Ein Trump(f) im Ärmel (OS)

KurzgeschichteHumor / P12
Das Känguru Marc-Uwe Kling
11.11.2016
11.11.2016
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"Das, was die Menschen unglücklich macht, ist das Suchen nach dem Grunde. Ich Glücklicher komme aus der Welt der Grundlosigkeit. Mit meinem Irrsinn hat man mir Glück verliehen." (Donald Trump*)

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„Und, was machen wir jetzt?“, frage ich das Känguru, während ich immer noch schockiert auf den Fernseher starre, wo gerade verkündet wurde, dass Donald Trump tatsächlich der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten sein wird. Das Känguru liegt in der Hängematte und schweigt. Ich werfe ihm einen Blick zu, aber sein Gesicht lässt keine Regung erkennen.
„Und, was machen wir jetzt?“, frage ich noch einmal. Vielleicht hat es mich nur nicht gehört. Es zuckt mit den Achseln.
„Keine Ahnung“, sagt es, ohne mich anzuschauen. Ich runzle die Stirn.
„Wie jetzt?“, hake ich nach. „Du hast keine Idee? Nicht mal den Anflug eines verrückten Plans, der mich wieder mal mein halbes Vermögen und all meine Nerven kosten wird.“ Es schüttelt den Kopf.
„Nee“, sagt es nur.
„Nicht mal einen winzig kleinen Anti-Terror-Anschlag, der...“
„Halt die Fresse!“ Es sieht plötzlich echt wütend aus. „Nein, ich hab keine beschissene Idee, ich bin total ratlos, fassungslos, planlos und am Ende meiner genialen Möglichkeiten angekommen. Zufrieden?“ Ich starre es an.
„Ich hab immer gedacht, du bist jemand, der nie aufgibt“, versuche ich, es aus seiner offensichtlichen Verzweiflung zu holen, aber es schnaubt nur resigniert.
„Ich werde die nächsten vier Jahre in der Hängematte liegen, Schnapspralinen essen und warten, bis es vorbei ist“, verkündet es und dreht sich mit dem Gesicht zur Wand.
„Also kein Unterschied zu sonst“, versuche ich, einen Witz zu machen.
„Pah, du hast ja keine Ahnung“, sagt das Känguru leise und langsam wird mir die Situation wirklich unbehaglich. Wenn selbst das Känguru aufgibt – heißt das, dass es wirklich keine Hoffnung mehr gibt?

„Willst du dich nicht auch zum Präsidenten wählen lassen und Trump wär dann automatisch der Gegenpräsident, so wie damals mit den Päpsten?“, frage ich. Das Känguru schüttelt nur schwach den Kopf.
„Oder lass dich doch für die Wahl zum Bundespräsidenten aufstellen“, schlage ich vor.
„Ein bedeutungsloser Titel im asozialen Netzwerk reicht mir“, murrt das Känguru. „Da brauch ich nicht noch einen.“
„Aber wär das nicht ein grandioses Zeichen? Ein Känguru als deutscher Präsident? Du könntest dich mit Trump treffen und...“
„... ihm auf die Füße kotzen?“, beendet das Känguru meinen Satz. „Nein danke, kein Interesse.“
„Aber irgendwas musst du doch machen!“, sage ich, langsam am Ende meiner Ideen.
„Garnichts muss ich“, sagt das Känguru. „Macht eh keinen Unterschied.“ Ich schweige.
„Stell dir mal vor, Trump zieht ins Weiße Haus ein und das erste, was er macht, ist sich die Maske runterzureißen und „das ist ein Anti-Terror-Anschlag des asozialen Netzwerks, Sektions Washington“ zu rufen“, versuche ich, es aufzumuntern.
„Wird nicht passieren“, murmelt das Känguru.
„Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren“, zitiere ich.
„Hillary Clinton“, ergänzt das Känguru.
„Witzig“, sage ich.
„Nicht im Geringsten“, kommentiert das Känguru. Wir schweigen.

„Deine Resignation macht mich fertig“, gebe ich zu. „Ich sag es ungern, aber irgendwie hab ich dich immer als Held gesehen.“ Nichts passiert. „Als eine Art... na ja, Visionär vielleicht“, fahre ich fort. „Und in der dunkelsten Stunde willst du mich jetzt einfach alleine lassen?“ Kurz ist es still.
„Ein Held?“, fragt das Känguru zögernd, dreht den Kopf und schielt über die Schulter zu mir rüber. Ich nicke möglichst überzeugend.
„Ich?“, fragt das Känguru. Ich nicke noch heftiger. Langsam wendet sich das Känguru mir komplett zu. Es sieht nachdenklich aus.
„Und du meinst, dass ich was verändern könnte?“, fragt es.
„Auf jeden Fall!“, sage ich mit allem Enthusiasmus, den ich aufbringen kann. „Wenn nicht du, wer dann?“ Die Worte scheinen das Känguru vollständig zu überzeugen, denn mit einem Satz ist es auf den Beinen und beginnt, in seinem Beutel zu kramen. Als es den Blick hebt, leuchten seine Augen.
„Du hast recht“, sagt es. „Schluss mit der Lethargie! Wir werden diesem neuen „Präsidenten“ (und dabei malt es Anführungszeichen in die Luft) gehörig in die Suppe spucken!“ Ich muss grinsen.
„So gefällst du mir schon viel besser“, lobe ich, doch im nächsten Moment weiß ich schon nicht mehr, ob mein Vorgehen wirklich so schlau war, denn das Känguru zieht zwei Sturmmasken aus seinem Beutel und wirft mir eine davon zu.
„Los, los“, treibt es mich an, während es einen Presslufthammer, Klebeband und einen Ziegelstein aus seinem Beutel ans Tageslicht befördert und alles auf den Wohnzimmertisch legt. „Du buchst sofort einen Flug nach Washington, am Besten noch heute Abend.“
„Äh, was?“, frage ich überfordert.
„Los, los, wir haben keine Zeit zu verlieren!“, übergeht mich das Känguru. „Und ich brauch dein Portemonnaie, muss noch was besorgen.“
„Was hast du vor?“, frage ich misstrauisch. So hatte ich mir das jetzt nicht gerade vorgestellt.
„Na was wohl?“, schnaubt das Känguru. „Was Helden eben so tun: Die Welt retten.“
„Aha“, gebe ich lahm von mir und wünsche mir beinahe das betrübte Häufchen Elend zurück. „Und was genau?“ Es verdreht die Augen.
„Nicht fragen, machen!“, sagt es. „Wir haben viel zu tun!“ Und mit diesen Worten hüpft es aus der Wohnung.

Vier Stunden später sitzen wir im Flieger.
„Ich hoffe, du hast neben dem ganzen verrückten Kram, den wir mitgeschleift haben, noch irgendeinen Trumpf im Ärmel“, sage ich. „Sonst seh ich ja schwarz für unsere Mission.“
„Worauf du Gift nehmen kannst, Alter“, erwidert das Känguru zufrieden. „Ein Trumpf im Ärmel gegen einen Trump im Weißen Haus.“
„Boah“, sage ich und verdrehe die Augen. „Das war das schlechteste Wortspiel, das ich je gehört hab.“
„Machs doch besser“, zischt das Känguru gekränkt. „Ist schließlich dein Job, nicht meiner.“
„Und deiner ist? Echt die Welt retten oder was?“, frage ich.
„Sehr richtig“, verkündet das Känguru. „Und darin bin ich verdammt gut!“
„Wollen wir es hoffen“, seufzte ich. „Wollen wir es hoffen...“

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Hier gibt's  die Geschichte noch in gelesener Form von jujukeks:
https://youtu.be/ZY8e34WglDs
Hört doch mal rein :)

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*komplettes Zitat von Ferîd ud din Attâr (auch: Fariduddin):
>Ein Narr sagte: "Das, was die Menschen unglücklich macht, ist das Suchen nach dem Grunde. Ich Glücklicher komme aus der Welt der Grundlosigkeit. Mit meinem Irrsinn hat man mir Glück verliehen."<
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