Silent (K)night

von Ray Celar
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
11.11.2016
10.07.2017
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Huhu ihr Lieben ;)

Uhm ja...keine Kurzgeschichte, die Kurzgeschichte braucht noch ein bisschen, aber ich dachte mir, vielleicht hat der eine oder andere Leser ja auch Spaß daran, wenn ich den Prolog von meiner neuen Geschichte schon einmal hochlade.

Solange die letzten 2 Kapitel von "Bow and Arrow" noch hochgeladen werden, kommt hier erst einmal "nur" wöchentlich ein Update, ich hoffe damit könnt ihr leben.

Ich muss zugeben, ich bin ja schon SO gespannt darauf, was ihr von dem Anfang dieser Geschichte haltet und würde mich sehr, sehr über erste Reaktionen dazu freuen (sowohl als Review, als auch per Mail).

So, jetzt wünsche ich euch ein schönes Wochenende und lasse euch mit Tristans Gedanken allein.

Liebe Grüße
RAy

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Wer davon ausging, dass man, wenn man im Krankenhaus lag, nicht gekündigt werden konnte, der war ein Idiot. Nannte sich „Kündigung im Krankenstand“ und war etwas ganz Tolles. Nicht. Diese verdammte Kündigung hatte nämlich dafür gesorgt, dass ich nun nicht nur verkrüppelt, sondern auch noch arbeitslos war. Schöne Scheiße.

Erst dieser verdammte, bekloppte, beschissene, alles zerstörende Unfall, dann die Reha und jetzt? Jetzt saß ich in einer Wohnung, die ich mir nicht mehr leisten konnte, zumindest nicht länger, als die nächsten vier oder fünf Monate. Gut, gerade saß ich nicht in meiner Wohnung, gerade lief ich die Straße entlang, war auf dem Weg zu meinem alten Arbeitsplatz und wollte endlich, nach mehr als fünf Monaten meinen restlichen Kram abholen. Hoffentlich hatte mein ehemaliger Chef die Sachen noch nicht weggeworfen, obwohl ich seit zwei Monaten ganz offiziell nicht mehr dort arbeitete, sondern arbeitslos war. Und jetzt, nach fünf Monaten, war ich auch endlich nicht mehr krankgeschrieben, nicht mehr im Krankenhaus, nicht mehr in der Reha, sondern stand wieder mit beiden Beinen fest im Leben.

Nun ja, über die Definition von „mit beiden Beinen fest im Leben“ konnte man sicherlich streiten. Ich stand wieder, ich konnte gehen, rennen, springen, Fahrrad fahren, tanzen und was man nicht sonst noch so alles mit seinen Beinen anstellen konnte. Ich konnte auch treten. Vielleicht könnte ich sogar meinen ehemaligen Chef treten, der mich sofort entlassen hatte, nachdem er von meinem Unfall gehört hatte.

Scheiße! Es machte mich wütend, ich war gerade erst befördert worden. Küchenchef. Diesen Posten hatte ich genau zwei Monate, drei Wochen und zwei Tage innegehabt, bevor ich in diesen beschissenen Unfall geraten war, der mein Leben zerstört hatte, anders konnte man es nicht nennen. Auch, wenn die Therapeuten mir immer erklärt hatten, dass Wut nicht half, war es verdammt schwer NICHT wütend zu sein, wenn einen das Schicksal nicht nur mit dem Baseballschläger eins verpasste, sondern noch gleich zwei, drei Mal nachtrat, wenn man eben schon am Boden lag. Eigentlich war ich ja gar nicht auf meinen Chef wütend, okay, vielleicht ein kleines bisschen, aber er konnte ja nichts dafür. Wäre ich der Besitzer eines Restaurants gewesen und mich würde ein Anruf erreichen, dass mein Küchenchef gerade im Krankenhaus lag, im künstlichen Koma und nicht absehbar war, wann er wieder einsatzbereit wäre, da hätte ich vermutlich auch die Reißleine ziehen müssen. Wirtschaftlich gesehen war ich einfach nicht mehr tragbar gewesen und spätestens, wenn er von den dauerhaften Schäden erfahren hätte, wäre es ohnehin vorbei gewesen. In einer Küche, in der acht Leute gleichzeitig arbeiten, wäre ich nicht tragbar gewesen. Und dennoch tat es weh. Ich hatte meinen Job geliebt, war für dieses Angebot damals überhaupt erst in diese Stadt gezogen, hatte mich in die Stadt verliebt, für meinen Beruf gelebt und jetzt?

Jetzt war ich der Idiot, der alleine durch die Straßen lief, einen Stein vor sich her kickte, verbittert dreinschaute und einen Schal fest um den Hals gewickelt hatte. Der Idiot war ich jetzt, nicht mehr und nicht weniger. Der Idiot mit der Wut im Bauch und der Idiot, den die eigenen Eltern für unfähig hielten, sich jetzt noch selbst zu versorgen. Sie wollten, dass ich wieder nach Hause zog, was für sie nicht bedeutete, dass sie wollten, dass ich in meine Wohnung zurückkehrte, sondern zurück zu meinen Eltern zog, vierhundertachtundsechzig Kilometer weit weg von hier.

Sie wollten nur das Beste für mich, sagten sie mir. Es wäre ja alles einfacher, wenn ich bei ihnen wohnen würde.

Nur wollte ich das nicht.

Ich war einunddreißig Jahre alt. Ein einunddreißig jähriger Mann. Okay, ein einunddreißig jähriger Krüppel ließ ich auch noch gelten, aber ich war erwachsen. Mein Hirn funktionierte einwandfrei, keinerlei Schäden, sehr zum Erstaunen der Ärzte, aber zumindest einen letzten Funken Anstand hatte das Schicksal wohl noch gehabt und mir nicht auch noch meinen Verstand geraubt. Außer die eine Nacht im Krankenhaus…aber das war ein anderes Thema.

Ich atmete tief durch, atmete aus, schaute den kleinen weißen Wölkchen hinterher, die mein Atem an der kalten, klaren Novemberluft bildete und stieß dann die Tür auf. Die Tür zu meinem alten Arbeitsplatz, zu meinem alten Leben. Es war eine Zeitreise in eine Zeit, in der noch alles in Ordnung gewesen war.

Der typische Geruch des Essens empfing mich, warmes Licht, leise Gespräche, ein freundliches Lächeln von Luisa, der Kellnerin. Sie erkannte mich unter der Mütze nicht, zumindest zeigte ihr Gesicht keinerlei Regung. Erst, als ich den Mantel an den messingfarbenen Garderobenhaken im Eingangsbereich hängte und mir die schwarze Mütze vom Kopf zog und mich wieder in ihre Richtung drehte, mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, weil es zwar schmerzte, hier zu sein, aber eben doch auch vertraut war, da ging ein Ruck durch sie.

„Tris!“, hauchte sie überrascht, oder entsetzt, ich konnte es nicht sagen. Im nächsten Moment vergaß sie die gute Etikette dieses Restaurants, vergaß, dass sie als Bedienung hier keine Szene machen sollte und stürzte auf mich zu und warf sich mir in die Arme. Holla! Entweder Luisa hatte zugelegt, oder ich hatte abgenommen! Vermutlich eher letzteres.

Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände, glasige Augen musterten mich, sie kam mir vor, wie meine Großmutter, nachdem ich sie vergangene Woche im Altenheim besucht hatte, um ihr zu zeigen, dass ich eben doch noch am Leben war. Nur war Luisa keineswegs alt, im Gegenteil, sie war gerade zwanzig geworden, vor drei Wochen erst, wenn mein Kalender im Handy nicht gelogen hatte.

„Bist du es wirklich?“, sie schniefte, zog die Nase hoch und blinzelte ein paar Mal. Ein paar Kunden schauten kritisch zu uns, beobachteten die Szenerie. Ich nickte als Antwort nur einmal. Wieder erdrückte sie mich fast, ehe sie doch von mir abließ, ihre weinrote Bluse glättete, sich einmal über die schwarze Bistroschürze strich und wieder zu ihrem Platz ging und mir mit einer Handbewegung anzeigte, ihr zu folgen. Vorbei an den ganzen Tischen, die bereits gedeckt waren, nur darauf warteten, dass sich Gäste hinsetzten und einen Blick in die Speisekarte warfen. Es war erst kurz nach zwölf und mitten unter der Woche noch dazu. Diesen Zeitpunkt hatte ich extra ausgewählt, ich wusste, wann nicht viel los war, wann ich nicht störte.

„Was treibt dich her?“, erkundigte sich Luisa bei mir. Schnell zog ich auch noch die Handschuhe aus, steckte sie mir in die Hosentasche meiner inzwischen zu weit gewordenen Hose und suchte mein Handy in einer anderen Hosentasche, um ihr eine Antwort geben zu können.

„Hab noch Sachen hier, wenn es die noch gibt“ tippte ich schnell ein, zeigte ihr die Nachricht, damit sie sie lesen konnte. Sie schluckte als Antwort nur, nickte aber mit ihrem Kopf, ließ den dunklen Pferdeschwanz auf und ab wippen und deutete auf die Küche.

„Alejandro ist unten, der kann dir weiterhelfen!“, sie lächelte mich traurig an und fügte noch ein „Es tut mir so leid!“ hinzu.

Allen tat es leid, was passiert war und würde ich von jedem Menschen, der mir diesen dämlichen Spruch an den Kopf warf, einen Euro bekommen, hätten sich meine finanziellen Probleme fürs Erste gelegt. Nur leider bekam ich keinen Euro für diesen Spruch und fühlte mich schlecht dabei, überhaupt so zu denken. Luisa konnte nichts dafür und all die anderen Menschen, die Mitleid mit mir hatten auch nicht. Nur ein einziger Mann konnte etwas dafür und genau der würde vermutlich nicht einmal eine Haftstrafe dafür bekommen, immerhin war ich im Endeffekt doch nicht ganz draufgegangen. Fahrlässige, schwere Körperverletzung, dafür würde er angeklagt werden, Fahren unter Alkoholeinfluss. Hätte der Idiot nicht wenigstens vom Tatort fliehen können? Dann wäre das Strafmaß dafür, dass er mir mein Leben, meine Karriere, versaut und mich meiner Stimme beraubt hatte, höher gewesen. Aber nein, er war ja ohnmächtig geworden und hatte nicht abhauen können. Mistkerl. Eine Platzwunde, eine läppische Platzwunde hatte er davongetragen, eine geprellte Rippe und ein Schleudertrauma und das war es dann auch schon. Und ich? Ich wäre fast ausgeblutet, hatte einen Schädelbasisbruch erlitten, mein Bein war zertrümmert gewesen und…ach ja, dieses beschissene Teil vom Scheinwerfer hatte meine Stimmbänder durchtrennt. Hallelujah. Und laut den Ärzten sollte ich noch froh sein, dass die Scherbe oder das Stück Alu oder was auch immer es gewesen war, es hatte mich herzlich wenig interessiert, welches Teil genau mir meine Stimme genommen hatte, eben genau meine Stimmbänder durchtrennt, durchlöchert oder was auch immer getan hatten und nicht etwa den Muskel der Stimmbänder, denn so hatte ich immerhin keine Atemprobleme, weil der abgetrennte Muskel mir in die Atemwege hing. Sprechen würde ich trotzdem nie wieder können.

Ich ging durch den kleinen Flur, vorbei an dem winzig kleinen Mitarbeiterraum, in dem einige Schließfächer für die Angestellten waren, bis zur Küche, aus der hektische Stimmen zu mir drangen, gepaart mit dem Geruch von frisch zubereiteten Essen.

Ich klopfte an der Tür, hoffend, dass mich jemand hören würde. Es war schwer, auf sich aufmerksam zu machen, wenn man stumm war und vor geschlossenen Türen stand. Ich könnte die Tür einfach öffnen, in mein Reich eintreten, das nicht mehr mein Reich war und so auf mich aufmerksam machen, aber ich konnte es nicht. Weil es so verdammt weh tat hier vor der Küche zu stehen und zu wissen, dass dieser Teil meines Lebens, der die glücklichste Zeit in meinem Leben dargestellt hatte, unwiderruflich vorbei war.

Noch einmal klopfte ich an die weiße Schwingtür und dieses Mal wurde mir geöffnet.

„Hergott Luisa seit wann klopfst du denn? Wie soll man dich denn da….Tristan?“, Alejandro persönlich stand vor mir. Besitzer dieses Restaurants, der eigentlich nicht mehr selbst in der Küche arbeitete, es sei denn, es musste jemand neu angelernt werden, das übernahm er, immerhin war es sein Restaurant und alles musste seinen Standards folgen. War ja auch eigentlich nur vernünftig.

Wieder nickte ich zaghaft, ehe ich in eine feste Umarmung des Mittfünfzigers gezogen wurde, der sich nicht daran störte, einen Saucenfleck von seiner weißen Kochjacke auf meinen Pullover zu übertragen. Hoffentlich war der Fleck schon eingetrocknet!

„Es tut mir so leid!“, der Satz kam mir bekannt vor. Das wäre schon der zweite Euro für mich gewesen an diesem Tag, eine gute Quote, wenn man bedachte, dass Alejandro heute auch erst der zweite Mensch war, mit dem ich redete. Okay, nennen wir es kommunizieren.

„Ich wollte dir nicht kündigen, wirklich nicht, aber ich hatte keine Wahl. Deine Eltern sagten, dass nicht fest stünde, ob du jemals wieder aufwachst und mein Restaurant…ich musste eine Entscheidung treffen!“

„Es ist in Ordnung!“, tippte ich in mein Handy, das ich noch immer in meiner Hand hielt, ich hatte ja gewusst, dass ich es noch brauchen würde. Es war in Ordnung, irgendwie – und irgendwie auch nicht. Ich war wütend, aber ich verstand ihn und das machte mich fertig, weil ich ihn nicht verstehen können wollte.

„Hast du noch meinen persönlichen Kram?“, schickte ich direkt die nächste Eingabe hinterher und zeigte sie ihm.

„Hab ich, komm mit, sie ist in meinem Büro, ich hab darauf gewartet, dass du sie abholen kommst!“, er lächelte mich aufrichtig betroffen an. Wenn es mir nur etwas bringen würde!

Ich folgte ihm in sein Büro, den Ort, vor dem vor drei Jahren mein Traum begonnen hatte. Nun war er vorbei und es hatte etwas Endgültiges und Ironisches, dass genau hier meine Sachen in einem Pappkarton verpackt lagerten und ich sie mir abholen konnte. Mein Leben, die Überreste davon, in einem Karton. Okay, das war übertrieben ich hatte auch noch meine Wohnung, in der sich einige Erinnerungen befanden, aber mir musste man heute meinen Hang zum Melodramatischen verzeihen. Wenn ich erst einen neuen Job hätte, wäre das auch vorbei, ganz sicher. Dann hätte ich wieder etwas, für das es sich zu Leben lohnte.

„Hast du schon einen neuen Job?“, hakte Alejandro nach, stand hinter seinem Schreibtisch und kramte in einer seiner Schubladen.

Ich schüttelte den Kopf und begann wieder auf meinem Handy zu tippen. Es war mühsam immer alles aufschreiben zu müssen, was ich sagen wollte, aber zum Einen hatte ich bisher keinen Kurs in Gebärdensprache belegt und zum anderen würden mich die meisten Menschen in meinem Umfeld dadurch auch nicht besser verstehen.

„Bin erst seit letzter Woche wieder in der Stadt“

„Was?“, geschockt schaute Alejandro mich an, die warmen, braunen Augen weit aufgerissen, „Wo warst du denn so lange?“

„Reha“, erklärte ich kurz, ließ den Punkt am Ende wieder weg. Jedes Satzzeichen war Zeit, die mein Gegenüber damit vertrödeln konnte, mich anzustarren. Und das taten sie, mich anstarren, sie suchten nach Narben, nach Überbleibseln vom Unfall. Deshalb trug ich den Schal, darunter verbarg sich die Narbe der Scherbe, die es geschafft hatte so perfekt zu treffen, dass sie mir die Stimme geraubt hatte.

„Ich hab dir ein Arbeitszeugnis ausgestellt“, Alejandro hielt mir eine Mappe hin. Seine Stimme war belegt, als er sie mir reichte und ich sie aufschlug. Das Arbeitszeugnis war gut, mehr als das, er verlor nicht ein negatives Wort über mich, im letzten Satz bedauerte er sogar, dass unser Arbeitsverhältnis zu Ende gehen musste.

„Es ist nicht viel, aber vielleicht hilft es dir ein bisschen! Wenn ich könnte, ich würde dich sofort wieder einstellen, aber…“, er brach ab und zuckte hilflos mit den Schultern.

„In so einer großen Küche muss ich reden können, um klarzukommen“, tippte ich schnell, „Ich verstehe das schon. Danke für das Arbeitszeugnis!“

„Das ist das Mindeste, was ich dir tun kann. Wenn ich was höre, dass jemand einen Koch braucht, dann ruf ich dich an, vielleicht in einem kleineren Restaurant…“, sinnierte er.

„Danke!“, schrieb ich nur, um das Gespräch schnell zu unterbinden. Ich wollte mir keine Hoffnungen machen, dass er sich wirklich melden würde. Darauf konnte ich mich nicht verlassen. Verlassen konnte ich mich am Ende nur auf mich selbst. Ich musste mich kümmern, ich musste mir einen neuen Job suchen und ich musste aufhören von einem Leben zu träumen, das nicht mehr meins war.

„Du bist immer ein gern gesehener Gast hier!“, verabschiedete Alejandro sich von mir. Ein gern gesehener Gast. Bitter schluckte ich, winkte kurz zum Abschied, als würde ich Geld haben, hier essen zu gehen, wenn ich nicht einmal einen Job hatte. Nein, dafür, in diesem Restaurant zu essen, würde ich in der nächsten Zeit sicherlich kein Geld haben. Vielleicht irgendwann einmal, wenn ich einen Job gefunden hatte, einen Arbeitgeber, der kein Problem mit einem stummen Krüppel hatte.

In einer schwarzen Jutetasche hatte ich alle meine persönlichen Gegenstände, meine Kochjacke, die Mappe mit dem Arbeitszeugnis, ein paar Fotos, Kaugummis, Zigaretten. Ich rauchte nicht mehr, die Zeit im Krankenhaus hatte einen guten Entzug dargestellt. Das Argument meiner Mutter, wenn ich zu viel rauchen würde, würde ich Krebs bekommen und nicht mehr sprechen können, war nun dahin. Sie hatte schon immer gewusst, womit man mich treffen konnte. Ich hatte reden geliebt, mich mit Menschen zu unterhalten, Erfahrungen auszutauschen, Geschichten auszutauschen. Und jetzt war ich zum Zuhören verdammt.

Ein kaltes Gefühl machte sich in meiner Brust breit, als die Tür des Restaurants hinter mir ins Schloss fiel. Ich war gegangen, ohne mich von Luisa zu verabschieden, sie war mittlerweile nicht mehr alleine am Bedienen, aber auch zu zweit hatten sie gut zu tun, das Restaurant war eben gut besucht, eine gute Adresse, renommiert sogar. Und nicht mehr mein Arbeitsplatz, endgültig nicht mehr. Das Wunder, auf das mein dummes Hirn gewartet hatte, es war aus geblieben.

Lustlos zog ich durch die Straßen, schaute mich um, hielt an einem Kiosk und kaufte mir ein paar Zeitungen, um mir die Stellenanzeigen durchzusehen. Ich wollte wieder als Koch arbeiten, kochen war meine Leidenschaft, ich hatte nie etwas anderes tun wollen. Aber in einer großen Küche brauchte ich gar nicht anfragen, mich würde niemand einstellen, wenn die Kommunikation mit mir so schwer war, wenn es schnell gehen musste. In einem kleinen Laden schon eher, einem kleinen Restaurant, wo nicht viele Leute in der Küche gebraucht wurden.

Mein Magen knurrte, erinnerte mich daran, dass ich meine Leidenschaft vielleicht auch mal wieder privat ausüben sollte, aber ich konnte mich nicht dazu bringen, ich konnte ja nicht einmal wieder in meine Wohnung gehen, ich wollte nicht dorthin, wo mich alles an mein früheres Leben erinnerte, mich daran erinnerte, was hätte sein können, wenn diese eine Nacht nicht gewesen wäre. Wenn dieser eine Idiot sich ein Taxi gerufen hätte, anstelle volltrunken in seinen beschissenen BMW zu steigen und durch die Stadt zu heizen.

Es war ein kleiner Laden, neben einem Park, der meine Aufmerksamkeit erregte. Auch nur, weil ich durch den Park geschlendert war und den letzten Blättern dabei zugesehen hatte, wie sich von den Bäumen lösten, um auf die Erde herabzuschweben und eins zu werden mit dem Blättermatsch, den der Regen der letzten Tage zusammengepappt hatte.

Seasons stand in großer, roter Schrift über der Glastür und ich fragte mich, was das wohl für ein Laden war, vor dem ein großes, schwarzes Kreideschild stand. Beim Näherkommen konnte ich auf dem Schild die Überschrift erkennen „Wochenkarte“. Klang ja nach einem kleinen Restaurant. Ein schöner Name für das Restaurant, das so direkt neben dem Park lag. Durch die großen, bodentiefen Fenster konnten die Gäste den Park beobachten, die verschiedenen Jahreszeiten. Entweder es war ein kreativer Name, oder ziemlich plump und einfallslos. Ich entschied mich für kreativ, denn dieser Laden hatte Charme, zumindest auf den ersten Blick durchs Fenster. Holzvertäfelungen, eng beieinander stehende Tische, ein Sofa, auf dem eine junge Frau mit Baby saß, ihr Gegenüber auf einem Sessel eine ältere Dame, die nur Augen für den kleinen Knirps im Strampelanzug hatte.

Der Laden zeigte eine heile Welt, Familien, Studenten. Er war gut besucht, obwohl es auf den ersten Blick recht klein war.

Ich wollte schon weitergehen, meinen Blick abwenden von dem kleinen Laden, den ich da durch Zufall gefunden hatte, weil ich ohnehin mein Geld sparen musste, auch wenn das Essen, das auf der Karte angepriesen wurde, nicht teuer war, als mir der laminierte Zettel in der Eingangstür auffiel.

„Koch gesucht“

War das der Wink des Schicksals? Eine Widergutmachung dafür, dass es mich mit dem Baseballschläger verprügelt und auf mich eingetreten hatte, als ich am Boden lag? Dieses eine, kleine Schild. Vermutlich war es eher noch ein Streich, ein Streich, den mir das Schicksal spielen wollte, eine Tür, die es einen Spalt breit öffnete und dann wieder vor meiner Nase zuschlug, um sich darüber kaputtzulachen, dass ich Krüppel wirklich geglaubt hatte, ich hätte eine Chance, gegen jemanden, mit dem man sich vernünftig unterhalten konnte.

Und dennoch stieß ich die Tür zu dem Laden auf, ging zielstrebig zur Theke und ließ mich auf einem der dunkelbraunen Holzhocker nieder, ließ mich von der Wärme des Raumes einlullen, während meine eiskalten Finger versuchten eine Nachricht in das Handy einzutippen. Vielleicht sollte ich erst nach Hause gehen und eine Bewerbung schreiben und dann wiederkommen. Aber vielleicht war die Stelle auch schon vergeben, nur das Schild noch nicht abgehängt.

„Was kann ich für Sie tun?“, ein der Kellner stand hinter dem Tresen und lächelte mich freundlich an. Er war ein Stück älter als ich, aber nicht viel, hatte dunkelblonde Haare und ein sympathisches Gesicht.

Ich hielt ihm mein Handy entgegen, damit er die Nachricht lesen konnte. Seine Augenbrauen wanderten kurz in die Höhe, bis er nach meinem Handy griff, es in die Hand nahm und sich die Nachricht durchlas, sie war nicht lang, vorstellen konnte ich mich immer noch, ich würde sofort losgehen und die Bewerbung holen, wenn er mir nur sagte, dass die Stelle noch frei war.

„Ich bin zufällig hier vorbeigekommen und habe gesehen, dass ihr einen Koch sucht. Ist die Stelle noch frei?“
Der Kellner las sich die Nachricht aufmerksam durch und begann dann auf dem Handy zu tippen. Was tat er denn da? Seine Finger flogen über den Touchscreen und kurz darauf hielt er mir freundlich lächelnd mein Handy wieder entgegen.

„Ja, wir suchen noch“ stand da. Warum hatte er mir das nicht gesagt.

„Ich kann hören, nur nicht sprechen“, schrieb ich ihm wieder und hielt ihm das Handy unter die Nase. Dieses Mal zögerte er nicht, nahm es sofort entgegen und lief direkt leicht rot an.

„Ohh“, machte er, kratzte sich kurz am Hinterkopf und reichte mir mein Smartphone, ohne dass ich neuerdings doppelt aufgeschmissen war, „Sorry, ich wollte nur…also ja, die Stelle als Koch ist noch frei. Sind Sie Koch?“

Ich nickte.

„Ich habe gerade zufällig nur ein Arbeitszeugnis dabei, geben Sie mir zwei Stunden und ich komme mit einer Bewerbung wieder!“

Der Mann war sympathisch, in der Zeit, in der ich getippt hatte, hatte er an der Kaffeemaschine herumgewerkelt und präsentierte mir kurz darauf einen Kaffee, den er mir rüberschob.

„Ich bin Fritz und verwalte den Laden derzeit“, erklärte er, schaute kurz über die Tische und zuckte dann entschuldigend mit den Schultern, „Ich bin gleich wieder da, such mir schon mal das Arbeitszeugnis raus, wenn du das schon da hast, dann reden wir weiter!“

Kopfschüttelnd schaute ich ihm nach, wie er sich zielstrebig und absolut sicher zwischen den Tischen durch bewegte, jede Lücke schon kannte und mit den Kunden lachend und scherzend die Teller an einem Tisch abräumte und die nächste Bestellung aufnahm. Es war anders hier, ganz anders, als bei meiner alten Arbeit. Das hier war kein Ort für die gehobene Gesellschaft, kein teures Restaurant und die kleine Bühne, die einen Teil des Restaurants einnahm, sagte mir, dass das hier wohl eher eine Bar sein sollte, als ein Restaurant. An den Wänden hingen Tafeln, mit den Zeiten der Cocktailhappyhour, daneben ein Schild, das ein Angebot für Kaffee und Kuchen bewarb. Alles ein bisschen durcheinandergewürfelt erschien es mir hier und doch stimmig. Es war eben anders, aber mein altes Leben war auch vorbei. Ich war auch anders und vielleicht würde ich ja hier hineinpassen.

„Also, da bin ich wieder, darf ich mal sehen?“, der Kellner, Fritz, wie er sich mir vorgestellt hatte, nahm mir die Mappe aus der Hand und fing an zu lesen. Erst jetzt fiel mir auf, dass er sich wirklich nur mit seinem Vornamen vorgestellt hatte, nicht mit seinem Nachnamen. In meinem alten Job wäre das undenkbar gewesen. Alejandro hatte ich duzen dürfen, aber auch erst, nachdem der Arbeitsvertrag unterzeichnet gewesen war.

„Alle Achtung!“, anerkennend pfiff Fritz durch die Zähne und nickte zufrieden, „Ich kenn den Laden, in dem du gearbeitet hast und dann sogar Küchenchef, Holla die Waldfee! Wenn du mir jetzt noch sagst, dass du sofort anfangen kannst, dann bist du der Held des Tages!“

„Ich kann sofort anfangen!“, schrieb ich grinsend, „Willst du gar keine weiteren Unterlagen sehen?“

„Oh doch, will ich, natürlich, Herr Zössel bringt mich um, wenn ich mich nicht Schritt für Schritt an seine Anweisungen halte, aber bisher bist du der beste Bewerber, also beeil dich, bring mir einen Lebenslauf, eine Bewerbung und wenn du noch mehr solcher Arbeitszeugnisse hast, dann kann das auch nicht schaden!“, er zwinkerte mir frech zu, „Ach ja, der Kaffee geht aufs Haus, kleine Anzahlung dafür, dass du auch wiederkommst. Wenn du dich als so guter Fang entpuppen solltest, wie es auf den ersten Blick ausschaut, dann kann ich vielleicht den unsäglichen Fehler wieder gutmachen, der mich sonst den Job hier kosten könnte!“

Den Kaffee trank ich in zwei Zügen leer, viel zu schnell dafür, dass er wirklich gut schmeckte und wirklich heiß war, aber ich wollte schnell nach Hause, die Chance nutzen, alle Unterlagen holen. Er wollte Arbeitszeugnisse? Ich hatte noch zwei weitere und für keines brauchte ich mich schämen, es vorzulegen!

Schicksal, wenn es mit diesem Job klappt, bin ich bereit, dir zu verzeihen!
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