wie das?“
„Ich hab gestern das Bild gemalt und als er fragte für wen das sei und ich sagte für dich, da ist er etwas ausgerastet. Das konnte er gar nicht leiden, das ich dich neuerdings mag.“
„Oh, ist er neidisch, oder eifersüchtig. Immerhin hab ich jetzt ein schönes Bild an der Wand hängen“, er deutete auf die Wand gegenüber seinem Bett, wo das Bild jetzt hing.
„Ich glaube, er verkraftet es nicht, das ich neuerdings mehr Zeit mit dir verbringe als mit ihm. Dabei ist er da selber dran Schuld. Seid er mit Emma zusammen ist, sind wir anderen abgeschrieben. Wir sehen ihn nur noch wenn wir ein Club Treffen haben. Dabei haben wir uns wegen Hugo extra einen Plan gemacht, wer wann bei ihm sein kann, aber Leo ist da bislang nicht aufgetaucht. Und auch zu Benito geht er nicht mehr.“ Ruben spürte, das Jonas echt vor Wut kochte und legte ihm eine Hand auf dem Arm.
„Hey, so waren wir alle mal“, versuchte er ihn zu beruhigen. „Das erwachen, das man plötzlich kaum noch Freunde hat, weil man sich nicht mehr gekümmert hat, wird kommen. Auch bei Leo.“
„Ja aber es nervt. Er ist unser Anführer und jetzt kümmert er sich einen Dreck um uns alle. Wir waren damals während der Chemo auch für ihn da. Aber Hugo wird komplett ignoriert und ich kriege dauernd nur blöde Sprüche zu hören.“ Ruben hievte sich aus dem Bett in seinen Rolli und löste die Bremsen.

Schließlich entschieden sie sich draußen für eine Partie Schach. Was Jonas nicht sah, war das Leo ihnen vom Fenster aussah. Dieser war wütend. Jonas verbrachte Zeit mit seinem persönlichen Erzfeind. Benito kam zu ihm, immer noch am Tropf und setzte sich auf einen Sessel.
„Hallo Benito!“
„Na, mein Junge. Was guckst du so grimmig?“
„Jonas verbrüdert sich mit Ruben. Das gefällt mir nicht“, man konnte das Knirschen seiner Zähne fast hören.
„Ach Leo. Das hast du selber mit zu verantworten. Du hättest dich einfach nur etwas mehr um deine Freunde kümmern müssen“, Benito war wie immer sachlich und direkt. „Außerdem hatten die beiden einen Streit und haben sich wieder vertragen.“
„Ruben ist nicht gut für Jonas.“
„Doch ist er. Ruben ist eigentlich ein lieber Junge und ihm geht es bedeutend schlechter als dir. Lass die beiden sich doch anfreunden, was ist den dabei?“
„Dafür das du Alzheimer hast, bist du immer noch verdammt klar“, fand Leo und sah mürrisch drein.
„Ich hab so meine Momente“, schmunzelte Benito. „Das passt schon mit den beiden. Lass sie einfach. Sie brauchen das beide. Jonas wird bald entlassen.“
„Was?“, jetzt sah Leo auf.
„Ja, wusstest du das nicht? Rudi hat es mir vorhin erzählt. Er darf übermorgen hier raus. Dann wird er in Dortmund ambulant behandelt.“
„Er verlässt mich!“
„Nein, Leo! Er verlässt dich nicht. Er kehrt nur in sein altes Leben zurück, das er jetzt neu anfangen muss. Er wird dich besuchen.“
„Aber es ist nicht das selbe.“
„Leo, wir haben alle ein Leben. Jonas geht wieder zur Schule, macht sein Abitur und wird eine Ausbildung machen. Verbaue ihm das nicht. Emma wird bald an die Uni gehen in Berlin. Hugo, wenn er wieder raus kommt, dann geht er auch wieder zur Schule und hat ein paar Hobbys. Alle entwickelnd sich weiter.“
„Ja nur ich nicht. Ich bin seid über achtzehn Monaten in diesem Kasten. Und ich habe sie alle kommen und gehen sehen nur mir geht es nie gut genug, damit man mich entlässt.“
„Leo, wenn du dein Bein geschont hättest, so wie Hein es dir gesagt hat, hättest du auch schon hier raus sein können. Aber du musstest es ja mal wieder gehörig übertreiben. Die Ärzte haben gesagt mach langsam, aber du wolltest gleich alles. Du bist aber lang genug hier um zu wissen, dass das nicht der schnellste Weg ist.“

Auf der Bank im Sonnenschein hatte Ruben die Figuren wieder einsortiert und hielt sein Gesicht in die Sonne.
„Deine Frage war übrigens berechtigt neulich“, sagte Jonas leise und durchbrach damit die Stille.
„Welche Frage?“
„Ob da noch Spielraum ist. Ich habe, wenn ich ehrlich bin, keine Ahnung.“
„Dann solltest du das heraus finden. Dafür hast du ja demnächst genug zeit wenn du hier raus bist. Guck dir einschlägige Filme an, Küss einen Jungen. Probiere dich aus.“
„Macht bestimmt Freunde, wenn ich sage, sorry ich will dich nur mal küssen um heraus zu finden, ob ich auf Jungs stehe.“ Jetzt grinste Ruben.
„Vielleicht solltest du es etwas netter formulieren“, schlug er lächelnd vor.
„Ich stell mir gerade vor, mich sieht ein Klassenkamerad wie ich einen Jungen küsse und erzählt es an der ganzen Schule herum. Das macht mir Magenschmerzen.“
„Ich hab mich auch erst nach der schule geoutet. In der Schule, will das gut überlegt sein. Die meisten Schüler können damit nicht umgehen, einfach weil sie es nicht kennen, oder Angst vor dem unbekannten haben. Deshalb hoffe ich immer noch, das hier mal ein anderer Lehrplan eingeführt wird, wo das mit Thematisiert wird. Und nicht nur in Biologie sondern auch mal in Religion und Ethik.“
„Wenn ich mir unseren Aufklärungsunterricht von damals so ansehe, war der ziemlich einseitig. Nichts über Verhütung und Aids und schon gar nichts über Homosexualität. Da spricht man aber auch zu Hause nicht drüber. Außer man wird damit groß, oder man outet sich irgendwann vor den Eltern.“
„Das fanden meine Eltern weniger witzig, als ich ihnen das vor zwei Jahren gesagt hab. Ihr Nachfolger in der Firma ist schwul und führt die Familientradition nicht fort. Als ich dann im Rollstuhl landete, war der Kontakt ganz weg. Meine Schwester besucht mich regelmäßig. Als unsere Eltern gesagt haben, ich soll ausziehen, bin ich bei ihr eingezogen. Laura ist toll und sie hat unsere Großeltern auf meine Seite geholt. Die können mcih aber nur alle vier Wochen besuchen, weil sie in Bayern wohnen.“
„Wenigstens besuchen sie dich. Das ist doch nett.“
„Ich freue mich da auch immer drüber. Oma bringt mir immer Kekse mit, Bücher und Opa sorgt für neue Musik.“
„Wie oft kommt deine Schwester?“
„Sie probiert es, jede Woche, aber meistens eher jedes zweite Wochenende.“ Jonas musste das erstmal sacken lassen. Dagegen war seine Familie ja echt entspannt. Obwohl seine Eltern Zoff hatten, besuchten sie ihn beide regelmäßig. Dafür hatte er keine Geschwister, auch wenn er sich immer welche gewünscht hatte. Allerdings war der Club für ihn so etwas wie Familie.

Am nächsten Tag standen noch die Abschlussuntersuchungen an, Doktor Hein war sehr zufrieden und auch Frau Doktor Reusch hatte nichts zu beanstanden. Danach ging er zu Ruben, sie gingen zum Mittagessen in die Cafeteria und anschließend gab es ein Eis. Nachmittags Jonas erzählte dem Club, das er morgen entlassen werden würde. Hugo war traurig darüber und auch Toni gefiel das nicht so wirklich, allerdings versprach ihnen Jonas an den Wochenenden vorbei zu kommen und auch Sabine, gab er seine Handynummer, damit sie ihn im Notfall erreichen konnte, falls mit Hugo und Toni etwas sein sollte. Den Abend verbrachte der Club bei Hugo und Toni auf dem Zimmer. Sabine hatte beim Pizzsaservice angerufen und sie ließen es sich schmecken.

Die Nacht war unruhig, den Jonas konnte nicht schlafen und Leo wälzte sich von einer Seite auf die andere. Morgen Nacht würde er wieder in seinem eigenen Bett schlafen. Schließlich stand er um kurz nach sechs Uhr auf und ging Duschen und sich fertig machen und packte dann seine Sachen. Leo saß auf dem Bett und sah ihm dabei zu wie er alles in seinen Rucksack packte.
„Du gehst also wirklich“, sagte Leo und sah ihn an.
„Ja, ich gehe. Ich gehe zurück nach Hause, zu meinen Eltern, meinen Freunden. Ich gehe ab nächste Woche wieder zur Schule. Ist das so schwer zu begreifen? Ich kann doch nicht ewig hier bleiben nur weil es einem von euch schlecht geht. Ich werde bald siebzehn und muss MEIN Leben weiter leben.“
„Schön zu sehen, das wir dir so wenig bedeuten“, knirschte Leo.
„Sag mal spinnst du? Ihr bedeutet mir alle viel Leo. Jeder von euch. Und jetzt hör auf mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Mach es mir nicht so schwer.“
„Du machst es mir schwer.“ Jonas verschloss den Rucksack und zog sich die Jacke über. Dann trat er zu Leo's Bett um sich zu verabschieden. Ehe ihn der Mut verließ umarmte er Leo fest und merkte wie Leo's Arme sich fest um ihn schlossen, fast so, als wollte er ihn erdrücken.
„Ich bin am Wochenende wieder da. Und du lass den Kopf nicht hängen. Hör auf Hein und schon den Stumpf, dann bist du bald wieder fit.“ Jonas löste sich von ihm und sah das Leo's Augen in Tränen schwammen, die dieser versuchte tapfer runter zu schlucken.

Jonas ging, ehe er es sich anders überlegte und schloss leise die Tür hinter sich. Als nächstes stand Hugo auf seiner Liste. Der Kleine sah auch nicht glücklich aus. Immerhin war Jonas damals der erste gewesen, der ihn im Schwimmbad besucht hatte. Jonas setzte sich auf das Bett und griff nach Hugos Hand.
„Du wirst mir echt fehlen, Kleiner.“
„Tschüss Jonas“, krächzte Hugo leise und sah ihn an.
„Hier, ich hab noch was für dich“, Jonas zog das Bild aus seinem Rucksack, welches er damals von Hugo gemalt hatte.
„Danke.“ Auch Sabine nahm Jonas zum Abschied in den Arm.
„Wenn was ist, ruf an“, bat Jonas sie. „Dann komme ich sofort. Also wenn es Hugo schlechter geht, oder wenn er wieder besser sprechen kann. Und hab ein Auge auf Toni, ja.“
„Mach ich. Komm gut nach Hause.“

Toni stand auf dem Flur und sah auch nicht besser aus als Hugo. Jonas nahm Toni in den Arm und drückte ihn ganz fest.
„Pass auf dich auf Toni“, bat ihn Jonas.
„Du auch Jonas.“ Seine Mutter wartete schon am Fahrstuhl auf ihn.
„Hast du dich von allen verabschiedet?“, wollte sie wissen.
„Ja, fast. Einer fehlt noch. Nimmst du schon mal meine Sachen mit runter. Ich komme gleich.“ Jonas drückte den Knopf für die oberen Etagen und für in den 8. Stock wo Rubens Zimmer lag. Er klopfte und dann hörte er das herein.
„Hey, darf ich?“
„Klar, komm rein. Ich dachte du wirst heute entlassen?“
„Ja, deshalb bin ich ja hier. Ich will mich verabschieden.“
„Schade das du gehst. Gerade jetzt wo wir uns so gut verstehen.“
„Ja, finde ich auch.“ Jonas setzte sich aufs Bett und Ruben nahm seine Beine ein bisschen zur Seite. „Es hat aber Spaß gemacht, mal deine nette, charmante und lustige Seite kennen zu lernen“, lächelte Jonas. Jetzt wurde Ruben tatsächlich rot.
„Wirst du abgeholt?“
„Ja, meine Mutter, wartet unten auf mich. Aber ich hab ihr gesagt, das ich noch zu dir will.“ Jonas rutschte noch etwas näher zu Ruben und zog ihn in seine Arme. „Du wirst mir fehlen. Und ich werde am Freitag kommen und dich abholen.“ Jonas zog sich ein bisschen zurück um Ruben anzusehen, dessen Augen traurig wirkten. Ehe ihn der Mut verließ, beugte er sich vor und küsste den Älteren sanft. Dieser war im ersten Moment total geschockt, ging dann aber auf den Kuss ein, bis Jonas sich wieder löste.
„Bis dann.“ Jonas erhob sich und verließ das Zimmer, Ruben blieb nachdenklich zurück.



TBC???
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