Timmys Brief

KurzgeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Timothy Tiberius "Timmy" Turner
10.11.2016
10.11.2016
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Lieber Gary,

nachdem ich jetzt zwei Wochen lang hin- und herüberlegt und die Tiefen meiner Gedanken ergründet habe, bin ich heute endlich dazu in der Lage, Dir zu antworten.
Dein Brief ist sicher bei mir angekommen und – wie Du Dir mit Sicherheit denken kannst – war ich sehr überrascht, nach sechs Jahren wie aus dem Nichts wieder etwas von Dir zu hören. Ich habe mich ernsthaft gefragt, aus welchem Grund Du ihn mir geschickt hast und welcher Inhalt mich beim Lesen wohl erwarten wird.
Deswegen habe ich erst einmal gründlich darüber nachgedacht, ob ich ihn öffnen soll und für einen kurzen Augenblick sogar mit der Idee gespielt, ihn einfach wegzuwerfen und so zu tun, als hätte ich ihn niemals bekommen.
Aber nachdem ich mich ausführlich mit Cosmo und Wanda – ja, ich habe die beiden immer noch –, sowie mit Sparky (mein Elfenhund, ich habe ihn zu mir geholt, als ich elf war) unterhalten und mir ihren Rat dazu angehört habe, habe ich mich schlussendlich dazu durchgerungen, ihn aufzumachen und mal zu schauen, was Du mir zu berichten hast.
Eigentlich hatte ich ja damit gerechnet, dass Du mich mit weiteren Vorwürfen bombardieren und mir erzählen würdest, wie sehr Du mich verabscheust. Ich hatte erwartet, dass Du immer noch sauer auf mich bist, weil ich Dich so lange Zeit in meiner Fantasie eingesperrt und Dich einfach vergessen habe. Dass Du mich mit Hasstiraden und Verfluchungen zuschütten und mir erklären würdest, dass Du mir das niemals in Deinem Leben verzeihen wirst. Das war es, worauf ich eingestellt war, als ich den Brief geöffnet habe.
Aber mit dem, was Du mir in diesen paar Zeilen geschildert und offenbart hast, hätte ich nicht einmal in meinen Träumen gerechnet. Ich hätte niemals erwartet, dass Du so denkst und fühlst. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich beim Lesen Deiner Worte nicht gewusst, ob ich lachen oder weinen, ob ich mich darüber freuen oder sauer auf Dich sein soll.
Um es kurz zu machen, ich war überfordert. Ich war restlos überfordert damit, dass Du so für mich empfindest und konnte in diesem Moment nicht einen einzigen klaren Gedanken mehr fassen. Ich konnte nur wieder und wieder Deine Worte lesen und mich dabei immer wieder fragen, wie es so etwas eigentlich geben kann.
Immerhin habe ich bis zu diesem Zeitpunkt stets angenommen, dass abgrundtiefer Hass die einzige Emotion ist, die Du noch für mich übrig hast und war eigentlich darauf eingestellt, dass Du mir in Deinem Brief weitere Morddrohungen, Flüche und Verwünschungen schreiben würdest.
Aber Dein Geständnis hat wirklich jede sich erdenkliche Grenze meiner Vorstellungskraft gesprengt. Nicht in tausend Jahren wäre ich auch nur ansatzweise auf die Idee gekommen, dass Du mich magst, geschweige denn, noch weitaus tiefere Gefühle für mich empfinden würdest.
Es hat sich irgendwie angefühlt wie ein Schlag ins Gesicht. Dass Du – ausgerechnet Du – in mich verknallt bist, das hat mir wirklich den größten Schock meines ganzen Lebens versetzt und unzählige Fragen haben sich mir aufgeworfen, auf die ich bis zum heutigen Tag keine vernünftige, geschweige denn logische Erklärung habe finden können.
Es ist und bleibt mir ein einziges Rätsel, wieso ausgerechnet Du Dich in mich verschossen hast, noch dazu nach all den grauenhaften Geschichten, die wir beide hinter uns haben. Ich kann beim besten Willen nicht begreifen, wie es möglich ist, dass Du mich vor sechs Jahren noch umbringen wolltest und mir die schlimmsten Qualen gewünscht hast, und mir heute glauben machen willst, dass Du in mir so viel mehr siehst als nur Deinen ehemaligen besten Freund.
Ich bin durcheinander, Gary. Ich bin wirklich vollkommen durcheinander. Wenn man einen Menschen wirklich liebt, dann tut man ihm nicht all das an, was Du mir angetan hast. Man  geht auf ihn zu und versucht, vernünftig mit ihm zu sprechen – aber man schmiedet nicht solch grausame Rachepläne wie Du das getan hast.
Eigentlich sollte ich Dich, wie Du in Deinem Brief gut beschrieben hast, wirklich hassen und verabscheuen für alles, was Du Dir mir und meinen Freunden gegenüber geleistet hast. Ich sollte Dich eigentlich für immer aus meinem Leben streichen und dafür beten, dass Du eines Tages dasselbe Leid durchmachst, das Du mir einst zufügen wolltest. Meiner vernünftigen Meinung nach bist Du es eigentlich überhaupt nicht wert, dass ich jetzt hier an meinem Schreibtisch sitze und diesen Brief an Dich verfasse.
Aber irgendwie scheint meine Vernunft zurzeit Urlaub zu machen. Denn auch wenn ich ganz genau weiß, dass es falsch ist und ich Dir eigentlich den Hals umdrehen sollte, bringe ich es nicht über mein Herz.
Ich kann die Gefühle, die Dein Brief in mir ausgelöst hat, nicht einfach so mir nichts, dir nichts abschalten und ignorieren. Ich kann nicht aufhören, mich mit Dir zu beschäftigen und habe neulich sogar die Kiste wieder unter meinem Bett hervorgeholt, in der ich alle Erinnerungen an Dich über die Jahre hinweg aufbewahrt habe.
Mit jedem einzelnen Objekt, das sich darin befindet, verbinde ich einen besonderen und kostbaren Moment, den Du und ich einst miteinander erlebt und geteilt haben. Jedes Foto, das ich in dem kleinen, dunkelblauen Album eingeklebt habe, führt mir unweigerlich unsere einmalige Zeit wieder ganz deutlich vor Augen und macht mir bewusst, dass ich Dich nicht hassen kann.
Auch wenn Du es wirklich mehr als verdient hättest, dass ich Dich verabscheue – ich bin einfach nicht dazu in der Lage. Ich kann nicht so tun, als hätten Deine Zeilen nicht das kleinste Bisschen in mir ausgelöst, denn damit würde ich mich nur selber belügen.
Du bedeutest mir immer noch sehr viel, Gary. Du warst einst ein wichtiger, unverzichtbarer Teil in meiner kleinen, durch die Augen eines Kindes dargestellten Welt. Du warst für mich da, wenn ich mich von allen anderen im Stich gelassen gefühlt habe und kurz davor war, die Hoffnung aufzugeben. Du hast mir Mut gemacht und mich in meinen Entscheidungen und Plänen bestärkt, egal, wie bescheuert sie auch immer waren. Du hast mich nachts in den Armen gehalten, wenn meine Einsamkeit mich schlaflos gemacht hat und mir alle Sorgen des Lebens mit Deinen zarten Händen weggestreichelt. Du hast mich getröstet, wenn ich am Boden war und mich wieder aufgefangen, wenn ich abgestürzt bin, weil ein Wolkenschloss, das ich mir in einem meiner Träume ausgemalt habe, zerplatzt ist.
Das kann ich Dir nicht vergessen, Gary. Du bist immer noch ein Teil von mir und wirst es auch immer sein. Auch wenn Dein Liebesgeständnis mein bisheriges Leben total aus der Bahn geworfen und mich mit unzähligen Fragen und Zweifeln konfrontiert hat, war es mir die ganze Sache auf jeden Fall wert.
Auch wenn ich lange überlegen musste, mich oft ausführlich mit Cosmo, Wanda und Sparky darüber unterhalten habe und mein Verstand mir immer noch sagt, dass es ganz und gar falsch ist, Dir zu verzeihen – ich kann mich nicht länger dagegen zur Wehr setzen.
Mein Herz sagt mir Tag für Tag, dass es Dich unheimlich vermisst und noch einmal Deine fürsorgliche Nähe spüren möchte, genau so, wie es früher immer gewesen ist. Es sagt mir, dass sich tief in meiner Seele inzwischen weitaus stärkere Gefühle für Dich entwickelt haben als ich es bisher für möglich gehalten hätte.
Ja, Gary, Du hast richtig gelesen. Zwar bin ich mir noch immer nicht sicher, ob es tatsächlich richtig ist, was da in mir vorgeht, aber ich bin nicht mehr in der Lage dazu, mich dagegen zu wehren. Es fällt mir auch ein bisschen schwer, es einfach so zuzugeben und mein Verstand sagt mir auch, dass ich noch einmal gründlich darüber nachdenken sollte, bevor ich irgendetwas Unüberlegtes schreibe.
Aber mein Herz erzählt mir, dass es der einzig richtige Weg ist, Dich in meine Gedanken einzuweihen und Dir zu sagen, was in mir vorgeht. Deshalb werde ich es jetzt auch einfach aufschreiben, egal, ob das irgendwelche Konsequenzen für mich hat oder nicht. Ich will und muss es endlich loswerden.
Gary, ich glaube, dass ich mich auch in Dich verliebt habe. Zwar nicht auf so eine starke, innige Art und Weise wie Du es in Deinem Brief geschildert hast, aber auf jeden Fall spüre ich etwas, das ich bisher nicht gespürt habe.
Mein Herz klopft, wenn ich mir Deine Fotos anschaue und ich muss jedes Mal lächeln, wenn ich mich an den einzigartigen Moment erinnere, der damit verbunden ist. Ich fühle keinerlei Abscheu oder gar Hass mehr für Dich – dazu bin ich weder mit dem Herzen, noch mit dem Verstand in der Lage.
Nun, wirklich gehasst habe ich Dich ja eigentlich nie. Ich meine, natürlich war ich bisher immer sauer, wenn ich mich an Dich erinnert habe und habe mir in meinem Kopf schlimme Dinge ausgemalt, die ich Dir antun wollte. Aber als richtigen Hass kann man das nicht bezeichnen. Hass bedeutet, dass einem ein anderer Mensch völlig gleichgültig ist und man sich nicht darum kümmert, wie es ihm geht oder was er gerade macht.
Und das, Gary, war bei Dir niemals der Fall. Auch wenn ich es nur ungern zugebe, aber es gab, seit Du auf der Insel der Unerwünschten bist, schon einige Momente in meinem Leben, in denen ich mich gefragt habe, wie es Dir wohl geht oder ob Du in diesem Augenblick auch an mich denkst. Hin und wieder habe ich Dich sogar ein bisschen vermisst, aber ich war immer viel zu stolz dazu, es offen und ehrlich vor mir selbst zuzugeben.
Aber heute, nachdem ich nun endgültig weiß, was Du wirklich für mich empfindest und auch ganz deutlich spüre, dass es mir ähnlich mit Dir geht, kann ich ganz ohne jeden Zweifel oder jedes Schamgefühl behaupten, dass Du mir fehlst.
Du fehlst mir wirklich, Gary. Das schreibe ich nicht nur, um Dich zu trösten oder Dir Hoffnungen zu machen, sondern weil es wirklich den Tatsachen entspricht. Ich vermisse Dich. Ich vermisse Dich sogar sehr.
Und ich weiß ganz genau, dass ich mich in den letzten zwei Wochen auch ein bisschen in Dich verliebt habe. Das ist die Wahrheit, Gary. Das ist wirklich die Wahrheit. Tage habe ich seit Erhalt Deines Briefes damit zugebracht, mir alte Fotos von Dir anzusehen und musste dabei feststellen, dass ich dabei dasselbe Gefühl bekomme, das Du in deinen Zeilen erwähnst.
Ich finde Dich hübsch, Gary. Richtig hübsch sogar. Und ich müsste lügen, wenn ich nicht sagte, dass auch mich die Gedanken an Dich erregen und meine Fantasie sich dann Dinge ausmalt, die man ganz eindeutig als sexuelle Anziehung definieren kann. Du bist wirklich ein süßer Junge, Gary. Nicht nur rein optisch, sondern auch charakterlich.
Es zeugt von sehr viel Überwindung und Mut, dass Du mir diesen Brief geschickt hast, in dem Du Deine wahren Gefühle für mich aufdeckst. Und wenn ich mir das ganz deutlich vor Augen führe, wie sollte ich denn da noch in der Lage sein, dich zu verabscheuen? Wie könnte ich die süßen Worte je vergessen, die Du in Deinem Brief verwendet hast, um mir Deine Liebe zu gestehen? Wie soll ich mir noch länger vormachen, dass Du mir egal bist, wenn ich doch ganz genau weiß, dass es nicht stimmt?
Du warst mir nie egal. Und das wirst Du auch niemals sein. Ich meine, sicherlich werde ich noch einige Zeit dazu brauchen, um für mich selbst festzustellen, wie es jetzt zwischen uns beiden weitergehen soll und ob ich mich den Gefühlen, die ich eindeutig für Dich habe, einfach so ergeben kann. Aber egal könntest Du mir nie sein. Nicht nach all dem, was ich in den letzten zwei Wochen erfahren habe. Nicht nach Deiner ehrlichen Entschuldigung und Deiner süßen – ja, süßen – Liebeserklärung an mich.
Du bist etwas ganz Besonderes, Gary. Und deshalb werde ich in der nächsten Zeit auch noch einmal ganz tief in mich gehen und ergründen, was ich möchte und was ich mir von Dir wünsche. Aber eine Sache steht bereits jetzt ganz klar fest: Ich habe mich verliebt. Ich habe mich wirklich ein bisschen in Dich verliebt, Gary. Und das wird sich auch nicht mehr ändern, egal, was die nächsten Tage auch mit sich bringen.
Deshalb möchte ich Dich hiermit noch um ein bisschen Geduld bitten und hoffe, dass Du mir die nötige Zeit einräumen wirst, um herauszufinden, was ich will und wie es jetzt zwischen uns beiden weitergehen wird.
Sobald ich mir über alles richtig im Klaren bin, werde ich Dir noch einen Brief schreiben und Dir meine Entscheidung mitteilen. Oder vielleicht komme ich Dich auch einfach mal besuchen. Cosmo und Wanda können mich schließlich jederzeit zu Dir zaubern. Lass Dich einfach mal überraschen.
Bis dahin wünsche ich Dir alles Gute und hoffe, dass wir uns ganz bald gesund und wohlbehalten wiedersehen. Ich freue mich jetzt schon auf Dich. Fühl Dich an dieser Stelle bitte ganz fest von mir gedrückt und denk daran: Vielleicht bin ich Dir, wenn Du diesen Brief in den Händen hältst, schon viel näher als Du denkst...

Alles Liebe und viele Grüße,
Dein Tim-Tim

PS: Anbei lege ich Dir ein aktuelles Foto von mir, da Du mit Sicherheit schon ganz neugierig darauf bist, wie ich nach all den Jahren, die wir uns jetzt nicht mehr gesehen haben, wohl aussehe. (Dasselbe frage ich mich bei Dir übrigens gerade auch...)
Wie auch immer, ein bisschen habe ich mich seitdem verändert, finde ich, aber das kannst Du ganz bestimmt besser beurteilen als ich.
Also dann, auf ein baldiges Wiedersehen! Ich freue mich!
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