Freche Mädchen küssen besser

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
06.11.2016
01.06.2017
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Wehmütig starre ich aus dem Autofenster und betrachte die vorbeiziehenden Felder und Wiesen. Meine Heimat gleitet an mir vorbei und ich widerstehe dem Drang, die Autotür aufzureißen und hinauszuspringen. Im Radio dudelt irgendein Song von Adele und Sabine lacht. Ich beobachte, wie sie meinem Vater, der hinter dem Steuer sitzt, mit einer Hand den Nacken massiert. Mit ihren langen, roten Krallen wird sie ihm den Hals zerkratzen. Wie ich sie verabscheue! Sie ist eine ekelhafte Hexe und Schuld daran, dass ich von zuhause fort muss. Erst als ich den metallischen Geschmack von Blut schmecke, merke ich, dass ich mir auf die Lippe beiße.

„Jetzt zieh doch nicht so ein Gesicht, Daniela“, hatte sie gesagt und sich neben mich gesetzt. „Dir wird es ganz bestimmt auf St. Lucia gefallen. Bestimmt lernst du nette neue Freundinnen kennen.“
Ha-ha! Sehr komisch! Ich bin so ziemlich die verklemmteste und kontaktscheuste Person auf dem Planeten Erde. Ich hatte es in der Schule schon nicht geschafft, Freundinnen zu finden. Warum also sollte es mir in diesem beschissenen Internat gelingen? Sie würden mich ignorieren, genauso wie es immer geschah. Aber Sabine kapierte das einfach nicht. Sie lebte in ihrer rosaroten Zuckerwattenwelt, in der alles perfekt war.
„Du willst mich doch nur loswerden“, fauchte ich sie an. „Damit du dich in Ruhe an meinen Vater ranmachen kannst.“
„Daniela, wie kannst du so etwas sagen?“ Ihre Gesichtszüge entglitten ihr für einen Moment. Dann bekam sie sich wieder unter Kontrolle. „Ich würde dich nie, hörst du, NIEMALS loswerden wollen. Ich liebe dich doch, wie mein eigenes Kind.“
„Das kannst du meinem Vater erzählen, aber nicht mir“, brummte ich und kickte mit dem Fuß gegen meinen halbgepackten Koffer, der auf dem Boden vor mir ausgebreitet lag.
„Bitte, Daniela, jetzt mach kein Theater und packe deine Sachen. Wir müssen in einer Stunde los, wenn wir vor dem Feierabendverkehr auf die Autobahn fahren wollen.“ Mit diesen Worten verschwand sie aus meinem Zimmer und ließ mich mit meiner Wut allein. Ich hätte am liebsten etwas kaputtgeschlagen, doch dann kam mein Kater Graubär herein und tröstete mich. Schnurrend schmiegte er sich an meine Beine. Ich kraulte ihm das Fell. „Dich werde ich am meisten vermissen, mein Großer“, sagte ich und ließ mir von ihm die Finger ablecken. Schließlich schaffte ich es doch noch irgendwie, meinen Koffer fertig zu packen und mich von meinem trauten Heim zu verabschieden. Mein Vater hatte sich extra einen Tag frei genommen um mich persönlich ins Internat fahren zu können. Wenigstens ließ er mich nicht mit Sabine alleine.

Wir fahren von der Straße ab und biegen in einen Waldweg ein. Ein Schild kündigt an, dass die Distanz zum Internat St. Lucia noch einen Kilometer beträgt. Ich atme tief durch. In meinem Bauch grummelt es und ich habe das Gefühl, auf die Toilette zu müssen. Meine Hände schwitzen und ich hoffe inständig, dass sich der letzte Kilometer ewig zieht. Unser Wagen holpert über den Kies zwischen hohen Nadelbäumen hindurch. Die Sonne dringt nur schwach durch das Dach aus Zweigen und mein Vater schaltet die Scheinwerfer ein.
„Da vorne ist es!“, ruft Sabine plötzlich und klatscht in die Hände. Ich schaue aus dem Fenster und erkenne die Mauern eines alten, bräunlichen Gebäudes. Es sieht ein wenig aus, wie ein Schloss. Tatsächlich hatte hier vor über hundert Jahren einmal eine Grafenfamilie gehaust. Doch der letzte Erbe fühlte sich in den alten Mauern nicht häuslich. Deshalb gründete er darin das Internat. Diese Informationen hatte ich aus der Broschüre, die mir Sabine gegeben hatte und in die ich nach vergeblichen Protesten doch noch einen Blick geworfen hatte.
Mein Vater fährt auf den Parkplatz vor dem Gebäude und hält an. Wir steigen aus dem Auto und ich hole meinen Koffer aus dem Kofferraum.
„Dann ist es wohl Zeit, sich zu verabschieden“, sagte Sabine und hat Tränen in den Augen. Diese Heuchlerin! Sie breitet die Arme aus und drückt mich an sich. Ich lasse ihre Umarmung über mich ergehen und tätschle ihr brav den Rücken. Danach umarme ich meinen Vater und drücke ihm einen Kuss auf die Wange.
„Pass gut auf dich auf, mein Mädchen“, sagte er und sieht traurig aus. Ich weiß, dass er nicht wollte, das ich aufs Internat gehe. Das ist ganz allein auf Sabines Mist gewachsen. Ich schnappe meinen Koffer und gehe, ohne mich noch einmal umzudrehen, auf den Haupteingang des Gebäudes zu.

Mädchen kommen mir entgegen und mustern mich mit neugierigen Blicken. Sie tuscheln und lachen. Ich beeile mich, ins Innere des Internats zu kommen. Als ich mich im Foyer wiederfinde, habe ich keine Ahnung wohin ich gehen muss. Vor mir erstreckt sich ein langer Gang, rechts von mir führt eine Treppe nach oben. Ratlos sehe ich mich um. Ein Mädchen sitzt auf der untersten Treppenstufe und kramt in ihrer Schultasche. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und gehe auf sie zu.
„Entschuldigung“, sagte ich mit bebender Stimme. „Kannst du mir vielleicht sagen, wie ich ins Sekretariat komme?“
Sie betrachtet mich neugierig, dann nickt sie. „Klar. Einfach die Treppe hoch in den ersten Stock, dann den Gang entlang und die zweite Tür rechts.“
Ich bedanke mich und mache mich auf den Weg. Tatsächlich finde ich das Sekretariat nach ihrer Beschreibung. Ein kleines Schildchen weist eine Frau Mehler aus. Ich atme tief durch, dann klopfe ich an die Tür.
„Herein!“
Ich betrete den Raum und ziehe meinen Koffer hinter mir her. „Guten Tag“, sage ich. „Mein Name ist Daniela Weißmann. Ich soll hier heute aufgenommen werden.“
Die Sekretärin tippt etwas in ihren Computer ein, dann brummt der Drucker hinter ihr los und spuckt ein paar Seiten aus.
Frau Mehler steht auf und reicht mir die Formulare. „Das bitte ausfüllen“, sagt sie. „Ich bin gleich zurück.“ Sie verschwindet durch eine Verbindungstür in einen Nebenraum. Ich schnappe mir einen Kugelschreiber, der auf der Theke vor mir liegt, und beginne, die Felder auszufüllen. Name, Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummer. Als ich den Namen meines Erziehungsberechtigten nennen muss, spüre ich einen Stich in meinem Herzen. Ich vermisse meinen Vater jetzt schon.
Frau Mehler kommt mit einem jungen Mann zurück. Er hat kurzes blondes Haar und ich schätze ihn auf Anfang dreißig. Er streckt mir seine Hand entgegen. Ich ergreife sie zögerlich.
„Matthias Siebling, mein Name“, stellt er sich vor. „Ich bin hier der Sozialarbeiter und werde dich ein bisschen herumführen.“
Ich gebe das ausgefüllte Forumlar wieder ab und folge Herrn Siebling hinaus auf den Flur.
„Als erstes bringe ich dich auf dein Zimmer. Dort kannst du dich erst einmal ausruhen. In einer halben Stunde hole ich dich wieder ab, dann können wir eine Runde durch die Schule drehen.“
Wir steigen weiter die Treppen hoch. Herr Siebling nimmt mir meinen Koffer ab, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Im dritten Stock befinden sich die Schlafsäle. Wir gehen einen langen Gang entlang, der links und rechts von weinroten Türen mit weißen Nummern darauf gesäumt ist. Fast ganz hinten bleibt Herr Siebling stehen und klopft an die Tür mit der Nummer 23. Als niemand antwortet, schließt er auf und lässt mich hinein.
„Schau dich in Ruhe einmal um. Ich glaube, das linke untere Bett ist noch frei. Das kannst du haben. Deine Zimmerkolleginnen wirst du sicher im Laufe des Tages noch kennenlernen. Sie sind momentan noch im Unterricht.“ Er geht auf einen der Schränke zu und öffnet ihn. „Hier kannst du deine Kleidung reinhängen und deine Sachen verstauen. Ich komme in dreißig Minuten wieder, okay?“
„Alles klar.“
Herr Siebling lässt mich allein und schließt die Tür hinter mir. Ich setze mich aufs Bett und schaue mich um. An der Wand neben dem Bett über mir hängt ein Poster von Linkin Park. Auf dem Bett liegen ein MP3-Player und ein Buch. Ich schaue auf die Uhr: kurz vor zehn. Da mir nichts Sinnvolleres einfällt, beschließe ich, die Zeit zu nutzen und schon einmal meinen Koffer auszupacken. Der Schrank, den Herr Siebling mir zugewiesen hat, hat sämtliche Fächer und ein paar Bügel. Ich hänge mein Sommerkleid und ein paar Blusen auf die Bügel, T-Shirts und Hosen, sowie Unterwäsche und Socken verstaue ich in den Fächern. Als ich damit fertig bin, schiebe ich meinen leeren Koffer unter das Bett. Ich schaue auf die Uhr. Es sind etwa zwanzig Minuten vergangen. Ich will mich gerade aufs Bett legen und ein bisschen ausruhen, als die Tür aufgerissen wird und ein Mädchen hereinplatzt. Erschrocken quieke ich auf. Das Mädchen scheint ebenso wenig damit gerechnet zu haben, dass jemand im Zimmer ist und starrt mich mit großen Augen an. „Wer bist du denn?“, fragt sie.
„Ich … heiße Dany“, stelle ich mich vor. „Und du?“
„Sam. Bist du die Neue, die man uns angekündigt hat?“
„Offensichtlich.“
„Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe. Ich wollte eignetlich nur kurz mein Mathebuch holen, das ich vergessen habe.“ Sie drängt sich an mir vorbei und macht sich an ihrem Schrank zu schaffen. Ich betrachte sie stumm. Ihr langes, kastanienbraunes Haar hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trägt ein graues T-Shirt mit einem Totenkopf darauf und ihr rechtes Handgelenk verziehrt ein schwarzes Schweißband. Sie sieht nicht so aus, als gehöre sie zu den Leuten, die sich mit einem Mauerblümchen wie mir abgeben. Sie ist eindeutig eine von den Coolen.
„Ah, da ist es ja“, murmelt sie und zieht ein blaues Buch aus einem der Fächer. Dann wendet sie sich mir zu und schaut mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Kümmert sich der Siebling nicht um dich?“
„Doch“, sage ich. „Er wollte in ein paar Minuten wieder hier sein und mich herumführen.“
„Na, dann ist ja gut“, sagt sie und wischt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Bis später dann.“ Noch bevor ich mich verabschieden kann, verschwindet sie aus der Tür und lässt mich allein.