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About A Girl

von CmdrLola
GeschichteFantasy, Freundschaft / P16 / Gen
OC (Own Character)
08.11.2016
30.06.2019
9
19.600
2
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
08.11.2016 3.519
 
//Hey, Leute!

Schön, dass ihr da seid.
Ich weiß, es ist eine Weile her, seitdem ich von mir hab hören lassen, aber irgendwie ist im Moment der Wurm drin.
Auf der Suche nach der richtigen Inspiration streife ich seit Monaten durch das Internet und schaue mir tonnenweise Fan-Art an, lese meine Lieblings-FF, schaue mir das millionste YouTube-Video an oder stöbere in diversen Foren. Da habe ich dann auch dieses Projekt entdeckt: „50 Fragen an deinen Charakter“.

Hmm, ob das wohl eine Idee ist?
Ich weiß natürlich sofort, dass ich meinen OC interviewen möchte. Aber dann denke ich, dass ich schon ziemlich viele OCs in meiner Geschichte habe und ich bin mir plötzlich nicht sicher, ob es fair wäre, wenn ich nur einen Charakter in den Vordergrund stelle. Ich fange also an und spiele mit dem Gedanken, forme ihn zu einer Geschichte und nehme es Stück für Stück wieder auseinander. Wie ein Stück Ton in der Hand, knete ich die Idee in meinem Kopf, zupfe und reiße an den Ecken, entferne Teile und füge neue hinzu. Ich notiere mir einige Ideen, fange an einige Absätze zu schreiben und lösche sie unzufrieden wieder, bis mir der Kopf schmerzt und die Augen brennen. //

Vor mir sehe ich einen kleinen Raum, in dem zwei gemütliche Sofas stehen, davor ein niedriger Tisch, auf den jemand etwas Gebäck, Kaffee und einige Tassen gestellt hat. Während ich mir noch überlege, dass so ein Schoko-Kirsch-Muffin jetzt echt was Nettes wäre, betritt jemand den Raum zu meiner Linken. Überrascht sehe ich auf.
„Serra?! Was machst du hier?“, ich bin entsetzt, dass sie nicht entsetzt ist. Lässig streift sie durch den Raum, greift sich einen der kleinen Kuchen vom Tisch und lässt sich auf das Sofa mir gegenüber fallen.
„What’s up, Doc?“, fragt sie, zwinkert mir zu und beißt genüsslich in den Muffin.
„Bugs Bunny? Echt jetzt?“, frage ich etwas fassungslos zurück. Gleichzeitig läuft mir das Wasser im Mund zusammen, während sie ihren Kuchen genießt.
„Was ist denn dein Problem?“ Es ist ein Wunder, dass ich die Frage verstehen kann, denn Serras Mund ist voller Kuchen.
„Ist das Kaffee?“, fragt sie bevor ich antworten kann und greift nach der Kanne. Vorsichtig schraubt sie den Deckel auf und schnuppert an der Öffnung.
„Herrlich!“ Begeistert gießt sie Kaffee aus der Kanne in einer der Tassen und lehnt sich wieder zurück, während ich sie, noch immer ein wenig neben mir, anstarre.
„Willst du auch?“, fragt sie vorsichtig.
„Ja. Moment, warte hier.“, sage ich und stehe auf. „Geh nicht weg.“ Ich rufe ihr das zu, während ich mich auf dem halben Weg in die Küche befinde.

In Gedanken befülle ich den Wasserkocher und stelle das Gerät ein. Während ich darauf warte, dass das Wasser kocht, schalte ich das Radio ein, in der Hoffnung, dass mein lokales Campusradio etwas spielt, um meine Nerven zu beruhigen.
Ich höre es kaum.
Gedankenverloren spüle ich einige Tassen und Teller ab, die sich um die kleine Spüle gesammelt haben und versuche nicht daran zu denken, dass mein OC gerade in meinem Wohnzimmer sitzt und imaginären Kaffee zu ihrem imaginären Kuchen trinkt. Das leise Klicken des elektrischen Teekessels macht mich darauf aufmerksam, dass das Wasser aufgekocht ist und ich wasche noch eben schnell ein Glas ab, bevor ich den Schrank über mir öffne und mir meine Lieblingstasse greife.
Ich gebe einige Löffel Instantcappuccino in den Becher und füge noch einen Schluck kalter Milch hinzu, bevor ich das heiße Wasser darüber gieße. Ich bilde mir ein, dass es dadurch cremiger wird.
Als ich mich umdrehe, um wieder zurück zu gehen, fällt mir auf, dass ich für einige Sekunden nicht an Serra gedacht habe und ich bin kurz geneigt einfach in der Küche zu bleiben.
Aber soll ich mir wirklich diese Gelegenheit entgehen lassen?
Ich nehme mir meinen Kaffee, greife mir eine Banane vom Küchentisch und eine Handvoll Gummibärchen im Vorbeigehen und atme noch einmal tief durch, bevor ich zurück ins Wohnzimmer gehe.

Serra sitzt da, wo ich sie gelassen habe und trinkt entspannt ihren Kaffee. Sie beobachtet mich, wie ich die Tasse auf dem Tisch abstelle, die Gummibärchen neben mich auf das Sofakissen lege und erstmal die Banane schäle.
„Wahrscheinlich bin ich nur unterzuckert, oder so.“, denke ich und beiße ein Stück von dem Obst ab. Das junge Mädchen lässt mich nicht aus den Augen. Ich überlege, ob es richtig ist eine Zwanzigjährige als Mädchen zu bezeichnen, während ich schweigend meinen Snack esse.
So sitzen wir da eine Weile und sagen nichts. Wir sehen uns an und denken nach, aber weder Serra, noch ich sprechen unsere Gedanken aus. Ich überlege, wieviel sie von mir hat. Die dunkelbraunen Augen und das lockige Haar, obwohl ich meines schon seit einiger Zeit kurz trage. In diesem Moment beneide ich sie ein wenig, für ihre wilden Locken und fühle mich alt. Ich muss lachen, weshalb Serra mich skeptisch ansieht. Sie zieht ihre linke Augenbraue dabei etwas hoch und sieht mich auffordernd an. Mir ist bewusst, dass sie eine Erklärung von mir haben will, aber ich kann mich noch nicht dazu bringen mit ihr zu sprechen.
Sie öffnet einige Male den Mund, als wolle sie etwas sagen, doch jedes Mal schließt sie ihn wieder, ohne einen Ton von sich gegeben zu haben.

„Das geht so nicht!“, sage ich schließlich, nehme mir meinen Laptop und den Kaffee und gehe rüber ins Schlafzimmer, wo ich mich an den Schreibtisch setze. Serra und der Raum folgen mir.
„Macht es dir was aus, wenn ich etwas Musik anmache.“, frage ich die zehn Jahre jüngere Frau.
„Okay, okay. Zwölf Jahre.“, gebe ich mir selbst gegenüber zu, während Serra nur mit den Schultern zuckt.
„Irgendwas Bestimmtes?“, frage ich sie.
„Du weißt doch was mir gefällt, abla.“, zwinkert sie mir zu. Ich bin wieder verwirrt, nicht, weil sie annimmt, dass ich weiß, was ihr gefällt - wir wissen beide, dass das stimmt - sondern, weil sie mich mit „abla“ anspricht.
Der türkische Begriff für „große Schwester“, mit dem man auch ältere Frauen und Mädchen anspricht, mit denen man nicht unbedingt verwandt ist, die aber noch zu jung für „teyze“, also „Tante“ sind. Es ist ein wenig wie der japanische Suffix „nee-san“, der dieselbe Bedeutung hat, also „große Schwester“, nicht „Tante“. Aber ich schweife ab.
Auf jeden Fall erwischt sie mich eiskalt mit der Anrede, die ich so absolut nicht gewöhnt bin. Meine eigene kleine Schwester nennt mich selten so und ich bestehe auch nicht darauf, wir geben uns eher dumme Spitznamen.
Während ich hier philosophiere und euch die Feinheiten der türkischen Sprache erkläre, wartet Serra übrigend darauf, dass ich etwas Musik einschalte.
Ich öffne also meine Musik-App und rufe meine Schreibplaylist auf. Der erste Titel der Liste, den ich mit einem breiten Lächeln im Gesicht auch gleich anklicke, ist „About A Girl“ von Nirvana. Grinsend speichere ich das Dokument an dem ich arbeite unter demselben Titel ab.
Als ich mich wieder Serra zuwende, sehe ich, dass sie ebenso breit lächelt und leise den Text mitsingt.
„Er mag es, wenn du singst.“, sage ich unvermittelt und sie sieht mich verwirrt an.
„Wer?“, fragte sie knapp. Als ich ihr nur verschwörerisch zuzwinkere, wird sie rot. „Dir ist aber bewusst, dass er eine Freundin hat?“
„Ja, Schätzchen, ich habe sie ihm schließlich verpasst.“, antworte ich ein wenig überheblich und sie schnaubt mich missmutig an.
„Hättest du dir auch sparen können.“, murmelt sie vor sich hin.
„Du hättest dich auch einfach küssen lassen können.“, sage ich. „Damals am Strand.“ Sie sieht mich wütend an und ich weiß, dass ich einen Nerv getroffen habe.
„Hätte ich ja vielleicht auch, wenn jemand nicht Nissa einfach hätte auftauchen lassen.“, verkündet Serra schnippisch und verschränkt die Arme vor der Brust. Ihren Kaffee hat sie schon vor einer Weile ausgetrunken und die Tasse steht in sicherer Entfernung auf dem Couchtisch. Dafür, dass sie ständig versucht ihre Gefühle für Greg zu leugnen, ist diese Reaktion schon sehr offensichtlich und ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen.
„Ich weiß nicht, was daran so witzig sein soll?“, sagt sie plötzlich laut. Ich kann den Ärger in ihrer Stimme ganz genau hören und wenn ich ehrlich bin, verstehe ich ihn auch. „Erst verpasst du mir diese beschissenen Gefühle und dann…“ Sie spricht den Satz nicht zu Ende, aber das ist nicht nötig. Ich weiß instinktiv, was sie sagen will.
„Es tut mir leid.“, sage ich leise und bin überrascht, als ich feststelle, dass ich es auch so meine. Sie sieht mich kurz an und kaut einen Moment auf ihrer Unterlippe, während sie überlegt, ob sie mir glauben soll oder nicht.
„Ist schon okay.“, seufzt sie schließlich. „Ich weiß, dass ich ein verkacktes, kleines Fangirl bin.“ Sie lächelt traurig und ich habe das mütterliche Bedürfnis aufzustehen und sie in den Arm zu nehmen. Noch während ich mit dem Gedanken spiele, sieht sie wieder zu mir auf und grinst breit.
„Du hättest mich aber ruhig ein wenig cooler machen können. Ich hatte schon Hoffnungen, als diese irren Biotiken ansprangen.“ Sie macht ein wehmütiges Geräusch, dass ein wenig wie Winseln klingt und ich muss lachen.
„Sorry, no can do.“, teile ich ihr mit und Serra seufzt laut. Danach ist es wieder einen Moment still zwischen uns beiden.
Wir sitzen einfach da und hören auf die Musik. Mittlerweile läuft schon das sechste Lied auf der Playlist „All Is Now Harmed“ von Ben Howard.
Unwillkürlich muss ich an die Szene am Strand denken, als Serra mit Clyde tanzte und Greg sich eifersüchtig ein Bier nach dem anderen in den Hals kippte. Ich sehe sie an und denke an die wenigen Reviews, die mir von Lesern hinterlassen wurden. Der Begriff „Mary Sue“ schwirrt kurz vor meinen Augen und ich schüttle den Kopf, um es wieder los zu werden.

„Serra?“
„Ja?“
„Warum bist du hier?“, frage ich sie direkt. Sie sieht mich einen Augenblick lang skeptisch an, „das weißt du nicht?“ fragt ihr Blick.
„Ich liebe dieses Stück.“, sagt sie.
„Lenk nicht ab.“, ermahne ich sie, gönne uns beiden aber den Augenblick um zuzuhören. „An End Once And For All“, ein Mass Effect 3 Tribut und Song Nummer neun in unserer Playlist.
Nachdem das Stück seinen Höhepunkt erreicht hat, spreche ich sie erneut an und will wissen was sie hier macht. Sie zuckt mit den Schultern.
„Mir war einfach langweilig.“, gibt sie zu.
„Langweilig?“, frage ich überrascht. „Solltest du nicht in der Grundausbildung sein?“
„Ja.“, wieder ein Schulterzucken. „Aber du schreibst ja nicht weiter.“ Ich überhöre den Vorwurf in ihrer Stimme nicht und auch wenn ich versuche es nicht zu nah an mich heranzulassen, so trifft es mich doch ein wenig.
„Ist halt kompliziert grade.“, sage ich ausweichend.
„Wieso?“
„Verstehst du nicht.“
„Ja, klar.“, sagt sie eingeschnappt. „Dann kann ich ja auch wieder gehen.“ Serra steht auf und macht sich auf den Weg zur Tür.
„Nicht!“, rufe ich ihr hinterher. „Bitte, geh nicht.“ Eine Hand an der Tür bleibt sie stehen und dreht sich zu mir um. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, und ich fühle mich ein wenig so, als würde sie gerade mit mir schlussmachen. Sie sieht mich an und kommt wieder einige Schritte zurück in den Raum.
„Erzählst du mir was los ist?“ Es ist weniger eine Frage, als eine Bedingung, die sie für ihr Bleiben stellt. „Fehlt es an Ideen? Ich hätte da nämlich welche.“ Sie grinst mich an und ich bin mir nicht sicher, ob ich ihre Ideen wirklich hören will. Genauso wenig, wie ich ihr erzählen will, wieso ich im Moment nicht weiterkomme.
„Ideen sind nicht das Problem.“, antworte ich widerwillig. „Eher das Gegenteil.“ Sie setzt sich wieder hin, beugt sich ein wenig vor und stützt die Ellbogen auf ihren Knien ab.
„Soll heißen?“, will sie wissen.
„Soll heißen, dass ich nicht weiß was ich genau machen soll.“, sage ich genervt und fahre mir durch die Haare, so dass sie zu Berge stehen. Serra sieht mich geduldig an, während ich aussehe wie ein verrückter Professor, dem jemand den halben Kopf rasiert hat.
„Steht dir.“, sagt Serra mit einem toternsten Gesichtsausdruck, der mich dazu veranlasst in den Spiegel zu sehen. Als ich anfange zu Grinsen, höre ich sie nur laut losprusten. Ein Wunder, dass sie so lange ernst bleiben konnte.

„Spielst du ein Spiel mit mir?“, frage ich unvermittelt, als ich mich vom Spiegel wegdrehe.
„Klar, solange du nicht anfängst auf einem Dreirad durch die Gegend zu fahren.“, grinst sie mich an.
„Heute nicht mehr.“, lache ich zurück.
„Was für ein Spiel?“, will Serra wissen. „Bitte sag mir, dass es ein Videospiel ist.“ Sie sieht mich flehend an und es tut mir schon beinahe leid, dass ich sie enttäuschen muss.
„Leider nicht.“, sage ich vorsichtig. „Vermisst du es so sehr?“ Sie nickt kurz.
„Wer hätte gedacht, dass es im Mass Effect-Universum kein Mass Effect gibt?“, stellt sie sarkastisch fest.
„Ja, unfassbar. Wenn man bedenkt, dass es für jeden Scheiß Simulatoren gibt.“
„Naja, ob ich den Scheißsimulator spielen möchte, weiß ich jetzt auch nicht unbedingt.“ Wir lachen beide über das Wortspiel.

Unser Gespräch wird von unerwarteter Seite unterbrochen
„Kannst du jetzt aber mal ein wenig leiser machen?“, fragte eine tiefe, männliche Stimme aus dem Off. Ich drehe mich um, und entdecke meinen Ehemann, der irgendwann in den letzten Stunden nach Hause gekommen ist und mittlerweile ins Bett möchte.
„Bin ich so laut?“, frage ich verwirrt.
„Nein, aber dein Tippen.“, teilt er mir mit und legt sich ins Bett. „Ich will jetzt schlafen.“
„Okay, dann gehen wir ins Wohnzimmer.“, sage ich und ziehe das Netzkabel aus der Steckdose.
„Wir?“
„Ja, Serra und ich.“
„Äh, ja klar.“, antwortet er kopfschüttelnd und sieht mich an, als sei ich völlig durchgedreht. Ohne weiteren Kommentar, nehme ich meinen Laptop, hauche ihm einen kurzen Kuss auf den Mundwinkel und schließe die Schlafzimmertür hinter mir.

Im Wohnzimmer stelle ich erleichtert fest, dass Serra mitgekommen ist und setzte mich in eine Ecke des Sofas. Sie setzt sich in die andere und greift sich einen weiteren Muffin.
„Also?“, fragt sie mit vollem Mund.
„Also was?“, frage ich zurück. Mein Blick huscht über die Uhr in der Ecke meines Bildschirms und ich rechne nach wieviel Schlaf ich brauche, um am nächsten Tag halbwegs zu funktionieren.
„Was spielen wir denn jetzt?“, fragt Serra und beißt ein weiteres Stück von ihrem Kuchen ab. Ich erzähle ihr kurz von der Projektidee, die ich im FanFiktion.de Forum entdeckt habe und von den vielen Ideen, die ich dazu hatte und alle wieder verworfen habe. Sie hört mir aufmerksam zu und überlegt kurz.
„Glaubst du, dass könnte helfen?“, fragt sie, nachdem ich alles erklärt habe.
„Wobei?“, frage ich ein wenig verwirrt.
„Bei deiner Schreibblockade.“, sagt sie schulterzuckend.
„Weiß ich nicht.“, gebe ich ehrlich zu. „Aber so ist dir wenigstens nicht langweilig und ich kann noch etwas Zeit mit dir verbringen.“ Serra lächelt und denkt einen Augenblick darüber nach. Nach einer Weile nickt sie dann und ich atme erleichtert aus.
„Bin ich die Einzige?“, fragt sie und dieses Mal zucke ich mit den Schultern.
„Sieht fast so aus.“
„Darf ich dir auch Fragen stellen? Quid pro quo?“ Ich hätte wissen müssen, dass sie es mir nicht so einfach macht.
„Danach.“, sage ich, aber sie ist damit nicht einverstanden. „Okay, okay. Du darfst eine Frage Stellen für jede zehnte, die du beantwortest und wenn wir fertig sind, so viele wie du möchtest, solange sie nicht den weiteren Verlauf deiner Storyline betreffen.“
Ich weiß, dass ich zu schnell zu viele Zugeständnisse mache, aber ich war nie besonders gut im Verhandeln und ich möchte wirklich sehr, dass sie dieses Projekt mit mir durchzieht, so dass ich alles auf eine Karte setze. Serra sieht mich eine Weile nur nachdenklich an, ihre Augenbraue ist wieder hochgezogen und sie knabbert unbewusst auf der Unterlippe. Ich hasse mich in diesem Moment dafür, dass ich nicht anständig zeichnen kann oder andere Methoden habe, ihren Ausdruck einzufangen.
„Okay.“, sagt sie schließlich. „Eine Frage für zehn, plus eine bevor wir anfangen und die Fragen dürfen auch den Plot betreffen, solange sie wage genug sind. Keine Spoiler, versprochen.“ Sie streckt mir die rechte Hand hin und wartet darauf, dass ich einschlage. Ich sehe sie einen Moment an, bevor ich ihre Hand schüttle.
„Keine Spoiler.“, betone ich mit erhobenem Zeigefinger.

Wir machen es uns auf dem Sofa gemütlich. Serra denkt über ihre erste Frage nach, während ich die fünfzig Fragen aus der Projektbeschreibung in mein Dokument kopiere. Dann wende ich mich wieder meinem OC zu.
„Dann schieß mal los.“, fordere ich sie auf. Sie sieht mich einige Sekunden an, bevor sie den Blick senkt.
„Geht es ihm gut?“, fragt Serra leise, beinahe schüchtern. Ich weiß sofort, wen sie meint und ein Lächeln huscht über mein Gesicht.
„Im Moment schon.“, sage ich und entscheide mich, dass sie ein wenig mehr Informationen verdient. „Er macht sich Sorgen um dich.“
„Sorgen um mich?“, sie schaut mich endlich wieder an. „Warum?“
„Naja, du hast ihm Silvester einen ganz schönen Schrecken eingejagt, als du einfach aufgelegt hast und nicht mehr auf seine Anrufe reagiert hast.“, erinnere ich sie schulterzuckend. Ein schmerzhafter Ausdruck tritt in ihr Gesicht.
„Ich weiß, Oz hat mich angerufen. Aber, dass weißt du ja.“, versucht sie abzuwinken.
„Auf jeden Fall hat er die N1 bestanden und wurde, quelle surprise, zur N2 eingeladen. Die beginnt Anfang März, wie deine Grundausbildung und ihr werdet euch eine Weile nicht sehen können.“, sage ich und mache ihr mit einer Handbewegung klar, dass ich ihr nicht mehr erzählen werde.
„Schade.“, sagt sie traurig und ich bin kurz unsicher, was genau sie davon schade findet. Passend läuft im Hintergrund Song Nummer einundvierzig „Dernière Danse“ von Indila.

Ich warte noch einen Augenblick, bis das Lied zu Ende ist, will doch etwas in mir diesen bittersüßen Augenblick nicht zerstören. Mein Blick hüpft kurz zu Frage dreiundzwanzig: Liebst du jemanden? Ich bin schon gespannt, ob und was sie darauf antwortet. Aber ich weiß, dass sie Zeit braucht und nehme mir vor, die Reihenfolge zu beachten.
„Sollen wir anfangen?“, fragt Serra plötzlich und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe wieder auf die Uhr.
„Ja, eine Frage sollte auf jeden Fall drin sein.“, rechne ich kurz nach. „Ich muss in spätestens sieben Stunden und zehn Minuten am Bahnhof sein und zwischendurch würde ich noch gerne ein paar Stündchen schlafen.“
„Wo fährst du hin?“, fragt sie neugierig.
„Zur Arbeit.“, winke ich ab und es ist für sie zum Glück genauso uninteressant, wie für mich.
„Also, dann mal los.“, fordert sie mich lächelnd auf.
„Okay, dann Frage eins.“, sage ich und lese in der Liste nach. „Oh, äh, naja gut. Wenn du ein Tier sein könntest, welches wärst du?“ Serra sieht mich skeptisch an, bevor sie sich herüberlehnt, um auf den Bildschirm gucken zu können.
„Ist das jetzt dein verdammter Ernst?“, sie ist ein wenig fassungslos, als sie die erste Frage liest und lässt sich wieder in die Sofakissen fallen.
„Oh Mann, geht das jetzt fünfzig Fragen lang so?“ Sie reibt sich mit den Händen über das Gesicht, während ich zum ersten Mal wirklich die Liste durchgehe. Ich teile ihr mit, dass einige der Fragen wirklich so banal sind, während andere ganz schön persönlich werden.
„Eine gesunde Mischung, also?“, fragt sie skeptisch.
„Auf jeden Fall eine Mischung, ob gesund oder nicht, muss sich noch herausstellen.“, lächle ich verlegen. „Bist du noch dabei?“
„Klar, ich will ja schließlich auch ein paar antworten haben.“, grinst sie mich an und erinnert mich so an unseren kleinen Deal. Ich verdrehe kurz die Augen.
„Also, welches Tier?“, frage ich sie und stelle fest wie ich immer öfter auf die Uhr am Bildschirmrand sehe. In sieben Stunden habe ich meinen Zug verpasst und muss eine weitere halbe Stunde warten. So kann ich mein Zeitkonto nicht ausgleichen, es sei denn ich bleibe länger, aber wer will das schon. Besonders bei einer Fahrzeit von etwa über fünfundvierzig Minuten.
„Okay, Tier.“, sagt Serra plötzlich und reißt mich von meinen Gedanken an meinen Arbeitsweg los.
„Ja.“, stimme ich zu. „Du? Tier? Welches?“
„Hmm.“, überlegt sie kurz. Wieder fällt mir auf, dass sie auf ihrer Unterlippe kaut, wenn sie nachdenkt und ich habe das Gefühl, dass mir das vorher nicht aufgefallen sei. Ich widerstehe dem Drang nachzulesen, ob das stimmt, als sie plötzlich lächelt.
„Ein Kätzchen!“, teilt sie mir ihre Erkenntnis mit. „Klein, süß und verschmust, wie ein Kätzchen.“, zitiert sie sich selbst und für einen kurzen Augenblick huscht ein trauriger Ausdruck über ihr Gesicht. „Nur leider, habe ich niemanden zum Schmusen.“, zwinkert sie mir zu und stößt mir sanft den Ellbogen in die Rippen.
„Nur Geduld, Kätzchen, nur Geduld.“, teile ich ihr in einem verschwörerischen Ton mit, bevor ich sie kurz in den Arm nehme und an meine Schulter drücke.
„Mit dem Rest machen wir morgen weiter, okay? Dann habe ich vielleicht noch Zeit, um das hier noch ein weiteres Mal durchzulesen und vielleicht sogar rauszuhauen.“, teile ich ihr mit.
„Ohne Beta?“, fragt sie erstaunt und ich schnaube kurz.
„Die Betas schlafen, doch schon. Und außerdem stellen die sich in letzter Zeit immer so an, wenn ich ihnen was vorlege. Was glaubst du denn wieso du kein neues Kapitel hast.“
Serra nickt verstehend und drückt mir einen Kuss auf die Wange, bevor sie aufsteht und sich in Richtung Tür bewegt.
„Bis Morgen dann.“, winkt sie mir lächelnd zu und geht.
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