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Freche Mädchen küssen besser

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
06.11.2016
27.03.2021
56
87.800
20
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18.03.2020 1.265
 
In unserem Zimmer finde ich Lis und May, die auf dem Boden sitzen und auf Sams Laptop eine DVD anschauen. Sam selbst ist nicht da.
»Wo ist sie?«, frage ich meine beiden Mitbewohnerinnen und sie scheinen sofort zu verstehen, wen ich meine.
»Sie wollte joggen gehen. Ist jetzt aber schon eine Weile her. Sie müsste eigentlich längst zurück sein. Es wird ja bald dunkel.« Lis wirft einen Blick aus den Fenster, während May mich mitleidig anguckt, als erwarte sie, ich könnte jeden Moment in Tränen ausbrechen.
»Ich geh sie suchen.« Ich drehe mich zur Tür, doch meine Freundinnen halten mich zurück.
»Lass es. Ich glaube, Sam braucht gerade ihre Ruhe. Du kannst nachher mit ihr reden, wenn sie zurückkommt«, schlägt Lis vor.
»Wir verdrücken uns auch in die Bibliothek, damit ihr eure Ruhe habt.« May verzieht den Mund, was wohl ein vorsichtiges Lächeln sein soll, doch ihre mitleidigen Augen machen es zunichte.
Ich knirsche mit den Zähnen. Mein Kiefer ist angespannt und ein stechender Kopfschmerz meldet sich an meiner Schläfe. »Sagt mal, habt ihr irgendwie beobachtet, dass Sam und Claudia ... naja, dass sie etwas miteinander haben?«
May und Lis schauen mich an, als hätte ich ein Schnitzel im Gesicht. Dann brechen sie in lautes Gelächter aus.
»Wie kommst du denn auf die verrückte Idee? Die beiden können sich auf den Tod nicht leiden, das weißt du doch«, gluckst May.
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. Mir gefällt es gar nicht, dass die beiden lachen. Es ist, als ob sie sich über mich lustig machen würden. Ich habe schließlich einen guten Grund zu dieser Annahme.
»Ich traue Sam ja vieles zu. Aber nicht, dass sie mit ihrer Erzfeindin schläft.« Lis, die sich wieder eingekriegt hat, schüttelt den Kopf. Dann winkt sie mich heran. »Komm her, setz dich zu uns. Wir schauen gerade Titanic und gleich geht das Schiff unter.«
Wut steigt in mir auf. Mein Gesicht glüht und ich balle die Hände zu Fäusten. »Glaubt ihr ernsthaft, dass ich jetzt Bock auf so einen dämlichen Film habe? Meine Freundin betrügt mich vielleicht und ihr lacht nur blöd?«
Meine Mitbewohnerinnen tauschen ratlose Blicke, dann hebt Lis die Hände und sagt: »Also, erstens hat Sam dich auf keinen Fall betrogen, schon erst recht nicht mit Claudia.«
»Und zweitens?«, frage ich und bemühe mich um einen beherrschten Ton.
»Zweitens ist sie deine Ex und kann tun und lassen, was sie will.« Lis zuckt mit den Achseln. »Sorry, Dany. Aber du musst verstehen, dass ihr nicht mehr zusammen seid. Du hast kein Recht, dich in Sams Liebesleben einzumischen.«
Ich schnaube. »Na, danke. Das habe ich jetzt echt noch gebraucht.« Ich drehe mich um und greife nach der Türklinke.
»Ach, Lis hat das nicht so gemeint. Jetzt mach kein Drama und schau mit uns den Film«, versucht May mich zu beruhigen, doch das bringt mich erst recht zur Weißglut.
»Kein Drama? Sam fickt die Schulschlampe und ich soll kein Drama machen?«
»Wie kommst du überhaupt auf die Idee? Hast du die beiden zusammen gesehen?«, will Lis wissen.
Ich seufze. »Nein, das nicht.«
»Aber?« Obwohl im Film dramatische Musik einsetzt, habe ich die vollkommene Aufmerksamkeit meiner Zimmergenossinnen.
»Claudia hat da sowas erwähnt ...«
May macht eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, du kennst doch Claudia. Der kann man nicht trauen. Sie hat dich bestimmt angelogen, um dich fertigzumachen.«
Ich wünschte, ich könnte May glauben, doch mein Bauchgefühl sagt mir etwas anderes. Zwischen Claudia und Sam ist irgendetwas gelaufen. Ich kann es spüren. Und ich werde es herausfinden. Noch heute Nacht. Wütend stürme ich aus dem Zimmer.

Sams Kippe leuchtet in der Dunkelheit wie ein einsames Glühwürmchen. Sie sitzt vor dem Tor auf dem Boden. Obwohl sie Kopfhörer trägt, kann ich ihre Musik hören. Sie bemerkt mich erst, als ich mich neben ihr niederlasse, und zuckt zusammen.
»Was willst du, Dany?« Sie nimmt die Kopfhörer ab und zieht an ihrer Zigarette.
»Mit dir reden.«
Sam seufzt. Unsere Schultern berühren sich und sie rückt ein Stück von mir weg. Das versetzt mir einen Stich ins Herz und eiskalte Panik kriecht durch meine Venen und verteilt sich überall in meinem Körper, von den Zehen bis zu den Fingerspitzen.
»Ich will aber nicht mit dir reden. Wir haben uns alles gesagt.«
»Nein, haben wir nicht.« Meine Stimme zittert und ich würde mich am liebsten an sie kuscheln. Doch das darf ich nicht mehr und allein diese Gewissheit tut so weh, dass ich fast keine Luft mehr bekomme.
»Es ist Schluss. Mehr gibt es nicht nicht mehr zu sagen.«
»Ist es wegen einer anderen? Hast du dich in eine andere verliebt?«
Sam schnaubt. »Nein, ich bin nicht in eine andere verliebt.« Sie klingt so genervt, dass ich mich schuldig fühle, sie überhaupt gefragt zu haben. Wie soll ich das Thema Claudia am besten anschneiden? Ich will sie nicht verletzen oder mich in ihr Leben einmischen, aber ich brauche Klarheit. Ich muss wissen, was zwischen den beiden vorgefallen ist, sonst komme ich nicht zur Ruhe. Ich knete meine Hände und starre auf meine Schuhe. Meine Füße sind nur wenige Zentimeter von Sams entfernt. Trotzdem fühlt es sich so an, als befände sich eine Betonmauer zwischen uns. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als Sam in die Arme zu schließen, mich an sie zu schmiegen und sie zu küssen. Der Drang wird so stark, dass es mir fast das Herz zerreißt.
Sam steht auf, wirft ihre Kippe auf den Boden und tritt sie aus. »Ich geh rein. Wird langsam kalt hier draußen«, brummt sie.
Ich rapple mich auf und halte sie am Ärmel fest. »Warte!«
Sie versucht sich loszureißen, doch ich lasse mich nicht so leicht abschütteln. Unsere Blicke treffen sich und für einen Moment glaube ich, einen unendlichen Schmerz in ihren Augen zu erkennen. Dann sieht sie zu Boden. »Was ist, Dany? Was willst du von mir?«
»Wissen, ob du was mit Claudia hast.«
Sie hebt den Kopf und für eine Sekunde scheinen ihr die Gesichtszüge zu entgleiten, ehe sie in schallendes Gelächter ausbricht. »Claudia? Spinnst du? Wir hassen uns, das weißt du doch.«
»Das dachte ich auch. Aber Claudia scheint neuerdings auf Frauen zu stehen. Und sie hat da so etwas erwähnt ...«
»So ein Quatsch!« Sie will sich abwenden, doch ich halte sie noch immer fest.
»Bitte, Sam. Sei ehrlich zu mir. Ich habe ein Recht darauf, das zu erfahren.«
»Hast du gar nicht!«, brüllt Sam und entreißt mir ihren Arm. »Es geht dich einen feuchten Scheißdreck an, mit wem ich etwas habe.«
Mir rutscht das Herz in die Hose. »Dann ist es also wahr? Du und Claudia, ihr ...«
Sam stöhnt genervt und rollt mit den Augen. »Das war einmal. Und es war wirklich nur Sex. Es hat mir nichts bedeutet.«
Tränen schießen mir in die Augen. Sie hat es also tatsächlich getan. Mein Herz zersplittert in tausend Stücke. »Warum hast du das gemacht? Du hättest doch mit mir Sex haben können. Jederzeit!«
»Wir sind nicht mehr zusammen, Dany. Versteh das endlich.« Sie macht ein paar Schritte auf das Schulgebäude zu. Ich bleibe wie angewurzelt stehen.
»Aber ... ich liebe dich!«, rufe ich ihr hinterher.
Sam hält inne. Dann dreht sie sich um, stürmt auf mich zu und nimmt meinen Kopf in die Hände. Noch ehe ich reagieren kann, drückt sie ihre Lippen auf meinen Mund. Ihr Kuss ist so voller Verzweiflung, Hunger und Sehnsucht, dass es mich beinahe umhaut. Ich will, dass die Zeit anhält und dieser Kuss niemals endet. Hoffnung keimt in mir auf. Hat unsere Liebe doch noch eine Chance?
Sam löst sich, schaut mir tief in die Augen und sagt: »Ich liebe dich auch, Dany. Und ich werde dich immer lieben. Aber manchmal ist Liebe einfach nicht genug.«
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