Fest der Toten und der Lebenden

OneshotFamilie, Freundschaft / P12
Fred & George Weasley Ginevra Molly "Ginny" Weasley Harry Potter Hermine Granger Ronald "Ron" Weasley
10.11.2016
10.11.2016
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Hallo !

Es freut mich, dass ihr zu diesem Oneshot gefunden habt.

Sie ist ein Beitrag zu dem Halloween - Wichteln von Slummy.
Mein Wichtelkind ist Gwenny Lovegood und ihre Vorgaben lauteten:

Hauptpairing: Ginny x Harry
Anregungen: Freundschaft
Max. erwünschtes Rating: P12
Sonstiges: -

Wie immer gilt:
Alle Figuren und Handlungsorte gehören J. K. Rowling.
Diese Geschichte entspringt meiner eigenen Fantasie und ich verdiene kein Geld damit.

Wie jeder Autor würde ich mich natürlich über Feedback, sei es in Form von Lob oder auch gerne Kritik, freuen.

Viel Spaß beim Lesen!
Vor allem natürlich dir, Gwenny. Ich hoffe, ich konnte dir damit eine Freude machen. :)

____________________________________________________


Ginny Weasley stand am Fenster und blickte in die Abenddämmerung hinaus. Die Sonne war am Untergehen und sandte die letzten Strahlen des Tages in Richtung des kleinen Dorfes Ottery St. Catchpole. Da sie direkt hinter dem Wieselkopf unterging, erstrahlte der Hügel in einem orangefarbenen Kranz aus Licht. Ein beeindruckendes Schauspiel, das Ginny an diesem Tag mit verschränkten Armen und gerunzelter Stirn betrachtete.

Sie wandte sich um und warf einen Blick auf die Wanduhr. Zehn Minuten vor halb sechs. Harry hätte schon längst zu Hause sein müssen. Die im Flohnetzwerk benötigte Zeit vom Ministerium nach Ottery war kaum der Rede wert und er hatte versprochen pünktlich zu sein. Ginny seufzte.
Sie gab ihre Position am Fenster auf und setzte sich auf das Sofa. Mit der halbvollen Tasse Tee und dem aufgeschlagenen Quidditch-Journal ließ sich die Zeit des Wartens sinnvoller vertreiben, als vor dem Fenster zu stehen und hinaus zu starren. Aber statt ihre Aufmerksamkeit dem technischen Vergleich des Nimbus 2002 und dem brandneuen Goldschweif zu widmen, schweiften ihre Gedanken schnell ab. Frustriert schlug sie das Heft zu.  

Er wollte nicht mit. Das hat er zwar nie so direkt gesagt, aber sie hatte es gespürt. Schon als Errol mit der Einladung gegen die Fensterscheibe geknallt war und die letzten Tage noch mehr.

Ginny konnte verstehen, dass der 31. Oktober für Harry kein leichter Tag war. Es hatte sie noch zu Hogwarts-Zeiten gewundert, dass er die dortigen Halloweenfeste immer so augenscheinlich unbefangen verbracht hatte. Natürlich kamen in einigen Jahren aufregendere Dinge dazwischen, Sirius‘ Einbruch in den Gryffindorschlafraum oder die Auswahl der Teilnehmer des Trimagischen Turniers zum Beispiel. Aber trotzdem hatte sie ihn stets unter den fröhlichen Mitschülern gefunden, mitfeiernd und mitlachend.
Dass die Unbeschwertheit der Kindheit jetzt, nach zwei Jahre in der „richtigen“ Welt, einem Realismus und Ernst gewichen war, fand Ginny darum nicht verwunderlich. Erst recht nicht, da sie das Gefühl hatte, dass es nicht nur der Tod seiner Eltern war, der ihn an diesem Tag belastete.

Auch für sie war das erste halbe Jahr nach der Schlacht von Hogwarts nicht leicht gewesen. Neben einem Bruder noch viele andere Freunde zu verlieren, steckte niemand so einfach weg. Selbst jetzt verkrampfte ihr Herz in manchen Stunden, wenn sie in Georges Gesicht sah, einen neuen Scherzartikel in den Händen hielt oder nur das Ladenschild von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze betrachtete.
Ginny konnte zwar nicht nachfühlen, aber nachvollziehen, dass es Harry da noch viel mehr schmerzen musste und alle tröstenden Worte zwar lieb gemeint waren, aber wirkungslos blieben.  
Am Ende war es eben doch die Zeit, die alle Wunden heilte.

Obwohl sie diesem Prozess machtlos gegenüberstand, wollte Ginny nicht untätig zusehen. Zeit mochte das wirksamste, aber bei Leibe nicht das einzige Mittel sein. Und wenn sie Harry zumindest kurzweilig auf andere Gedanken bringen konnte, dann wollte sie dies tun. Da interessierte es sie auch nicht, dass Harry die Sache ganz anders sah.
Stur war Ginny dabei geblieben, dass sie um halb sechs bei ihren Eltern sein würden. Und nun war der Minutenzeiger nur noch eine Runde von der Uhrzeit entfernt.

In diesem Moment rauschte es und schwarzer Rauch stob aus dem Kamin. Noch ehe sich die feine Aschewolke gelegt hatte, trat Harry aus der Feuerstelle.
„Hallo, Ginny.“
„Da bist du ja.“ Ginny bemühte sich um einen möglichst neutralen Tonfall.
„Tut mir leid, aber Alister hat in der Besprechung überzogen. Er wollte unbedingt noch die neusten Hausdurchsuchungen besprechen und hat sich dabei mal wieder nicht kurz fassen können.“ Er hob seinen Zauberstab und ließ die Rußteilchen von seinem Umhang rieseln, bevor er sie zusammen mit der Asche am Boden zurück in den Kamin zauberte.  
Ginny nickte. Alister Mackintosh war für seine Pedanterie bekannt. Rita Kimmkorn hatte ihn in einem ihrer Artikel einmal als menschliche Hauselfe bezeichnet. Harrys Erzählungen nach, musste das erstaunlich gut zutreffen.
„Kein Problem, wenn wir apparieren sind wir ja gleich drüben.“ Eigentlich hatten sie einen Spaziergang machen wollen, denn den Fuchsbau und das kleine Häuschen am Ortsrand von Ottery trennten weniger als drei Meilen. Aber da sie Harry nicht zusätzliche pessimistische Gedanken wegen der Verspätung bescheren wollte, verzichtete Ginny auf den Spaziergang im Sonnenuntergang.
„Ich zieh‘ mich schnell um, ja?“
„Ja.“ Ginny lächelte.

Als er im Schlafzimmer verschwunden war, nahm sie ihre Teetasse wieder auf und nippte daran. Trotz der Aussicht, einen widerwilligen Harry an ihrer Seite zu haben, umspielte ein Lächeln ihre Lippen.
Wie jung und dumm sie vor neun Jahren gewesen war. Fast schämte sie sich ihres Verhaltens. Wie ein kleines Mädchen war sie allein bei der Erwähnung seines Namens in Begeisterung verfallen und hatte sich kaum mehr halten können. Nun ja, sie war ein kleines Mädchen gewesen. Ein kleines, dummes Mädchen.
Im Nachhinein konnte Ginny nicht einmal sagen, welches ihrer Verhalten sie peinlicher fand: Ihre anfängliche Unverschämtheit oder ihre an Besessenheit grenzende Verliebtheit, inklusive dem Höhepunkt, einem, von einem uncharmanten Zwerg vorgetragenen, uncharmanten Valentinslied. Bei der Erinnerung daran, verzog sich ihr Gesicht zu einer Grimasse.
Zum Glück, lagen diese Jahre hinter ihr. Sie war Hermine noch immer dankbar für den Rat, sich Harry aus dem Kopf zu schlagen. Denn wenn sie das nicht getan hätte, so war sich Ginny sicher, wären Harry und sie jetzt nicht zusammen.
Sie hatte diesen Abstand gebraucht. Das hieß nicht, dass sie Harry von einem Moment auf den anderen aus ihrem Herzen verbannt hatte, nein, ganz sicher nicht. Die Hoffnung war nie komplett eingeschlafen.
Aber erst durch ihre Zurücknahme, hatte sie sich von ihrem fangirlhaften Auftreten lösen und in Harrys Gegenwart zu ihrem normalen Verhalten finden können. Dank dieser neu gewonnenen Selbstsicherheit hatte sie ihm auf gleicher Höhe begegnen können, waren sie Freunde geworden und schließlich sogar mehr als das.

„Wegen was schmunzelst du?“ Harry hatte Hemd und Umhang gegen einen Pullover eingetauscht und stand wieder im Wohnzimmer.
„Einfach nur so.“
„Das glaube ich nicht.“ Er fasste sie ins Auge, doch Ginny war schneller. Sie stand auf und trat zu ihm.
„Musst du aber“, erwiderte sie, drückte ihm einen Kuss auf den Mund und war in die Küche entwischt, noch ehe er reagieren konnte.
Normalerweise log sie ihn nicht an, aber in diesem Moment hatte sie keine Lust ihre Gedanken vor ihm auszubreiten und sich seinen Neckereien auszusetzen. Außerdem schien es ihr falsch, ihn ausgerechnet jetzt mit wehmütigen Erinnerungen an die Zeit vor dem Krieg zu belasten.
Weil sie ihn aber auch nicht brüskieren wollte, wusch sie die Teetasse nicht aus, sondern stellte sie nur in das Spülbecken. Wie sie ins Wohnzimmer zurückkehrte, war ihr Wortwechsel auch schon vergessen. Harry hatte bereits seine Jacke angezogen und hielt ihr ihre entgegen, dass sie nur hineinzuschlüpfen brauchte.
„Danke.“
Dann griff sie seine Hand.
„Bereit?“
„Ja.“ Ginny nickte.
Und noch ehe sie ihre Augen verschlossen hatte, waren sie beide verschwunden.


Der Fuchsbau leuchtete. Die untergehende Sonne strahlte seine Holzfassade an, sodass er vor dem dahinterliegenden nachtdunklen Himmel orangefarben glänzte. Es war ein märchenhafter Anblick, der Ginnys Herz warm werden ließ. Doch als sie auf ihr Zuhause zuging spürte sie, dass Harry zögerte.
Nicht in dem Sinne, dass sie ihn hätte hinter sich herziehen müssen oder er gar stehen blieb. Es war der langsame, bedachte Gang, der ihm sonst gänzlich fremd war.
Entschlossen drehte sich um und stellte sich ihm in den Weg.

Auch wenn es so aussah, als hätte sie einen Plan, hatte Ginny keinen. Lange, gefühlvolle Worte, nur wenige Meter vom Fuchsbau entfernt, wo sich womöglich George, Ron und die anderen die Nasen an den Fenstern platt drücken würden, wollte sie nicht verlieren. Einen Scherz fand sie unangebracht. Und doch drängte es sie, ihn aufzumuntern und ihn wissen zu lassen, dass alles gut werden würde. Dass die bösen Erinnerungen an diesem Tag zwar da waren, aber kein Hindernis darstellten, um sich nicht trotzdem zu amüsieren.
Weil sie noch zögerte, was sie sagen sollte, griff sie zuerst seine beiden Hände. Und dann war es Harry, der die Lösung fand.

„Weißt du, dass es so aussieht, als hättest du mit deinen Haaren den Fuchsbau in Brand gesetzt?“, scherzte er, die Lippen zu einem Lächeln verzogen, in dem sie eine kämpferische Fröhlichkeit sah, die Trauer zu verdrängen.
„Dann pass‘ auf, dass es nachher nicht wirklich passiert“, entgegnete Ginny und schmunzelte.
Die Zeit, die sie darauf schweigend und lächelnd zusammenstanden, war auf dem Ziffernblatt kurz, fühlte sich aber deutlich länger an.
Schließlich nickte sie mit dem Kopf nach hinten, wo der Fuchsbau und eine lärmende Menge an Verwandten und Freunden wartete.
„Also los, komm schon.“

Mit verschränkten Händen legten Ginny und Harry die letzten Schritte zum Fuchsbau zurück. Kaum hatten sie geklopft, wurde die Tür auch schon aufgerissen.
„Da seid ihr ja endlich!“ Rons roter Wuschelkopf lugte zwischen Tür und Türrahmen hervor. „Mum macht sich schon Sorgen, dass für euch keine Kürbisse mehr übrig bleiben.“ Er warf einen schnellen Blick nach hinten, von wo lautes Stimmengewirr zu ihnen drang, trat dann zur Seite und ließ sie ein.
„Hermine und ich sind auch erst vor zehn Minuten gekommen und schon da hatte sie Sorgen, ob sie für alle reichen. Dabei hat noch keiner angefangen gehabt.“
„Hast du dich überhaupt umgezogen, Ron?“ Ginnys Blick entging sein nachlässig in die Hose gestopfte Hemd nicht.
„Nein, oder meinst du ich hätte nach Alisters Monolog noch Zeit dafür gehabt, wenn Hermine unbedingt pünktlich da sein wollte?“ Er warf einen prüfenden Blick an sich hinab, schien aber kein Bedürfnis zu empfinden, die heraushängende Hemdspitze hineinzustecken.
„Ginny! Harry! Da seid ihr ja endlich.“ Ihre Mutter hatte die Nachzügler entdeckt und eilte sofort zur Tür.
„Hallo, Mum. Sorry für die Verspätung, aber Harry hatte Stress im Ministerium.“ Ginny umarmte ihre Mutter und wartete, bis diese auch Harry wieder freigelassen hatte.
„Ja, Ron hat schon davon erzählt. Schrecklich, dass manche Leute offenbar keinen Funken Anstand besitzen. Todessermasken zu verkaufen und kleine Kinder damit zu erschrecken.“ Molly Weasley schüttelte den Kopf.
„Sag ich doch. Das sind irgendwelche Spinner, die ein Leck im Kessel haben.“ Ron schüttelte den Kopf, als sie zum Esstisch gingen.
Den Stühlen nach zu urteilen wuselten bereits neun Personen darum herum, sodass mit Ginnys und Harrys Ankunft, die Weasleyschen Wohnküche auf eine weitere Belastungsprobe gestellt wurde.

Nacheinander schälten sich die Gesichter ihrer Familie aus dem Durcheinander heraus und begrüßten die beiden. Percy und Audrey, die Personen, denen sie dieses Treffen zu verdanken hatten, waren die Ersten.
„Na Harry, viel zu tun gehabt? Ich beneide euch ehrlich nicht, um eure Arbeit. In der Ministeriumszentrale geht es da deutlich entspannter zu.“ Percy grinste und klopfte ihm zur Begrüßung freundschaftlich auf die Schulter.
„Kein Wunder, ihr bekommt am Ende ja auch nur unsere fertigen Berichte zu lesen“, mischte sich Ron ein. „Da hätte ich auch gut lachen, wenn ich nicht erst die Mistkerle ausfindig machen und dann noch ihre Vergehen auflisten müsste.“
„Ich hoffe du strengst dich trotzdem an, Brüderchen. Nicht, dass mir irgendwelche Klagen zu Ohren kommen.“
„Percy!“, zischte eine helle Stimme an seiner Seite. Als der Gescholtene den Blick seiner Freundin auffing, gab er sich ausgesprochen kleinlaut. „Naja, ihr arbeitet da ja zu mehrt.“
„Und auch nicht nur zu zweit, sondern mit sieben anderen Auroren an dem Fall“, ergänzte Harry.
„Ja, und am Ende ist es immer noch Alister, der entscheidet, was ihr überhaupt zu sehen bekommt“, spielte Ron den letzten Trumpf aus.
Ginny verdrehte über das alberne Wetteifern der Jungen nur die Augen. Audrey war da zurückhaltender und strahlte trotzdem über das ganze Gesicht. Ginny versuchte den Grund dafür zu erraten, doch ihr fiel nichts ein.
Durch das wie immer zu einem strengen Zopf zurückgebundene, weizenblonde Haar, die leicht geröteten Wangen ihres runden Gesichts und die süß aussehenden Sommersprossen auf ihrer Stupsnase, stellte Audrey wiedermal das Bild eines netten, braven Mädchens dar.

„Hallo Audrey, tut mir Leid für die Verspätung.“
„Kein Problem.“
Ginny erwiderte Audreys Umarmung. „Danke für die Einladung. Das war eine tolle Idee, um sich mal wieder zu treffen.“ Nicht anders, als sie es erwartet hatte, verfärbten sich Audreys Wangen bei diesem Lob tiefer.
„Ich dachte, dass Halloween eine gute Gelegenheit wäre. So wie Percy mir das erzählt hat, wird es ja auch bei euch gefeiert. Und bei uns … also bei den Muggeln ... ist es auch sehr beliebt.“ Verlegen hob Audrey die Schultern.
Entgegen Ginnys Befürchtungen hatte sie Percy Freundin schon beim ersten Treffen ausgesprochen sympathisch gefunden. Zwar mit ihrer Zurückhaltung und Schüchternheit etwas anstrengend, aber wenigstens war sie keine schnöselige Schreckschraube, die beim Anblick eines Gnomen in eine hysterische Ohnmacht fiel oder ein pedantischer Paragraphenzauberer, dessen Züge gerne mal bei Percy zum Vorschein kamen. Daher wunderte es sie, wie Percy an ein so nettes Mädchen geraten war. Das, musste Ginny zugeben, hätte sie ihrem Bruder nicht zugetraut.
Umso mehr lag ihr Audreys Wohlbefinden in ihrer Familie am Herzen. Denn, dass ihr als Muggel die Magie noch nicht ganz geheuer war und ihr das ein oder andere Mal noch einen Schrecken einjagte – vor allem, wenn George Scherzartikel aus seinem Laden mitbrachte –, war nicht zu übersehen.
Vielleicht betrieb sie mit ihrem offenen Verhalten gegenüber Audrey auch ein Stück weit Wiedergutmachung für Fleur. Dass sie ihrer Schwägerin den Eintritt in die Familie ungerechtfertigter Weise ziemlich erschwert hatte, hatte sich Ginny im Nachhinein reuevoll eingestehen müssen.
Insofern erfüllte Audreys Kürbisschnitzabend gleich zwei gute Zwecke: Sie tat damit Audrey einen Gefallen und brachte Harry auf andere Gedanken.

„Hilfst du mir mal kurz mit den Kürbissen, Ginny?“
Ginny sah sich suchend um, bis sie Hermine am anderen Tischende entdeckte. Da ihr Vater zu Harry, Ron und Percy getreten war und die Vier mittlerweile ausgiebig über Vor- und Nachteile jeder Ministeriumsabteilung diskutierten – wobei Harry und Ron sich klar auf die Seite der Auroren schlugen, ihr Vater unerbitterlich für das Muggelbüro stritt und Percy mit der Ministeriumszentrale angab – und Audrey ihr freundlich zu lächelte, kam Ginny Hermines Hilferuf nach.
„Bist du dir sicher, dass ich dir helfen soll? Stell‘ sie doch einfach hier ab.“ Ginny grinste und klopfte auf den Tisch.
„Haha, sehr witzig. Wenn ich will, dass wir am Ende vom Tag eine große Schüssel Kürbismus haben, hätte ich das glatt gemacht.“
Hinter den drei großen Kürbissen konnte Ginny Hermines Gesicht nicht erkennen, sie vermutete aber, dass ihre Freundin ihren Humor nicht teilen konnte. Also tat sie ihr den Gefall und befreite sie von der Last. Erschöpft ließ sich Hermine auf einen Stuhl sinken und Ginny setzte sich neben sie.
„Da merkt man erst, wie sehr man sich an das Zaubern gewöhnt hat.“
„Also ich habe ja noch nichts gemacht, außer dich zu befreien, aber ja, ich denke das wird schwierig, so einen Kürbis per Hand zu schnitzen.“ Ginny deutete auf den Kürbis in der Tischmitte, der bisher als einziger der orangefarbenen Früchte mit gebleckten Zähnen und Kulleraugen frech grinste.
Obwohl Audreys Idee eines gemeinsamen Kürbisschnitzens ohne Magie, nur auf Muggelart und -weise, lustige Stunden versprach, war sich Ginny noch nicht so ganz sicher, wie erfolgreich der Abend verlaufen würde, denn Detailarbeit zählte bisher nicht zu ihren Stärken.
„Das ist meiner“, sagte Hermine.
„Oh“, war das einzige was Ginny darauf einfiel. Dabei hätte sie sich eigentlich denken können, dass Hermine die Urheberin sein musste. Harry und sie waren gerade erst gekommen, von den Männern in ihrer Familie traute sie weder ihrem Vater, Bill, Percy, George noch Ron diesen Ehrgeiz und die Geschwindigkeit zu, auf dem Herd standen große Töpfe, in denen ihre Mutter gerade das Innenleben der Kürbisse zu Suppe, Pastete und anderen Leckereien verarbeitete und Audrey war schon die letzten Male nur ungern von Fleur und der kleinen Victoire gewichen.
„Na, dann sitze ich wenigstens schon neben einer Expertin“, bügelte sie ihren Missgriff aus. Prompt wich Hermines Betroffenheit einem Ausdruck der Freude.
„Apropos Expertin. Wo stecken denn unsere Experten?“ Ginny reckte sich und entdeckte Harry und Ron, wie sie jetzt zusammen mit Bill erstmal ein Butterbier köpften. Belustigt schüttelte sie den Kopf.
„Wo ist eigentlich George?“ Das Fehlen ihres älteren Bruders, war ihr bis jetzt nicht aufgefallen. Kein Wunder, in dem Trubel konnte ein roter Schopf schon mal verloren gehen.
„Draußen. Er höhlt da die Kürbisse aus.“ Hermine wies auf die Hintertür, von wo sie vermutlich gekommen war.
„Aha, und wofür? Das sind doch schon einige.“ Als Ginny den mit Kürbissen übersäten Esstisch überflog, zählte sie fast dreißig Früchte.
„Ich weiß nicht. Er sagt, das sei geheim.“
Ginny rollte mit den Augen. Denn von der Bedeutung her bestand zwischen „geheim“ und „super tolle Sache, die Krach und Dreck macht“ bei George kein großer Unterschied.
Auch Hermine sagt nichts weiter dazu und fragte stattdessen: „Sollen wir schon mal anfangen? Sonst werden wir heute nie fertig.“
„Ja, können wir.“
Hermine schob ihr direkt einen der Kürbisse hin und reichte ihr lächelnd ein Messer.


Eine Stunde später war das Stimmengewirr zwar nicht abgeklungen, doch die Grüppchen hatten sich aufgelöst. Fast alle saßen um den Esstisch versammelt und schnitzten eifrig Fratzen in die Kürbisse. Von der Küche her zog bereits ein köstlicher Duft durch die Stube.

„Also ich weiß nicht. Irgendwie sieht deiner aus, als wären ihm reihenweise die Zähne ausgefallen, Ron.“
Ginny warf dem Kürbis ihr gegenüber einen mitleidigen Blick zu. Nur drei einsame, spitze Zacken zierten sein Gebiss. Dabei waren die Mundwinkel dann noch so weit nach oben gezogen, dass es aussah, als würden auch diese letzten drei Zähne binnen kürzester Zeit ausfallen.
„Das soll so sein, schließlich schlingt er seine Opfer direkt hinunter. Da bleibt keine Zeit mehr zum Beißen.“
„Also wirklich, Ron. Kein Kürbis frisst Menschen oder Tiere.“
„Wieso nicht?“ Ron zuckte mit den Schultern.
„Weil die Kürbisse eigentlich dafür gemacht wurden, dass man in der Dunkelheit etwas sieht.“ Hermine stütze ihre Hände auf dem Tisch auf und sah ihn an. Ginny tauschte mit Harry einen bedeutsamen Blick.
„Jack Oldfield hat sich nämlich mit dem Teufel eingelassen und diesen dazu bewegt, ihn für immer in Ruhe zu lassen. Als Jack dann starb kam er nicht in den Himmel, weil er ein Trunkenbold und Tunichtgut war. Durch seine List mit dem Teufel blieb ihm aber auch der Zugang in die Hölle verwehrt, sodass er dazu verdammt war, für immer durch die Gegend zu wandern. Aus Mitleid schenkte ihm der Teufel dann noch eine brennende Kohle des Höllenfeuers, die Jack in eine ausgehölte Rübe steckte und fortan als Laterne benutzte.“
„Ja aber, dann passt es doch!“
„Wieso sollte es passen?“
„Weil, wenn die Kohle aus der Hölle ist, steckt im Kürbis dann ja praktisch ein Teil des Höllenfeuers drin, oder nicht?“
„Ja, aber –“
„Und im Höllenfeuer verbrennt man“, sprang Harry Ron bei.
„Was für ein Unsinn!“ Hermine schüttelte entschieden den Kopf. Sie blickte Ginny an, aber die zuckte nur mit den Schultern.
„Prinzipiell hat er damit recht. Aber das ändert noch immer nichts daran, dass er wie Umbridge ohne Gebiss aussieht. “
„Und das sagt ausgerechnet diejenige, die ihrem niedliche Kulleraugen verpasst hat.“ Harry deutet mit dem Messer auf Ginnys Kürbis.

Verdutzt senkte sie den Blick.
„Das soll so sein, schließlich täuscht er alle mit seiner Harmlosigkeit. Und nimm endlich das Messer weg, sonst stichst du Harry noch die Augen aus.“
Harry?“, fragten Harry und Ron unisono.
„Ja, Harry. Ich habe gerade beschlossen, dass er Harry heißt.“ Ginny warf ihre Haare zurück und blickte den echten Harry angriffslustig an. Neben ihr gluckste Hermine.
„Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder?“ Ron starrte sie fassungslos an. „Du benennst das Ding nach Harry?“
„Warum nicht, Ron? Nicht jeder hat das Glück wie Umbridge auszusehen.“
„Dann fehlt da aber noch die Narbe.“ Hermine deutet auf die Stelle über den Augen, wo die imaginäre Stirn des Kürbis‘ lag.
„Leihst du mir mal eben dein kleines Messer?“ Ginny hielt die Hand auf und nahm dankend Hermines Schnitzwerkzeug entgegen.
„Das würde ich mir an deiner Stelle nicht gefallen lassen, Mann.“ Über Harry gebeugt, nahm Ginny aus den Augenwinkeln wahr, wie Ron den richtigen Harry an stupste.
„Ach, und wieso nicht? Was würdest du machen, wenn ich meinen Ronald Bilius nennen würde?“
Ginny bekam mit, wie Hermine ihr Werk umdrehte und malte sich genüsslich das Entsetzen aus, das sich auf Rons Gesicht ausbreitete, wenn er die Fratze mit den schlitzartigen Nasenlöchern und den bösartig gekrümmten Augenbrauen sehen würde, an der Hermine die letzte Stunde gefeilt hatte.
„Das würdest du nicht wagen! Das Ding sieht mehr aus wie Voldemort, als nach mir!“
Harry und Hermine brachen in Lachen aus.
„Tut mir Leid, Ron, aber ich glaube ich finde Kulleraugen dann doch besser.“ Harry tätschelte seinem Freund mitfühlend die Schulter und schenkte Ginny ein Schmunzeln, als sie den Harry-Kürbis inklusiver frischer Zick-Zack-Narbe umdrehte.
„Tada!“
Hermine nickte anerkennend und Ron schüttelte nur fassungslos den Kopf.
„Na gut, dann nenne ich meinen eben Grusel-Granger.“ Er zog seinen ersten Kürbis heran, der mit langen Schlitzaugen, dreieckiger Nase und einem Mund voller gebleckter Zahnstumpen in der Tat grusliger aussah.
„Untersteh dich, Ron!“
„Oder was? Schlimmer als ein Voldemort-Verschnitt kann es doch nicht werden.“
Hermines Augen blitzten erregt auf und ehe Ginny sich versehen hatte, hatte sich Hermine einen neuen Kürbis geschnappt. Die Proportionen abmessend hielt sie abschätzend ihre Finger an die Rinde und setzte dann eifrig das Messer an. Als Ginny das Muster erriet, konnte sie ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

Harry und Ron waren wegen ihren Sitzpositionen auf der anderen Tischseite schlechter dran. Beide versuchten sie einen Blick auf den Kürbis zu erhaschen, aber Hermine drehte ihnen immer geschickt die Rückseite zu. Das Spiel ging solange, bis Ron unter entnervtem Stöhnen aufgab.
„Und das alles nur wegen zwei Kulleraugen.“
„Falsch, wegen drei Zähnen“, korrigierte ihn Ginny genüsslich.
„Fang du jetzt auch noch an und ich schnitze dir auch noch ein Kürbisgesicht. Mit bös blitzenden Augen und einer dicken Knubbelnase.“
„Die spitze Zunge nicht zu vergessen.“ Harry grinste.
„Und den nennen wir dann Grauenvolle Ginny oder Geister-Ginny.“
„Verbündete euch ruhig gegen uns, am Ende gewinnen ja doch unsere Kürbisse den Preis für die beste Fratze.“ Herausfordernd streckte Ginny ihnen die Zunge heraus, zog den Harry-Kürbis zu sich heran und zeigte ihnen bewusst die kalte Schulter.
„Brauchst du Hilfe, Hermine?“
Das dumme Kichern der Jungs ignorierte sie gekonnt.


Nach einem zweistündigen Kürbisschnitz-Marathon waren es weder Grusel-Granger, Voldemort-Ron, Kürbis-Harry noch die Grauenvolle Ginny – der Harry und Ron tatsächlich eine dicke Knubbelnase und eine lange, aus dem Mund schlängelnde Zunge verpasst hatten – die den inoffiziellen Wettbewerb gewannen. Alle waren einhellig der Meinung, dass Audreys Kürbisgesicht am schönsten war – sofern die Bezeichnung „schön“ für eine gruslige Grimasse der passende Ausdruck war. Mit breitem, lachendem Mund, einer wahren Masse an spitzen Zähnen und dem Strunk als krumm gewachsener Nase sah er grauenvoll schön aus.
„Mit Zauberstab hätte ich das auch hinbekommen.“ George, der dazugekommen und den Voldemortscherz um Rons Kürbis nur zu gerne aufgenommen hatte, platzierte seine mit schiefem Mund lächelnden und ungleichgroßen Augen bestückte Frucht demonstrativ neben Audreys Exemplar und zwinkerte ihr zu.
„Ich denke du solltest lieber bei deinen explodierenden Fledermäusen und stinkenden Kürbisbomben bleiben.“ Bill legte ihm seine Hand auf die Schulter und Ginny stimmte ihm insgeheim zu. Sie hatte zwar keines von Georges diesjährigen, extra für Halloween entwickelten Scherzartikeln ausprobiert, von Ron aber erfahren, dass sie auch dieses Jahr wie warme Kürbispasteten weggegangen sind und der Vorrat nahezu aufgebraucht war.

Warme Kürbispasteten waren ein gutes Stichwort, denn als hätte es ihre Mutter geplant, war das Abendessen pünktlich zum Ende der Schnitzereien fertig. Eilig verteilten sie die entstandenen Kunstwerke auf Fenstersimse, Tische, Schränke, dass auf dem langen Tisch Platz für das Essen war. Statt Kürbisstücken, Messern aller Größen und einer Flut an Teelichtern, bog sich der Tisch nun unter dampfenden Töpfen mit Kürbissuppe, Kürbiseintopf und Kürbiscurry, sowie warmen und kalten Pasteten, Aufläufen und Pürees des Gemüses.
„Ich weiß nicht, ob ich in den nächsten Wochen noch einen Kürbis sehen kann“, sagte Ron und schaufelte sich trotzdem einen neuen Klecks Püree auf den Teller.
„Dafür scheint es dir aber noch ziemlich gut zu schmecken.“
„Es ist himmlisch“, beantwortete er Harrys Frage und schloss genussvoll die Augen. „Wirklich, Mum.“
Ginny grinste nur und warf Hermine einen verschwörerischen Blick zu – in diesem Moment knallte es.

Erschrocken zuckte Ginny zusammen. Auch Harry und Bill, neben ihr, wurden von dem Knall überrascht. Hermines aufgeschreckter Blick zeigte ihr, dass auch sie den Ursprung nicht zuordnen konnte.
„Was war das?“ war Percys alarmierte Stimme zu hören.
Automatisch blickten sich alle suchend um, doch weder aus der Küche, noch aus den oberen Stockwerken – wie Bill mit schnellen Schritten zur Treppe feststellte – drang ein Anzeichen von Rauch, Feuer oder einem anderen Merkmal einer Explosion hervor. Ginny wunderte das nicht, da der Knall zwar laut, aber auf sie trotzdem den Eindruck gemacht hatte, aus einer gewissen Entfernung zu stammen. Doch auch vor den Fenstern blieb alles dunkel. Einzig der flackernde Schein der Kürbisse und das Licht aus Küche und Esszimmer spiegelten sich in den Scheiben.
„Vielleicht eine Explosion oder ein Feuerwerk der Muggel“, sagte Ron, der sich nach anfänglichen Erregung wieder im Stuhl zurücklehnte.
„Quatsch, wieso sollten die ein Feuerwerk abschießen?“ Entschieden schüttelte Percy den Kopf.
„Wegen einem Geburtstag oder was ähnlichem? Hochzeit, Taufe, irgendwas?“
„Aber dann hätten sie das schon vorher machen können“, warf Harry ein. „Es ist ja schon um sieben dunkel gewesen.“
„Vielleischt wollten sie da aber noch nischt feiern. Vielleischt war ihnen das noch su früh“, mischte sich Fleur ein.
Harry, Percy und Bill schüttelten entschieden den Kopf. Und auch ihr Vater schien von der Erklärung nicht überzeugt.
„Sollten wir nicht sicherheitshalber nachsehen?“, fragte ihre Mutter und warf einen besorgten Blick zur Haustür.
„Es wird schon nichts sein, aber –“

Die Worte ihres Vaters gingen in einem erneuten Knall unter.
„Das kommt nicht von vorne, das kommt von hinten!“, schrie Hermine.
Ein erneutes Knallen gab ihr recht.
Völlig überrumpelt saß Ginny auf ihrem Stuhl und wusste nicht, was sie tun sollte. Die anderen sprangen bereits auf und eilten zur Tür – ihr Vater, Bill und Percy vorne an, die sie am nächsten zum Hinterausgang saßen –, als sie noch fassungslos zu Hermine sah. Hinter dem Fenster in ihrem Rücken war auch plötzlich nicht mehr schwarze Nacht, sondern der flimmernde Schein von Feuer zu sehen.
„Was ist da los? Du hast doch nicht –?“ Sie musste Hermine die Worte regelrecht entgegenbrüllen, da mittlerweile die Tür des Hinterausgangs aufgerissen worden war und sich von dort ein brausendes Zischen unter die aufgeregten Rufe mischte.
Während Hermines Mund als Antwort ein lautloses „Nein“ formte, das im Lärmpegel unterging, schüttelte sie wild den Kopf, was Ginny den ersten Schrecken aus den Gliedern trieb.
Da sie hier drinnen keine Antwort erhalten würden, rappelte sich Ginny auf und kämpfte sich zwischen zu Boden gefallenen Stühlen, Harry hinterher, auf den Ausgang zu. Wilde Gedanken von einer Rückkehr der Todesser und anderen Verrückten, die sich entweder einen bösen Scherz erlaubten oder einen gezielten Angriff auf die Weasleys starteten – womöglich vor dem Hintergrund, der von Harry und Ron aufgedeckten Erschreckvorfälle – schossen durch ihren Kopf und ließen ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Fleur, die Victoire beruhigend in ihren Armen wiegte und dabei besorgte Blicke nach draußen warf, und Audrey, die überraschend gelassen an ihrem Platz saß, waren jetzt noch die Einzigen, die am Tisch zurückblieben. Hermine schien die gleiche Absicht gehegt zu haben, denn zeitgleich mit Ginny erreichte sie den Hinterausgang und platzte hinaus ins Freie. Dort gerieten sie beide überraschend ins Stolpern, denn die anderen standen nur wenige Meter vom Haus entfernt und starrten in den Himmel. Ginny und Hermine drängten sich an den Rand der Gruppe und folgten deren Blicken.

Die Nacht brannte. So konnte man das Schauspiel bezeichnen, ohne sich zu sorgen, dass man übertrieb.
Sich drehende, in Flammen stehende Kugeln schwebten in der Luft und spien ihre Flammen in die Dunkelheit hinaus. Funken lösten sich erst leckend von den dicken, runden Feuerbällen, stoben dann zischend und heulend von der Oberfläche und regneten schlussendlich als ein Vorhang aus purem Feuer auf den Boden hinab. Das ganze Schauspiel ergoss sich über die Breitseite des Hauses und wurde von sieben dieser Höllenkugeln verursacht.
Als Ginny gerade begriffen hatte, was sich dort vor ihren Augen abspielte, ertönte ein abermaliger Knall. Zuerst konnte sie dessen Ursprung nicht ausmachen, bis sie meinte ein Flirren vor ihren Augen zu erkennen. Mit zusammengekniffenen Augen starrte sie auf den Feuerregen und erkannte dort tatsächlich die Konturen aufsteigender, schwarzer Objekte.
Explodierende Fledermäuse. Woher sie diese plötzliche Eingebung hatte, wusste sie nicht. Aber auch ohne die diesjährige Attraktion von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze je in Aktion gesehen zu haben, war sie sich ausgesprochen sicher, dass dort vor ihr, einer der Kracher in die Luft gegangen und einen Schwarm verzauberter Papierfledermäuse ausgespuckt hatte.
In diesem Zusammenhang ergaben auf einmal auch die Feuerbälle Sinn. Sie erinnerte sich, dass sie George letztens hatte erzählen hören, dass die Zauberer ganz scharf auf eine Erfindung namens Feuerrad waren. Binnen eines Tages war eine komplette Lieferung dieser Kracher ausverkauft gewesen, die er bei Recherchen in Muggelläden entdeckt und für die Zaubererwelt optimiert hatte.
Fassungslos schüttelte Ginny den Kopf und betrachtete das Schauspiel.

Irgendwann, als sie schon glaubte, dass sich das glühend-weiße Innere der Feuerräder für immer in ihre Augen eingebrannt hatte, schwächten sich die Funkenschauer ab, bis sie erloschen und die Nacht wieder in Schwärze du Stille versank.

Zuerst dachte sie, dass die weißen, tanzenden Flecken vor ihren Augen von ihrem Starren kamen. Denn manchmal, wenn sie zulange in den hellen Himmel gesehen hatte, hatte sie danach auch diese verblitzten Augen, deren helle Flecken im Sehfeld erst nach mehrmaligem Blinzeln verblassten. Als aber die angebrochene Unruhe nach und nach verstummte und ihre Mutter ihre Schimpftirade abbrach, war sie sich dessen nicht mehr sicher.
„Was ist das?“, fragte sie mit gedämpfter Stimme.
Hermine war allerdings genauso ratlos. „Ich weiß nicht, es schwebt.“
Tatsächlich erhoben sich die weißen Flecken vom Boden und stiegen auf. Sie sahen nun auch nicht mehr weiß aus, sondern waren vielmehr von einem warmen Gelbton.
„Es sieht so aus, als seien es irgendwelche Formen. Fast ein bisschen wie ein Gesicht …“
Hermines Stimme brach ab und nun erkannte auch Ginny, was es war. Ihr stockte der Atem und sie schlug sich sprachlos die Hand vor den Mund.

Das waren Kürbisse, die dort aufstiegen. Große, runde Kürbisse, von der gleichen Art wie die, denen sie vorhin noch lustige Halloweengrimassen geschnitzt hatten. Und auch diese Kürbisse trugen Schnitzereien. Allerdings keine aufgerissenen Mäuler, Kulleraugen oder Knollennasen, sondern ganze Gesichter. Gesichter, von Personen die sie kannten, die aber nicht unter ihnen standen.

Fred. Lupin. Tonks. Sirius. Lily und James.
Sogar Gideon und Fabian Prewett, ihre vor Jahren verstorbenen Onkel, Mad-Eye Moody, und Dumbledore.

Ginny schluchzte.

Still standen sie alle da und betrachteten das Schauspiel. Betroffen und berührt, in gleichen Maßen.

Sie strich sich schließlich die Tränen aus den Augen, verließ Hermine und stahl sich auf die andere Seite. Schweigend stellte sie sich neben Harry und umschloss seine Hand.
Als er den Kopf zu ihr wandte, lächelte sie ihn an und er lächelte zurück. Kein trauriges, bedrücktes Lächeln, wie noch am Abend, sondern ein freudiges, frohes Lächeln.

Ja, Halloween war ein Fest der Toten. Der Geister, die in dieser Nacht aus der Unterwelt zurückkehrten und durch die Dörfer, Häuser und Herzen zogen.
Aber es war auch ein Fest der Lebenden. Der Menschen, die in der Welt zurückgeblieben waren und die Toten Tag für Tag in ihren Herzen trugen. Der Menschen, die sich an ihre geliebten Verstorbenen erinnerten und an diesem Tag alte Bräuche aufleben ließen. Bräuche, die die kurzzeitige Verbindung ihrer Welten feierten und sowohl den Tod als auch den Neubeginn lobpriesen.

Alle Sorgen und Probleme waren vergessen und Ginny genoss den Rausch des Momentes.

Irgendwann, als alle bitteren Gedanken gedacht und alle freudigen Erinnerungen durchlebt waren und die Kürbisse soweit aus ihrem Blickfeld entschwunden waren, dass die einzelnen Gesichter zu hellen Schemen verschwommen waren, lehnte sich Ginny hinter Harrys Rücken zu George hinüber.
„Wie hast du das gemacht?“
„Zeitzünde-, Abbildungs- und Schwebezauber.“
Ginny hätte schwören können, dass in diesem Moment ein breites, zufriedenes Grinsen seinen Mund zierte.
„Gut gemacht“, flüsterte sie.
„Oh, das war nicht meine Idee. Es war Audreys Idee.“
„Was?“ Ginny glaubte, sich verhört zu haben.
„Es war Audreys Idee.“
„Schon gut, ich hab dich verstanden. Ich verstehe es nur nicht, wie sie …“
„Wie sie darauf gekommen ist? Das weiß ich auch nicht. Sie hat mich nur vor einem Monat gefragt, ob ich ihr bei einer Sache helfen könne. Und da habe ich natürlich nicht gezögert.“
Fassungslos über so viel Hinterlist, schüttelte Ginny den Kopf. Audrey? Ausgerechnet Audrey, die sie vorhin noch bemitleidet hatte, dass Georges Streiche sie zu hart trafen? Die Audrey, die so ausgesprochen gut gelaunt gewesen war und die auf Georges Zwinkern hin rot angelaufen war?
„Tja, in ihr scheint halt doch mehr Weasley-Blut zu stecken, als du gedacht hast. Sogar mehr, als in manch anderen potentiellen Schwiegertöchtern und -söhnen.“
„Das hab ich gehört“, fiel Harry in ihre gemurmelte Unterhaltung ein.

Selbst ihre Mutter hatte später nur noch Worte des Lobes für Georges Werk übrig. Percy tat sich da deutlich schwerer, den unbekannten Zug seiner Freundin zu verdauen und sollte noch Tage später darüber den Kopf schütteln.
Audrey schien das nicht zu kümmern. Sie freute sich, wie Hermine sagt, wie ein Honigkuchenpferd und kommentierte Ginnys vorwurfsvoll spöttische Bemerkung, sie solle sie das nächste Mal bloß einweihen, wenn sie eine solche Überraschung plane, mit den kessen Worten „Mal sehen“.
„Also ich fasse es immer noch nicht: Percys Freundin ist dafür verantwortlich, uns so einen Schrecken einzujagen. Das ist, wie wenn Hagrid auf Kaninchen und Hamster umsteigen würde.“
„Nimm es sportlich, Ron. Wir haben es auch nicht kommen sehen.“ Ginny verpasste ihrem Bruder einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Der stand immer noch auf dem Rasen und blickte den Kürbissen hinterher, die gerade über die Spitzen des nahen Waldes davonschwebten.
„Ja aber, das ist doch völlig verrückt. Findet ihr das nicht auch verrückt. Ich meine, was haben wir uns gegruselt, als die Fledermäuse explodiert sind.“
„Ja, doch. Statt harmlosen Feuerwerken hätten das auch irgendwelche versprengten Mitglieder der Scherzbold-Bande sein können, die euch durch die Finger gegangen sind.“
„Ja, zum Beispiel.“
„Aber dann hätten wir mit euch beiden ja zwei erfahrene und mutige Kämpfer gehabt.“ Ginny legte Harry eine Hand auf den Rücken und drängte ihn weiter neben Ron, da er soeben zu ihnen getreten war und Rons Blick, auf die entschwindenden Kürbisse, teilte. Dann nickte sie in Richtung des Hinterausgangs und bedeutet Hermine, dass sie kommen könne.

„Apropos mutige Kämpfer. Ich hätte da noch etwas wo euer Heldentum gefragt wäre.“
Sie stupste Ron an, der sich nichts ahnend umdrehte und dann prompt einen Schrei ausstieß.


„Gib es zu, du bist auch erschrocken.“
„Nein.“
„Doch!“
„Nein!“
„Ich hab dich doch zusammenzucken sehen.“ Ginny knuffte Harry in die Seite.
„Hei!“
„Hab dich nicht so. Eure gefangenen Übeltäter sind bestimmt auch nicht zimperlich.“
„Sie verpassen mir zumindest keinen so harten Schlag in den Magen, wie du.“
„Das war nicht der Magen, sondern nur deine Hüfte.“
„Nur meine Hüfte?“
„Ja, nur.“ Auch wenn Harry ihr Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, grinste Ginny und lehnte den Kopf an seine Schulter. Er legte einen Arm um sie und zog sie an sich.

So umschlungen legten sie, gemütlich bummelnd, die letzten hundert Yard zurück, da sie nicht direkt in ihr Haus, sondern an den Ortsrand appariert waren. Dass es stockdunkel, mitten in der Nacht und weit nach Mitternacht war, machte Ginny dabei nichts aus. Nicht nur Spaziergänge im Sonnenuntergang waren schön.

„Das war aber schon fies.“
„Findest du?“
„Ja, der arme Ron. Er wird heute Nacht noch Albträume haben. Wenn er denn überhaupt schlafen kann.“
„Jetzt übertreibst du aber.“
„Hast du oder ich im selben Schlafraum mit ihm gelegen, nachdem wir Aragog im Wald besucht haben?“
„Na gut. Ich werde es wiedergutmachen. Was hältst du von einer Erdbeertorte mit einer Spinne aus Zuckerguss darauf. Das ist sein Lieblingskuchen.“
Harrys Lachen erfüllte die Stille der Nacht.

Wenn sie es zugab, tat ihr Ron schon ein bisschen leid. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ihn, nachdem zuerst gefühlt der halbe Fuchsbau in die Luft gesprengt worden war, dann noch vor dem Lichtschein eines Kürbisgeistes die dunklen Konturen einer Spinne ansprangen, war tatsächlich verschwindend gering. Allerdings hätte er natürlich auch ahnen können, dass seine Kritik an ihren Kürbisgeistern nicht ungesühnt bleiben würde.

„Na gut, ohne Zuckergussspinne. Ich will ja nicht, dass Hermine seine Panikattacken ausbaden muss.“
„Wie überaus rücksichtsvoll von dir.“
„Ja, ich weiß.“

„Übrigens Danke.“
„Wofür?“ Ginny gab ihre Position an seiner Schulter auf und sah Harry fragend an.
„Dafür, dass wir heute zu deiner Familie gegangen sind.“
„Ach das.“ Sie winkte mit ihrer freien Hand ab. „Ich war mir eben einfach sicher, dass es dir besser gehen würde, wenn du rauskommst, unter Freunde und Familie.
Lachen ist einfach die beste Medizin. Und mit wem könnte man das besser, als mit Freunden?“
„Da hast du jetzt wieder recht.“
„Siehst du, wir ergänzen uns einfach perfekt.“ Ginny stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte Harry einen Kuss auf die Wange.

Sie war unendlich erleichtert, dass seine Bedrückung der letzten Tage verflogen war. Und sie war froh, so gute Freunde wie Hermine und Ron zu besitzen. Die nicht nur zu Neckereien und Späßen aufgelegt waren, sondern auf die auch dann Verlass war, wenn sie ihre Hilfe brauchte. Sei es beim Ablenken und Aufmuntern oder beim Kürbisschnitzen.

Rundum zufrieden kehrten Ginny und Harry nach einem ereignisreichen Halloweenabend daher nach Hause zurück.
Während Harry seinen Zauberstab zückte und die Haustür öffnete, beugte sich Ginny hinab und setzte das, die ganze Zeit unter ihrem linken Arm getragene Objekt, vorsichtig auf der obersten Treppenstufe ab. Sie schob die bisher dort als Herbstdekoration platzierten Kürbisse zur Seite und warf dann einen letzten zufriedenen Blick auf das Arrangement, ehe sie Harry folgte und hinter der Haustür verschwand.

Während in dem Haus das Licht erst an und später wieder ausgeknipst wurde, leuchtete am Eingang ein kleines Teelicht in seinem windgeschützten Platz unermüdlich die ganze Nacht hindurch.
Dem Lächeln nach, schien sich der Harry-Kürbis ausgesprochen wohl neben seinen drei noch unausgehöhlten Freunden zu fühlen.






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* Fleurs Worte sind absichtlich „falsch“ geschrieben.
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