Welche Art Mensch wollen wir sein?

GeschichteAllgemein / P6
11.11.2016
11.11.2016
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Welche Art Mensch wollen wir sein?




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Donald Trump ist der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Donald Trump ist der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Ich könnte den Satz eine ganze Seite lang schreiben und trotzdem würde ich noch immer denken – das ist ein schlechter Scherz, ein Alptraum. Seit ich gestern Morgen als erstes die Nachrichten nachgeschlagen und dieses Ergebnis gesehen habe, befinde ich mich in einem Zustand von … ja, was eigentlich? Schock. Ungläubigkeit. Eine Art Taubheit, die mir schlecht werden lässt. Und dazu kommen eine gehörige Portion Wut und grenzenloses Unverständnis.

Warum? Ich frage und frage mich das und finde keine Antwort.

Ich verstehe nicht, wie 40% der amerikanischen Frauen einen Mann wählen konnten, der in seiner Wahlkampagne so deutlich gemacht hat, was er von Frauen hält.

Ich verstehe nicht, wie ein Drittel der Latinos einen Mann wählen konnte, der sie in seiner Wahlkampagne als Verbrecher und Vergewaltiger pauschalisiert hat.

Ich verstehe nicht, wie ungefähr 5 Millionen Menschen ihre Stimme an eine Drittpartei geben konnten, wenn sie genau wussten, dass es nichts ausrichten wird. Sie hätten ihre Stimme ebenso gut Trump direkt geben können. Und mag für sie Hillary Clinton ebenso unwählbar gewesen sein – ein kleineres Übel war sie allemal.

Ich verstehe all jene nicht, die für einen Mann gestimmt haben, der sich so offen rassistisch, sexistisch, inhuman, intolerant und voller Vorurteile äußert. Der sich für Folter und gegen Abtreibung ausspricht. Der den Klimawandel leugnet. Der sein milliardenschweres Vermögen auf Kosten anderer aufgebaut hat und dafür auch noch gefeiert wird. Der nichts als Angst und Hass und Ungerechtigkeit verbreitet.

Wer sind diese Menschen? Im Großen und Ganzen der sogenannte „stupid white man“ und niemals war dieser Begriff passender. Der durchschnittliche Trump-Wähler ist weiß, hauptsächlich männlich, 40 aufwärts, mit niedrigem Bildungsabschluss, Christ und sehr wahrscheinlich heterosexuell und cis-gender. Es sind Menschen, die Angst haben vor dem, was sie nicht verstehen, die in Traditionen und Weltanschauungen gefangen sind, die niemals über ihren eigenen Tellerrand schauen oder sich die Mühe machen, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen und die sich den – zugegeben nicht immer einfachen – Veränderungen unserer Welt hilflos ausgeliefert fühlen. Und ja, diese Ängste sind (teilweise) natürlich ernst zu nehmen – aber sie sind keine Entschuldigung! Mag sein, dass die USA nur die Wahl zwischen zwei Parteien hat, mag sein, dass Hillary Clinton keine wesentlich bessere Kandidatin gewesen ist – aber auch das ist keine Entschuldigung, jemanden wie Donald Trump als Alternative zu betrachten!

Und für mich sind solche Ängste auch keine Erklärung. All diesen Hass und diese Wut auf Minderheiten zu projizieren, aus der eigebildeten Angst heraus, Privilegien zu verlieren (denn was ändert es an den eigenen Rechten, wenn Andere genau die gleichen erhalten???), mit seiner Wahl all das zu unterstützen, wofür Donald Trump steht, ist für mich so unverständlich, dass ich keine Worte dafür habe. Es entspricht nicht meiner Weltanschauung, nicht meinen Werten, nicht meiner Erziehung. Und es macht mich so unsagbar wütend, dass ich auch dafür keine Worte habe, die keine Beleidigungen und Flüche sind.

Egal ob es in den USA ist, oder in Frankreich, England, Polen, Österreich, den Niederlanden oder hier bei uns – all das, was im Moment passiert, macht mir Angst. Mehr Angst, als es jede Frau mit Kopftuch oder jeder dunkelhäutige Mann oder jede fremde Kultur je könnte.

Die Welt, auf die wir gerade zusteuern, ist eine Welt, in der ich nicht leben will. Es ist eine Welt, in die ich keine Kinder setzen will. Es ist eine Welt, die mich anekelt und die mich immer mehr an der Menschheit zweifeln lässt.

Lernen wir nichts aus unseren Fehlern? Es ist gerade einmal 70 Jahre her und wir haben alles vergessen? Aus der Befürchtung heraus, unsere so viel geliebte „Freiheit“ zu verlieren? Das, was gerade passiert, ist keine Freiheit, sondern Angst.

Es gibt immer einen einfachen und einen schweren Weg, Probleme anzugehen. Der einfache folgt populistischer Meinungsmache, Angstschürern und Intoleranz. Der schwere bietet solche bequemen Lösungen nicht, aber er ist es, den es sich zu gehen lohnt.

Ein großer Teil der USA hat am Dienstag den Weg der einfachen Lösung gewählt.

Ich hoffe, wir machen im nächsten Jahr nicht den gleichen Fehler.
 
 
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