Die Dunkelheit

OneshotAngst, Horror / P16
06.11.2016
06.11.2016
1
855
3
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Die Dunkelheit


»Mama, kannst du mir noch eine Gute Nacht Geschichte vorlesen?«
Hannah schmunzelte und strich ihrer Tochter über den Kopf. »Aber Liebling, meinst du nicht, eine reicht?«
»Aber ich liebe deine Geschichten!«, quengelte ihre Tochter und sah ihre Mutter mit großen braunen Augen bettelnd an.
»Schlaf, Marie. Du willst doch morgen nicht zu müde für unseren Besuch bei Oma und Opa sein, oder? Am Ende müssen wir noch absagen...«
»Nein!«, rief Marie entsetzt.
Hannah lächelte. »Dachte ich es mir doch. Schlaf gut, meine Süße.« Sie küsste ihre Tochter liebevoll auf den Kopf und stand von deren Bett auf.
»Gute Nacht, Mama. Hab dich lieb.«
»Ich dich auch, meine Süße.« Sie wollte gerade das Licht ausmachen, als Maries leise Stimme an ihr Ohr drang.
»Mama… Kannst du mein Schlaflicht anmachen? Ich mag die Dunkelheit heute nicht…«
»Aber du fürchtest dich doch sonst nicht vor der Dunkelheit«, fragte Hannah verwundert. Ihre Tochter hatte das kleine Licht seit über einem Jahr nicht mehr verwendet, seit sie mit sechs Jahren erklärt hatte, dass sie nun zu alt dafür wäre.
»Heute schon«, wisperte Marie und umarmte ihren kleinen Stoffpinguin noch fester, den sie seit ihrem ersten Geburtstag besaß und abgöttisch liebte. Sie ging nie ohne ihn schlafen, denn er beschütze sie im Schlaf – meinte sie.
Sie hatte ihn Herbert getauft.
Leicht beunruhigt musterte Hannah ihre Tochter, die sich unter ihrer Bettdecke verkrochen hatte, doch sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Also tat sie das Nächstbeste und steckte das kleine Schlaflicht in die Steckdose neben der Tür.
»Guck, jetzt kann dir die Dunkelheit nichts mehr anhaben. Schlaf gut, und träum was Schönes«, sagte sie, und schloss die Tür hinter sich.
Sie bemerkte nicht, wie die Schatten um das kleine Schlaflicht herum flackerten, obwohl dieses vollkommen gleichmäßig brannte.

Als Marie erwachte, war es stockdunkel in ihrem Kinderzimmer. Schaudernd verkroch sie sich tiefer unter ihrer Bettdecke und hielt Herbert fest umklammert. Sie fühlte sich schrecklich klein und allein, und wusste nicht wieso. Ihre Mama war doch da. Sie hatte doch die Tür gehört. Warum hatte sie dann Angst?
Warum traute sie sich nicht, den Kopf unter ihrer Decke hervorzuheben?
Mit klopfendem Herzen lag Marie da, so reglos wie nur möglich. Sie lauschte. Hörte sie da Atmen? Und da, Schritte – eine Diele knarzte – etwas raschelte – der Vorhang? – schwerer Atem – ein lautes Klopfen in ihren Ohren – ihr Herz, nur ihr Herz – etwas kam näher, sie spürte es, fühlte es, wusste es.
Sie hatte Angst.
Warum kam ihre Mama nicht und küsste sie auf den Kopf, wie sie es immer tat, wenn sie nachts nach dem Rechten sah?
Mama, wo bist du? Mami?
Fest presste Marie ihre Augen zusammen und klammerte sich an Herbert, den Pinguin. Herbert schützte sie, er würde nicht zulassen, dass ihr etwas geschah. Sie hatte noch nie einen Albtraum gehabt, weil er immer für sie dagewesen war. Dieses Mal würde es nicht anders sein, oder?
Marie hatte fürchterliche Angst, doch langsam bekam sie unter der schweren Decke keine Luft mehr. Sie wollte sie nicht anheben.
Irgendetwas Böses lauerte auf der anderen Seite, sie fühlte es. Es wollte sie.
Langsam, ganz langsam streckte sie ihren Kopf unter ihrer Decke hervor. Sie sah nichts, doch das schlechte Gefühl verschwand nicht, es wurde nur stärker. Marie wimmerte leise. Warum war es so dunkel? Sollte nicht ihr Nachtlicht brennen? Ihr Blick wanderte dorthin, wo ihre Tür hätte sein müssen, doch sie sah nur Schwärze.
Nein, da war etwas.
Ein schwaches, schwaches Licht, dort, wo ihre Lampe sein müsste. Es wurde immer schwächer, flackerte bald schon.
Als würde es den Kampf gegen die Dunkelheit verlieren.
Instinktiv wusste Marie, dass die Dunkelheit nur darauf wartete, dass das Lämpchen seinen Geist aufgab.
Sie konnte sich nicht bewegen, konnte nichts tun, konnte nur zusehen, wie ihr treues Nachtlicht ein letztes Mal hell aufflackerte – dann fiel die Dunkelheit wie eine schwere Decke aufs Zimmer und auf Marie.

Am nächsten Morgen fand Hannah ihre Tochter aufrecht im Bett sitzend vor, den Blick ins Leere gerichtet. Kein Muskel regte sich.
Besorgt blieb Hannah im Türrahmen stehen. »Marie, Liebes, was ist mit dir? Geht es dir nicht gut?«
Langsam wandte Marie den Kopf und sah Hannah direkt an. Ihr stockte der Atem. Diese Augen… So leer… und dunkel.
Ihre Tochter lächelte. »Aber ja doch, Mutter. Mir ging es nie besser.«

Herbert lag halb unter dem Bett, unbemerkt.
Ein breiter Riss lief ihm quer über die Brust, wie eine klaffende Wunde.



______________________________________________________

Vielen Dank an meine Betaleserin für dieses Kapitel, funny girl, die sich kurzfristig hierfür hat einspannen lassen.
Review schreiben
 
 
'