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Und wir Rennen

von Liniath
OneshotDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Mercutio Tybalt
09.11.2016
09.11.2016
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So schnell ihn seine Füße tragen konnten, rannte Mercutio durch Veronas dunkle Straßen und das Schlagen seines Herzens erfüllte seine Ohren so sehr, dass es sogar seine Freunde übertönte, die nach ihm riefen. Er wusste, dass Benvolio, Romeo und die anderen Montague immer wieder seinen Namen in die Nacht riefen, trotzdem blieb der Fürstenneffe nicht stehen. Adrenalin erfüllte seinen ganzen Körper auf unangenehme Weise und das einzige, woran er denken konnte, war, fortzulaufen. Seine Gedanken schrien ihn an, dass er rennen musste, so weit ihn seine Beine tragen würden, bis seine Lungen brannten, weil er kaum noch Luft bekam. Tränen stachen von der kühle Nachtluft und seinem inneren Chaos in seinen Augenwinkeln und er wollte Rennen, bis er vergessen konnte. Bis er sich nicht mehr an jene leblosen Augen und farblosen Lippen erinnern konnte.
Mercutio hatte ein Leben beendet. Noch immer klebte Blut an seinen Händen und er umklammerte seinen Dolch so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Er hatte oft gekämpft und oft seine Gegner verletzt, doch er hatte nie getötet. Zwar war Mercutio nicht gläubig, obwohl er im katholischen Italien geboren war, aber er konnte nicht fassen, dass er einen anderen Mann getötet hatte. Es war so schnell gegangen, dass er zuerst nicht begriffen hatte, was er so eben getan hatte. Der Capulet hatte ihn entwaffnet, ehe er versucht hatte, ihn zu packen und da hatte Mercutio gehandelt, ohne zu denken. Er hatte geglaubt, dass der Capulet ihn töten würde und hatte seinen Dolch gezückt, den er ihm zielsicher ins Herz gerammt hatte, bevor er gewusst hatte, was er da tat. Auf einmal war sein Gegner zu Boden gesunken, während Mercutio hatte beobachten können, wie das Leben aus seinem Gesicht wich und das Blut seines Opfers an den Händen kleben hatte. Er hatte immer geglaubt, dass es glorreich sein würde, den Feind in einem Duell zu besiegen, doch da war nichts glorreiches gewesen. Horror hatte ihn erfüllt und er hatte begonnen zu rennen.
Vielleicht hatten seine Freunde und seine Feinde inzwischen bemerkt, was er getan hatte und beide würden nach ihm suchen. Die Montague, um ihn zu beglückwünschen und die Capulet, um Rache zu nehmen. Mercutio wusste nicht, wer ihn zuerst finden würde und wollte es auch nicht herausfinden. Die Last ein Leben beendet zu haben, lastete schwer auf seinen Schultern und schien ihm jeden einzelnen Knochen im Leib zu brechen. Sein Atem ging nur noch schnappweise und er war sich sicher, dass er bald ohnmächtig werden würde. Doch Mercutio rannte weiter und spürte nur beiläufig, wie Regentropfen seine erhitzte Haut trafen. Der Geruch von verdunstetem Wasser stieg ihm in die Nase, es war ein heißer Tag gewesen.
Ziellos irrte er durch die engen Gassen Veronas, begleitet von dem Geräusch seiner hastigen Schritte, die laut von den steinernen Wänden der Häuser wiederhallte. Er glaubte in der Ferne Donner zu hören, während der Regen heftiger wurde. Bald klebte sein Haar ihm nass am Kopf und er wünschte sich, dass der Regen seine Sünde davon waschen würde. Doch das Wasser wusch ihn nicht rein, wie es die Poeten immer behaupteten und gab ihm lediglich die Möglichkeit, zu weinen, ohne dass es jemand erkennen würde. Aber Mercutio begegnete niemand in den engen Gassen, die er in den noch unbescholtenen Tagen seiner Kindheit mit Valentino und Paris neugierig erkundet hatte.
Bis ihn jemand fand oder eher der Fürstenneffe ihn. Auf einmal war dort ein Widerstand, mit dem er heftig zusammenstieß, weil er so schnell gerannt war. Die Luft wurde aus seinen Lungen gepresst, während er vor Schmerz die Augen zusammenkniff. Zum ersten Mal spürte er, wie sein Brustkorb brannte und die Muskeln in seinen Beinen vor Anstrengung zuckten. Er war sich sicher, dass er nun ohnmächtig werden würde und er hätte die Bewusstlosigkeit zu gerne willkommen geheißen. Doch er spürte kein dumpfes Abdriften seines Geistes, stattdessen waren dort starke Hände, die sich fest um seine Schultern schlossen und ihn etwas zur Seite drehten. Verwundert schnappte Mercutio nach Luft und versuchte so viel Sauerstoff wie möglich in seine Lungen zu bekommen, da er endlich wieder das Gefühl hatte, richtig Atmen zu können. Wasser lief ihm über das Gesicht, verfing sich zu Tropfen in seinen Wimpern und färbte jene dunkler als sie schon waren. Es erschwerte ihm die Sicht und doch erkannte er die Person vor sich sofort, als er den Blick hob.
In Tybalts blondem Haar verfing sich in der trüben Nacht jegliches Licht der Fackeln, die die Gasse gelegentlich erleuchteten und ergoss sich um sein Gesicht wie ein Heiligenschein. Je länger er jedoch dort stand, desto mehr wurde sein Haar durchnässt und nahm eine bräunliche Farbe an. Es war, als stünde ein gefallener Engel vor ihm und Mercutio fühlte sich, als wäre er dort, um ihn zu richten. Durch seine Hand war ein Capulet gestorben und nun stand er vor dem größten aller Capulet Teufel. Doch noch schien Tybalts flammender Zorn nicht ausgebrochen zu sein und er warf einen eher forschenden Blick in Mercutios Gesicht. Der junge Prinz atmete noch immer heftig, jede Bewegung seines Brustkorbs deutlich sichtbar durch sein vor Nässe an ihm klebendes Hemd und sein Herz pumpte so aufgeregt das Blut durch seine Adern, dass seine Wangen und Lippen gerötet waren. Ausgerechnet Tybalt, der ihn so hasste, lief er in die Arme und für einen kurzen Moment schloss er die Augen.
„Bist du endgültig von Sinnen? Rennst herum wie ein Irrer mitten in der Nacht bei strömenden Regen“, riss ihn Tybalts Stimme aus seinen Gedanken und wieder öffnete Mercutio die Augen. Es war beruhigend jenen skeptischen und leicht abfälligen Ton zu hören, der ihm so bekannt war. Er hatte einen Menschen getötet, doch Tybalt war noch immer der gleiche. Tybalt von den Capulet mit den außergewöhnlichen blonden Haaren, der ungewöhnlich musikalisch war und so geschickt im Schwertkampf. Jenen, den Mercutio immer wieder aufsuchte, weil er eine Konstante in seinem Leben war, weil er ihm die Aufmerksamkeit gab, die er brauchte. Ein tonloses Schluchzen kam über die Lippen des Fürstenneffen, es war alles zu viel. Er konnte das Gewicht der Schuld nicht mehr ertragen, auch wenn Tybalt ihn so heftig festhielt und ihn diese grobe Geste ein wenig beruhigte.
Trotzdem entglitt er wie Sand dem Griff des Capulets und sank zu Boden. Durch den dünnen Stoff seiner Hose spürte er deutlich die unebenen Pflastersteine, die schmerzhaft in seine Knie drückten. Geradezu flehend richtete er den Blick auf in Tybalts Gesicht, während Regentropfen unbarmherzig auf seine Wangen schlugen. Mercutios Hände zitterten und die Schuld war einfach zu viel, dieses Mal schluchzte er hörbar auf. Überfordert blickte Tybalt zu ihm herunter, als die Stimme des Prinzen rau und verzweifelt erklang: „Vergib mir.“ Nur der Regen war zu hören, während der Capulet erstaunlich ruhig seinen Blick erwiderte und für einen kurzen Moment vergaß Mercutio, dass sie in Verona waren. Die Wände der Häuser waren fort und das unebene Pflaster, da waren nur noch Regen und Tybalt. Wasser perlte über die leicht geöffneten Lippen des Prinzen und Tränen rannen über sein Gesicht, von denen niemand außer ihm selbst wusste. Noch immer stand Tybalt dort vor ihm und schien einfach nur nachzudenken, ehe er verwirrt nachfragte: „Wofür, Mercutio?“
Erneut blitzte das Bild des toten Capulet in seinem Geist auf, wie sich in seinen leblosen Augen das kalte Licht der Sterne spiegelte und ein Aufschrei verließ Mercutios Kehle. All die Pein und all der Schmerz lagen in seiner Stimme, während er die Hände in seinen Haaren vergrub. „Mein Gott, was ist denn passiert?!“, hörte er Tybalt aufgebracht aber auch besorgt fragen. Wieder waren dort seine kräftigen Hände, die Mercutio packten und in der Realität hielten. Heftig schnappte der Fürstenneffe nach Luft und sah, dass Tybalt inzwischen vor ihm in die Hocke gegangen war. Sein Hemd klebte nass an seinem Oberkörper und war halb durchsichtig geworden, doch seine blasse Haut bildete kaum einen Kontrast zu dem weißen Stoff. „Ich habe getötet“, klagte Mercutio mit rauer Stimme und er konnte sehen, wie Tybalt seine Augen aufriss. Er wusste nicht, ob er es aus Schock tat oder aus Überraschung, weil er immer spottete, dass der Fürstenneffe nicht einmal die Kraft haben würde, um einen Mann zu töten. Doch zu seiner größten Verwunderung fragte Tybalt drängend nach: „Wen?“
Wahrscheinlich war das der Moment, in dem Mercutio wieder hätte schweigen und rennen sollen. Doch er fand in seinen Beinen nicht die Kraft, aufzustehen und so kniete er weiter vor Tybalt. Seine Lippen bebten und er hatte Mühe ihm zu antworten: „Einen deiner Männer. Einen Capulet. Ich weiß nicht einmal mehr wen. Er hatte mich entwaffnet, ich zückte meinen Dolch und stach zu. Ich wollte ihn nicht töteten.“ „Du hast einen Capulet getötet?!“, schrie Tybalt ihn fassungslos an und noch bevor Mercutio hätte zurückweichen können, traf ihn hart die flache Hand seines Gegenübers im Gesicht. Sein Kopf wurde zur Seite geschleudert, während das Klatschen von Haut an Haut durch die Gasse hallte. Der Schmerz stach wie tausend kleine Nadeln in seine Wangen, doch es fühlte sich gut an, es holte Mercutio ein wenig mehr auf den Boden der Tatsachen zurück.
Erneut wandte er sich Tybalt zu, dessen Gesicht in eine wütende Grimasse verzogen war. Wahrscheinlich weil Mercutio ihm nicht einmal sagen konnte, welchen seiner Kameraden er getötet hatte. Schwer schluckte der Fürstenneffe, ehe er ihn so gefasst wie möglich ansah und erneut sagte: „Vergib mir. Ich bete dich inständig um Vergebung, Tybalt. Du wirst mein Richter sein, aber bitte vergib mir.“ Flehend sah er in das Gesicht des Capulet auf, der sich inzwischen wieder erhoben hatte. Kalt und abweisend ruhten seine stechend grünen Augen auf dem Fürstenneffe, der kraftlos weiter auf den Boden kniete. Doch auf einmal wurde Tybalts Blick ein wenig weicher und Mercutio fragte sich, ob der Schlachtenführer vielleicht tatsächlich Gnade kannte.
„Steh auf“, wies ihn Tybalt da jedoch barsch an und kurz zögerte der Fürstenneffe, da sich seine Beine immer noch schwach anfühlten. Unter Aufbietung seines ganzen Willens erhob er sich zitternd, während die Muskeln in seinen Waden und seinem Oberschenkel gegen die Belastung protestierten. Auf einmal kam ihm der Gedanke, dass Tybalt vielleicht doch keine Gnade walten lassen und jetzt sein Urteil an ihm üben würde. Zögernd und etwas bang blickte er in das Gesicht des Capulets auf, der ihn nur mit einem kalten Blick bedachte. Doch da sprach Tybalt auf einmal so leise, dass sich seine Stimme mit dem Prasseln des Regens zu vermischen schien: „Wie soll ich dir vergeben können, wenn du dir selbst nicht vergibst?“
Überrascht riss Mercutio die Augen auf, während seine Pupillen weit wurden und er sah erstaunt in Tybalts Gesicht. Auf einmal schien dort nicht mehr der grausame Schlachtenführer zu stehen, sondern ein ganz anderer. Einfach nur Tybalt, ein junger Mann aus Verona, der ein Herz besaß. Überdeutlich schien Mercutio jeden Wassertropfen auf dem Gesicht seines Gegenübers wahrzunehmen und wie seine Wimpern nass zusammenklebten. Offenbar meinte es Tybalt ernst, dass er ihm vergeben würde, wenn er sich selbst vergab und plötzlich ergriff Mercutio mit beiden Händen eine des Capulets. Überrascht wurde er von dem Capulet angesehen, während er erneut auf die Knie sank und den Handrücken des Capulet an seine Stirn presste. „W…warum?“, fragte Mercutio mit belegter Stimme nach, während seine Finger die Hand des anderen umklammert hielten.
Er konnte nicht sehen, was in Tybalts Gesicht vorging und die lange Stille irritierte ihn. Doch sein Gegenüber zog nicht seine Hand zurück, was Mercutio als ein gutes Zeichen nahm. „Weil ich gesehen habe, dass du nicht nur ein verzogenes Biest bist. Du hast aufrichtig Vergebung gesucht und ich gebe sie dir“, erklärte Tybalt ihm leise, während er seine Hand aus seinem Griff löste und sein Kinn anhob. Kurz dachte Mercutio daran, wie sein Gegenüber für einen kurzen Moment wie ein Engel gewirkt hatte, als er plötzlich vor ihm im Regen aufgetaucht war. Erst da bemerkte der Fürstenneffe, dass es nicht mehr regnete und die einzigen Überbleibsel davon waren seine durchnässten Kleider. Tybalt sah ihn indes nur nachdenklich an und sein feuchtes Haar fiel über seine Schultern, als er sich zu Mercutio beugte.
Federleicht berührte er mit seinen Lippen die Wimpern des Fürstenneffen und küsste die darin verfangenen Regentropfen fort. Mit offenem Mund kniete Mercutio am Boden, während er den warmen Atem des Capulet an seiner Haut spürte. „Ich vergebe dir den Mord, aber nicht dass du dich für die Seite der Montague entschieden hast“, flüsterte Tybalt ihm leise zu und weckte Mercutio so aus seiner Schockstarre. Reflexartig griff der Fürstenneffe nach dem Gesicht seines Gegenübers, zog es zu sich herunter, um ihn küssen zu können. Kurz glaubte er, dass Tybalt ihn von sich stoßen würde, da er widerte er den Kuss mit geradezu harscher Leidenschaft. Seine Lippen fühlten sich heiß an Mercutios Ausgekühlten an und er schloss die Augen, um vergessen zu können. Er wollte vergessen, dass seine Gefühle verboten waren, dass Tybalt ein Capulet war und dass sie im grausamen Verona waren.
„Ich will Rennen. Weit fort von hier“, murmelte Mercutio gegen die Lippen des anderen und da stockte Tybalt auf einmal. Als hätte er sich verbrannt, zuckte er zurück und musterte ihn schockiert. Doch gleich darauf legte sich ein wehmütiger Ausdruck auf sein Gesicht: „Ich wünschte, wir könnten.“ Erneut stachen Tränen in Mercutios Augen, aber dieses Mal weinte er nicht. Der Moment war gebrochen und das Leben ging weiter. Trotzdem blieb Mercutio am Boden sitzen und wünschte sich, dass sie doch Rennen konnten. Rennen bis sie weit weg von Verona und all dem Tod und Verderben waren.
 
 
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